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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 18..
hielt ein in der Fabrik durch die Beschäftigung mit Aetzkali schwer Erkrankter, der wochenlang in einem Frankfurter Krankenhause lag, seine Kündigung in schroffster Weise, mit elf brief⸗ lichen Worten, ein paar Tage vor seinem Tode! Gewisse Abteilungen des Betriebes hießen bei den Arbeitern„Schlachthaus“, und wer sich dort zur Beschäftigung meldete, war, wie die Frankfurter städtische Arbeitsvermittelung be⸗ stätigen wird, in äußerster Arbeitsnot; sonst mied er diese„Arbeits gelegenheit“. Unser „Arbeiterschutz“ im Reiche christlicher Sozial⸗ reform, unsere Gewerbeinspektion und unsere Gesundheitspolizei stand solchen Zustäuden ohnmächtig gegenüber. Es wird auch einer der interessantesten Punkte der gerichtlichen Untersuchung sein, festzustellen, ob die Fabrik in solcher Nähe menschlicher Woh⸗ nungen das Recht hatte, so gefährliche Betriebe zu haben, ob sie sich das Recht dazu nahm oder ob sie es wagen durfte, wegen sträflicher Nachsicht oder Unachtsamkeit der Auf⸗ sichtsbehörden.“ 4
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Ueber die Entstehung des Brandes wurde berichtet:
Kurz vor der Vesperpause, also vor halb vier, begann es in dem Fabrikgebäude zu brennen, in welchem die Pikrinsäure hergestellt wird. Auch andere Rohstoffe rauchlosen Pulvers, Bi⸗ und Tri⸗Nitron z. B., werden dort fabri⸗ ziert. Während das Feuer um sich griff, be⸗ gann die Pause. Statt die Arbeiter auf die Gefahr aufmerksam zu machen und sie zum Verlassen der Fabrik zu veranlassen, ließ man sie unaufgekärt. Die Leute gingen zum Speise⸗ haus der Fabrik, während die Beamten, Kauf⸗ leute oder Chemiker in den nicht gefährdeten Gebäuden ruhig weiter arbeiteten. Die Fabrik besitzt eine eigene Feuerwehr; diese suchte dem Feuer in dem brennenden Gebäude von der Hinter⸗ front aus Einhalt zu thun; nun soll Professor Lepsius den Löschmannschaften befohlen haben, schnell das Feld zu räumen, da eine Explosion zu befürchten sei. Während sich die Feuerwehr⸗ leute und die zuschauenden Arbeiter Hals über Kopf zu retten suchten, erfolgte die furchtbare Detonation. Unter unbeschreiblich heftigem Luft⸗ druck wurde die Säure nach allen Seiten hin geschleudert, Gebäude stürzten ein und begruben die Löschmannschaften, die in ihrer Nähe die gefährliche Arbeit thaten und die nun mit dem Tode ihren kühnen Opfermut zu büßen hatten. Die Katastrophe war von furchtbarer Gewalt. Ein Augenzeuge schildert, daß im Umkreis des Gebäudes völlige Dunkelheit eingetreten sei, Qualm, Staub, zertrümmertes Fachwerk schlugen in einer gewaltigen Wolke, mit Flammen untermischt, nach allen Seiten.
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Die Folgen der Explosion waren furchtbare. Nur wenige Fensterscheiben im Orte waren ganz geblieben. Die öden, von Menschen verlassenen Straßen waren mit Glas⸗ scherben, Fenstertrümmern und sonstigen, durch die Explosion hingeschleuderten Gegenstäuden bedeckt. Je näher man dem Ort des Unglücks kam, desto intensiver zeigte sich die Verheerung. Ganze Mauern waren umgeworfen, Lattenzäune durch den Druck der Luft fortgeschleudert, Sand⸗ steinmauern dicht über dem Boden umgebrochen, Wellblechhallen waren teils umgeworfen, teils ihrer Dächer beraubt. Schornsteine sperrten die Straße. Es sah aus, als ob Griesheim wochenlang mit Granaten beschossen worden wäre.— Aber auch in dem über dem Main liegenden, ziemlich entfernten Schwanheim war die Wirkung fast ebenso schlimm, als in Griesheim selbst. Große Eisenteile und schwere Steine wurden kilometerweit geschleudert. Durch glühende Eisenstücke wurden denn auch in Schwanheim drei Scheuera und der Wald in Brand gesetzt.
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Die Flucht aus Griesheim. Von der Fabrikleitung war an die Bewohnerschaft die Warnung ergangen, sofort den Ort zu verlassen, da mög i herweise noch mehr Explostonen ein⸗ treten köunten. Jufolgedessen flüchteten die Bewohner zu Tausenden ins Freie. Auf dem
nahen Exerzierplatze spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Weiber und Kinder hatten ihre arme Habe ins Freie getragen, mit Kühen, Ziegen, auch Pferden und anderen Habselig⸗ keiten hockten die Aermsten auf freiem Felde und schauten voll banger Angst nach den mäch⸗ tigen Rauchsäulen da drüben. Sie erwarteten jeden Augenblick furchtbare neue Katastrophen. Zum Glück wurde das Furchtbarste abgewendet. Der Wind blies zwar mächtig, aber er trieb die Flammen nach dem Main zu und von den Behältern mit den gefährlichen Stoffen weg. Polizei und Militär hatten den ganzen Ort besetzt und Niemand durfte die Straßen betreten. Die Fuhrwerke mußten Halt machen und um⸗ kehren, und selbst der Presse war es fast un⸗ möglich, die Postenkette zu durchdringen.— Die Fliehenden begaben sich meist nach Frank⸗ furt, wo sie Schutz und Hilfe fanden.
Ueber die Zahl der Opfer läßt sich absolut Genaues noch nicht angeben. Zwölf wurden am Montag unter Beteiligung von Tausenden Leidtragender beerdigt. Der getötete Chemiker Dr. Jakobi— einer der beliebtesten Vorgesetzten— wurde in Bockenheim beerdigt. — Weiter verstarben im Höchster Krankenhause 2 Verunglückte. Im Ganzen rechnet man bis jetzt 23 Tote; unser Frankfurter Parteiorgan glaubt auf Grund weiterer Mitteilungen, daß die Gesamtzahl 31 betragen könne.
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Für die Verstümmelten und die Hinter⸗ bliebenen der Toten wird hoffentlich ausreichend gesorgt werden. Es wurde gemeldet, daß die Gesellschaft„nur“ 5 statt sechzehn Prozent Dividende verteilen wolle, um das überbleibende Geld für Unterstützung der Opfer zu verwenden. Außerdem greift die öffentliche Wohlthätigkeit ein.
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Pon Nah und Lern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗
kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
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Sießener Angelegenheiten. Zur Maifeier!
Auf das am Sonntag stattfindende Wald⸗ fest machen wir nochmals aufmerksam. Um es zu einem rechten Volks⸗ und Arbeiterfeste zu gestalten, müssen wir für zahlreiche Be⸗ teiligung sorgen. Agitiere deshalb ein jeder fleißig in seinen Freundes- und Bekanntenkreisen! Ferner richten wir an alle Freunde die Bitte, die Komiteemitglieder zu unterstützen und, wenn es etwa 0 sollte, helfend mit eingreifen zu wollen. Muß das Fest wegen ungünstiger Witterung verschoben werden, erfolgen Sonntag Vormittag entsprechende Bekanntmachungen.
Die Maifeier hat auch in diesem Jahre, nach den bisher vorliegenden Nachrichten wie derum unter größerer Beteiligung als im Vorjahre statt⸗ gefunden. Schon am vorigen Sonntage wur⸗ den entsprechende Versammlungen— um zu⸗ nächst von unserer näheren Umgebung zu reden— in Wieseck und in Heuchelheim abgehalten. Beide waren gut besucht. In ersterem Orte fand das klare und überzeugende Referat des Genossen Krumm allgemeinen Beifall. Nach dem Vortrag trug der erst kürzlich gegründete Arbeitergesangverein einige Lieder vor; abends wurde die Feier bei Musik und Vorträgen fort⸗ gesetzt. Auch in Heuchelheim fanden die Aus⸗ führungen Orbig's, der dort die Bedeutung des Tages auseinandersetzte, lebhafteste Zu⸗ stimmung. Die weiter unten abgedruckte Reso⸗ lution fand einstimmige Annahme. Das Fest⸗ Lokal war hübsch dekoriert.— Zur Versamm⸗ lung in Gießen hatten sich am Mittwoch Abend im Orbig'schen Lokale zwar eine ganz respektable Anzahl Genossen eingefunden, aber bet solchen Gelegenheiten müßte sich das Lokal als viel zu klein erweisen. Hier schilderte Genosse Vetters die Schäden, die die lange Arbeitszeit, übermäßige Anstrengung und schlechte Ernährung der Arbeiter für die Gesamtheit hervorruft und wies an Beispielen die Durch⸗
führbarkeit des Achtstundentages schon unter den heutigen Verhältnissen nach. Wie notwendig wirksamerer Arbeiterschutz sei, bewiesen die zahlreichen Bergwerkskatastrophen und jetzt wieder das Griesheimer Unglück. Nach dieser Richtung hin müsse mehr gethan werden; nicht viele Millionen Mark für Zerstörung, für Hunnenzüge verpulvert! Hierauf ergriff ein Chemiker, Herr Weber, das Wort, um sich eingehender mit der Griesheimer Explosion zu beschäftigen. Seine fachmännischen, ganz interessanten Ausführungen gingen dahin, daß zwar in der Fabrik alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, doch dürften auch nach seiner Ansicht Fabriken dieser Art nicht in der Nähe menschlicher Wohnungen liegen. Weitere Dis⸗ kussion fand nicht statt. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme:
Angesichts der fortschreitenden Entwickelung der kapitalistischen Produktion, der Vervollkommnung der Technik und der dadurch hervorgerufenen erhöhten Aus⸗ beutung der Arbeiter, erklärt die Versammlung aufs Neue die Einführung eines für alle Kulturländer gesetz⸗ lich festzulegenden Normalarbeitstages von 8 Stunden für dringend notwendig im Interesse der Erhaltung der Arbeiterklasse und der kulturellen Weiterentwickelung der Menschheit.— Der Achtstundentag ist in allen wirt⸗ schaftlich entwickelten Ländern schon heute ohne Schädigung der allgemeinen Interessen durchführbar; seine gesetzliche Einführung mit allen Kräften anzustreben, muß eine Hauptaufgabe der internationalen Arbeiterbewegung sein.
Die Anwesenden erklären ferner ihre Zustimmung zu den Beschlüssen des Internationalen Arbeiterkongresses zu Paris und geloben im Verein mit den Arbeitern aller Ländern für alle Klassenforderungen der Arbeiter⸗ schast eintreten zu wollen.
Die Versammlung protestiert deshalb gegen die Zer⸗ tretung der Kultur durch die Kriegsgreuel in Südafrika und China, gegen Unterdrückung und Ausbeutung überall!
Die Versammlung tritt ein für Freiheit der Arbeit, den Völkerfrieden und die Einigkeit und Solidarität der Arbeit aller Länder. Brüderlichen Gruß allen heute in gleichem Sinne ver⸗ sammelten Klassengenossen der ganzen Welt!
Ferner waren am Abend des 1. Mat in Lollar im Weinrich'schen Lokale die dortigen Genossen ziemlich zahlreich versammelt, um die Gedanken der Maifeier zum Ausdruck zu bringen. Hier sprach ebenfalls Genosse Orbig. Auch die Lollarer Arbeiter machten obige Resoltution zu der ihrigen.— In Friedberg war die Beteiligung sehr stark. Mit Begeisterung wurden die Ausführung des Genossen Rep p aufgenommen. Gemütliche Unterhaltung schloß sich dem Referate an.
Jun Watzenborn⸗Steinberg, Trohe, Altenbuseck, Daubringen, Rodheim und anderen Orten finden erst am Soantag Feiern statt.
— Frankfurt hatte vormittags fünf, abends sechs Versammlungen, die sämtlich sehr stark besucht waren. Es feierten mehr Arbeiter als in früheren Jahren; die Straßen der Arbeiterviertel zeigten sonntägliches Aus⸗ sehen.— Großartig verlief der Festzug in Offenbach; er dehnte sich auf eine mehr als halbstündige Wegstrecke aus. Auch Sturt⸗ gart und Hamburg hatten imposante Fest⸗ züge. In Berlin und seiner näheren Um⸗ gebung tagten am Mittwoch über sechzig Versammlungen! Von Karlsruhe, Köln, München, kurz, von allen Großstädten wird starte Beteiligung gemeldet, ebenso vom Aus⸗ lande.— Maßregelungen von Seiten des Unternehmertums sind in Berlin, Leipzig und anderen Städten vorgekommen.
— Herrn Gewerbeinspektor Engeln ist vom I. Mai ab die Gewerbeinspektion Worms übertragen worden. An seine Stelle tritt der bisherige Assistent bei der Darmstädter Gewerbe⸗ inspektion Hr. Dr. Gerhardt. Herr Engeln hatte sich hier durch sein liebenswürdiges Entgegenkommen das Zutrauen der Arbeiter in hohem Maße erworben. ö
— Der Geschäftspolitiker in den „Gießener Neust. Nachr.“ fühlt sich fortgesetzt berufen, als„unparteiischer“ Hecht uns faule sozialdemokratische Karpfen durcheinander zu jagen. Die Versuche fallen aber selbstverständ⸗ lich trotz eines ziemlichen Aufwandes von Witzchen und Mätzchen kläglich aus. Der Hecht gehört zur Familie Plumphecht,
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