Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 31.
Pon Nah und Lern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗
kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreihen.
Parteigenossen allerorts!
Um den Protest gegen den Brot- und Fleischwucher wirksam zu gestalten, ist es notwendig, daß die Petitionsbogen mit Tausenden von Unterschriften be⸗ deckt an den Reichstag eingesandt werden. Jeder Varteigenosse hat deshalb die Pflicht, soviel als möglich Unterschriften zu sammeln. Die Vertrauensleute müssen sich die Erfüllung dieser Aufgabe ganz besonders angelegen sein lassen und dafür sorgen, daß in ihrem Orte oder Bezirke jeder Gegner der Lebensmittelzölle unterschreibt. Alle großjährigen Personen, selbstverständlich auch Frauen können unterzeichnen.— Petitionslisten sind bei dem Kreisvertrauens⸗ mann A. Bock, Gießen, Dammstraße 22 erhältlich.
In Gießen liegt die Petition zur Unterzeichnung auf bei C. Orbig, Wirt⸗ schaft(Rittergasse), L. Löb(Wiener Hof), sowie Redaktion und Expedition unseres Blattes, Kirchenplatz 11 u. Sonnenstr. 25.
Sießener Angelegenheiten.
— Die Gemeinderatswahlen sollen nach einer Bekanntmachung des Kreisamts Gießen im Monat September vorgenommen werden. Wo eine Beteiligung an denselben von unserer Seite stattfinden soll, müssen unsere Genossen deshalb sehr bald mit den nötigen Vorbereitungen beginnen, damit frühzeitig in die Agitation eingetreten werden kann.
— Das Schiedsgericht für Arbeiter⸗ versicherung der Prov. Oberhessen hielt am 31. Juli hier eine Sitzung ab, in der sieben Streitfälle zur Verhandlung standen. In drei wurden die Kläger abgewiesen, weil die Rente richtig berechnet war; drei wurden vertagt, und in einem Falle wurde dem Kläger die entzogene Rente wieder zugesprochen.
— Auf den Bericht der Reichstagsfraktion machen wir die Genossen noch besonders auf— merksam und empfehlen ihn zum eingehenden Studium. Wir können denselben allerdings nur auszugsweise wiedergeben; doch werden unsere Freunde viel Zahlenmaterial darin finden, was sich bei der privaten Agitation trefflich verwenden läßt.
— Metallarbeiterfest. Diesen Sonntag feiert der Metallarbeiter-Verband, Filiale Gießen, sein zehntes Stiftungsfest auf der Pulvermühle. Sämtliche übrigen Gewerkschaften haben ihre Beteiligung zugesagt, es ist daher ein starker Besuch zu erwarten, der durch das, was dort an Unterhaltung geboten wird, auch gerecht⸗ fertigt ist. Sogar ein„Luftballonaufstieg mi! Fallschirmabsturz“ wird angekündigt. Den wollen wir sehen!— Die Festrede hält Gen. Fr. Ehrler aus Mühlhausen.
— Die Bäckergesellen beschlossen in der am Sonntag abgehaltenen Versammlung, angesichts der noch mangel haften Organisation nicht in den Streik einzutreten, obwohl das die richtige Antwort auf das protzige Schreiben der Meister gewesen wäre. Wir halten den Beschluß für ganz vernünftig. Allerdings hätte das Publikum ein lebhaftes Interesse an der Abschaffung des Kost⸗ und Logiswesens bei den Meistern gehabt. In Bezug auf die Zustände in einzelnen Bäckereien sind uns in 11 00 Zeit haarsträubende Dinge mitgeteilt
orden.
Wieseck. r. Eines recht guten Besuches erfreute sich das vorigen Sonntag im„Gambrinus“ abge⸗ haltene Stiftungsfest des Gesangvereins„Sän—
gerkranz“ und selbstverständlich verlief es! auch in schönster Weise zur vollen Befriedigung aller Teilnehmer. Zwei andere Wiesecker Ge⸗ sangvereine hatten ihre Beteiligung an dem Feste abgelehnt, obwohl sie doch als Arbeiter ebenfalls alle Ursache hätten, mit unserm Ver⸗ eine Hand in Hand zu gehen, um einen größeren Zusammenschluß der Arbettergesangvereine her— beizuführen. Dagegen war die Beteiligung von Seiten des Turnergesang vereins und der Gießener„Eintracht“ eine sehr starke; beide Vereine brachten verschiedene mit Beifall auf⸗ genommene Liedervorträge zu Gehör. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Alle die Ausführungen des Genossen Krumo m, der die Festrede hielt, die mit dem Wunsche schloß, daß die Arbeitergesangvereine es immer für ihre hohe Aufgabe halten möchten, das Frei⸗ heitslied, das Lied zum Preise der Arbeit und zur Verherrlichung unserer auf Erreichung einer höheren Kultur gerichteten Bestrebungen mehr und mehr in das Volk einzubürgern, damit endlich der mordspatriotische Singsang, der leider noch so oft unsere Ohren beleidigt, zurückgedrängt werde.— Mit Eintritt der Dunkelheit wurde ein vom Vorsitzenden zusam⸗ mengestelltes Feuerwerk abgebrannt, das allge⸗ mein Freude hervorrief.— Allen, die zum Gelingen unseres Festes beitrugen, sei hiermit herzlicher Dank abgestattet!
Aus Friedberg.
— l. Nächste Woche soll die Einweihung des neuen Gymnasiums vorgenommen werden. Nach dem Voranschlag soll der Bau 350000 Mark kosten; jedoch ist man in der ganzen Bürgerschaft der Meinung, daß da etwas gemacht wird, was weit über unsere Verhältnisse geht und daß in absehbarer Zeit manches zurück⸗ gestellt werden muß, was dringender gewesen wäre, als diese bauliche Verschwendung. Geringere Aufwendung hätte sicher denselben Zweck erfüllt. Dabei soll, wie man hört, die obige Summe noch nicht einmal ausreichen. Das scheinen auch unsere Stadtväter zu wissen und der Fall liegt ihnen schwer im Magen. Zu der Annahme muß man wenigstens kommen, wenn man die Zeitung des Gemeinderats Da m m liest. Da heißt es z. B.: Für Einweihung des Gymnasiums wurde auf Anregung des Gemein— rats Damm ein entsprechender Credit bewilligt. Ja, wie viel denn? Herr Damm, der Mutige, hat nicht mehr den Mut zu schreiben, wie viel er beantragt hatte. Oder hatte er es bis zu Hause schon wieder vergefssen? Heraus mit der Sprache, Herr Damm!
1. Die städtischen Steuerzettel für das neue Etatsjahr sind noch immer nicht zur Ausgabe gelangt und wir befinden uns schon im August. Woran liegt denn das? Will man vielleicht warten bis zum letzten Augenblick vor der Stadtverordnetenwahl, damit dann recht viele vom sogenannten„Lumpenzeug“, wie von gewissen Seiten die Arbeiter und Minder⸗ bemittelten bezeichnet werden, mit den Steuern im Rückstande sich befinden und nicht wählen können? Fast scheint es so. Oder fürchten manche den Sturm, der bei der Ausgabe der Zettel ent⸗ stehen dürfte? Also Zettel oder Antwort!
Wetzlar.
th. Eine Baugesellschaft, die sich die Erbauung bürgerlicher Wohnhäuser zum Zwecke gesetzt hat, ist vor längerer Zeit hier zusammen⸗ getreten. Sie hat schon größere Grundstücke erworben, die sie dazu auszunützen gedenkt. Der Gesellschaft gehören auch einige Stadtväter an, welche aber die Absicht ausgesprochen haben, ihr Stadtverordneten-Mandat niederzulegen, weil bei den Grundstücksspekulationen ihre In⸗ teressen mit denen der Stadt vielfach in Kollision geraten. Die Richtigkeit dieser Mitteilung vor⸗ ausgesetzt, kann man das Verhalten dieser Herren nur anerkennen. Sie gehen von der richtigen Erkenntnis aus, daß, wer Grundstücksspekula⸗ tionen treibt, einfach nicht in die Gemeinde— vertretung gehört.
— Verunglückte antisemitische Agi⸗ tation. Seit längerer Zeit macht der Anti⸗
semit Reuther, Redakteur der Offenbacher
„Volkswacht“ den Kreis Wetzlar mit seiner!
Agitation unsicher. Mit welchem Resultate, zeigten zwei Versammlungen die am Samstag und Sonntag in Herrmannstein und Aßlar stattfinden sollten. Zur ersteren, auf 9 Uhr angesetzten, hatten sich erst gegen 10 Uhr einige Leute, meist Arbeiter eingefunden, selbst der Herr Referent erschien erst um diese Zeit und begann gegen ½ 11 mit seinem „Referat“. Dasselbe war ein fürchterliches Durcheinander. Weil er zum größten Theil Arbeiter vor sich sah, versuchte er diesen weis zu machen, daß seine Partei auch Arbeiter— interessen vertrete, was schmählich mißlang. Genosse Vetters, der sich zufällig an diesem Tage in Wetzlar befand, wies ihm sofort aus seinem eigenen Blatte nach, wie von seiner Seite die Arbeiterschaft stets beschimpft werde und zeigte im Weiteren die Verkehrtheit und Widersprüche der antisemitischen Politik. Die Versammlung in Aßlar kam überhaupt nicht zu Stande, weil fast niemand erschienen war, trotzdem der Referent selbst noch Leute zusammenzut rommeln suchte. Dabei stellte noch der Wirt des Lokals, ein früherer Erz⸗ Antisemit, die für einen Autisemiten bittere Bedingung, daß das Wort„Jude“ im Referat nicht gebraucht werde dürfe! Mit dem Bauerneinseifen wars also diesmal nichts, das Geld für diese Agitationstour ist hinaus⸗ geworfen. Oder zahlts der Bund der Land⸗ wirte?— Reuther berichtet bei alledem in seinem Blatte von Bauernvereinsgründungen in diesen beiden Orten. Na, die„Organi⸗ sationen“ möchten wir sehen.
Ein Hunnenbriefprozeß.
Genosse Quarck in Frankfurt hatte sich vor der Strafkammer als Redakteur der „Volksstimme“ wegen eines in seinem Blatte abgedruckten Hunnenbriefes zu verantworten. Der Kriegsminister hatte Strafantrag gestellt. Die Sache wurde vertagt, weil erst Bebel über die Echtheit des Briefes vernommen werden soll.
Nachspiel zum Sternbergprozeß.
Vorige Woche wurde in Verlin der Agent Adolf Kühne verhaftet, der im Sternberg⸗ prozeß unter der Bezeichnung„Kapitän Wilson“ viel genannt wurde, aber nicht aufzufinden war. Er wird sich wegen Verleitung zum Meineide und wegen Bedrohung zur Begehung eines Verbrechens vor dem Strafrichter zu verant⸗ worten haben. Die ihm zur Last gelegten Strafthaten fallen in die Zeit der Vorunter⸗ suchung zum Sternbergprozeß. Ebenso ist es erwiesen, daß Kühne zusammen mit Luppa den ehemaligen Kriminalkommissar Thiel im Poli⸗ zeipräsidium aufgesucht hat und mit Thiel auch sonst zusammengetroffen ist. Kühne war ehedem als Sekretär bei Luppa im Sternberg'schen Bureau beschäftigt.
Mehr Licht!
Den geistigen Tiefstand gewisser Kreise kenn⸗ zeichnet ein Inserat, das am 12. v. Mts. im „Karlshorster Anzeiger“ erschien. Es lautet:
„Christliche wissenschaftliche Vereinigung
„Kreuz“ Berlin heilt alle Krankheiten Kraft
des Glaubens, Macht des Gebetes. Man
wende sich gefl. an den Vorstand Franz Reuter,
Berlin W., Körnerstraße 13 II. Schriftlich
ist Rückporto erbeten.“ g Karlshorst liegt in nächster Nähe Berlins. Es muß ja eine nette„Wissenschaft“ sein, die in der famosen„wissenschaftlichen Vereinigung“ christlich-gläubig verzapft wird. Daß es noch Leute giebt, die hierauf hereinfallen und sich „gesund beten“ lassen, muß man leider mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Entweder sind die Leute vom„Kreuz“ ausgefeimte Betrüger, oder sie sind unrettbar im Banne schwärzesten Aberglaubens befangen.
Das Schicksal des alten Arbeiters.
Aus Köln wurde kürzlich der„Leipz. Volksztg.“ geschrieben: In den Räumen der hiesigen Aktien- gesellschaft Kölner Baumwollspinnerei und ⸗Weberei fand man einen alten Mann erhängt.
3
auf un Mal dec Zat Klin lieg stät We
nad von schl Ie gel in
beh der ab Nun lit Da eb
f .
0
fan


