Ausgabe 
8.9.1901
 
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Nr. 36. 8. Jahrg. Redaktion: Wedaktlonsschluß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uh

Abounementspreis: die Mitteldeutsche

Parteigenossen!

Unterschreibt die Petition gegen den Brotwucher!

Verschwenderische Arbeiter!

Wenn oftmals bei bürgerlichen Festen, bei Fürstenempfängen oder ähnlichen Anlässen, die keichhaltigen, ein Dutzend und noch mehr Gänge gufzählenden Speisekarten von den Zeitungen prahlend veröffentlicht werden, liest das der arme Teufel, dessen Hauptmahlzeit alltäglich nur einen einzigen 0 umfaßt, mit stau⸗ nender Verwunderung. Er begreift nicht, wie es die am Festschmause Beteiligten ermöglichen, so ungeheuere Quantitäten Speisen in ihre hochgeborenen Mägen zu versenken. Kein Ar⸗ beiter wäre im Stande, dies ihnen gleichzuthun, weil sein Magen auf solche riesige Zufuhren iben nicht eingerichtet ist, er sich nur das Aller⸗ notwendigste zum Exsatz seiner verausgabten Körperkräfte gönnen kann. Seine Mittel er⸗ lauben ihm nicht mehr. Aber auch das Wenige st gewissen 1Wohlthätern noch zu viel und so hat es nie an Vorschlägen und Rezepten für sparsame Küche gefehlt, nach welchen der Arbeiter sich für wenige Pfennige wohlschmeckende undausreichende Mahl⸗ eiten herrichten kann. Wir erinnern nur an das berühmte Kochbuch des Kaplan Hitze. Natürlich, je weniger der Arbeiter für seine Lebenshaltung verbraucht, je bedürfnisloser er ist, um so niedriger wird sein Lohn be⸗ messen, desto höher der Profit des Kapitalisten ein. Zu Gunsten des Kapitalprofits werden denn auch diesewohlwollenden Küchenrezepte anempfohlen.

So viel aber dem Arbeiter in dieser Be⸗ siehung schon angesonnen wurde eine so unverschämte Verhöhnung der Arbeiterklasse hat soch nicht stattgefunden, wie es in einem Artikel n der Scherl'schenWoche geschieht. Ein Dr. H. B. verzapft da folgende Weisheit: Wenn der arbeitende Mann täglich ein Kilo Brot, hundert Gramm Butter und ein halbes Pfund weißen Käse verzehrt, so bleibt sein Körper im Gleichgewichte, d. h. Einnahme und Ausgabe decken sich. Was darüber ist, ist vom Ueberfluß. Nun nehmen aber unsere meisten Arbeiter die obengenannten Quan⸗ titäten, den Käse vielleicht durch Wurst oder ähnliches ersetzt, bereits im ersten und zweiten

Frühstück, sowie Vesper zu sich, so daß

Mittagessen und Abendbrot theoretisch als

Ueberfluß, als Verschwendung erscheinen.

Allerdings ist diese Zusammenstellung nur

der leichteren Uebersicht wegen gewählt;

richtiger ist es, festzustellen, was in den beiden

Hauptmahlzeiten aufgenommen wird, und da

kommt man dann zu dem Schlusse, daß gerade

die Nebenmahlzeiten überflüssig zu sein scheinen,

besonders aber das massenhafte Brotessen. er giebt dann seiner Verwunderung Ausdruck ber die Heftigkeit, mit welcher jetzt um die Fornzölle gestritten wird. Diese Frage, so geint er, würde nicht bestehen,wenn nicht im Frotgenuß unerhört verschwendet würde. Der sseundliche Doktor rechnet dann aus, daß eine

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Bei mindestens

fünfköpfige Arbeiterfamilie jährlich 110 Mk. an 55 viel genossenem Brot verschwende, eine Ent⸗ eckung, die ihm den Seufzer entlockt:Für bescheidene Verhältnisse erheblich, für ärmliche Ebenso tadelt derWohlthäter der Menschheit den zu reichlichen Salzgenuß der Arbeiter.

Es gehört die vollendete Charakterlosigkeit der Scherlschen Woche dazu, meint unser Dresdener Parteiblatt, einen solchen Artikel zu veröffentlichen, dem die politische Schamlosigkeit als höchste Ethik gilt. Aber das Blatt hofft, gerade in diesen Wochen höchster Erregung über den Zolltarif⸗Entwurf durch diese Ver⸗ öffentlichung in den hohen Regionen ein bei⸗ fälliges Kopfnicken sich zu verdienen, und um diesen Preis ist ihm kein Verrat zu gemein. Es ist schließlich nur zu verwundern, daß der Doktor seine Darlegungen nicht mit der Auf⸗ forderung schließt, der Staat möge jeden arbeitenden Mann in väterlich strafender Milde mit so viel Mark an direkten Steuern belegen, als er durchzu massenhaftes Brot⸗ essen verschwendet.

Die Absicht, die der skandalöse Artikel ver⸗ folgt, ist, die Arbeiter im Kampf gegen den Brotwucher zu lähmen, ein Vorhaben, das natürlich aussichtslos sein wird. Und als Maßstab für den Gerechtigkeitssinn eines Teiles unserer Gebildeten ist der Artikel immerhin von Wert; er reiht sich würdig jenen früheren Berechnungen an, die dem Arbeiter nur diesem das Geheimnis enthüllen sollen, wie er samt Familie mit täglich 50 Pf. ein Schlemmerdasein führen und die himmlische Seligkeit sich würdig vorbereiten kann.

Und so wie diese gemeinen Scherl'schen Preßerzeugnisse arbeiten die sogenannten un⸗ partetischen Sudelblätter, die den Volks⸗ verrat als Geschäft betreiben. Und dabei giebt es leider noch zahlreiche Arbeiter, die diese Schandpresse in ihren Häusern dulden. Einen Menschen, der sie hintergeht und belügt, würden sie bald an die Luft befördern, aber diese Zei⸗ tungen dulden sie jahraus, jahrein auf ihrem Tische, ohne sich dagegen zu entrüsten. Diesem Zustande ein Ende zu machen, ist eine der vor⸗ nehmsten Pflichten der organisierten Arbeiter⸗ schaft, die ihren Interessen nicht besser dienen kann, als durch die unablässige Bekämpfung der gesinnungslosen, volksverderb⸗ lichen Verdummungspresse.

Zum Kampfe gegen den Brotwucher.

Landwirte gegen Getreidezölle. Aus Lückendorf bei Zittau in Sachsen schreibt ein Gutsbesitzer demArmen Teufel

Hier in Lückendorf haben sam de Feld⸗ wirtschaftsbesitzer, mit Ausnahme b. zweien, die Petition gegen die Getreidezölle unterschrieben. Diese Grundstücksbesttzer bebauen bis zu 15 Hektare Land, es sind einige darunter, die nur ½ Hektar Land haben, andere aber haben 5, 10 und 15 Hektare. Uns kleinen Landwirten kann der Getreidezoll nicht nur nichts nützen, sondern er schädigt uns vielmehr. Wir bauen nur so viel Getreide, als wir

selbst gebrauchen, und da wir uns auf die Viehwirtschaft legen müssen, um rentabel zu wirtschaften, so müssen wir in der Regel noch Kleie und Getreideschrot kaufen. Hier haben wir schon den ersten Schaden, der uns durch die Getreidezölle erwächst. Aber auch noch auf andere Art werden wir geschädigt. 1

Daß die Lebensmittelzölle die Industrie schädigen, ist gewiß. Die Arbeiter finden dann weniger Arbeitsgelegenheit, verdienen weniger und können somit weniger Fleisch, Milch und Butter kaufen, und gerade die Arbeiter sind doch unsere hauptsächlichsten Abnehmer. Das ist schon der zweite Schaden. Und als dritte Schädigung führt der Land⸗ wirt an, daß fast jeder Bauer Kinder, Ge⸗ schwister ꝛc. habe, die in der Industrie be⸗ schäftigt sind und Lebensmittel kaufen müssen. Drum fordert er alle kleinen Landwirte auf, in ihrem eigenen Interesse die Petition gegen die Zollerhöhung zu unterschreiben.

Das ist wieder ein erfreuliches Zeichen da⸗ für, daß die Kleinbauern immer mehr einsehen lernen, daß ihnen die Wucherzölle nichts nützen, sie vielmehr ebenso darunter zu leiden haben, wie die Arbeiter selbst, während die wenigen Großgrundbesitzer große Proftte einheimsen.

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Christliche Arbeiter gegen den Zolltarif. Zu den Brotwucherparteien ge⸗ hört bekanntermaßen auch das Zentrum. Bei der Katholikenversammlung in Osnabrück wurde dieser Standpunkt wieder ganz besonders betont. Trotzdem erklärt sich das Zentrum für arbeiterfreundlich, nennt sich womöglich gar eine Arbeiter partei, große Massen Arbeiter laufen ihm noch nach. Doch regt sich auch in seinen eigenen Reihen schon die Opposition, einzelne Zentrumsblätter erheben, wenn auch zaghaft, Widerspruch gegen den Brotwucher. Schärfer nahmen bereits einige Führer christ⸗ licher Gewerkschaften Stellung gegen die Zoll⸗ politik, auch große Versammlungen katholischer Arbeiter und christlicher Gewerkschaftsmitglieder sprechen sich gegen die Lebensmittelverteuerung aus. Ueberhaupt empfindet das Zentrum die christlichen Gewerkschaften wie einen Dorn im Fleische; es paßt den frommen Herren durchaus nicht, daß die so lange von ihnen gegängelten Arbeiter sich selbständig machen und der geist⸗ lichen Führung entziehen. Für die Arbeiter⸗ klasse ist diese Entwickelung höchst erfreulich, wir nehmen deshalb gern davon Notiz, daß das Organ der christlichen Metallarbeiter die Gewerkschaften direkt zum Kampfe gegen die Zölle und die Zentrumspolitik auffordert. Es schreibt ganz rtchtig:

Nach dem neuen Zolltarif ist nicht mehr als alles höher geschraubt. Nicht nur allein die gesamten Produkte der Landwirtschaft, Getreide, Fleisch, Butter, Eier, Käse, Obst aller Art, teilweise ums zwei⸗ und dreifache des seitherigen Betrages. Auch die Industrie bekommt ihren Löwenanteil mit: Groß⸗ grundbesitz und Großkapital Hand in Hand so gemein⸗ schaftlich bedacht auf denSchutz der nationalen Arbeit, d. h. sie teilen sich in den Gewinn. Wir verstehen jetzt schon die Aussprüche der industriellen Vereinigungen, welche seiner Zeit erklärten, die Industrie kann den Getreidezoll ertragen. Nicht die Industrie trägt ihn, sondern die armen Arbeiter, sie werden einfach in ihrer Lebenshaltung so viel tiefer heruntergedrückt. Das ist das ganze Geheimnis.