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Nr. 27.
Gießen, Sonntag, den 7. Juli 1901.
8. Jahr g.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Der Krach.
Ueber die kürzlich und früher erfolgten Bankkrachs in Berlin, Dresden und Leipzig und ihre Folgen schreibt man unserem Leipziger Parteiorgan: Der große Krach im Jahre 1873 unterscheidet sich von dem gegenwärtigen inso⸗ fern, als er durch den„Milliardensegen“, die von Frankreich nach Deutschland fließende, viertausend Millionen Mark betragende Kriegs⸗ entschädigung, beschleunigt wurde. Dieser Geld⸗ zufluß erregte die Spekulationswut in höchstem Maße, dem wüsten Treiben mußte der plötzliche und allgemeine Zusammenbruch folgen. Etwas vorsichtiger sind die Bankmagnaten und Indu⸗ strieritter seitdem wohl geworden. Ein großer Krach reißt zuweilen auch sicher geglaubte In⸗ stitute in den Strudel, darum die besorgten Maßnahmen Beteiligter, zu helfen, damit die Krise nicht zu plötzlich und zu viel hinabreiße.
Vergeblich— es kracht! Und manches Opfer wird noch fallen! Die Angst davor verrät sich in den von der bürgerlichen Presse ausgehenden Warnungen vor übertriebenen Befürchtungen, vor Ueberstürzungen. Und dazu die Gerüchte von allen möglichen Hilfsaktionen!
Die Panik kann freilich das Unglück ver⸗ größern, aber über die Wahrheit kommt man mit diesen Beschwichtigungsmittelchen nicht hinweg, die übrigens auch mit darauf berechnet sind, die Fäulnis der kapitalistischen Wirtschaft zu verdecken und die Inhaber fauler Papiere zu veranlassen, sich in stumpfer Verzweiflung rupfen zu lassen. Selbst durch diese Be⸗ . hindurch erkennt man die kapitalistischen Künste der Uebervor⸗ teilung und Ausbeutung, deren Trägerin die Unehrlichkeit ist.
Wer aber zahlt die Kosten des Krachs? In erster Linie natürlich die direkt Beteiligten, die Inhaber der Wertpapiere speku⸗ lativer Unternehmungen. Darunter befindet sich eine große Anzahl kleiner Existenzen, die trotz aller Erfahrungen und Mahnungen ihre geringen Kapitalien zur Erzielung 1 Verzinsung in nicht einwandsfreien Effekten anlegten. Sie werden jetzt noch obendrein manchmal verfolgt von der Schadenfreude derer, die gar nichts besitzen und auf jeden Zinsgenuß verzichten müssen.
Aber in diesem Falle ist die Schadenfreude nicht die reinste Freude. Die Wirkungen der Krise und des Krachs machen sich gerade den Nichtbesitzenden am fühlbarsten. Bank⸗ brüche ziehen Bankrotte produktiver Unterneh⸗ mungen nach sich, wie umgekehrt verfehlte In⸗ dustriespekulationen Bankbrüche veranlassen.
Der Zusammenbruch industrieller Unter⸗ nehmungen setzt die Arbeiter auf die Straße. Ist schon durch die seit vorigen Herbst bemerkbare Stockung in der Warenpro⸗ duktion die Arbeitslosigkeit stark hervorgetreten, so wird ste durch den Krach, der in Sachsen zuerst ausbricht, erhöht. Weitere Beschränkungen der Produktion ist deren Folge— denn wo sollen die Waren Absatz finden, die von den Arbeitslosen nicht gekauft werden können? Und so wütet die Krise, sich selbst verschärfend, immer verheerender.
Haben unter solchen Umständen besitzlose Leute Anlaß, schadenfroh zu lachen über Bank⸗
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rott oder Bankbruch? Ihr eigenes Elend wird durch derartige Katastrophen besiegelt. Gewiß — Schmach über betrügerische Spekulanten und Bankrotteure! Aber das System ist es, das solche Auswüchse hervorbringen muß.
Die Uebervorteilung, die Gewinn⸗ macherei zum System erhoben, muß in der Gesellschaft, die sich darauf stützt, moralische Verwirrung und Abstumpfung erzeugen. Dieser Defekt ist der bürgerlich⸗kapftalistischen Gesell⸗ schaft eigen. Wer achtet wohl darauf, so lange nicht Excesse dies besonders in die Augen sprin⸗ gend beweisen? Dann, ja dann, wenn ein größeres Unheil entsteht, macht sich wohl der Unwille über die Schandwirtschaft Luft, aber er wütet in der Regel nur gegen die Missethäter, die gar zu gewagte Ritte ins Gebiet der kapi⸗ talistischen Spekulation machten und durch ihre Manipulationen eine Anzahl Existenzen dem Ruin preisgeben. Daß die Hauptschuld dem System zuzuschreiben ist, das es gestattet, auf Kosten seiner Mitmenschen sich mühe⸗ los zu bereichern, daran denken im Zorn die wenigsten.
Gerade die Krise mit all ihren Folgen muß uns jedoch die Schädlichkeit der jetzt betriebenen Wirtschaftsweise lehren. Und der Erxkenntnis muß der Wille zur Beseitigung des Scha⸗ dens und der immer drohenden Gefahr folgen, soll die Menschheit nicht— wie es allerdings die Verteidiger der kapitalistischen Wirtschaft wollen— in blöder Ergebenheit all den Jammer dauernd über sich ergehen lassen, der das Leben der werkthätigen Klassen begleitet.
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Possierlich anzusehen ist angesichts dieser Vorgänge das Verhalten der patentierten Mit⸗ telstandsretter und ihrer Presse. Ja, wenn die Leiter der verkrachten Banken Juden ge⸗ wesen wären, welch' eine schöne Gelegenheit eine lustige Hatz zu inszenteren! So aber waren die Bankräuber biedere Deutsche und fromme Christen; deshalb begnügt sich das Offenbacher Antisemitenblatt damit, den„Giftbaum der Börse“ für diese Krankheitserscheinungen am wirtschaftlichen Körper verantwortlich zu machen. Das ist natürlich thöricht. Die Börse ist ein notwendiger Bestandteil des kapitalistischen Systems, der heutigen„Ordnung“, die zu schützen und zu verewigen ja auch die antisemi⸗ tischen Mittelstandspolitiker für ihre vornehmste Aufgabe halten. Dann verrät das erwähnte Blatt auch wenig Mitgefühl mit den Geschädigten, wenn es schreibt:
„es muß noch besser kommen. Wir sind
nach wie vor der Meinung, daß nur ein
ganz gründlicher Krach, so bedauerlich er
sonst ist, unser irregeleitetes Volk wieder
auf den rechten Weg zurückführen kann.“ Vorher hat es aber selbst erklärt, daß die Ge⸗ rupften sich vorwiegend aus den Kreisen des Mittelstandes rekrutieren, was Thatsache ist und auch aus obigen Ausführungen unseres Leipziger Parteiorgans hervorgeht. Zu wün⸗ schen, daß der Krach noch mehr um stch greife, also noch mehr kleine Existenzen dem Großkapital geopfert würden, das ist doch höchst unchristlich und zeugt von wenig Solidarität des Antisemitenblattes gegenüber seinen Parteigenossen.— Sehr einverstanden
sind wir jedoch mit der„Volkswacht“, wenn
sie angesichts des Umstandes, daß im Aufsichts⸗ rate der Kasseler Trebertrocknungsgesellschaft, — jene verdächtige Firma, die den Zusam⸗ menbruch der Leipziger Bank verschuldet—, sich 3 Rittergutsbesitzer befinden, den Bauern⸗ stand warnt, sich der Führung der Großgrund⸗ besitzer nicht zu sehr anzuvertrauen. Sie sollte diese Warnung auch bei der Agitation für die Getreidezölle ergehen lassen, wo die für den Brotwucher eintretenden Kleinbauern auch nur die Geschäfte der Großen besorgen.
Politische Rundschau.
Gießen, den 4. Juli. Herr Köhler, der Revolutionär.
Der Abgeorduete für Gießen, Bürgermeister Köhler⸗-Langsdorf hat beim Hess. Landtage ein Anfrage eingebracht, wegen der gerade in die Ernte fallenden Landwehrübungen. In der Begründung sagt Herr Köhler:
So werden denn jetzt, mitten drin in der Getreideernte, am 18. Juli bis 2. August, im Großherzogtum die Land wehr⸗ männer des ältesten Jahrgangs zur Uebung eingezogen sein. Kein anderer tritt derweilen daheim an ihre Stelle, denn wer möchte zu heutiger Zeit, da der Zude Ballin noch immer nicht an seiner richtigen Stelle steht, noch Bauernarbeit thun? So mag denn ruhig das Getreide der Landwehrmänner daheim verfaulen, denn Parademarsch⸗ und Honneurs⸗ Uebengeht solch einer untergeordneten u.stören⸗ den Sache, als es eine Getreideernte im Handels⸗ staate Ballins des Juden ist, entschieden vor und wurde die Ehefrau des Landwehrmannes für die verlorene Ernte nicht doch auch reichlich entschädigt?— Man frage nur die zuständigen, von unseren hochgelehrten sozialpolitischen Professoren herangebildeten Behörden!— O Ja! Denn sie erhält ja nicht nur einen Steuer⸗ nachlaß, sondern sogar noch den ortsüblichen Tagelohn! Ist das nicht genügend für eine verlorene Ernte?—— Doch genug! Die Belästigungen des Bauernstand es nehmen auch noch einmal ein Ende, aber kein gutes. Wenn endlich das Maß voll ist, dann läuft's über. Und diese Zeit ist gar nicht mehr so weit, als sich die Herren in Berlin denken mögen: trotz aller großen Sprüche, trotz Bajonetten, Pulver, Kartätschen und Säbel!— Es ist heute die schwerste Verpflichtung der einzelnen Bundes⸗ Regierungen geworden, mit klarem Blick die Dinge, wie sie gegenwärtig im Reiche wirr durcheinander kreuzen, genau zu durchschauen und ihrem irrsinnigen Treiben gemein⸗ schaftlich mit fester und zielbewußter Hand ein Ende zu machen, ehe es gänzlich zu spät geworden ist.—
Ein Stück von diesem Treiben ist der
Militarismus, der in keinerlei Weise Rücksicht auf die Leistungs⸗ fähigkeit und die Interessen des Volkes nimmt. Ein Beispiel hierzu bieten wieder die diesjährigen Landwehrübungen.
Es ist recht erfreulich, daß Herr Köhler endlich die Gemeinschädlichkeit des Militarismus


