Ausgabe 
6.10.1901
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 40.

wirklich nicht zu den Unbedeutendsten unter uns. Das Schlimmste ist, daß Bernstein sich so unklar auszudrücken beliebt. Es ist mit ihm eine Diskussion fast unmöglich geworden, in so krausen, verschlungenen Gedankengängen bewegt er sich jetzt immer. Bernstein und ich kennen uns seit 31 Jahren. Ich weiß, daß die Umgebung auf Bernstein mehr als auf andere Leute einen starken Einfluß ausübt und in den Jahren seines unfreiwilligen Aufenthaltes in England hat fich bei ihm eine gehörige Umwälzung vollzogen. Früher hatten wir nur einen unter uns, den die Gegner lobten, jetzt haben wir leider beinahe ein halbes Dutzend hervorragender Genossen, die dies unverdiente Lob der bürgerlichen Presse bet jeder Gelegenheit erhalten. Ein Eingehen Bernsteins auf die Lobhudeleien der Gegner hätte ich sehr gewünscht. Haben wir es nicht als einen Geniestreich Bülows bezeichnen hören, daß er Bernstein die Rückkehr ermöglicht hat? Haben die Blätter der Gegner nicht geschrieben: Es könnte uns gar nichts Schlimmeres passieren, als Bern⸗ steins Rückkehr nach Deutschland? Bernstein kann gewiß nichts dafür. Die Stimmen sind uns charakteristisch für den Gedankengang der Leute. Wir sind eine Partei des Kampfes, aber auch eine theoretisierende Partei, die fortwährend die Grundlagen, auf denen sie steht, prüfen muß. Ich bin deshalb auch kein Gegner der Revision des Programms. Sie kann gar nicht mehr lange aufgeschoben werden. Spätestens auf dem nächsten Parteitag werden wir eine Kommission niedersetzen müssen, die sich damit beschäftigt. Ich be⸗ haupte, das ganze Auftreten Bernsteins hätte nicht den Erfolg gehabt, wenn wir uns nicht damals in einer Prosperitäts⸗Periode befunden hätten, für eine ganze Anzahl von Genossen, Parlamentarier, Redakteure und auch zahlreiche Gewerkschaftsführer hing der Himmel damals voller Geigen. Nun aber ist die Krisis gekommen. Das ist gewiß tief zu bedauern mit Rücksicht auf das entsetzliche Elend, das damit über Millionen unserer Arbeiter gekommen ist. Aber für unsere Partei war es geradezu eine rettende That, denn die Krise hat wie mit elektrischer Beleuchtung gezeigt, wie es in der That um unsere bürgerliche Gesellschaft bestellt ist. Wäre die Krise vor zwei Jahren gekommen, das Bernstein'sche Buch wäre nicht erschienen. Nehmen Sie die von uns vorgeschlagene Resolution an. Sie enthält kein Bernstein beleidigendes Urteil, sie konstatiert einfach nackte Thatsachen, wie sie in den letzten Jahren sich zugetragen haben und spricht die Hoffnung aus, daß Bernstein zu der Ueberzeugung kommen wird, daß er manchen Fehlschritt in der letzten Zeit gethan hat, und daß er wieder auf den alten Weg zurückkommen wird, wo wir ihn mit Freuden als den unsern im vollsten und ganzen Sinne des Wortes begrüßen werden.

Es folgen hierauf eine lange Reihe persön⸗ licher Bemerkungen. Mittwoch wird die Debatte ortgesetzt. Daran beteiligen sich noch u. a.

autert⸗Apolda, Stadthagen und Bern stein. Die Resolution Bebels wird hierauf mit 203 gegen 31 Stimmen angenommen. Darauf wird die öffentliche Diskussion über die Presse fortgesetzt. Dazu sprechen noch Thiele⸗ Halle, Ehrhardt ⸗Ludwigshafen, Südekum und Richard Fischer. Spät Nachmittags beginnt die Verhandlung über die Akkordmaurerangelegenheit. Bömel⸗ burg⸗Hamburg referiert hierzu, Auer ist Korreferent. Dieser begann seine zweistündige Rede erst /:6 Uhr abends. Am andern Tage (Donnerstag) sprachen in der Diskussion u. a. Elm, Legen, Hoch, Quarck, Bernstein ꝛc. Auf diese Verhandlung kommen wir noch aus⸗ führlich zurück.

Den Bericht über die parlamentarische Thätigkeit erstattete Abg. Wurm, der sich kurz fassen konnte, weil ja ein eingehender Bericht gedruckt vorliegt. Er besprach zunächst den Antrag auf Einführung des zehnstün⸗ digen Maximalarbeitstages. Dies sei von Genossen getadelt worden. Wir verlangen darin aber nur die vorläufige Einführung des zehn⸗ stündigen Arbeitstags, um dann den Achtstundentag durchzusetzen. Wir wollen nicht den bürgerlichen Parteien goldene Brücken bauen, sondern vielmehr die Heuchelei ihrer Sozialreform entlarven. Es ist ein Irrtum, wenn man meint, das Zentrum komme uns sogar zuvor, indem es einen Antrag auf eine dreiundsechzigstündige Maximalarbeitszeit pro Woche eingebracht habe. Diesen Antrag vertrat nur eine Minorität des Zentrums unter Pro⸗ fessor Hitze, um ihre angebliche Arbeiterfreund⸗ lichkeit zu beweisen. Herr Hitze hat selbst im Reichstag erklärt:Ich für meine Person halte den zehnstündigen Maximalarbeitstag heute für ganz gut durchführbar und gleich

darauf vertrat sein Fraktionsgenosse Frhr. v. Hertling einen ganz entgegengesetzten Stand⸗ punkt. Ferner behandelt Redner die Frage der Budget bewilligung in den Landtagen, die von den badischen Genossen, besonders von Fendrich aufgerollt worden ist. Dessen Ansicht, daß man nur daun das Gesamtbudget im Landtage verweigern solle, wenn Ausnahme⸗ gesetze bestehen, kann er nicht zustimmen. Also nur, wenn man uns mit der Hundepeitsche kommt, sollen wir nicht bewilligen! Ich muß sagen, die badische Regierung hat da mehr Charakter gezeigt, als der budgetbewilligende Genosse. Daß Ausnahmefälle vorkommen können, wo das Budget einmal bewilligt werden kann, geben wir zu. Solche Fälle hat auch Bebel in seiner Resolution über die Budgetfrage be⸗ rücksichtigt. In Hessen ist einmal solch ein Fall vorgekommen. Dort besteht nur für den Landtag das een e ee und die Genossen haben einmal das Budget bewilligt, um ein schlechteres Budget zu verhindern. Für das Linsengericht kleiner Reformen können wir nicht das Erstgeburtsrecht der Demokratie ver⸗ kaufen. Wir wollen die Wähler nicht einfangen, sondern mit offenem Visir kämpfen. Wir sind revolutionär, wie wir revolutionär waren und wir werden nicht mehr sein, wenn wir das nicht mehr sind. Wir prostituieren uns nicht. Ich schließe mit der Versicherung, daß wir auf der bisher beschrittenen Bahn weiterschreiten werden. Sie führt zum Siege.(Beifall.)

An die Ausführungen Wurms schloß sich eine ziemlich lebhafte Debatte, in der nament⸗ lich Bebel das Verhalteu der badischen Land⸗ tagsabgeordneten in der Frage der Budget⸗ bewilligung kritisierte, während Fendrich⸗ Karlsruhe ihre Haltung zu verteidigen suchte. Eine Resolution von Bebel gelangt zur An⸗ nahme, in welcher den soz. Abgeordneten in den Landtagen aufgegeben wird, gegen das Gesamtbudget zu stimmen und nur aus beson⸗ ders zwingenden Gründen soll. werden. Dann folgt das Referat Bebels über Zolltarif und Handelsverträge. Die hier beschlossene Resolution haben wir an anderer Stelle mitgeteilt, leider können wir die trefflichen Ausführungen Bebels wegen Raum⸗ mangels nicht wiedergeben. Zur Maifeier spricht Metzner⸗Berlin; es wird eine ähnlich lautende Resolution wie im Vorjahre beschlossen. Dann folgt ein sachkundiges und tief durch⸗ dachtes Referat des Abg. Südekum über die Wohnungsfrage, auf dessen Wiedergabe wir ebenfalls verzichten müssen. Dann kommen noch Anträge zur Verhandlung, welche fich auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages beziehen. DieAlkoholfrage auf die nächste Tagesordnung zu setzen wird abgelehnt; dagegen auf Antrag Molkenbuhrs beschlossen,Par⸗ tei und Arbeiter⸗Versicherung das nächste Mal zu verhandeln. Die Wahl des Partei⸗ vorstandes hat die Wiederwahl aller Mit- glieder des alten ergeben. Der nächste Partei⸗ tag wird in München abgehalten. Singer schließt hierauf nach einer herzlichen Ansprache den Parteitag mit einem Wen en Hoch auf die internationale Sazialdemokratie.

Zum Kampfe gegen den

Brotwucher.

Zur Zollpolitik nahm der Lübecker Parteitag in einer einstimmig angenommenen Resolution Stellung, die Genosse Bebel nach einem ausgezeichneten Referat über diese Frage vorschlug. Die Resolution lautet:

Der vorliegende Zolltarifentwurf übertrifft nach jeder Richtung die schlimmsten Befürchtungen, die nach seiner Vorgeschichte und den Antecedenzien seiner Väter gehegt werden konnten.

Durch diesen Tarifentwurf werden, wenn derselbe Gesetz wird, die Lebensinteressen der ungeheuren Volks⸗ mehrheit aufs tötlichste verletzt, wo hingegen durch den⸗ selben die Klasseninteressen des Agrariertums und der mit diesem verbündeten Großbourgeoisie in der maß⸗ losesten und schamlosesten Weise begünstigt werden.

Der Entwurf, wenn verwirklicht, bedeutet den uner⸗ hörtesten Brot- und Lebensmittelwucher, die zunehmende Verarmung und Aushungerung der arbeitenden Klasse

und ihre Unterjochung unter den Agrar⸗ und Industrie⸗

feudalismus; er bedingt ferner mit Notwendigkeit die Verfeindung Deutschlands mit allen Kulturnationen und

seine wirtschaftliche und politische Isolierung. Der Entwurf ist mit einem Wort das volks⸗ und kulturfeindlichste Machwerk, das man einer zivilisierten

Nation zumuten kann; er beweist, daß seine Urheber

nicht nur die größten Feinde der Arbeiterklasse, sonderm auch die schlimmsten Schädiger der politischen und wirt⸗ schaftlichen Interessen Deutschlands find.

Der Parteitag der dentschen Sozialdemokratie pro⸗ testiert mit dem größten Nachdruck gegen diesen vom brutalsten Agrar⸗ und Großunternehmerinteresse diktierten Tarifentwurf; er richtet an die gesamte deutsche Arbeiter klasse ohne Unterschied der Partei und des Geschlechts die Aufforderung, sich immer wieder durch Resolutionen in Versammlungen und Petitionen an den Reichstag in der unzweideutigsten und schärfsten Weise gegen diesen Entwurf auszusprechen,

Insbesondere sollten auch die der Arbeiterklasse an⸗ gehörigen Wähler den von ihnen in den Reichstag Ge⸗ wählten keinen Zweifel darüber lassen, daß ein Abge⸗ ordneter, der diesem oder einem ähnlichen Zolltarifent⸗ wurf seine Zustimmung giebt, ein Verräter am arbel⸗

tenden Volke und unwürdig ist, sein Vertreter zu sein **

*. Pommersche Bauern gegen die Ge⸗ Wie norddeutsche Blätter be⸗ richten, fanden in der letzten Zeit in rein

treidezölle.

bäuerlichen Ortschaften des pommerschen

Kreises Köslin zahlreiche e statt, in denen Redakteur Brandt⸗Berlin überHandelsverträge und Landwirtschaft hielt.

1 ö

Diese Versammlungen waren für ländliche Ver⸗

hältnisse zum Teil ganz bedeutende Kundgebungen. In dem Dorfe Thunow waren über 100, in Schwessin gegen 200, in Kordeshagen weit über 300 Landbewohner erschienen, alle ohne Aus⸗ nahme Bauern, kleine Besitzer und Eigentümer, teilweise auch ländliche Handwerker und Arbeiter. In sämtlichen Versammlungen wurden ohne Ausnahme und überwiegend ohne Widersprüche Beschlüsse gefaßt, die sich im Allgemeinen gegen

denBund der Landwirte richteten und sich

ganz entschieden gegen jede Erhöhung der Zölle auf Getreide und Futter⸗ mittel aussprachen.Hohe Zölle, so heißt es in den Beschlüssen,belasten und schädigen den allergrößten Teil des Volkes, die armen und minder bemittelten Leute, auf's Schwerste, und besonders auch die große Mehrzahl der Landwirte, für die billige Futtermittel und eine gute Verwertung ihres Viehes das Wichtigste ist. Daraus kann man ersehen, was es mit dem Geschrei der Agrarier,

die Zollerhöhung im Interesse der kleinen Bauern läge, auf sich hat.

Politische Rundschau.

Gießen, den 4. Oktober. Verbrauchte Offiziere.

Nicht weniger als 120 Offiziere sind

im eben abgelaufenen Vierteljahr penstoniert worden. Seit 15. August beträgt die Zahl der Verbrauchten nicht weniger als 70, waß dem deutschen Volke nicht weniger als 265000 Mark auf das Jahr berechnet, kostet. Dabe erfreuen sich die meisten der Pensionierten einen solchen Rüstigkeit, daß die Aussicht für sie be, teht, viele Jahre lung die Pension zu genießen,

it ihren früher entlassenen Kameraden bilden 15 schon ein sehr stattliches Heer, das sich im

ilitäretat recht sehr bemerkbar macht. Und

die Penstonierten selbst machen den Zivilisten

in allen Berufen Konkurrenz.

Ein zweites Gumbinnen!

Von einer Meuterei auf dem Kriegsschif Gazelle wurde in den letzten Tagen berichtet Die Mannschaften verübten noch vor

anz Ztg. aus Mißmut an den Ausrüftungs

5 Zerstörungen. Es wurden übe: ord geworfen zwei Schulterstangen, zwe Schlagbolzen, ein Abzugstock und eine Kurbe

der Maschinenkanone, ein Kutterläufer und zwe

Manilatrossen sind zerschnitten. An den Wänder war geschrieben:Fort mit Leo! undWenn das so weiter geht, kommt ein zweit!

Fall Krosigt. Auf der Reede von Danz it

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