Ausgabe 
8.12.1901
 
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Nr. 49. Gießen, Sonntag, den 8. Dezember 1901. 8. Jahrg. 755 Redaktion: Medaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Abounementspreis: Die Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch] Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

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jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814)

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finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0 und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

Bei mindestens

An die Parteigenossen Hessens.

Sowohl der Landes⸗Kalender als auch das einheitliche Mitgliedsbuch der Landes⸗ organisation kommen in den nächsten Tagen zur Versendung. Wir ersuchen deshalb um als baldige Bestellung seitens der Kreise.

Wenn nichts anderes bestimmt wird, gehen die Kalender an die früheren Adressen ab.

Das Laudes⸗Komitee.

C. Ulrich, J. Orb, Gr. Marktstr. 25. Geleitsstr. 12.

Der Kampf um den Zolltarif

hat am Montag im Reichstage begonnen. Da die Zollfrage schon seit Jahresfrist zur öffentlichen Erörterung steht und in Tausenden von Versammlungen und Zeitungsartikeln von allen Seiten behandelt wurde, konnte kaum ein Redner etwas Neues vorbringen.

Der Reichskanzler, Herr v. Bülow, eröffnere mit einer kurzen Begründung der Vorlage die Debatte. Er versuchte sich weiter in dem Kunststück, die habgierigen Junker zu⸗ friedenzustellen, und dabei die Interessen der konsumierenden Masse des Volkes scheinbar zu vertreten. a

Ausführlicher, aber mit gleich geringem Erfolge ist das ja schon in der Begründung der Vorlage versucht worden, von der wir in letzter Nummer einige Proben gegeben haben. Was vor sieben Jahren als eine rettende That

epriesen wurde, stellt jene Begründung als schädlich für unser Volk hin; dagegen gilt jetzt der einst verurteilte Brotwucher als Ausfluß höchster staatsmännischer Weisheit. Sagt die Begründung an der einen Stelle, daßbei der Mehrzahl der land wirtschaftlichenZollerhöhungen schwerwiegende Nachteile für die Verbraucher nicht zu befürchten seien, so rät sie ein paar Sätze weiter zur größten Vorsicht, damit nicht die Volksernährung erschwert werde. Liegt die letztere Möglichkeit vor, so ist doch die vorher ausgesprochene Behauptung hinfällig. Noch deutlicher drückt sich der Begründer aus, indem er sagt:Seit der Aufhebung des Iden⸗ titätsnachweises sind die Inlandspreise für Weizen und Roggen annähernd um den Betrag des Eingangszolles höher als die Weltmarktspreise. Nun also, und dieser höhere Preis wird aber nicht von den Bäckern und Metzgern getragen, wie man uns glauben machen will, sondern einfach von den Ver⸗ brauchern. Daß dies der Fall, wird schließlich auch noch zugegeben, die verbrauchende Bevölke⸗ rung müßte aber die Lasten geduldig tragen, um ernstere Gefährdung der Staats wohlfahrt intanzuhalten. 5 5 So 1 ähnlich lauteten auch des Reichs⸗ kanzlers Ausführungen. Einen hbeispiellosen Aufwand von Nichts, nennt sie derVorwärts. Die im Brustton der Ueberzeugung vorgetragene Rede hätte für jede Gelegenheit gepaßt, für jeden Gesetzentwurf, jede Richtung und jeden Standpunkt. Und wer einen Vordersatz an flößig fände, den brauchte der Redner nur auf

den Nachsatz zu verweisen, der ja den Vordersatz aufhebe.

Der Entwurf ist das Ergebnis mehrjähriger sorgfältiger Vorberatungen, meinte Herr v. Bülow, und hervorgegangen aus den Bedürfnissen des deutschen Wirtschaftslebens und will unter gleichmäßiger Berücksichtigung aller berechtigten Interessen in erster Linie dem Wunsch nach Erhöhung des Schutzes der Land wirt⸗ schaft Rechnung tragen, deren Berechtigung unter den notwendigen Rücksichten auf die durch die gemeinsamen Interessen gezogenen Schranken anerkannt ist. Der Entwurf will aber auch den Mängeln abhelfen, welche sich bei der Handhabung des Tarifs für die Induftrie herausgestellt haben. Er soll eine bessere Waffe für zukünftige Handelsvertrags⸗Verhandlungen sein. Dieser Entwurf bedeutet also nicht die Absicht einer Abwendung von der Politik der Tarifverträge.(Lachen links.) Jedenfalls besteht auf Seiten der verbündeten Regie⸗ rungen die feste Absicht, im Interesse der Aus fuhr⸗ industrie diese Politik weiter zu verfolgen, selbstver⸗ ständlich unter Wahrung unseres Rechts, über dasjenige, was wir nach Abwägung unserer vitalen Interessen gewähren können, selbst zu entscheiden. Die Regierung hält, wenn sie auch auf heißen Kampf in diesem Hause gefaßt sein muß, diese Vorlage für eine geeignete Grund⸗ lage, um für die Bedürfnisse der Landwirtschaft, der Industrie und des Handels eine gute Schutzwehr und einen billigen Ausgleich zu schaffen, wenn uns die Volksvertretung ihre Unterstützung nicht versagt. Bei der hohen Bedeutung und Wehrkraft des Reiches muß dieser Schutz gewährt werden. Deutschland ist weder ein Industrie noch ein Agrarstaat, sondern beides. Wir müssen bedacht sein, unseren Anteil an dem internationalen Güteraustausch zu sichern und zu erweitern. Wir haben das ernste Bestreben, in Verhandlungen mit dem Auslande unter annehmbaren Bedingungen zu Handels-Verträgen zu ge⸗ langen. Wir werden unsere Beratungen vor fremden Ohren führen. Dem Auslande gegenüber können wir nur dann entschlossen auftreten, wenn aus den Beschlüssen des Hauses der nationale Gedanke hervorleuchtet.

Kein Wunder, daß der Herr Reichskanzler von der Vortrefflichkeit des Zolltarifs überzeugt ist. Wie das Volk darüber denkt, zeigt die ungeheuere Zahl der Unterschriften, die unsere Petition gegen den Brotwucher gefunden hat. Die mit 3431784 Unterschriften bedeckten Petitionslisten wurden am Mittwoch dem Reichs⸗ tage in mehreren Ballen im Gesamtgewichte von 15 Zentnern zugestellt. Ein gewichtiger Protest f

Nach dem Reichskanzler sprach der Reichs 11 Frhr. v. Thielmann. Er war

er Ansicht, daß in dem famosen Wuchertarife alle Erwerbsstände berücksichtigt seien. Herr von Thielmann sprach auch von den sozialde mokratischen Petitionen und schien sich merk⸗ würdigerweise darüber zu wundern, daß sich auch die Parteigenossinnen an dem Petitions⸗ sturm beteiligt haben, gerade als ob unsere Genossen darin irgendwie Zweifel gelassen hätten. Schließlich gab er der optimistischen Auffassung Raum, daß trotz der hohen Mindestverträge, Aussicht auf das Zustandekommen von Handels verträgen vorhanden sei. n 5

Dann ergriff ein konservativer Agrarier, Graf Schwerin⸗Löwitz, Vorsitzender des deutschen Landwirtschaftsrats, das Wort, dem ja der von der Regierung vorgelegte Wuchertarif noch nicht genügt und unter dessen Vorsitz die bekannten exorbitanten Mehrforderungen der Agrarjfer be⸗ schlossen worden sind. Graf Schwerin-Löwitz hielt eine lange Rede, die aber im Grunde auch nichts weiter enthielt, als das so oft gesungene Lied von der großen Not der Land wirtschaft.

der Lan dwirtschaft für bie Nähr⸗

Die Gegner der erhöhten Zölle suchte er vater⸗ landsloser Gesinnung zu zeihen, da ste das Ausland auf den Tarif⸗Entwurf gehetzt hätten.

Nach dem Grafen gelangte der sozialdemo⸗ kratische Redner, Genosse MWolkenbuhr zum Wort, der in anderthalbstündiger ausgezeichneter Rede gegen den Brotwucher zu Felde zog. Molkenbuhr sprach mit großer Lebhaftigkeit, unter wiederholtem Beifall unserer Genossen. Er führte u. a. aus:

Wir haben gegen die Zollmaßregeln deshalb protestiert, weil das WortSchutz auf diese Maßregel nicht an⸗ wendbar ist, sondern weil es Maßregeln find, welche auf Raub und Plünderung der Massen aus⸗ gehen.(Unruhe rechts.) Daß wtr auch für den Schutz der Landwirtschaft eintreten, haben wir bewiesen, indem wir für Aufhebung des Identitätsnachweises gestimmt haben. Graf Schwerin hat heute als eine der wesent⸗ lichen Ursachen der Not der Landwirtschaft wiederholt die gesteigerten Löhne der Arbeiter bezeichnet. Dar⸗ nach fragen Sie aber nicht, ob die Löhne ausreichend sind. Das ist Ihnen völlig gleichgültig. Beim Lesen des Entwurfs, wie bei den heutigen Reden vom Regie⸗ rungstisch, mußte ich an hen Satz denken:Die Sprache ist dazu erfunden, um die Gedanken zu verbergen.(Sehr gut! links.) Wenn heute die Bauernschaft so verschuldet ist, so ist sie in diese Verschuldung lediglich durch die Ablösungssummen geraten, die sie seiner Zeit zur Ablesung der Hand⸗ und Spanndienste den Junkern leisten mußte.(Sehr richtig!) Der Kampf, den die Herren führen, ist wirklich kein idealer, es ist ungefähr dasselbe, wie bei einem Schacherjuden, der einen mög⸗ lchst hohen Preis für seine Ware herausschlagen will. Sie stellen es so dar, als hätten Sie einen bestimmten Rechtsanspruch auf die Preise, die in irgend einer außer⸗ ordentlichen Periode einmal bestanden haben. Früher haben Sie für den Preisrückgang immer den Termin⸗ handel verantwortlich gemacht. Nun haben Sie das Verbot des Terminhandels, aber zufrieden sind Sie nicht. Woher stammt denn aber Ihr Anrecht auf eine fortwährende Steigerung der Grundrente? Das könnten Sie nur verlangen, wenn Sie bie Erde erschaffen hätten. (Große Heiterkeit.) In Zeiten des Steigens der land⸗ wirtschaftlichen Rente haben Sie nicht verlangt, daß diese Steigerung der Ertragsfähigkeit der Gesamtheit zu

Gute komme. Warum kann denn eigentlich unsere Land⸗ wirtschaft zum Beispiel mit der amerikanischen nicht konkurrieren. Amerika zahlt eben seinen ländlichen Ar⸗

beitern erheblich höhere Löhne und es ist eine alte Er⸗ fahrung, daß die Produktion um so teurer wird, je niedriger die Löhne sind. Schlecht ernährte Arbeiter sind eben weniger leistungsfähig und schädigen dadurch die gesamte Produktion.

Höhere Getreidepreise sollen keine Brotteuerung im Gefolge haben! Wenn auch nur die Hälfte des in Deutschland gebrauchten Roggen und Weizen für Brot verbraucht wird, so würde dies bei der beabfichtigten Erhöhung des Tarifsatzes allein für Roggen und Weizen eine Preiserhöhung für 110 Millionen Mark ausmachen. Diese Summe können weder die Müller bezahlen, noch die Bäcker, von denen Herr Oertel be⸗ hauptet, daß sie durch die Bäckereiverordnung so schwer geschädigt sein sollen. Es bleibt nur der Konsument; dieser muß Alles bis auf den letzten Pfennig aufbringen. Die Allerärmsten müssen die Kosten der Getreidezölle bezahlen, die arme Witwe, die sich mit ihren Kindern notdürftig durchschlägt, wird noch mehr Hungertage in der Woche haben, als schon bisher. Die Arbeiter aber werden ihre Interessen mit mindestens ebenso großer Zähigkeit verteidigen, wie Sie(nach rechts) die Interessen der Großgrundbesitzer; sie werden mit demselben Eifer für ihre hungernden Kinder kämpfen wie Sie für den Profit der Besitzenden. Trotz der Erhöhung der Getreidezölle, trotz Branntwein⸗ und Zucker⸗Liebesgaben sind die Agrarier noch nicht befriedigt; im Gegenteil, die Land wirtschaft stellt sich als bankerotter hin denn je. Nach der Konkursordnung aber muß ein Geschäftsmann,