Ausgabe 
7.7.1901
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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N 0 1

Ar. 27.

von Nah und Lern.

Unsere Frommen.

Ein originellesGebetbuch, ein Beweisstück für die inbesserer Gesellschaft existierende Heuchelei, hat eine elegant ge⸗ kleidete Dame in Berlin am Sonntag in einer Konditorei in der Nähe der Michaeliskirche vergessen. Das Buch, welches auf seinem Deckel als Gebetbuch gekennzeichnet war, enthielt, wie sich bei der Besichtigung durch den Finder her⸗ ausstellte, zwei Teile: der eine bestand aus einem, noch mit Naschwerk gefüllten Behälter, der andere enthielt eine wirkliche mit Kog⸗ nak gefüllte Flasche, deren Hals durch das Buch gut verschlossen und verdeckt wird. Diese sinnvolle Einrichtung des heiligen Buches er⸗ möglichte es seiner Besitzerin, wenn sie es im Gebetseifer inbrünstig an die Lippen drückte, sich zugleich mit einigen kräftigen Zügen körper⸗ lich zu restaurieren. In der aufklappbaren Mitte desErbauungsbuches befanden sich einige wirkliche Blätter mit Gebeten und Gesangsbuchversen. Ein Dienstmann holte schließlich das so vielen Zwecken dienende Buch ab.

Herumärgern mit Arbeitern.

Im ErfurterAllgemeinen Anzeiger befindet sich folgende Anzeige:

Wegen unaufhörlichen Aergers mit dem Arbeitspersonal und deren ins Ungemessene gesteigerten Ansprüche verkaufe ich meine komplete Einrichtung zur Mineralwasser⸗ Fabrikation.

Ernst Renneberg, Sondershausen. Gott sei Dank! ruft dieTribüne hierzu aus,endlich einmal eine Abwechslung. Bisher mußte es nur immer heißen: Wegen unerhörter Ausbeutung und Schinderei seitens des Arbeit⸗ gebers mußten die Arbeiter in der oder jener Fabrik ihrGeschäft an den Nagel hängen. Jetzt thun das schon die Arbeitgeber! Vorsichtshalber haben sie aber erst durch Aus⸗ nutzung der Arbeiter ihr Schäfchen ins Trockene gebracht.

Quittungen.

Fth.⸗Wtzlr. Mk. 26.75. Sg.⸗Hst. Mk. 5.35. Wtzl. Wtzh. Mk. 8.15. Pf.⸗Odh. Mk. 3.. Pths.⸗Lllr. Mk. 9.20. Stck.⸗G. Mk. 3.80. Lth.⸗The. Mk. 2.. Ly.⸗G. Mk. 7.. Kft.⸗Wsmr. Mk. 7.20. Wch.⸗Bst. Mk. 1.50. Ggr.⸗Mbg. Mk. 25.40. Rnn.⸗Hchh. Mk. 26.40. Mhl.⸗G. Mk. 26.. Krgr.⸗G. Mk. 42.. Klr.⸗Lgbhm. Mk. 5.80. Bsr.⸗Roͤgn. Mk. 2.20. Dthfr.⸗Ogst r. Mk. 3.20. Ly.⸗G. Mk. 3., Fy.⸗Gbtch. Mk. 2.40. Sdch.⸗Kzbch. Mk. 8.80. Sgf.⸗Abch. Mk. 8.. Tcht.⸗Gbg. Mk. 11.20. Vpl.⸗Lllr. Mk. 24.30. Ly.⸗G. Mk. 6.. Koch⸗Kfdf. Mk. 7.. Ptr.⸗Gßl. Mk. 6.40. Kch.⸗Nofl. Mk. 8.80. Wtr.⸗Lbch. Mk. 6.80. Kbch.⸗Wek. Mk. 37.80. Km. Wtzbr. Mk. 7.80. Stck.⸗G. Mk. 3.40. Mhr.⸗Eckh. Mk. 10.. Mglf.⸗Gbg. Mk. 5.. Fth.⸗Wtzlr. Mk. 27. Gge.⸗Hoͤbgn. Mk. 7.10. Ly.⸗G. Mk. 6.40. Ggr.⸗Mbg. Mk. 30.. Rnn.⸗Hchhm. Mk. 26.40. Wtr.⸗Ww.⸗Lbch. Mk. 2.30. Mhl.⸗G. Mk. 23.60. CSth.⸗The. Mk. 2.20. Z.⸗Noͤh. Mk. 3.. Rh.⸗Br.⸗Dr. Mk. 2.25. Sp.⸗Dbgn. Mk. 15.80. Ly.⸗G. Mk. 9.. Fhbch.⸗Otbg. Mk. 6.. Wtr.⸗Lbch. Mk. 6.40. Dthfr.⸗Igstr. Mk. 3,40. Est. Bss. Mk. 7.80.

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Marktberichte.

Auf dem Wochenmarkte in Gießen kosteten am 4. Juli: Butter per Pfd. Mk. 1.00 1.10, Hühnereier per St. 6 7 Pfg., Enteneier 1 St. 7 8 Pfg. Gänseeier per St. 11 12 Pfg., Käse 1 St. 5 8 Pfg., Käsematte 2 St. 58 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 34 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.50 7.00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.00- 8.50. Milch per Liter 18 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0. 80 bis 1.00, Hühner per St. Mk. 1.00 1.50 Hahnen per Stück Mk. 1.00 1.50, Enten per St. Mk. 2.00 bis 2.30, Gänse per Pfd. Mk. 00.00.00.

Fleischpreise. Ochsenfleisch per Pfd. 68 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 6064 Pfg., Schweinefleisch 64 bis 74 Pfg., Schweinefleisch, gesalzen, 78 Pfg., Kalb⸗ fleisch 60 66 Pfg., Hammelfleisch 50 70 Pfg.

Auf dem Fruchtmarkte in Grünberg kosteten am 29. Juni durchschnittlich 100 Kilo Weizen 17.50 Mk., Korn 15.50 Mk., Gerste 15.00 Mk,, Hafer 15.76 Mk., Erbsen 18.00 Mk.

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15 Unterhaltungs-Ceil. 7 . 7 i. 2

Barr aus!

Harr aus mein Nerz, wenn auch der Gram Ins Leben dich getroffen,

Wenn auch entweicht in Grimm und Scham Dein jugendliches Hoffen.

Führt auch dein Pfad aus Wald und Feld Ninaus auf öde Heide,

Im Glücke trotzest du der Welt: Nun trotze auch im Leide!

Nie hast du zag ein Glück versäumt; Es folgt dir keine Reue:

Drum nicht von alter Seit geträumt! Schau vorwärts in die neue!

Cenzblumen brachst du sonder Müh'n, Und die gebroch'nen starben.

Der Lenz ist hin; die Tage glüh'n: Nun denk' an deine Garben!

Und will auch dein erkühltes Blut Kein künftig Heil mehr glauben,

Caß' dir des Strebens freien Mut, Des Schaffens Trost nicht rauben!

Bleib' selbst dir treu, bleib' dein bewußt Im Leide wie im Sorne

Und falle, wenn du fallen mußt, Als Held, die Wunden vorne! 1 W, Hertz.

Der Schuhmacher von Ottersweiler. Erzählung von Elise Langer.

Dichter Morgennebel lag auf Feld und Flur. Noch herrschte ringsum tiefe Stille. Auch im Dorfe regte sich noch nichts. Nur auf dem Gehöft Jost Bachler's, des Schuhmachers, ward es schon lebendig. In dem drei Meilen entfernten Städtchen begann heut der Frühlings⸗ Jahrmarkt, den Bachler mit seinen Schuhwaren beziehen wollte. Sein Wägelein stand schon mit den Schuh⸗ und Stiefelkisten vom Abend vorher fertig gepackt im Schuppen. Er brauchte es nur herauszuziehen und den alten auf einem Auge blinden Schimmel vorzuspannen. Während der junge, hochgewachsene, aber blasse, eng⸗ brüstige Mann mit dem Anschirren beschäftigt war, packte ihm seine Mutter drinnen Brot und Speck zusammen und füllte ihm die Feldflasche mit Kornbranntwein. Den in ein bla ues Tuch geknüpften Mundvorrat in der Hand, trat nun die sehnige Gestalt der schon ergrauten Frau, nur mit einem kurzen Wollrock und mit einer Kattunjacke bekleidet, in die Hausthür, dem Sohne stillschweigend zuschauend, bis dieser sich auf seinen Wagensitz schwang. Dann reichte sie ihm das Bündel hinauf und die Hand zum Abschied.

Adjes, Jost, und glückliche Heimkehr.

Adjes, Mutter, und schön' Dank.

Kein Wort weiter. Nur einen tiefen Blick tauschten die beiden ernsten Gesichter aus. Dann ein leiser Peitschenknall und das Wägelein rasselte davon.

Auf der Thürsck welle drehte die Alte sich noch um, dem Gefährt nachschauend, das schon wie ein Schatten im Nebel verschwand. Zu gleicher Zeit aber brach der erste Strahl der aufgehenden Sonne wie ein goldener Pfeil durch die dunstigen Schleier, so blendend, daß 1 1 sich die Hand vor die Augen halten mußte.

Derselbe Strahl hatte auch den Weg durch

as Fenster der Schlafkammer gefunden und chien dort gerade in das rosige Gesicht eines etwa zweijährigen Bübchens, das in dem ehe⸗ maligen breiten Ehebett der Großmutter be⸗ haglich schlummerte. Hereintretend griff diese nun rasch zu einer Schürze, die sie vor das Fenster hing, damit der Sonnenstrahl das Bübchen nicht wecke.

Der Kleine war nicht mutterlos. Aber stie, die die Nächste dazu war, ihn zu hegen und zu pflegen, sie hatte Mann und Kind ver⸗

lassen. Es war eine gar traurige Geschichte, an der Bachler und die alte Frau schwer trugen. eee Sie war ein Gemeindekind gewesen, die schwarze Babett, wie die Dörfler sie in ihrer Kindheit nannten wegen ihres pechschwarzen Haares, das ihr in dicken Zotteln in das hagere, schwarz⸗ äugige Gesicht gehangen hatte. Ihre Mutter, ein blutjunges, liebliches Geschöpf, war nach ein einer bitterkalten Dezembernacht kurz vor dem Dorf am Wege erfroren aufgefunden worden, dl sie selbst aber, obgleich erst wenige Wochen alt, b am Leben 11 dank der aufopfernden e Liebe, mit der die Tote Alles, was sie am ace getragen, bis auf wenige Fetzen, um ihre Blößen 15 zu bedecken, zur Umhüllung ihres Kindes her⸗ gegeben hatte. Was den Fall besonders merk⸗ würdig machte, war der Umstand, daß bei dem Leichnam der Frau, deren ganzes Aussehen 8 von der äußersten Dürftigkeit sprach, ein Fünfzig⸗ markschein gefunden wurde. Sonst hatte sie nichts bei sich gehabt, auch nichts was auf ihren Heimatsort deutete, der trotz aller Nach⸗ forschungen nicht zu ermitteln gewesen war. So hatte die Gemeinde Ottersweiler auf deren Gebiet die Tole entdeckt worden, sich wohl oder In na übel entschließen müssen, das Kind zu über⸗ Jahalk⸗ nehmen. Es wurde zu der Schmiedsfrauf u dit gethan, die gerade einen Säugling an der Brust n nit und Nahrung für zwei hatte. Aber der kleine! uma schwarzhaarige Findling war so anders als a daß die Blondköpfe des Schmieds. Die Frau konnte e dat kein Herz zu ihm fassen, und sobald Babette! isende nur fest auf ihren Füßen stehen konnte, hatte denehn sie bei viel Prügel und knapper Kost schweref igen, Arbeit verrichten müssen. Zu ihren täglichen ole Aufgaben gehörte es, früh Morgens in den ern Wald zu karren, um trockenes Reisig und ner 6 Streu zu holen. Dies war ihr aber die liebste rialist Arbeit gewesen. Da konnte sie ihrer Natur ohen einmal die Zügel schießen lassen, sich wie ein enen d junges Füllen im Grase wälzen, in den Wald lande hinein schreien, daß es wiederhallte, und ihren[bft! Hang nach Putz befriedigen, indem sie sich Hals⸗ zalsst ketten aus Vogelbeeren machte, Kränze in's beit zottige Haar flocht und Blätterguirlanden Pipfel! schleppenartig an ihr armseliges Röckchen heftete. fich,

So geschmückt und mit einem großen Farn⸗ aun di blatt als Fächer in der Hand, über die Schulter eue mit Befriedigung nach ihrer Schleppe schauend, e hatte sie einst Jost Bachler, damals ein zwölf⸗ iure jähriger Junge, unter den Buchen überrascht. Al st Mit offenem Munde hatte er dagestanden. Das n fen war ja rein wie in den Märchen, die er gelesenn und zu denen er immer neue erfand. Der Knabe lebte in einer Welt für sich, die mit der Wirklichkeit wenig gemein hatte, und so hatte er sich bisher auch nicht um das arme Gemeinde⸗ kind bekümmert, das die übrige Dorfjugend auf Wegen und Stegen foppte und hänselte. Jetzt aber, das war ein ander Ding, das war nicht die schwarze Babett, das war ein Wald⸗ nymphchen, mit dem es sich lohnte, Bekanntschaft zu machen.

Die Kinder trafen von da an oft im Walde zusammen, sich gegenseitig Geschichten erzählend, die dadurch voneinander sich unterschieden daß, die des Knaben immer von Geistern und Feen, die des Mädchens von Putz und schönen Kleidern und Wohlleben handelten.

Auch als Jost seine Lehrjahre in det Schuhmacherei beim Vater durchmachte, fand hsth er immer noch Zeit, mit seiner kleinen Freundin zusammen zu kommen, und als er seine Wander Ae jahre antrat und es an's Abschiednehmen ging, e da gelobten sich die Zwei, wenn er wiederkäme, Mann und Frau zu werden. 0 N

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Der alte Bachler hatte noch gute Zeiten in seinem Gewerbe erlebt. Er hatte die Schustere als Hauptgeschäft betrieben mit einem oder zw. Gesellen, und sich nebenbei auf einigen Aeckert seinen Lebensbedarf gebaut. Dabei hatte seine Familie gut ernähren, den Lederhändle prompt bezahlen, auch noch einen Sparpfennig zurücklegen können. Das hatte sich aber al mählich geändert. Die Ansprüche an die feiner Arbeit, wie sie die Vornehmen des Dorfes, de Pfarrer, der Schullehrer, der Kaufmann un! deren Familien verlangten, waren gewachse und mit ihnen die Konkurrenz der kapitalistische 1 Fabrikarbeit, die Alles in größter Vollkommen