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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 48.
mentlich den Landbewohnern ärztliche Hilfe zu gewähr⸗ leisten, für die staatliche Uebernahme des Heilwesens eintreten müsse. Dafür ist aber die Mehrheit des Land⸗ tags nicht zu haben. Die Anträge des Ausschusses, welche im Allgemeinen die Regierung auffordern, der öffentlichen Gesundheitspflege im erhöhten Maße ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, angenommen.— Ferner kommt der Antrag Ulrich, die Ueberführung der Apotheken in Staatsbetrieb zur Verhandlung. Der Antragsteller hofft, daß die Regierung auf dem beschrittenen Wege weiter geht, heimgefallene Apotheken aus dem Privatbesitz in Gemeindehände zu geben. Wenn neben den monopolisierten' Apotheken eine Anzahl Ge⸗ meindeapotheken entsteht, so wird dadurch der eminent hohe Preis der Arzneien naturgemäß sinken. Redner ist mit dem Ausschußbericht zufrieden, da er zeigt, daß man mit der Zeit dem angestrebten Ziele immer näher kommt.
Der Antrag des Ausschusses,„unter Beobachtung der seitherigen Praxis bei Vergebung neuer oder Wieder⸗ vergebung heimgefallener Apothekenkonzessionen in erster Linie Gemeinde⸗ oder Kommunalverbände zu berücksichtigen“, wird angenommen.
pon Uah und Lern.
— Die witzigen Bauunternehmer. Als der Wahlkampf zu den Stadtverordneten⸗ wahlen noch im Gange war,— soweit da von einem„Kampfe“ überhaupt die Rede sein kann— hatten auch einige„Handwerks⸗ meister“ eine Versammlung in die Wirtschaft „Zu. Schiffenbergerthal“ einberufen, um zu der Sache Stellung zu nehmen und womöglich mehreren der Ihren Mandate zuzuschachern. Wie wir schon mehrfach bemerkten, giebts ja bei der hiesigen Gemeindewahl einen Wahl⸗ kampf um Grundsätze nicht, sondern einzelne gute Freunde setzen sich zusammen und stellen die Kandidaten auf. Als solche werden natür⸗ lich Diejenigen herausgesucht, welche die egoisti⸗ schen Interessen ihrer Auftraggeber rücksichtslos vertreten. Was in jener Ver sammlung vorge⸗ bracht wurde, ist nicht von Belang. Nur soviel sei gesagt, daß ein Teil der dort zusammen⸗ gekommenen ehrenwerten Bürger eine derartige Unkenntnis und so verschrobene Ansichten in Bezug auf die öffentlichen und städtischen An⸗ gelegenheiten verriet,, daß der gewöhnlichste Arbeiter sich solcher Rückständigkeit geschämt hätte. Wie diese Herren über die Arbeiterschaft und deren Bestrebungen denken, konnte man daraus entnehmen, daß der Einberufer, Herr Bauunternehmer Pfaff einen gedruckten Zettel mitgebracht, hatte und verlas, worin die Bau⸗ arbeiter in“ der scheußlichsten Weise verhöhnt werden. Herr Pfaff wurde bei der Verlesung unterbrochen— Einzelne empfanden doch so etwas wie Scham— man konnte also den Inhalt des Zettels nicht erfahren, wir bekamen ihn auch nicht in die Hände. Jetzt ist uns 1 das famose Aktenstück zugegangen. Hier ist es:
„Bauarbeiter⸗Gesuch.“ Es werden Maurer und Zimmerleute unter folgenden Bedingungen gesucht:
Dere Mann erhält 9 Mark Tagelohn nebst freier Kost, Bier und Zigarren. Die Arbeiter werden nur in guten Landa nern nach dem Bauplatz gefahren; nach Hause können sie reiten. Die⸗ Arbeit beginnt früh 8 Uhr, wo die Leute Kaffee mit Sahne und Zucker erhalten. Wer Thee trinken will, kann sich Rum oder Milch dazu nehmen. Es werden dazu frische Käse⸗ käulchen oder Semmeln verabreicht, wer sich dieselben schmieren will, erhält dazu Butter, Gänsefett oder Honig.
Von 9 bis 10 Ühr wird Thee mit Rum serviert, dazu giebt es weiche“ Eier, Kaviar, Sardellen, e rohen Schinken und Schweizerkäse. Der Polier liest dabei die „Gießener Neueste Nachrichten“ vor.
Von 12 bis 2 Uhr wird zu Mittag gespeist. Hinsichtlich der traurigen Verhä ltnisse kann nur Suppe, Rindfleisch mit Gemä se, Braten und Salat, Mehlspeise, Butter, Käse und Brot 1 werden. Der Mann erhält 3 Liter
agerbier dazu, zum Dessert ein, Glas Kümmel und Kognak. Der Polier liest die„Fliegenden Blätter“ vor.
Von 3 bis 4 Uhr wird Kaffee getrunken, wozu frischer Kuchen verabreicht wird. Um
6 Uhr ist Feierabend und wird ein Imbiß von kaltem Braten, Wurst, Schinken, Heringen, Briken oder geräuchertem Lachs verabreicht, wozu der Mann 3 Liter Lagerbier oder eine halbe Flasche Doppelkümmel erhält.
Jeden Morgen werden pro Mann 8 Stück Zigarren, ein halbes Pfund Prim⸗ oder Schnupf⸗ tabak verteilt, dazu Feuerstein mit Schwamm. Von 4 bis 6 Uhr spielt die Mllitärkapelle. Außerdem liegt ein Faß Bier zum beliebigen Gebrauch bereit. Wir hoffen, daß wir unter solchen Bedingungen die genügende Anzahl Arbeiter finden und sich dieselben dann nicht mehr zum Streik verleiten lassen werden.
P. S. Erwünscht ist es allerdings, daß die Pausen mit ruhiger Arbeit ausgefüllt werden.
Man sieht, die Herren wissen zu leben, denn sie haben offenbar diesen höhnischen Speisezettel nach ihren eigenen Lebensgewohnheiten auf⸗ gestellt. Und die Angehörigen der edlen Bau⸗ unternehmerzunft sind keine Freunde vom Fasten, alle habe sich Ränzlein angemäst' als wie der Doktor Nother, ihre vollen roten Wangen und dito Nasen legen Zeugnis ab vom starken Konsum bester Weine und Biere. Dabei sind sie ganz entschiedene Gegner des Achtstunden⸗ tages, weil es ihnen ein Greuel ist, auch nur eine Stunde des Tags zu arbeiten!
Schlecht informiert sind die guten Leute über die Zeitungslektüre der so begehrlichen Arbeiter. Diese lassen sich kein„unparteiisches“ Wurstblatt vorlesen, sondern würden sich den „Vorwärts“ und„Wahre Jakob“ gewählt haben. Wir raten Herrn Pfaff, dies bei einer Neuauflage zu berücksichtigen.
Uebrigens scheint das Machwerk nicht in Gießen das Licht der Welt erblickt zu haben, einzelne Ausdrücke(Käsekäulchen, Semmeln) lassen Sachsen als sein Geburtsland erscheinen. Vielleicht ist das Manuskript in der Nähe des berühmten Leberecht Hartwig in Dresden entstanden, dem bieder en antisemitischen Stadt⸗ vater, dem gerichtlich attestiert wurde, daß er ganz merkwürdige Begriffe von Treu und Glauben habe. Dadurch hat der es aber auch „zu Etwas gebracht“.
Die Maurer- und Zimmergesellen, Tag⸗ löhner ꝛc., die sich täglich für 2 Mk.— 2.50 abrackern müssen, sehen hier, wie ihre Ausbeuter mit ihnen Schindluder spielen, sie ob ihrer traurigen Lage noch verspotten! Solchem Ueber⸗ mute müssen die Arbeiter durch festgeschlossene Organisation einen Dämpfer aufsetzen!
— Vom Genossen Segitz erhalten wir aus München folgende Zuschrift:„In einer der letzten Nummern der ,„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ befindet sich unter der Spitzmarke„Stadtverordnetenwahl“ ein Artikel, der sich auch mit mir befaßt. Danach hätte ein Nationalsozialer gesagt:
Segitz habe im bayerischen Landtage erklärt, aus Rücksicht auf die Bäcker und Metzger nicht für die Aufhebung des Oktrois in Fürth eintreten zu können.
Der Nationalsoziale scheint demnach zu glauben, Bäcker und Metzger hätten ein In⸗ teresse daran, Brot und Fleisch mit Zöllen zu beschweren, bezw. die Zölle zu erhalten. Das beweist an sich eine hochgradige Unkenntnis der Verhältnisse; aus naheliegendsten Gründen er⸗ streben Bäcker und Metzger die Beseitigung der örtlichen Gefälle. Das nur nebenbei. Hauptsache ist mir, festzustellen, daß die Aus⸗ führungen des Nationalsozialen in jeder Richtung auf Unwahrheit beruhen. Ich habe niemals im bayerischen Landtage die mir unterstellten Aeußerungen gemacht, die gegen mich erhobene Anschuldigung ist völlig aus der Luft gegriffen. Die Beseitigung des Oktrois in Fürth ist über⸗ haupt nicht von dem Willen der Sozialdemokratie abhängig. Von 17 Stimmen im Stadtmagistrat Fürth verfügt unsere Partei nur über 3 Stimmen, von 36 Stimmen des Gemeindekollegiums fallen 13 Stimmen der Sozialdemokratie zu. Die Konsequenz ergiebt sich daraus von selbst. Durch energische Opposition ist es den sozialdemokra⸗ tischen Gemeindevertretern in Fürth gelungen, eine geplante Erhöhung des Lokalmalz⸗ aufschlages zu verhindern, die Beseiti⸗ gung der gemeindlichen Aufschläge aber liegt nicht in unserer Macht.
Weil die Möglichkeit eines Mißverständnisses
vorliegen konnte, haben wir den national 1 sozialen Redner von der Zuschrift des Genossen
Segitz in Kenntnis gesetzt. Derselbe erklärt, daß er habe sagen wollen, Segitz sei in diesem Falle nicht für Aufhebung des Oktrois ein⸗ getreten, weil nur die interessierten Bäcker und Metzger Vorteil davon hätten. Gestützt habe er sich auf die Ausführungen in Damaschkes „Aufgaben der Gemeindepolitik“. Daß kein Sozialdemokrat in Rücksicht auf Interessenten⸗ gruppen das Oktroi verteidigen wird, sei ihm bekannt. Er sei aber gern bereit, seine Aus⸗ führungen auch in ihrer berichtigten Form zurückzunehmen. Sie hätten ja nicht auf Böswilligkeit beruht, sondern seien eingegeben gewesen von dem gemeinsamen Bemühen, der Sache des Volkes zu dienen.
Ueber die letzten Stadtverordnetenwahlen verhandelte der soz.- dem. Wahlverein in seiner letzten Versammlung. Während einzelne Genossen ihrer Ent⸗ täuschung über den Wahlausfall Ausdruck gaben, war man im Ganzen darüber einig, daß die wenn auch nicht bedeutende Stimmenzunahme angesichts der Verhältnisfe entschieden einen Erfolg bedeute. Thatsache sei leider, daß etwa 700 Arbeiter nicht gewählt haben, ein Beweis dafür, daß es für unsere Agitation noch eln weites Feld hier in der Stadt zu bearbeiten gebe. Be⸗ zeichnend sei, daß im bürgerlichen Lager derjenige die meisten Stimmen erhalte, der nicht wisse, was er wolle. Die Erörterung schloß damit, daß man die bessere Auz⸗ gestaltung der Organisation für notwendig erklärte.
— Höhere Fleischpreise! Die Metzger haben den Preis des Schweinefleisches, das ohnehin kaum zu bezahlen war, wiederum gesteigert. Wo soll das hinaus, wenn erst noch die Zölle erhöht werden? Auf den Fleischgenuß darf der Minderbemittelte dann ganz und gar verzichten. Nach Ansicht des„Gieß. Anzeigers“ existiert aber„kein Notstand“, denn der Bürger⸗ meister habe es in der Stadtverordnetenversammlung selbst erklärt. Notstand existiert wohl erst, wenn die Leute verhungert auf der Straße liegen?
— Das Resultat der Wiesbadener Reichstagswahl, die diesen Samstag(30) stattfindet, wird am Abend des Wahltages in der Wirtschaft Or big bekannt gegeben werden.
— Katzenjammer des Chinakriegers.
Daß die Mehrzahl unserer Rachekrieger von
dem Verlauf des Kreuzzuges gründlich ent⸗ täuscht sind, ist bekannt. mit„tausend Masten“ wie's bei Schiller heißt, mit Begeisterung und Hurra in den Ozean und kehrte still heim, froh, wenigstens leidlich gesund und unbestraft sein Vaterland wiederzusehen, wo ihm noch Arbeits⸗ und Verdienstlosigkeit entgegengähnte. Jetzt scheinen sich auch keine Abenteuerlustige mehr finden zu wollen, denn in den Amtsblättern werden oft noch Freiwillige gesucht, Meldungen scheinen aber wenig ein⸗ zugehen. Das ist erklärlich. Denn thatsächlich ist von der vorjährigen China-Begeisterung nicht ein Hauch mehr zu spüren; auch die Erfahr⸗ ungen der Zurückgekehrten wirken sicher auf keinen verständigen Menschen verlockend. Wie gedrückt die Stimmung unter den ostasiatischen Truppen ist, geht aus einem Briefe hervor, den ein Chinafreiwilliger an einen seiner hiesigen Bekannten richtete. Der Briefschreiber war hier selbständiger Gewerbetreibender und er hatte mit seiner Familie, die aus Frau und drei Kindern bestand, sein leidliches Auskommen. Allgemein wurde damals das thörichte Verhalten dieses Mannes verurteilt, der sich dem Hunnen. zuge anschloß und hier seine Familie hilflos zurücklies, die dann später, weil hier nicht unterstützungsberechtigt, nach seinem bayerischen Heimatsorte abgeschoben wurde. In dem Briefe teilt der Hunne zunächst mit, daß er eben aus dem Lazaret gekommen sei, wo er 4 Wochen an Malaria darnteder gelegen habe. Er er⸗ kundigt sich nach dem Schicksal seiner Familie, der er noch nicht geschrieben
hier ist. Dann heißt es weiter in dem Briefe: „Lieber Fr... ich habe schon vieles mit durchmachen müssen in China. Der Krieg it schon lange zu Ende, wir haben den Dienst,
wie in der Garnison und das nicht so wenig.
Es kommen viele Widersetzlichkeiten im Dienst vor. Die Leute sagen sich alle wir müßten läugst zu Hause sein, da wir uns nur auf die Dauer des Krieges verp
haben. Ich kann und darf Dir nicht alles
Gar mancher schiffte
abe, hat also offenbar keine Ahnung, daß sie nicht mehr
flichtet
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Arier 1 Tell dehalle elosse chere gelosse fe At te ent Agenor 1 1 u der Hache
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