Ausgabe 
9.6.1901
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

8

Unterhaltungs-Ceil.

A

2

Tvost.

Hast du bitt'res Leid erfahren d Jeden Kummer heilt die Seit. Bess're Tage kehren wieder,

Denn die Welt ist groß und weit.

Ward auch Undank dir gegebend Dank in wen'gen Herzen wohnt. Bist du mit dir selbst zufrieden, Reichlich schon bist du belohnt.

Hast dein Liebstes du verloren d Nichts kann ja beständig sein.

Aber trägst du es im Herzen, Ist dein Liebstes dennoch dein.

Ist zerstört dein schönstes Hoffen d Traure, klage d'rum nicht viel, Schlag' es tapfer in die Winde, Suche dir ein and'res Siel!

Sollst vergeben und vergessen, Andern bringen Trost im Leid! Bess're Tage kehren wieder,

Denn die Welt ist groß und weit. Hebe.

Das Meisterstück. Erzählung von Robert Schweichel. Schluß..)

Die Anklage wider ihn lau tete auf Aufreizung der Gesellen gegen die Zunftgesetze. Berthold ab seine dahingehende Absicht freimütig zu. Denn, meinte er, wenn die Meister sich zusammen⸗ thun dürften, um die Gesellen zu zwacken und u drücken, dann müßten die se auch das Recht haben, sich dagegen zu ver bin den und zu wehren. Vier Wochen später wurde ihm durch Urteils⸗ spruch zu Gemüt geführt, daß es nicht das Gleiche sei, wenn Zwei das Gleiche thun. Bis dahin mußte er die Qual der Untersuchungs⸗ haft erdulden, obgleich er schon im ersten Verhör im Sinne der Anklage sich schuldig bekaunt hatte. Erst mußte der Schreibseligkeit jener Zeit Genüge geschehen und ein Aktenberg über sein Vergehen aufgehäuft werden, wie man im Altertum über der Leiche des am Wege Er⸗ schlagenen einen Steinhaufen auftürmte zum ewigen Gedächtniß. Das Urteil lautete auf vier Wochen Gefängniß bei Wasser und Brot. Die Untersuchungshaft wurde Berthold nicht an⸗ gerechnet. Das Härteste aber war, daß seine Zukunft in Mühlhausen für immer zerstört Hürde. Denn ein Paragrap des Zur sftoesctzes autete, die Handwerksgesellen betro ens:Und gelcher Knecht sich wider diese versch iedene Stück, Sunkte und Artikel setzt und ihnen nicht nach⸗ gehen wollte, denn sollen alle andern Meister in diesem Kreise, Stadt und Handwerk nicht aufnehmen zum Knechte und ihn weder hausen noch hofen. Den Meister, der dawider handelte, rraf eine Geldstrafe.

Wenn Trude sich aus dem Fenster beugte, dann konnte sie den Turm sehen, in dem ihr Liebster über dem ne Stadthore schmach tete. Und zie gönnte ihrem betrübten Herzen diesen leidigen Trost jeden Abend von ihrer Schlafkammer aus. Da lag sie in dem offenen Fenster, es mochte binden, regnen oder schneien, und ihre Seele gielt mit dem Nahen und doch so Fernen Zwie⸗ prache und sendete ihm Grüße und Küsse. Jede Stunde des Tages dachte ste an ihn, wie eine Gedanken bei ihr waren. Aber er konnte ihr Haus nicht sehen, denn das vergitterte Luft⸗ loch seiner verschmutzten Zelle schaute über die Unstrut auf die tannengrün en Höhen von Frankenhausen. Er rechnete aus, daß beinahe 150 Jahre vergangen, seitdem Thomas Münzer dort für die Freiheit gekämpft hatte, und wie viele gab es heute, in deren Brust ein Funke von seiner Begeisterung für di e Erlösung seiner keidenden Mitbrüder glühte? Gleich der Schnee⸗ decke, die draußen auf den Bergen lag, so breitete sich ein Leichentuch über Deutschland,

und er seufzte: Freiheit! Freiheit! Und wenn sich morgen sein Kerker öffnete, was dann? Wohin alsdann? Er sann und grübelte, und sein Leib verzehrte sich darüber mehr als von dem Wasser und Brot. Aber sein Mut blieb ungebrochen.

Ende des Monats Februar erhielt er wieder seine Freiheit. Auf der Gasse mußte er einen Augenblick stillstehen; die frische Luft nahm ihm den Kopf ein. In der Ferne ertönte eine lustige Musik und die Leute liefen dem Schalle zu. Ein Hochzeitszug kam aus einer Quergasse und bewegte sich die Hauptstraße abwärts nach der Marienkirche. Berthold erkannte den vier⸗ schrötigen Meister Schönhauer. Der Preuß' führte die rote Gundel zur Trauung. Berthold spuckte aus; dann ging oder 105 8 er vielmehr nach seiner Wohnung. In dem Zustande der Verwahrlosung, in dem sich ein äußerer Mensch durch die lange Haft befand, konnte und mochte er nicht vor die Geliebte treten, welche wußte, daß er heute freikam und nun die Minuten zählte, wie früher die Tage. Endlich waren sie einander wiedergegeben! Ueberwältigt von ihren Gefühlen, hielten sie einander sprachlos umarmt, und als sie sich langsam von einander lösten, geschah es uur, um nach einem tiefen Blick Auge in Auge sich wieder zu umschlingen. Die Stimme der Base, die aus der Küche kam, führte sie in die Gegenwart zurück. Die Gute wollte endlich auch ihren Anteil an der Freude des Wiedersehens haben.Ach, ist der aber mager geworden, rief sie, Berthold die Hand reichend.Wir werden ihn schon wieder heraus⸗ füttern, nicht? scherzte Trude, auf deren ver⸗ härmte Züge das Glück wieder einen rosigen Schein warf Darauf lachten alle Drei, seit Monden wieder das erste fröhliche Lachen in der traulichen Stube. Darüber kam der Meister Weigand herein. Er that überrascht, aber er war es nicht, denn er hatte sich in seiner Fär⸗ berei bereits gewundert, daß Berthold sich noch nicht eingefunden haben sollte.Also sie haben Dich endlich laufen lassen, rief er, dem jungen Gelellen krästig die Hand drückend und mit einem kleinen Lächeln fügte er hinzu:Große Kosten hat ihnen Deine Verpflegung nicht ge⸗ macht scheint's. Na, so' Dich zunächst wieder ein mal rechtschaffen satt. Meine Frauensleute haben seit dem frühen Morgen gekocht und gebraten, wie sür die Hochzeit von Cana. Der Tisch stand in der That schon gedeckt und in⸗ zwiscken hatte die Base, von Trude unterstützt, ein vollständiges Mittagsmahl aufgetragen, so früh es noch war, und Beide wetteiferten, den Teller Berthold's von den besten Bissen nichr leer werden zu lassen.

Und jetzt, was willst Du jetzt anfangen? fragte der Meister, nachdem Berthold den Teller von sich geschoben hatte. Trude faßte mit ei⸗ nem beklommenen Blick die Hand des Geliebten. Hier ist nichts mehr für mich zu machen, versetzte dieser ernst.Soll ich wieder mit dem Ranzen auf dem Rücken die Landstraßen ab⸗ laufen und bin doch nicht sicher, daß es mir anderwärts besser glückt als hier? Muß ich sckon auf's Ungewisse fort, so kommt's auch nicht darauf an, wie weit ich geh'. Ich will nach dem Amerika, wo sie den albernen Zunft⸗ zwang nicht kennen, der keinem was hilft und Alle knechtet. Arbeiten will ich ja gern aber als ein freier Mann. Trude erblaßte.Fort willst Du? rief sie erschrocken. Der Vater aber pflichtete ihm bei, es sei das Beste was er thun könnte.Mich verlassen willst Du? fragte Trude mit bebenden Lippen.Bei Gott nicht, versuchte Verthold sie zu beschichtigen, in dem er ihre Hand kräftiger mit der seinigen umspannte.Sobald ich Dir ein Heim bieten lann, komm' ich Dich holen.

Und Du fragst nicht, wie ich derweilen leben soll ohne Dich? rief ste erregt.Ich kann's nicht, und ich will's nicht. Und ich hab's Dir aus freien Stücken gelobt, daß mich nichts von Dir reißen soll. Hast Du es ver⸗ gessen? Auf der ausgebauchten Kommode unter dem Spiegel stand Berthold's Meisterstück; darauf richtete sie die Blicke. Berthold verstand sie; der Vater schnitt ihm jedoch das Wort ab. So sei doch nicht gar so ungescheidt, Mädel,

tadelte er sie.Wenn er im Reich bliebe ö

e, müßtest Du auch hier 1 warten, bis er 0 Meister ist. Es ist dasselbe. 2

Nein, es ist nicht dasselbe, erwiederte sie ent schieden. J beiten, und wenn ich mit ihm nach dem Amerika geh', kann ich ihm helfen mit meiner Arbeit, 15 2775 und wir bauen uns zusammen unser

lück.

Wenn Du den Mut hast, gleich mit mit zu kommen, ich hab' ihn gewiß, es darauf zu wagen, und gereuen soll es Dich wahrlich nicht! rief Berthold mit leuchtenden Augen.

Und so viel wird der Vater doch wohl vor sich gebracht haben, daß er für mich die Ueber⸗ fahrt bezahlen kann. Vater, herzliebster Vater! Trude sprang auf, umarmte und küßte ihn und schmeichelte so süß sie konnte.

Der Vater blieb bei seiner Weigerung und und es folgten harte Kämpfe. Aber auch die Base schlug sich auf Trudens Seite. Dem vereinten Ansturm vermochte er auf die Dauer nicht zu widerstehen und er gab mit schwerem Herzen nach. 33

Ganz in der Frühe eines jungen Frühlings. tages standen Berthold und Trude in der Nikolauskirche vor dem Altar. Meister Wet, gand und seine Schwägerin waren die einzigen Trauzeugen. Nach dem Frühstück, das so gun wie nur zum Schein auf dem Tische stand zog das junge Paar in die weite blühende Well hinaus. Die schwerere Hälfte der Trennungs⸗ schmerzes hatten die zurückbleibenden beiden Alten zu tragen und dabei die bleierne Sorge des unthätigen Zuwartens. Dieser wurden sse nach sechs bis sieben Wochen durch die 10 10 richt entledigt, daß das junge Paar glücklich n New⸗York angekommen sei, daß Berthold Ar beit gefunden habe und es ihnen gut ginge.

Es ginge ihnen gut, so lautete auch eine spätere Epistel, welche die Freudenbotschaft ent. hielt, daß Meister Weigand Großvater eines derben Enkels geworden sei. Berthold lud ihn

und die Base ein, daheim Alles zu verkaufen und zu ihnen zu kommen. Er hätte jetzt sein eigenes Geschäft. Dazu konnte aber der Meister sich nicht entschließen.Wir sind zwei alte Menschen, schrieb er zurück,und die neue Welt hat neue Menschen nötig. Die Freude seiner Großvaterschaft me e er aber nicht nur mit seiner Schwäger! Alle seine Be⸗ kannten in Mühl, eu mußten davon erfahren. Und eine Ta; es erschten Meister Schönhauerx bei Um, um sich nach dem Ergehen Berthold? a lundigen. Der Färber war über sein

Aussehen sichtlich betroffen. Der Mann war 10

ganz gebrochen. Er hatte sein Geschäft an seinen Schwiegersohn abgetreten und Veit Eitel- hans es war stadtbekannt behandelte ihn wie einen dummen Jungen und prügelte sein Weib und dessen Mutter. Der Anblick den kunstvollen eisernen Truhe auf der Komode trieb Schönhauer das Blut in die eingefallenenWangen. Bereute er das Unrecht, das er Berthold Helder gethan? Wohlan, jenseits des großen Wassers begann die allgemeine Abrechnung für das Un⸗ recht, das den Völkern angethan worden. Nord- amerika schüttelte die Herrschaft Eeglands und, wie Trude stolz dem Vater schrieb, kämpfte ihr Berthold in den Reihen der Freiheitshel⸗ den. Da kam die Lawine in Schuß, deren

gewaltiger Luftdruck Ludwig XVI. und noch

manchen Anderen vom Throne blies. Und fie stürzte über die alte Welt her und sie begrub unter sich diegute alte Zeit und eine neue Sonne ging auf über dem Chaos.

Gemeinnütziges. Zur Kinderpflege. Mit der heißen

Jahreszeit naht sich für die Kleinen auch 4 ö praktische Ratschläge dürften deshalb am Plate fein. Um derartige Unfälle zu verhüten, achtet man sehr darauf, daß der Milchlieferant täglich 1

der WürgengelBrechdurchfall.

frische Morgenmilch bringt, nicht etwa

115 dug Ich bin kein Fräulein, ich kann ar⸗ che und

solche, wozu noch Milch am Abend zuvor bel gemischt wurde, denn gerade die Säure, welche in abgestandener Milch entsteht, erregt den Brechdurchfall. Die frische Milch koche man

heim ö

Much neh

e mit,

Kleinen ger iu, und wird bald giebt man Portion R. bieder zu! empfohlen, robt oder leichter ber Theeloffel rührt es! giebt die

Die gekommen schönen goldgelbe dem Flie bricht. e schönen

itt seiner

muß bor 22