Ausgabe 
8.12.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountaas- Zeitung.

Nr. 49.

der nicht existieren kann, sein Geschäft einstellen.(Sehr

gut, links.) Sollte man nicht auch die Landwirtschaft in einer Weise bestehen lassen können, daß das ganze Volk einen Nutzen davon hat? Freie Arbeiter würden auf einem freien Grund und Boden sicherlich eine gute Existenz aus der Landwirtschaft herauswirtschaften. Die Agrarier operieren immer mit der angeblichen Gefahr einer Industriealisierung Deutschlands. Sie tragen aber selbst das meiste dazu bei, den Landarbeitern den Aufenthalt auf dem Lande zu verleiden.

An der Entwickelung zum In dustriestaat sind die Agrarler mitschuldig, sie haben 1887 die indu⸗ striellen Schutzzölle mitschaffen helfen. Die Arbeiter werden mit der Phrase abgespeist, daß mit hohen Preisen guter Verdienst Hand in Hand gehe. Im vorigen Jahre erzielte aber das Syndikat der Kohlenbarone ganz enorme Gewinne, von denen die Arbeiter nur einen verschwindenden Prozentsatz zu der Lohnerhöhung erhielten. Sie zahlen eben nur die Löhre, die sie notgedrungen zahlen müssen. Durch die Erhöhung der Lebensmit⸗ telpreise aber wird die Lebenshaltung des armen Ar⸗ beiters herabgedrückt; er wird einfach hungern müssen. Hohe Brotpreise werden eine Verschlechterung der Löhne herbeiführen. Demgegenüber verweist man auf Amerika. Die amerikanische Schutzzollpolitik hat die Milliardäre und Trusts gezüchtet, während die Farmer zu Proletariern degra diert sind. In Amerika sind die Arbeitskräfte teuer; dabei sind die Fleisch⸗ und Brotpreise dort niedriger als in Deutschland, und der amerikanische Arbeiter kennt nicht die Hungertage des deutschen Arbeiters! Die höheren amerikanischen Löhne können aber nicht auf die amerikanischen Schutzzölle zurückgeführt werden.

Preußen hat jetzt allein mehr als 6000 Millionäre. Unter den großen Plattfüßen jedes dieser Millionäre sind hunderte kleiner Existenzen begraben. Diese Millionärzüchterei kann auf Kosten der Arbeiter und der Minderbemittelten nur durch den neuen Tarif vermehrt werden. Vom Schutz der nationalen Arbeit spricht man bei uns nur, wenn man die nationalen Arbeiter ausbeuten und aus⸗ powern will! Wenn eine Neuwahl zum Reichstage unter der Parole für oder wider den Zolltarif stattfände, würden Sie einen Reichstag bekommen, bei dem man es garnicht wagen würde, einen derartigen Zolltarif überhaupt einzubringen!

Nachdem Molkenbuhr unter dem Beifall unserer Genossen seine Rede beendet hatte, vertagte das Haus die Weiterberatung auf Dienstag. An diesem Tage nahm zuerst der agrarisch gefärbte 12000 Mark⸗Graf Posadowsky das Wort zu der großen Rede, die zu halten eigentlich Sache des Reichskanzlers bei der Begründung gewesen wäre. Der Herr Graf beklagte sich über die Unsachlichkeit und Unkenntnis mit der über den Zolltarif, diesesernste Werk in der Oeffentlichkeit geurteilt werde und empfahl natürlich den Zolltarif zur Annahme. Dabei wagte er aber, den Agrariern zu bemerken, daß Deutschland seinen Getreidebedarf nicht decken könnte, auch von einer Ueberschwemmung mit ausländischem Getreide könne nicht die Rede sein; hier murrte die Rechte. Ferner warnte er die Junker freundschaftlich vor übertriebenen Forderungen. Dann kam das Zentrum in der Person des Abg. Spahn zum Wort. Den Zentrumsmann erfüllt die Vorlage mit Ge⸗ nugthuung. Er stellte auch die Verwendung der Mehreinnahmen des Reiches für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtuugen in Aussicht. Dafür bedanken sich die Arbeiter!

Nach der matten Brotwucherrede des Zen⸗ trumsmannes fesselte der freisinnige Führer Eugen Richter das Haus durch eine ganz bedeutende rednerische Leistung. Mit gutem Humor und polemischer Schärfe fertigte er die rückständigen Anschauungen des schutzzöllnerischen Absperrungssystems gründlich ab. Seine Spöt⸗ tereien erregten oft die Heiterkeit des ganzen Hauses mit Einschluß der Rechten. Die An- griffe Richters abzuwehren, ergriff der Reichs⸗ kanzler noch in später Stunde das Wort. Er verteidigte wiederum die Vorlage und pries es besonders als sein Verdienst, daß innerhalb der Bundesregierungen eine einheitliche Meinung in der Zollfrage vorhanden sei.

Mittwoch kam der nationalliberale Prof. Paasche zum Wort. Das ist ein Freund des Bundes der Landwirte und es bewegten sich seine Ausführungen in durchaus agrarischem Sinne. Ihm antwortete Gothein von der freis. Vereinigung, der erst in diesem Sommer den ländlichen Wahlkreis Greifswald mit Hilfe unserer Partei eroberte. Natürlich bekämpfte

dieser Redner den Zolltarif. Dann trat der

konservative Gamp für die Zölle ein, sie sind ihm sogar noch nicht hoch genug. Den Schluß machte ein Pole, der sich ebenfalls im agrarischen Sinne aussprach. Die Debatte dürfte sicher noch die ganze Woche andauern.

Den Verhandlungen über den Zolltarif ging am 28., 29. und 30. November voriger Woche die Weiter⸗ be ratung der Seemann sordnung voraus, die um ein gutes Stück gefördert wurde. Die bürgerlichen Parteien bringen dieser Materie allerdings sehr wenig Interesse entgegen, es liegt ihnen nichts am Schutze der Seeleute und sie sind nicht geneigt, der Ausbeu⸗ tungswut der Rheder⸗Millionäre ein klein wenig Zügel anzulegen. Nur die Sozialdemokratie war mit zahl⸗ reichen Verbesserungsanträgen auf dem Platze, welche die Genossen Schwartz, Metzger und Dr. Herzfeld fast bei jedem Paragraphen verteidigten. Bezüglich der Zusammensetzung der Seemanns ämter hatte das Zentrum noch am Dienstag unserem Antrag zugestimmt, wonach in jedem Falle einer der beiden Beisitzer der Seemannsämter ein Angehöriger des Seemannsstandes seiu muß; zwei Tage später schon grauste es dem Abg. Cahensly vor dieser allzu sozialen Anwandlung: jetzt sollte nur dann noch ein Beisitzer Seemann sein, falls das Verfahren sich gegen einen Schiffsmann und nicht gegen einen Kapitän oder Ofstzier richte. Dies mutig zurückweichende Kompromiß, für das nicht einmal das gesamte Zentrum stimmte, wurde denn auch angenommen. Ein Antrag Herzfeld, wonach als Vertreter der Rhedereien bei der Musterung keine gewerbsmäßigen Stellenvermittler fungieren dürfen, gelangte zur Annahme. Dagegen gelang es unseren Genossen nicht, mit ihrem Antrag gegenüber den Rhedereiinteressenten durchzudringen, daß jedem Seemann bei seiner Anheuerung eine bindende Angabe über die Zahl der Mannschaft, mit der das Schiff fahren soll, zu machen ist, sowie daß die Ueber⸗ stundenlöhne schon bei der Anheuerung festzusetzen sind. Die bürgerlichen Parteien wußten gegen dies billige Verlangen nur die leere Ausflucht vorzubringen, daß die Mannschaftszahl sich im Voraus oft nicht bestimmen lasse. Gar nichts zu sagen aber vermochte die arbeiter⸗ feindliche Mehrheit gegen unsern Antrag, der die mittel⸗ alterliche und brutale Bestimmung beseitigen wollte, daß ein Seemann unter gewissen Umständen durch polizeilichen Zwangzur Erfüllung seiner Pflicht angehalten werden kann. Man schwieg auf die Anklagen des Genossen Herzfeld und stimmte dann frohgemut auch dieser erz⸗ reaktionären Ausgeburt der Arbeitgeberwillkür zu.

Politische Rundschau.

Gießen, den 5. Dezember. Der Reichshaushalt

weist nach derFreis. Ztg. eine Verschlech⸗ terung in der Bilanz gegen das Vorjahr auf. Diese Verschlechterung betrage über 53 Mil⸗ lionen Mark, wozu noch 27 Millionen Mark kommen, welche den Einzelstaaten(aus den Exträgnissen der Zölle und indirekten Steuern) weniger überwiesen werden können. Nach dem ergeben die bisher bekannten Etats⸗ abschnitte einen gegen das Vorjahr höheren Anleihebedarf für diese Abschnitte von 20 Millionen Mark.

Das meiste verlangt natürlich wieder der Militarismus. Die fortdauernden Ausgaben belaufen sich auf 443 281516 Mark, demnach 8100 000 Mark mehr als im Vorjahre. Die einmaligen Ausgaben betragen 43 980 780 Mk. Der allgemeine Pensionsfonds erfordert 66904 A417 Mk. gegenüber 63 727199 Mk. im vorigen Etat. Also auch hier eine bedeutende Steigerung der Militärausgaben.

Immer mehr Soldaten!

Das riesige Wachstum des Milita⸗ rismus zeigt die soeben dem Reichstag zuge⸗ gangene Uebersicht der Ergebnisse des Heeres⸗ ergänzungsgeschäfts für das Jahr 1900. Aus dieser Statistik ergiebt sich, daß in dem Ersatz⸗ jahr 1900 nicht weniger als 282581 Mann in das 835 und in die Marine eingestellt sind gegen 274116 im Vorjahre. Die Zahl der von Heer und Marine Beanspruchten hat sich also in diesem einen Jahr um mehr als 8000 vermehrt. Im Ersatzjahr 1890 betrug die Gesamtzahl der Eingestellten nur 208147. In zehn Jahren hat also das Jahreskontingent

der Eingestellten um mehr als 74000 Mann zugenommen, das ist um mehr als 35 Prozent. . Dem entsprechend sind natürlich auch die militärischen Lasten für die Steuerzahler größer geworden.

Abgesägte.

Pensioniert wurden in der deutschen Armee vom 1. Oktober bis 15. November: 3 Generalleutnants, 8 Generalmajore, 4 Oberste, 1 Oberstleutnant, 11 Majore, 22 Hauptleute, 6 Oberleutnants, 9 Leutnants. In Summe

64 Offiziere. Kosten pro Jahr zirka 240 000 Mk.

Wir haben's ja!

Zunahme des Duell⸗Blödsinns.

Bei der Besprechung des Insterburger Duell⸗ mords im Reichstage hat der Kriegsminister darauf hingewiesen, daß die Zahl der Duelle zwischen aktiven Offizieren sehr gering sei und sinkende Tendenz zeige. Seine Statistik bezeichnet aber dieVolksztg. als nicht maßgebend; ein richtiges Bild erhalte man erst, wenn man auch die Duelle, an denen Reserve- und Nichtoffiziere beteiligt waren, mitgezählt. Und die Zahl der wegen Zweikampfes verurteilten Personen hat seit 1891 stets zugenommen.

Verurteilt wurden:

1891 60 Personen, 1892 77 Personen, 1894 83 1

1896 110 5

1893 66 10

1895 107 5

1897 140 1 1898 154. Diese Zahlen zeigen also eine stetige Zunahme der Duellwut. Wir bemerkten schon öfter, daß es uns eigentlich gleichgültig sein könnte, wenn sich die Angehörigen der besitzenden Klassen gegenseitig totschießen; aus sittlichen und recht⸗ lichen Gründen muß aber die Sozialdemokratie, wie sie es stets gethan hat, gegen den Unfug auftreten.

Deutsche Kulturverbreiter in Afrika.

Aus Kamerun wird berichtet, daß dort drei deutsche Kaufleute wegen empörender Miß⸗ handlungen von Eingeborenen abge⸗ urteilt wurden. Der Hamburger Witten⸗ berg, der einen Neger mit einem Ladestock gepfaͤhlt hat, erhielt fünf Jahre Zuchthaus. Der Kölner Keltenich, der die Hände eines Negers mit Petroleum begossen und dann an gezündet hatte, wurde zu drei Jahren Zuchthaus und der Bremer Haesloop, der einem Häuptling mit der Peitsche ein Auge ausschlug, zu acht Nonaten Gefängnis verurteilt.

Diese barbarische Verbrechen reihen sich denen der Leist, Peters und Konsorten würdig an. Ein Unterschted besteht nur darin, daß die Verurteilten Privatleute, Unternehmer, keine Reichsbeamten sind. Verbreitung deutscher Kultur! Mit diesem Schlagwort befürwortete man die Kolonialpolitik, die dem Volke ein schönes Stück Geld kostet. Die ait ee zeigen wieder einmal die kulturelle Thätig eit unserer Landsleute in recht eigentümlichen Lichte.

China Kämpfer wider Willen.

Aus dem Briefe eines Chinafreiwilligen, den wir in unserer vorigen Nummer unter Gießener Angelegenheiten veröffentlichten, ging hervor, daß die jetzt noch in China befindlichen Soldaten, die sich nurfür die Dauer des Krieges, bis höchstens zwei Jahre, verpflichteten, dort widerrechtlich festgehalten werden. Das wird durch einen andern Brief bestätigt, den der Würzburger Korrespondent unseres Nürnberger Parteiorgans zu Gesicht bekam. Darin schreibt der Chinakrieger aus Tientsin:

. Es ist halt immer noch keine Aussicht vorhanden auf ein baldiges Wiedersehen; es sind wirklich Verhandlungen vor, wegen unsere Verpflichtungen; wir haben uns blos unter⸗ schrieben so lange das Korps im Felde steh t, längstens Dauer von 2 Jahren, Krie ist keiner mehr, war überhaupt noch keiner Sa wir schon lange zu

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1 Jahr war es viel schöner, jetzt ist schwer Bruch viel schlimmer wie in einer

Garnison: will es hier gar nicht schildern,

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