Ausgabe 
6.10.1901
 
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Sei ie 4.

Mittel deussche Sountags⸗Zeilung.

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Nr. 40.

Von Nah und Lern. Hessisches.

Amtliche Erhebungen über die wirtschaftliche Lage. Die Hessischen Handelskammern sind von den oberen Ver⸗ waltungsbehörden ersucht worden, Erhebungen über die von seiten der Kammern gemachten Wahrnehmungen über die gegenwärtige Lage des Arbeiterstandes und der Industrie zu veranstalten, und zwar insbe⸗ sondere über die Lage des Arbeitsmarktes, Produktions⸗ und Arbeiterverhältnisse und Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung.

Parlamentarisches aus Hessen. Bei der zweiten Kammer sind eine Reihe Anträge und Interpellationen angebracht worden. Abg. Backes beantragt, die Regierung möge einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Ausbildung der israelitischen Religionslehrer, deren Anstellung und Besoldung zeikgemäß regelt. Der Abg. Köhler⸗-Langsdorf beantragt die Umgestaltung der ländlichen Fortbildungsschulen in Ackerbau⸗ Vorschulen. Abg. Berthold hat wegen der strittigen Frage des zwischen der Großh. Domanialberwaltung und der Gemeinde Nau⸗ heim geplanten Waldtausches eine Inter⸗ pellation an die Regierung gerichtet. Der Landtagsabg. Schubart(Natl.) ist am Freitag in Frankfurt infolge eines Schlagaufalles plötzlich verschieden. Der Verstorbene vertrat den Wahl⸗ kreis Hirschhorn⸗Beerfelden⸗ Wimpfen und ist dieser in derselben Legislaturperiode zum dritten Male vor eine Neuwahl gestellt.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Stadtverordnetenwahl! Weil vielfach über die Wahlberechtigung zur Stadt⸗ vertretung noch Zweifel herrschen, sei Folgen⸗ des mitgeteilt: Wahlberechtigt sind:

1. alle Ortsbürger;

2. alle männlichen Einwohner, welche seit mindestens zwei Jahren den Unterstützungs⸗ wohnsitz erworben haben, d. h. also vier Jahre in Gießen wohnen;

seit spätestens 1. April 1900 ab zur Steuer herangezogen wurden;

am Wahltag das vierte Ziel der Kommunalsteuer bezahlt und

am Wahltage das 25. Lebensjahr erreicht haben.

Deshalb zahle jeder seine Steuer! 175 Steuerreste hat, verliert sein Wahl- recht!

Schweinburgerei im Amtsblatt. DerGießener Anzeiger, dem wir in letzter Zeit mehrmals Anständigkeit gegenüber der Arbeiterbewegung nachrühmen konnten, scheint neuerdings die Arbeiterbewegung durch die Brille eines Polizeisergeanten zu betrachten. In einem längeren Artikel über den Glas⸗ arbeiterstretk leistet er sich folgende ebenso plumpe als niederträchtige Hetzerei:

Die Hauptmacher im Streik, die durch ihre unter⸗ geordneten Hetzer die Arbeiter zum Aufgeben der Arbeit zwangen, sind schön heraus; sie hatten eine Budike, die namentlich während des Streiks ganz vorzüglich gegangen sein soll. Es ist eine alte Er⸗ fahrung, daß die Einzigen, die beim Streik große Geschäfte machen, die Hauptagkttatoren mit ihrer Budike sind.

Da behauptet das Amtsblatt Unwahres wider besseres Wissen. Allerdings waren diese Verdächtigungen als von demBerliner Korre⸗ spondent stammend bezeichnet und zweifellos ist das so ein Schmock, der für die gewerbs⸗ mäßige Verleumdung der Arbeiter vom Unter⸗ nehmertum gut bezahlt wird; aber der An⸗ zeiger mußte wissen denn er nahm selbst Notiz davon daß die Glasarbeiter durch Urabstimmung mit großer Mehrheit den General⸗Streik beschlossen, sowie daß vor dem

Streik die Verbandsleiter Girbig und Horn sich alle Mühe gaben, eine Verständigung zu erzielen, wozu es aber die Unternehmerprotzen nicht kommen ließen. Tausende von Arbeitern zum Streik zwingen! Welcher Blödsinn! Solche Verrücktheiten können nur im Hirn eines geistig unhellbar Kranken oder eines ausge⸗ machten Schuftes geboren werden. Und wo

mögen denn die Hauptagitatoren ihreBudike

haben?! Die Leser sollten ob der Zumutung, das zu glauben, Klage erheben!

Die Umstürzler an der Arbeit. Keine Privilegien sind denRoten heilig. Jetzt fahren sie sogar I. Klasse in der Eisen⸗ bahn, wie dieHamburger Nachrichten der Welt verkünden und sämtliche Amtsblätter fein säuberlich nachdrucken. Man denke: in der J. Klasse, worin zu fahren sonst das Vorrecht liberaler Kommerzienräte und ähnlicher für die Welt nützlicher Elemente ist, sitzen leibhaftig der Singer und der Bebel! Nicht genug, daß Frau Liebknecht ein seidenes Kleid besaß, nein, jetzt wird die Frivolität sogar bis zur I. Klasse getrieben. So sinnen die Umstürzler immer auf neue Wege und Schliche dasB estehende umzukrempeln und die heilige, segens⸗ reiche Ordnung zu stören.

DemGießener Anzeiger wollen wir im Vertrauen verraten, daß hier in der guten Stadt Gießen noch Schlimmeres passterte. Ein hiesiger Sozialdemokrat hat neulich im Hotel Großherzog bei einem Schöppchen Moselwein gesessen; eine ganze Anzahl soll so⸗ gar Hosen anhaben, die nicht zerrissen sind; sozialdemokratische Kinder sollen sogar manchmal pure ungewässerte Milch zu trinken bekommen. Solcher Greuelthaten sind uns noch einige bekannt!

Möge unser Amtsblatt ein wachsames Auge auf solchen Umsturz haben und möge es mit⸗ helfen zu verhüten, daß die s ozialdemokra⸗ tischen Agitatoren nicht ein allzu reichliches Schlemmerleben mit denArbeiter⸗ groschen führen. Sie gehören in die vierte Klasse und damit punktum.

Protestversammlung gegen den Brot⸗ wucher. Eine vom Freifinnigen Verein einberufene Versammlung, in der Reichstagsabgeordneter Ko psch überZolltarif und Handelsverträge sprechen sollte, tagte Mittwoch Abend in Steins Saale. Der Besuch ließ zu wünschen übrig, auch unsere Genossen waren nur in geringer Anzahl erschienen. An Stelle des angekündigten Referenten sprach Abg. Dr. Gold⸗ schmidt über dasselbe Thema. In sehr klaren und überzeugenden Ausführungen wies er auf die ungeheuren wirtschaftlichen Schäden hin, die dem Volke durch den Zolltarif, wenn er Gesetz würde, geschlagen werden. Das Volk müsse sich einmütig gegen die agrarische Wucherpolitik erheben. Genosse Vetters konnte sich mit den Ausführungen des Referenten durchaus einver⸗ standen erklären und erkannte besonders an, daß Herr Goldschmidt hervorragendes Verständnis für die Lage der arbeitenden Klassen gezeigt und die Hebung derselben im Interesse der Kultur als notwendig bezeichnet habe. Nur bedauerte er, daß die Freisinnigen den Kampf gegen die Junker in der Praxis nicht mit der nötigen Energie führen, im Wahlkreise Memel⸗Heydekrug hätten fie das Mandat dem Agrarier ausgeliefert. Dr. Gol d⸗ schmidt antwortete, daran sei die ungehörige Kampfes⸗ weise der Sozialdemokraten schuld gewesen. Vetters be⸗ merkte darauf, daß 1898 in vielen Wahlkreisen, auch in dem Gießener so wie in Memel von den Frei⸗ sinnigen verfahren worden sei. Schließlich wurde eine gegen den Zolltarif gerichtete Resolution gegen wenige Stimmen angenommen.

r. In einer Buchdruckerversammlung, die am Mittwoch im Vereinslokale bei Anwesenheit aller hiefigen Verbands⸗Mitglieder tagte, berichtete der Ge⸗ hilfenvertreter des 3. Tarifkreises C. Dominé⸗Frank⸗ furt über die in Berlin gepflogenen Verhandlungen des Tarif⸗Ausschusses. Er besprach eingehend alle geänderten Tarifpositionen; erwähnt davon sei, daß mit dem In⸗ krafttreten des geänderten Tarifs(1. Januar 1902) das Berechnen an den Setzmaschinen abge⸗ schafft wird. Ferner beträgt von da ab das Mini⸗ mum ausschließlich Lokalzuschlag für unter 21 Jahre alte Gehilfen 21 Mk., solche von 2128 Jahr 22 Mk. und für über 28 Jahre alte 22.50 Mk. Einen großen Fortschritt bedeutet ferner die Einführung der parit ä⸗ tischen Arbeits nachweise, die in allen 9 Kreisen an Stelle der jetzt bestehenden Arbeitsnachweisen der Arbeitgeber uud nehmer treten. Dadurch wird das Koalitionsrecht der Buchdrucker gewahrt. An die Ausführungen des Referenlen, dem der Dank fuuͤr seine Thätigkeit ausgesprochen wurde, schloß sich eine kleine Debatte, in der für und gegen Rexhäuser gesprochen und Domine Aufklärung über das an den Reichskanzler und an Posadowsky gesandte Telegramm gab. Darauf wurde eine Resolution angenommen, worin fich die Versamm⸗ lung mit den Ergebnissen der Verhandlungen einverstanden erklͤrt, aber erwartet, daß der Lokalzuschlag entsprechend der Teuerungsverhältnisse erhöht werde und verspricht für die Durchführung der Abmachungen zu wirken. Hierauf ging man zumgemütlichen Teil über.

Aus dem Rreise gießen. 1

Zur Heuchelheimer Gemeinderats wahl. Herr Beigeordneter Volkmann. Heuchelheim sendet uns durch seinen Rechts anwalt in Bezug auf die Notiz aus Heuchel heim in voriger Nummer folgende Erklärung; 0

Ich bin der einzige Beigeordnete in Heuche!

heim und mit dem Arbeiter B. scheint den 0

Wasenmeister Wilh. Becker gemeint zu seln

Ich habe nun bestimmt zu erklären, daß

ich irgend eine Wahlbeeinflussung nicht ve

sucht habe, auch nicht die in Nr. 39 daf

Sonntagszeitung erwähnte. Wilhelm Becher

mit dem ich seit Monaten nicht gesprochen

habe, wird dies selbst bestätigen, wie er auch bereits bei der Vernehmung durch da

Herrn Bürgermeister anerkannt hat. Demgegenüber ist zu bemerken, daß thatsächlih der Wasenmeister die Erzählung von der au geblichen Aeußerung des Beigeordneten an ver schiedenen Stellen genau in der Weise, wi es von uns wiedergegeben wurde, vorgetragen hat. Das giebt er auch selbst zu; nur b. hauptet er jetzt, er habe damals die Unwahrhel gesagt, in Wirklichkeit habe der Beigeordnes jene Aeußerung nicht gethan. So unwah scheinlich das nun klingt, so müssen wir dot nach Lage der Sache Herrn Volkmann glaube und den in der beregten Nottz enthaltenen Von wurf zurücknehmen. Unser Gewährsmann ven fuhr ganz gewissenhaft; er konnte nicht annehmen daß die im ganzen Orte erzählte Geschicht einfach aus der Luft gegriffen war.

Wiesecker Parteigenossen. Seid all zur Gemeinderatswahl, die Samstag den 5. Oktober nachm. von 47 stattfinden auf dem Posten! Geht Mann für Mann zu alt damit unseren Kandidaten der Sig zufällt!

Gemeinderatswahl in Watzenbort Steinberg!. Arbeiter! Di Wahlstunden sind am Samstag den 5. Oktob e auf 5½8 Uhr festgesetzt. Versäume keine seine Stimme abzugeben.

aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.

n. Eine öffentliche Volksversamm lung sollte am Sonntag im LokaleZun Hirschgraben stattfinden, Genosse Vetter! aus Gießen sollte das Kommunalprogramm e hessischen Sozialdemokratie erläutern. Die Ven. sammlung wurde aber vereitelt, weil der Win des genannten Lokales dasselbe verweigerte Was den tapferen Bürger dazu bewogen hal seine noch am Tage vorher bestimmt gegeben Zusage kurz vor der Versammlung zurückzuziehen konnte noch nicht festgestellt werden. Jedenfalé hat ihm irgend Jemand etwas von Umstürzlern in die Ohren geplauscht und dann bekam er A mit der Angst zu thun. Unter den Angehörigu des ehrsamen Gewerbes der Gastwirte giebt eine große Anzahl, die um Alles in der We! nichtoben anstoßen möchten und wenn ähnliches befürchten, kriechen sie vor Angst dur Schlüsselloch, womöglich passiert ihnen nos etwas anderes, menschliches. Fürchterlic 0 schrecklich wäre es gewesen, wenn schließlich da Ferscht davon gehört hätte, daß eine Le, sammlung stattgefunden, in der ein f 2 2 0 demokrat gesprochen, um die getreuen Einwo un aufzuwiegeln! i a 1

Wir können aber leider den biedern Bürgen 0 den Gefallen nicht thun, auf unsere Versamm 1 lung zu verzichten; ste wird trotzdem abgehalta 4

werden und zwar schon kommenden Sonnta

Schrecklicher Tod eines Taucher Vorigen Samstag hat sich in der Eisenerzgru 3 bei Oberroßbach ein schwerer und ebenso une klärlicher Unglücksfall ereignet. Dort war en Taucher aus Bochum in den ersoffenen Schal hinabgelassen worden, um Abhülfe zu schase, Als man ihn nach längerer Zeit wieder 12 90 age wollte, stellte sich heraus, daß 0

a8 Seil als der Luftschlauch gerissen und e mit der Unglückliche in der Tiefe ertrun 1 war. Auffallen muß, daß die Leute,* 0 den Verunglückten hinunter ließen, den Bun ö des Seiles nicht bemerkten, ebenso dürste lebte kaum auf seine Festigkeit geprüft worden 10 1 Genaue Untersuchung des traurigen Falles wür

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