Ausgabe 
7.7.1901
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 27. 5

einsteht. Zu dessen wirksamer Bekämpfung gehört aber mehrals lächerliche Revolutionsdrohungen. Uebrigens haben die Herren Antisemiteriche kein Recht, sich zu beschweren, nachdem sie selbst jede Heeresvermehrung eifrig befürwortet, bewilligt und so den Militarimus mit groß gepäppelt haben.

Der Leipziger Bankkrach

hat selbstverständlich weit über die sächsischen Landesgrenzen hinaus die größte Aufregung hervorgerufen. Der schon vorige Woche erfolgten Verhaftung des ersten Direktors Exner ist bald darauf die des zweiten, des Rechtsanwalts Dr. Gentsch gefolgt. Leider hat sich aber die Anfangs der Woche gemeldete Beschlagnahme des Vermögens der Aufsichtsratsmit⸗ glieder als unrichtig herausgestellt. Die Kasseler Trebertrocknungs⸗Gesellschaft, die durch ihre unglaublich leichtfertigen Schwin⸗ delgeschäste den Zusammensturz ihrer Haupt⸗ kreditgeberin, der Leipziger Bank, verschuldet hat, ist vollkommen bankrott. Die Leipziger Bank hatte der Gesellschaft nicht weniger als 80 Millionen Mark kreditiert. Ihre Direktoren haben sich auch persönlich an den Spekulationen mit Treber⸗Aktien beteiligt. Die Leipziger und sächsische Geschäftswelt ist durch den Zusammen⸗ bruch der großen Kreditanstalt stark in Mit⸗ leidenschaft gezogen. Der erste panikartige Schreck, der in Leipzig und Dresden zu einem Sturm der Depositeninhaber an die Kassen auch der übrigen Bankinstitute geführt hatte, hat sich zwar beruhigt, nachdem die Dresdener und andere große Banken ohne Schwierigkeit viele Millionen der bei ihnen deponierten Gelder auszahlten. Eine andere Frage ist aber, ob nicht eine Anzahl von Fabrik⸗ und Handels⸗ firmen, die mit der Leipziger Bank in Kredit⸗ verkehr standen, infolge der plötzlichen gericht⸗ lichen Schließung des Instituts in so schlimme Geldschwierigkeiten geraten, daß sie auch ihrer⸗ seits kapitulieren müssen. So wird bereits der Konkurs einer Tuchfabrik in Böhringen be⸗ richtet, der infolge des Leipziger Krachs ange⸗ meldet werden mußte. Diese Fabrik beschäftigte mehrere hundert Arbeiter. Auch den Frommen im Lande bringt der Krach Verluste. Der Gustav⸗Adolf⸗Verein soll sein ganzes Baarvermögen verloren haben; auch das Leipziger Diakonissenhaus sei schwer in Mit⸗ leidenschaft gezogen. Wenn auch Zusammen⸗ brüche wie diejenige der Leipziger Bank, der Dresdener Elektrizitätsgesellschaft, der Spiel⸗ hagenbanken u. a. sich in erster Linie aus einer durch und durch unsoliden, zum Teil direkt betrügerischen Geschäftsführung erklären, so sind dieselben doch auch als Zeichen und Grad messer der derzeitigen Wirtschaftskrise zu be⸗ trachten. Es liegt auf der Hand, daß bei einer Stockung des Warenabsatzes und der da⸗ durch bedingten Erschwerung der Geldzirkulation zunächst die innerlich faulen, auf Spekulation und Schwindel aufgebauten Unternehmungen zusammenbrechen müssen. Das Schlimme dabei ist, daß dadurch auch solidere Geschäfte in den Abgrund gerissen werden. In letzter Instanz trägt dann die Arbeiterschaft in Gestalt von Arbeitslosigkeit und Lohnherab⸗ setzung den Schaden. Das eigene Aktien⸗ kapital der Leipziger Bank belief sich auf 48 Millionen Mark. Das ist jetzt wahrscheinlich gänzlich verloren. Es ist der größte Konkurs, den Deutschland bisher erlebt hat. Die diri gierenden Millionäre, die das Institut durch die gewissenlose Hineinziehung in die Treber⸗ spekulationen zu Fall gebracht haben, werden jetzt in enger Gefängniszelle über die Wandel barkeit des irdischen Glückes nachdenken können.

Den neuen Zolltarif

umgiebt noch immer geheimnißvolles Dunkel. Es verlautet nur, daß die Begründung dazu, die mit dem Gesetzentwurfe dem Bundesrat zugegangen ist, einen Band von nicht weniger als 500 Druckseiten umfasse, dazu kommt noch ein Band mit statistschen Angaben. Um so notwendiger ist die baldige Veröffentlichung des Materials. Denn worauf die Regierung sich jahrelang vorbereitet hat, wofür die verbündeten

Regierungen mehrere Monate Zeit behufs ründlichen Studiums haben sollen, das können die Reichstagsabgeordneten nicht in wenigen Wochen so gründlich kennen lernen, um darüber urteilen und beschließen zu können; besonders auch deshalb nicht, weil die Reichstagsabge⸗ ordneten die Pflicht haben, sich mit ihren Wählern vorher über die Zolltariffrage auf Grund der amtlichen Thatsachen in Verbin⸗ dung zu setzen.

Einfluß der Zölle auf die Lebensmittel⸗ preise.

Verschiedene kluge Leute versuchen dem Volke weis zu machen, die Zölle hätten gar keinen Einfluß auf die Preise der Lebensmittel, letztere würden nicht billiger, wenn die Zölle aufge⸗ hoben würden. Das ist natürlich Unsinn, wie in unserer Presse schon oft genug nachgewiesen worden ist. Einen gleichen Nachweis liefert auch der Bericht der Handelskammer in Ruhrort, aus dem dieRhein.⸗Westf.⸗Arbeiterztg. fol⸗ gende Stelle über die Lebensmittelpreise in Holland mitteilt:Die Verschiedenheit in den gesamten Wirtschaftsverhältnissen, außerdem aber das Fehlen von Zöllen auf wichtige Lebensmittel in Holland, gestalten das häusliche Leben dort um ein nicht Unerhebliches billiger als bei uns, zumal im rheinisch⸗ westfälischen Industriebezirk. Nachstehend eine vergleichende Zusammeustellung der gewöhnlichen Ausgaben eines bescheidenen Hausstandes von sechs Köpfen in Gelderland(Arnheimer Gegend) und im Ruhrbezirk:

Holland Deutsch⸗

land

3 Pfd. Rind⸗ u. Kalbfleisch mit Knochen M. 1,35 M. 2,10 4 Speck, Schweinefleisch und Wurst 1,80 2,80 1 Schmalz%% 960 3 Mehl, Reis, Gerste u. dergleichen 0,42 0,51 4 Hülsenfrüchte)) f,, Für 5 Tage Gemüse und Salat. 0,75 1,50 35 Pfd. Kartoffeln o e Essig, Oel, Senf, Zwiebel usw. 0,40 0,40 14 Liter Milch%%% fd egenbhk 15 V Weißbrot,, e e 2 Butter e Käse, Eier, Heringe usw. e,, % d err, oe 1Kaffee(oder entsprechend Thee) 0,65 1,10 3 Liter Pele Selfe, Sods dd 2 Zentner Kohlen nebst Holz 2,40 2,20 M. 19,33 M. 25,79

Hierzu 1 Pfd. Tabak mittlerer Qualität 0,50 1,. 7 Liter Braunbier 140 M. 21,01 M. 28,19

Es spielt keine Rolle, daß kein Arbeiter⸗ haushalt im Stande ist, so viel für's Leben pro Woche aufzuwenden; worauf es ankommt, ist der gewaltige Preisunterschied von über 33 pzt., den die Rechnung aufweist. Und dabei geht man in Deutschland mit dem Plane um, dem Volke das Brot noch mehr zu verteuern.

Gegen den Brotwucher

regt sich in den dunkelsten Zentrums winkeln der Widerstand. So beschloß eine in Lingen, einem Orte des ehemals Windthorst'schen Wahl⸗ kreises Meppen, abgehaltene Versammlung einstimmig folgende Resolution an die Stadt⸗ verwaltung:

Die von nationalsozialer Seite am 26. Juni bei

Nawe einberufene, von den Wählern verschiedener Par⸗ teien besuchte öffentliche Versammlung ersucht das Bürger⸗ vorsteherkollegium, bei dem Reichstage gegen jede Erhöhung der Getreidezölle zu petitionieren, weil diese Erhöhung die Einwohner der Stadt Lingen schwer bel asten und den fast ausschließlich auf die Viehzucht angewiesenen Bewohnern des Landkreises nichts nützen würde. Man sieht, daß die eifrigen Bemühungen der Zentrumskapläne, ihrer Anhängerschaft die Nützlichkeit der Getreidezollerhöhung einzureden, nicht überall von Erfolg begleitet sind.

Abgesägte Ossiziere.

Nach derBerl. Volksztg. wurden seit dem 15. Mai ds. Is. wiederum 105 Offiziere aller Grade pensioniert, was auf das Jahr berechnet

480000 Mk. Kosten verursacht. Im ersten Halbjahr des Jahres 1901 sind nicht weniger als 351 Verabschiedungen von Offizieren mit Pension zu verzeichnen. Das heißt also, daß die Zahl der meist gesunden, kräftigen und arbeitsfähigen Leute, die aber auf Kosten des Volkes erhalten werden, sich wieder um 351 vermehrt hat.

Der Mord in der Kaserne.

Noch immer beschäftigt der gegen die an⸗ geblichen Mörder des Rittmeisters Krosigk vor dem Kriegsgericht in Gumbinnen geführte Prozeß die Oeffentlichkeit. Bekanntlich hatte man den freigesprochenen Sergeanten Hickel in Haft behalten, nachdem der Gerichtsherr, Generalleutnant v. Alten, gegen das freisprech⸗ ende Urteil Berufung eingelegt hatte. Diese Maßnahme widerspricht den klaren Bestemmungen der Militärstrafgerichtsordnung. Auf den Ein⸗ spruch der Verteidigung Hickels wurde die Un⸗ tersuchungshaft des Hickel damit motiviert, daß neue Verdachtsgründe gegen ihn vorlägen. Jetzt wird aber berichtet, daß die Begründung der Berufung keine Silbe über neue Verdachts⸗ gründe oder Beweismittel enthalte. Der Ver⸗ teidiger Rechtsanwalt Horn hat nunmehr, da alle Instanzen erschöpft sind, Strafantrag wegen Freiheitsberaubung gegen die beiden Generale eingereicht. In der nächsten Reichstagstagung wird schon das Nötige über das Verhalten des Gerichtsherrn in Verbindung mit den sonstigen Eigentümlichkeiten des Krosigk⸗ Prozesses gesagt werden.

Das Gesetz betreffend die Gewerbe⸗ Gerichte

ist in seiner neuen, vom Reichstage beschlossenen Fassung nun auch vom Bundesrate angenom⸗ men worden. Es enthält einige Verbesserungen, die auch im Interesse der Arbeiterschaft liegen, weshalb denn auch die Scharfmacherpresse den Bundesrat zur Ablehnung der Novelle zu be⸗ wegen suchte. Dabei stehen aber die Reformen, die sie bringt, noch weit zurück hinter den An⸗ sprüchen, die die Arbeiterschaft unter den heutigen Verhältnissen zu stellen berechtigt ist und die von der sozialdemokratischen Fraktion des Reichs⸗ tags befürwortet wurden. An der kleinlichen Kompromißsucht des Zentrums scheiterte die gründliche Reform. Es ist daher wahrlich kein besonderes sozialpolitisches Verdienst, daß die Regierungen sich dem dreisten Widerspruch des Zentralverbandes der Industriellen nicht ergaben, der selbst die winzigen Verbesserungen der durch die Mehrheit des Reichstags beschlosse⸗ nen Novelle zu verhindern bemüht war.

Zum chinesischen Kouflikt

wird berichtet, daß sich die Kaiserin absolut weigere, sowohl selbst nach Peking zurückzu⸗ kehren, als den Kaiser dorthin zurückkehren zu lassen, und daß sie beabsichtige, eine neue Haupt⸗ stadt in Kaifongfu in Honan zu errichten. Der Grund ihres Entschlusses soll sein, daß sie glaube, man wolle ihr in Peking nur eine Falle stellen. DerSühneprinz, Tschun, kommt am 18. Juli in Schanghai an und wird am 20. Juli am Bord des DampfersBayern die Reise nach Deutschland antreten.

Sozialdemokratischer Wahlsieg in Holland.

Vorige Woche haben die Stichwahlen in Holland stattgefunden, die für unsere Ge⸗ nossen recht erfreuliche Ergebnisse lieferten. Wie wir in der vorletzten Nummer mitteilten, war in der Hauptwahl keiner unserer Genossen gewählt worden, wohl aber gelangten zehn in die Stichwahl. Von diesen gingen sieben siegreich aus der Wahlurne hervor. In zwei Wahlkreisen muß eine Nachwahl stattfinden, weil zwei Genossen doppelt gewählt sind. Die neue Kammer setzt sich folgendermaßen zusammen: 27 Liberale, 25 Katholiken, 30 Pro⸗ testanten, 7 Sozialdemokraten, 8 Demo⸗ kraten und 3 historisch Christen. Der linken Seite des Hauses gehören 42, der rechten 58 Mitglieder an. Die Liberalen unterlagen; ste verloren 13 Sitze, infolgedessen muß das liberale

dit Hat Ut

mi