Seie 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitune.
ür den tarif ins Zeug legten, haben mehr⸗ sach Seeed katholischer Arbeiter ent⸗ schiedenen Proteß gegen den Brotwucher erhoben. Ein graßer Tell— womöglich der größte— der wͤhler sind Arbeiter und besonders im—— t das Zentrum in den In⸗ dustrie Arbettern seine Kerntruppen. Verweigern diese d Heertsfolge, so kann die Situation für die im Reichstag jetzt am stärksten vertretene Partei höchst kritisch wer den. Ihr Zerfall, der ohnehin uur eine Frage der Zeit ist, wird in unheimliche Nähe gerückt. Nicht mit Unrecht hat man deshalb den Zolltarif als„Spreng⸗ pulver“ für das Zentrum bezeichnet.
Wie daß Sprengpulver wirkt, zeigt eine General⸗Bersammlung der rheinischen Orts⸗ gruppen des Cbrislichen Metallarbeiter⸗ Verbandes, die am Sonntag in Köln statt⸗ fand und auf welcher über die Stellungnahme zum Zolltarif verhandelt wurde. Diese Kund⸗ gebung gestaltete sich zu einer der bedeutungs⸗ vollsten aus ben Kreisen chriftlicher Arheiter. Als 5 trat der Verbands vorsitzende Wieder aus Duisburg auf, um seine Stellung⸗ nahme zur Zollfrage zu rechtfertigen. Man habe ihm verwehren wollen, im Verbandsorgan Stellung zu den Zollforderungen der Agrarier zu nehmen, weil diese Frage angeblich nicht in das Verbandsorgan hineingehöre. Sonderbarer⸗ weise habe sich niemand gerührt, als sich vor ihm mehrere christliche Gewerkschaftsorgane f ür den Zoll erklärten. Angesichts der Forderungen der Agrarier, die auch mit dem Zolltarifentwurf noch nicht zufrieden seien, müsse auch dem bescheidensten christlichen Arbeiter die Galle überlaufen. Er habe gewußt, daß er in ein Wespennest steche; Jeder komme in Acht und Bann, der nicht wie das Zentrum wolle. Die Bauern riefen viel lauter als die Millionen geplagter Arbeiter, und so werde geglaubt, als ob es ihnen schlechter als den letzteren gehe. Die Arbeiter aber hätten sich ködernlassen durch die paar Scheiner folge der letzten Jahre.(Lebhafte Zustimmung.) Alles verlange Zollschutz; da müsse man auch fordern, daß die Arbeitskraft des deutschen Arbeiters iche die preisdrückende Heranziehung auslän⸗
ischer Arbeiter geschützt werde. All der ge⸗ werkschaftliche Kampf sei gleich Null, wenn die Arbeiter nicht Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen. Sonst raube man den Arbeitern mit einem Mal, was sie in jahrelangem Kampf errungen haben.
In der Diskussion sprachen sich alle Redner gegen den Zoll aus und erklärten sich mit Wiebers Haltung einverstanden. Mehrere Redner gaben der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Zollfreunde in den christlichen Gewerk⸗ schaften ihre bessere Erkenntnis preis⸗ gäben zu Gunsten der Zentrumspartei. Die Versammlung erklärte sich schließlich mit 117 gegen nur 8 Stimmen mit der Haltung Wiebers einverstanden. Ferner wurde nahezu einstimmig eine Resolution beschlossen, worin die Versammlung erklärt, daß die Zollerhöh⸗ ungen die Existenzverhältnisse des Arbeiterstandes auf das tiefste beeinflußt und verschlechtert, daß sie der Arbeiterschaft und mittleren Stadtbevölkerung schwere Opfer auf⸗ erlegt, ferner daß die beabsichtigte Zoller⸗ höhung nur einem Teil der Großgrundbesitzer zu gute komme. Endlich erklärt sich die Ver⸗ sammlung mit der bisherigen Verwendung der Zolleinkünfte nicht einverstanden, sondern giebt dem Verlangen Ausdruck, daß die Zoll⸗ einnahmen im ausschlteßlichen Interesse der breiten Schichten des Volkes, von denen sie aufgebracht, verwendet werden.
Jn dieser Resolution tritt eine recht erfreu⸗ liche Einsicht in die thatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse zu Tage und der ganze Verlauf der Versammlung zeigt, daß sich die katholischen Arbeiter vom pfäffischen Gängelbande nach und nach befreien.
Ein Vorkämpfer der schweizerischen Sozialdemokratie.
Der weit über die Grenzen seines schweizerischen Vaterlandes hinaus und besonders innerhalb
der internationalen Arbeiterbewegung bekannte Karl Bürkli starb, wie wir in der vorigen Nr. bereits mitteilten, am Montag vor acht 8 Tagen in Roßau bei Zürich. Mit ihm ist der Veteran der sozialdemokratischen Arbeiter- bewegung der Schweiz dahingegangen, und das internationale Proletariat aller Länder teilt die Trauer der schweizerischen Partei. Mit Greulich und Lang ist Karl Bürkli der Träger der internationalen Beziehungen gewesen, die die schweizerische Arbeiterbewegung mit der des Auslandes so innig verknüpfen.
Karl Bürkli hat mehr als ein Menschen⸗ alter für die Arbeitersache gearbeitet. Er war am 30. Juli 1823 geboren. Er stammte aus einer alten Patrizierfamilie und hatte eine gründliche Schulbildung genossen. In die sozialistischen Ideenkreise wurde er erst in Hamburg eingeführt, wohin er gekommen war, um das Gewerbe der Lohgerberei zu erlernen. Seine ersten Eindrücke empfing er aus den Schriften Fouriers, des genialen Utopisten, und als Schüler Fouriers hat er sich denn auch stets bekannt. Er durchwanderte Deutschland, Oester⸗ reich und Frankreich. Ueberall machten sich die Vorboten des Jahres 1848 bemerkbar, und Bürkli erwartete den Sieg der sozialen Revolution, die die Träume Fouriers erfüllen würde. In der Luft der Reaktion, die der Niederlage der revolutionären Bewegung folgte, konnte er es nicht aushalten. Er kehrte nach Zürich zurück und gründete den Arbeiterkonsumverein, der der erste Konsumverein der deutschen Schweiz über⸗ haupt war, und widmete seine ganze Kraft dem Versuch, die Arbeiter auf Grund eines sozial⸗ demokratischen Programms zu organisieren. Bis zum Auftreten Bürklis war die Sozial⸗ demokratie in der Schweiz nur auf die Vereine deutscher Arbeiter beschränkt und von den Schweizer Bürgern als ansländisches importtertes Gewächs betrachtet worden. Weitling, Marx, August Becker, die Führer der kommunistischen und anarchistischen Bewegung, waren Deutsche gewesen. Bürkli, den Sohn eines erbgesessenen Patriziers, konnte man nicht als Ausländer abthun. Schon 1851 wurde er in den Großen Rat des Kantons Zürich entsendet. An der Reorganisation der Züricher Verfassung nahm er hervorragenden Anteil. Im Kampf gegen die Züricher Oligarchie stand er in der vordersten Reihe. Um die demokratische Organisationen der Wehrverfassung hat er sich dauernde Ver⸗ dienste erworben.
Als Schriftsteller ist Bürkli auch den deutschen Genossen vertraut, seine Schriften über direkte Gesetzgebung durch das Volk und das Pro⸗ portionalwahlsystem haben auf die Anschauungen der deutschen Partei zeitweise erheblich eingewirkt. Außerdem hat er mehrere Werke über die Geschichte seines Vaterlandes geschrieben, so „Der wahre Winkelried“,„Die Taktik der Ur⸗ schweizer“ und„Der Ursprung der Eidgenossen⸗ schaft aus der Markgenossenschaft“.
Im Jahre 1898 eröffnete Bürkli den internationalen Arbeiterkongreß. Er, der an den ersten Kongressen der Internationale teilgenommen hatte, konnte mit Stolz auf den ungeheuren Fortschritt der Bewegung hinweisen. „Welch ein Vormarsch der proletarischen Be⸗ wegung!“ rief er aus,„in wenig mehr als einem Vierteljahrhundert. Damals waren es kleine Vereine begeisterter Männer, heute sind hier wirklich Millionen organisierter Arbeiter vertreten!“ Ein Führer auf diesem Marsch ist Karl Bürkli gewesen, und er hat es noch erlebt, daß die schweizerische Sozialdemokratie sich eine neue starke Organisation geschaffen hat.
In der Geschichte des Befreiungskampfes der Arbeit wird das Andenken Karl Bürklis niemals verlöschen.
Politische Rundschau.
Gießen, den 31. Oktober. Folgen der deutschen Zollpolitik.
Schon jetzt, ehe der Zolltarif noch in Kraft getreten ist, machen sich seine unheilvollen
Wirkungen bemerkbar. Eine größere Firma der
Ne
Konfektionsbranche teilte der„Münchener Post“ mit, daß ihr Reisender diesmal aus Frankreich ohne einen einzigen Auftrag zurückge⸗ kehrt sei. Die ehemaligen Abnehmer fanden die neuen Muster zwar sehr schön, bedauerten aber, keine Bestellungen machen zu können, da ja doch nach Annahmee des neuen Zolltarif jedes Geschäft mit Deutschland aufhöre und da wollten sie ihee Kunden gar nicht erst an die neuen Artikel gewöhnen. So dürfte es noch manchen deutschen Geschäfts⸗Reisenden ergehen, wenn erst der Tarif Gesetz geworden ist. 1 Den Schaden hat hauptsächlich der Arbeiter zu tragen.
Kaiser und agrarische Fordernun gen.
„Kommen keine Handels verträge zu stande, so schlage ich alleskurz und klein“ soll der Kaiser gesagt haben. Bei der bekannten tueumonarchischen Gesinnung, die die Agrarier bekanden, werden sie nunmehr hoffent⸗ lich von ihren Wucherplänen lassen. Oder wollen sie die Republik proklamieren?
MNehrausgaben für das Reichsheer
soll der nächste Etat vorsehea. Die Jäger⸗ bataillone sollen Magazingewehr⸗ Abteilungen erhalten.— Mehr Soldaten, mehr Panzerkähne, dabei Arbeitslosigkeit und Hungertarif!
Einfach skandalös!
Wie es dem wegen Preß vergehen ver⸗ urteilten Genossen Bredenbeck erging, als er in Dortmund in das Gefängniß eingeliefert wurde, erzählte er in„Vorwärts“ folgender⸗ maßen:
„Durch den Polizeibeamten erlitt ich die schmachvollste Behandlung, indem er mich wie einen gemeinen Verbrecher gefesselt transportierte. Zureden und Proteste waren erfolglos.
Als er mir das Schloß anlegte, zog er mir mehreremal die Arme auseinander, ob es auch fest genug sitze, bis es schmerzte. So geschlossen führte er mich durch die schon sehr belebten Straßen, am Wochenmarkt vorbei, zum Bahnhof hin. Am Burgthor traf mich das härteste, da dort Frau, Mutter und Bruder standen, die herbeigeeilt waren, um mir noch einen Abschiedsgruß zuzurufen. Der seelische Schmerz übermannt mich noch fortwährend, wenn ich an diesen Augenblick denke. Mit meinen Verwandten ein Wort zu reden, verbot mir der Beamte zunächst, gestattete es jedoch später, als meine Mutter in begreiflicher Aufregung hell auf⸗ schrie. Aber die Fesseln behielt ich, selbst während der dreistündigen Fahrt im Eisenbahu⸗ wagen wurden mir dieselben nicht gelöst. Hier in Herford führte er mich wieder geschlossen durch die Straßen der Stadt, allen neugierigen Blicken preisgegeben, bis ich endlich im schreck⸗ lichsten Zustande hier im Gefängnisse anlangte. Die seelischen Schmerzen, die ich erduldet, sind unbeschreiblich.“
Wahrhaftig, schlimmer wie in Rußland. Für diese Polizeiwillkür gehört dem betr. Beamten eine empfindliche Strafe; es ist doch beschämend für das ganze Reich, wenn ein anständiger Mann, der im höchsten Falle unvorsichtig im Ausdruck war, wie ein gemeiner Verbrecher behandelt wird.
Soldatenschindereien.
Das düstere Kapitel von den Sol daten⸗ mißhandlungen erfährt täglich neue Be⸗ reicherungen. Von den zahlreichen Brutalitäten, welche durch die jetzt wenigstens teilweise öffent⸗ lichen Militärgerichtsverhandlungen zur allge⸗ meinen Kenntnis gelangen, sind einige in der Sächs. Arbeiterztg. mitgeteilte ganz besonders empörend. Das Kriegsgericht verhandelte gegen den Sergeant Göpel vom 2. Feldartillerie⸗Rgt. in Pirna. Dieser schlug dem Kanonier Forkert bei dem Appell mehrmals mit der Faust ins Gesicht, daß diesem die Zähne bluteten. Die Reitabteilung hat mehrfach auf seinen Befehl das Essen in Kniebeugestellung einnehmen müssen. In der Instruktions⸗ stunde hagelte es oft förmlich Keile, so hat
Göpel in einer einzigen Stunde einmal 5
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Nr. 44. 1
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