Ausgabe 
8.9.1901
 
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Seite 2.

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Mitteldentsche Sountags⸗ZJeitung.

Nr. 3

Daß eine allgemeine Steigerung der Nah⸗ rungsmittel ein Ausgleich der christlichen Gerechtigkeit sein soll, wie das vielseitig hervorgehoben wird, in einem Augenblick, wo das Erwerbsleben da⸗ nieder liegt und noch weiter sinken wird, wo tausende von Arbeitern nur halbe Beschäftigung haben und die Löhne in der Industrie im allgemeinen, namentlich in der Eisenindustrie, mehr als ¼ gefallen sind, wird niemand ernstlich zu behaupten wagen. Wie die Verhältnisse liegen, ist der Arbeiterstand derjenige, der in nächster Zeit mit Hunger und Elend zu kämpfen haben wird, nicht die Landwirtschaft.

Deshalb müßten die christlichen Arbeiter die Zollpolitik bekämpfen. Aeußerungen dieser Art sollten doch dem Zentrum zu denken geben. Daß die Masse der katholischen Arbeiter ebenso den Zolltarif verurteilt, wie das oben angeführte Organ, bewies eine am Samstag in Allendorf bei Essen stattgefundene Me⸗ tallarbeiter⸗Versammlung, die zum größten Teile von katholischen Arbeitern besucht war. Eine scharfe Protestresolution gegen den Brotwucher gelangte zur Annahme, trotzdem sie der Vor⸗ sitzende, Arbeitersekretär Kloß, ein bekannter Zentrumsmann, lebhaft bekämpfte und nicht darüber abstimmen lassen wollte. Sein Ein⸗ treten für den Brotwucher kann dem Zentrum einen ganz erheblichen Prozentsatz seiner Wähler kosten!

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Die Arbeiter Dresdens protestierten in 22 Versammlungen, die am Samstag statt⸗ fanden und überaus stark besucht waren, gegen die Lebensmittelzölle. Ueber 20000 Personen nahmen an den Protestversammlungen teil.

Politische Rundschau.

Gießen, den 5. September. Die Sühne⸗Komödie

hat sich nun, nachdem der chinesische Sühneprinz seinen mehrtägigen Streik in Basel beendigte, weil seine Forderungen bewilligt wurden, pro⸗ grammmäßig abgewickelt. Was hatte er denn für Forderungen aufgestellt? Er sollte in Berlin Ratau machen, das heißt: er sollte beim Erscheinen vor dem Kaiser sich dreimal mit der Stirn bis zur Erde neigen, während seine Be⸗ gleiter sich zur Erde werfen, auf dem Bauche rutschen sollten. Das war selbst den unter⸗ würfigen Chinesen zu viel, derartige Bedingungen hielten sie für entwürdigend und blieben deshalb einfach der deutschen Hauptstadt fern und ließen sichs in Basel wohl sein. Man gab in Berlin nach, der Kaiser wollte nunmehr nur den Prinzen Tschun allein, nur von einem Dol⸗ metscher begleitet, empfangen. Mittwoch hat sich nun in Potsdam daswelterschütternde Ereignis abgespielt, allerdings nicht in der zuletzt angekündigten einfachen Form, sondern mit erheblicher Feierlichkeit und militärischem Gepränge. Der Kaiser saß bei Empfang des Sühneprinzen auf dem Thron, angethan mit der Uniform der Garde⸗du⸗Corps, mit dem Stahlhelm auf dem Haupte. Der Prinz ver⸗ las das Handschreiben seines Bruders, des Kaisers von China, worauf Wilhelm II. ant⸗ wortete. Als der Prinz das Palais verließ, salutierten die Wachen und die aufgestellte Ehrenkompagnie, was sie bei seiner Ankunft nicht gethan hatte. Die große Sühnung ist geschehen, der Rummel vorbei und der chinesische Prinz wird jetzt seinen Amüsements in Berlin nachgehen. Staunend sehn's die Völker!

Hunnenpraktiken

übten die Europäer in China bereits vor der Ermordung des Gesandten Ketteler, wie der Engländer Oliphant, der die Belagerung der Gesandtschaften mit überstanden hat, mit⸗ teilt. In seinem soeben herausgegebenen Tage⸗ buche erzählt er, wie er im Verein mit etwa 3040 englischen und amerikanischen Marine⸗ soldaten einen Boxer verfolgte, der sich in einen Tempel rettete, wo sie noch etwa 40 Boxer vorfanden. Dann sagt er weiter: Wir schossen tüchtig unter die Boxer, brachen schließlich die Holzverschläge ein und machten die paar Boxer, die noch

übrig geblieben, nieder. Es war eine Schlachterei, aber wir fanden die zer⸗ stümmelten Körper einiger Gefangener(wohl⸗ verstanden chinesischer Gefangener) und gaben deshalb kein Pardon. Am Ende be⸗ deckten 46 Leichname den Boden. Als das geschah, war den Gesandten und deren Schutztruppen noch kein Haar von den Boxern gekrümmt worden, die Europäer konnten es deshalb getrost den chinesischen Behörden überlassen, mit den Boxern fertig zu werden. Dabei diese barbarische Niedermetzelung von 46 Menschen, die sich noch nicht einmal ernst⸗ haft zur Wehr gesetzt haben können, denn es wird nicht einmal von einer Verwundung eines der zivilisierten Schlächter berichtet. Wenn dann die Chinesen erbittert Rache übten, ist das ganz erklärlich.

Die gefälschte Emser Depesche.

Wilhelm Liebknecht hat den unredlichen Ur⸗ sprung des deutsch⸗französischen Krieges darge⸗ legt und durch seine Darlegung die Bismarcksche Schwindelpolitik schwer getroffen. Kein Wunder, daß die Mordspatrioten ihn darob mit erbittertem Haß verfolgten und seine Ent⸗ hüllungen in Unwahrheiten um zulügen versuchten. Die Richtigkeit der Liebknechtschen Darstellung ist für die objektiven Historiker längst erwiesen; Bismarck hat später die Fälschung selbst einge⸗ standen. Jetzt bestätigt ein anderer einwand⸗ freier Zeuge diese Thatsache. Der ehemalige Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt v. Gruner, der während des deutsch⸗franzö⸗ sischen Krieges sich im Staatsdienst befand, veröffentlicht in derDeutschen Revue Mit⸗ teilungen aus seinem Leben; darin schreibt er über die Emser Depesche wörtlich:

Einer Depesche aus Ems gab man zum Zweck der Publikation eine Fassung, als ob dem Könige in Ems durch ben französtschen Botschafter eine Beleidigung widerfahren set, während der König niemals von einer solchen Beleidigung etwas ge⸗ wußt hat, und trieb in Berlin die Dinge mit einer solchen Leidenschaftlichkeit auf die Spitze, daß die französischen Staatsmänner und vor allem der Kaiser Napoleon selbst völlig den Kopf verloren und, ohne an ihre militärische Inferiorität zu denken, Preußen den Krieg erklärten.

Man sieht, die Wahrheit bohrt sich doch durch; lange genug hats allerdings gedauert. Wie ist Liebknecht von den Franzosenfressern und Reptilienblättern ang epöbelt worden, weil er sich nicht scheute, öffentlich diese Thatsache zu behaupten! Und dabei wird in jeder Festrede bei Kriegervereins⸗ oder Sedansfesten immer wieder der Schwindel verzapft, daß im Jahre 1870 Frankreich den Krieg vom Zaun gebrochen habe.

Mit den neuen Kanonen

solls doch seine Richtigkeit haben, obwohl die erste Nachricht davon von offiztöser Seite be⸗ stritten wurde. Wie derLeipz. Volksztg. aus Berlin geschrieben wird, hat die Firma Erhardt in Düsseldorf und die Firma Krupp in Essen bereits je eine Batterie eines neuen Geschützes in Bestellung bekommen! Wenn auch zehnmal behauptet wird, hier handele es sich um Proben, es sollten Versuche angestellt werden, so weiß man doch, daß solchenProbe⸗Bestellungen die Ausrüstung der ganzen Armee mit der neuen Mordwaffe auf dem Fuße folgt. Man darf sich deshalb für die kommende Reichstagssession auf eine neue Militärvorlage gefaßt machen. Also mehr Steuern für den Militär⸗Moloch auf der einen Seite, auf der andern Verteuerung der not⸗ wendigsten Lebensmittel! Es wird doch immer dafür gesorgt, daß der deutsche Michel nicht zu üppig wird! Disziplin und Gerechtigkeit.

Während von allen Seiten das Gumbinner Todesurteil gegen den Unteroffizier Marten als ein auf Grund unzureichender Beweise gefälltes, also ungerechtes bezeichnet wird, giebt es auch Leute, die von wegen der heiligen Disziplin die Hinrichtung eines Unschuldigen

für gerechtfertigt erklären. In den Hamburger

Nachrichten giebt ein Berichterstatter die Ansicht 9

eines den Berliner militärischen Kreisen ange⸗ hörenden Herrn wieder, der sich dahin äußerte: Die Erschütterung der militärischen Disziplin durch die Straflosigkeit der Ermordung eines Vorgesetzten sei so ungeheuer, schwerwiegend, daß es besser sein würde, wenn ein Unschuldiger exekutiert, als wenn nie⸗ mand bestraft würde. Das Juteresse eines einzelnen Mannes, wie Marten, müsse dem

Wohle der Armee nachstehen! Sei er

wirklich unschuldig, so würde durch seine Bestrafung wenigstens ein heilsamer Schrecken unter der Mannschaft erzeugt; aber bleibe die That ungeahndet, so würden alle Bande der Ordnung gelöst! Die Men⸗ schen, die so denken, sagt unser Dresdener Organ dazu, gehören an den Pranger. Es wäre ungeheuerlich, wenn die Richter in Gum⸗ binnen aus solchen Erwägungen heraus ihr mit unseren Rechtsbegriffen unvereinbares Todes⸗ urteil gefällt hätten. Aber die Gefahr besteht, daß die Ueberspannung des Begriffs der Dis⸗ ziplin, ohne die der Militarismus heute nicht mehr aufrecht zu halten wäre, in den Köpfen einzelner zum Kadavergehorsam herangezüchteter Menschen derartige Ideen erwachsen läßt. Da⸗ rum müssen auch nicht diese entsetzlich brutalen, von gänzlicher sittlicher Verwilderung zeugenden Ideen allein bekämpft werden, sondern auch der Urgrund, auf dem sie aufsprossen der gemein⸗ schädliche und kulturwidrige Geist des Milita⸗

rismus.

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Uebrigens hat das Oberkriegsgericht in Gumbinnen in gesetzwidriger Besetzung entschieden, wie der Rechtsanwalt Horn an die National⸗Zeitung schreibt. Während das Gesetz bestimmt, daß die Richter vor Beginn des gerichtlichen Geschäftsjahres ernannt werden müssen und als Geschäftsjahr ausdrücklich das Kalenderjahr bezeichnet wird, sind die sämt⸗ lichen Richter von Gumbinnen erst im Juni ernannt worden und nahm die Gerichtsbehörde, unbekümmert um den zwingenden Wortlaut des Gesetzes, das Geschäftsjahr als vom 1. Juli beginnend aun. Schon aus diesem Grunde muß die Revision Erfolg haben; die Verteidigung hat aber auch noch andere Revisionsgründe.

Eine Reichstagsersatzwahl

fand am Samstag im Kreise Neuwied a. Rh. statt. Der Kreis gehört zu den sichersten des Centrums, das denn auch diesmal wieder mit seinem Kandidaten Kaufmann Krupp den Sieg davon trug.

Landtagswahlen in Sachsen.

Das Ministerium hat die Wahlmännerwahlen auf den 25., 26. u. 27. September, die Abge⸗ ordnetenwahlen auf den 11. Oktober festgesetzt. Die Kandidatenaufstellung ist in fast allen Kreisen bereits erfolgt. Zur Wahl kommen zwei Wahlkreise in Dresden, zwei in Leipzig, einer in Chemnitz, sieben städtische und 15 ländliche Wahlkreise, im ganzen 27 Ergänzungs⸗ wahlen, wozu noch drei Ersatzwahlen für ver⸗ storbene Abgeordnete kommen. Unsere Genossen, die unter den ungünstigsten Bedingungen kämpfen, sind bereits seit Wochen in die Agitation einge. treten und wir sind überzeugt, sie werden den wahlrechtsräuberischen Rückschrittlern harte Nüsse zu knacken geben.

Die Gewerbegerichtswahlen in Spremberg,

die am 28. Aug. stattfanden, ergaben 361-363 Stimmen für die vom Gewerkschafts⸗ kartell aufgestellte Liste der Arbeitnehmer. Die Kandidaten der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerkber⸗ eine erhielten nur 30 Stimmen. Von 485 eingetragenen Wählern der Arbeitnehmer hatten 24 nicht gestimmt, von 46 eingetragenen Wählern der Arbeitgebern wählten 21. Gegenkandidaten waren hier nicht aufgestellt.

Zeutrumsparade in Osnabrück.

Vorige Woche tagte in Osnabrück im gläubigen, gutkatholischen Westphalen die dies⸗

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