Ausgabe 
1.12.1901
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Ar. 48.

Wenn irgendwo, meint unser Dresdener Parteiorgan, so wird es hier wahr, daß die formale Gerechtigkeit die höchste Ungerechtigkeit bedeutet. Man kann die Geschichte dieses Pro⸗ zesses nicht lesen, ohne von heißem Ingrimm gegen die Polenpolitik der Regierung gepackt zu werden. Eine Politik, die dazu führt, daß Kinder mit dem Stocke die Religion, oder besser das Deutschtum eingebläut werden soll, ist eine Politik, zu deren richtiger Kennzeichnung der parlamentarische Ausdruck fehlt. Brutaler Gewissenszwang, das ist heute noch legales Mittel im Staatsleben. Wie tief stecken wir doch noch in der Barbarei!

Andenken aus China.

Daß in China von unsern Kreuzzüglern nicht geplündert wurde, ist uns von der Ord⸗ nungspresse unablässig versichert worden. Wie es damit in Wirklichkeit ausgesehen hat, kann man sich denken, wenn man liest, was neulich dieKattowitzer Ztg. berichtete:

Zu einem in Schoppinitz wohnenden Uhrmacher kam dieser Tage ein Chinakämpfer aus Zawodzie bei Kattowitz und brachte demselben eine hochelegante Stand⸗ uhr, die er aus dem kaiserlichen Palaste in Peking viel⸗ leicht auf unrechte Weise erworben hatte, zur Reparatur. Diese Uhr, aus feinem Golde gearbeitet, wobei das Zifferblatt mit kostbaren Edelsteinen besetzt war, reprä⸗ sentierte wohl einen Wert von über 1000 Mk.; der Chinakämpfer wollte sie für billiges Geld losschlagen. Ein Gendarm, welcher davon in Kenntnis gesetzt wurde, forschte nach dem Namen des Eigentümers und erfuhr, daß der tapfere Chinakämpfer noch drei solcher Uhren sich angeeignet hatte. Dieselben wurden alsbald in Beschlag genommen.

Der Gendarm war wohl etwas zu dienst⸗ eifrig. Denn er muß doch von den zahlreichen Ausstellungen gehört haben, die Chinakrieger mit ihrenErinnerungen veranstalteten und die niemand nach dem Erwerb dieser Gegen⸗ stände gefragt hat. Und wie stehts mit den astronomischen Instrumenten im Parke zu Sanssouci? Außerdem sind aber noch etliche andere Gegenstände die Wege der Standuhren gewandelt. So wird aus Bremerhaven be richtet:

Dem hiesigen naturhistorischen Museum ist von Herrn Obermaschinisten Bock vom LoyddampferKrefeld ein wertvolles und interessantes Geschenk überwiesen worden. Es sind zwei äußerst kunstvoll gearbeitete schmiedeeiserne chine sische Kanonen, welche auf der Stadtmauer von Peking nahe dem Südthore gestanden haben. Die Geschütze haben augen⸗ scheinlich ein hohes, wohl mehrere Jahrhunderte zäh⸗ 0 Alter und besitzen einen großen künstlerischen

erte

Man hat aber noch nichts davon gehört, daß sich die Bremerhavener Polizei für den Obermaschinisten Bock interessiert, oder sich über den rechtmäßigen Erwerb der Kanonen Sicherheit verschafft hätte. Wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht dasselbe.

Französische Missionare als Plünderer.

Wie es in China zugegangen ist, läßt auch ein geheimer Bericht des Kommandeurs der französischen Expedition, General Voyron erkennen. Diesen Bericht veröffentlicht der Sozialist Sembat in derPetite Republique, nachdem seine Vorlesung in der Kammer abge⸗ lehnt worden war. Diesen amtlichen Aeuße⸗ rungen gegenüber werden die Verteidiger der Hunnen nicht mit Fälschungen und Uebertreib⸗ ungen kommen können. Voyron sagt, daß die französischen Truppen sich viel besser benommen hätten, als die Truppen der anderen Nationen. Es seien zwar Plün⸗ derungen durch Franzosen vorgekommen, doch habe es sich hier um vereinzelte Vorkommnisse gehandelt. Die Soldaten seien von den Mis⸗ sionaxen verleitet worden, für deren Rech⸗ nung sie die Plünderung ausgeführt hätten. Eines Tages begaben sich Missionare mit 40 Wagen und 300 eingeborenen Christen nach dem Palaste des Prinzen Li, um diesen zu durchsuchen. Sie nahmen dort bedeutende Summen in Silberbarren an sich und gaben jedem der Marinesoldaten, die bei der Plünderung geholfen hatten, Checks bis zu einem Betrage von 2000 Franken. Andere Soldaten, die dies erfuhren, nahmen dann für

eigene Rechnung Silberbarren weg, die sie Privatleuten gegen Checks abtraten, da sie die Barren nicht selbst verwerten konnten. Den Soldaten diese Checks zu lassen, würde geheißen haben, ihnen eine Prämie für Plünderungen gewähren. Man versuchte, ihnen die Checks wieder wegzunehmen, die Marinesoldaten wei⸗ gerten sich aber, sie zurückzugeben. Schließlich wurden ihnen die Checks gelassen. Das ist gewiß eine nette Art, das Christentum zu verbreiten und man kann es den Chinesen wirklich nicht verübeln, wenn sie Christentum, Missionare ꝛc. zu allen Teufeln wünschen.

Sozialistische Gemeinde⸗Wahlsiege.

Zu den in letzter Nummer mitgeteilten Wahlerfolgen kommt noch Hanau hinzu, wo in der dritten Wählerabteilung zum ersten Male die Kandidaten unserer Partei in die Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung gewählt wurden. Damit ziehen vier Sozialdemokraten in das Hanauer Stadtparlament ein und zwar die Genossen Reichstagsabgeordneter Hoch, Dr. med. Wag ner und die Goldarbeiter Au kamm und Kraß. Für unsere Liste wurden 1171 Stimmen, für die der Gegner 1033 abgegeben. Weiter errangen unsere Genossen in Crim⸗ mitschau(Sachsen) einen glänzenden Sieg. Dort wurden sieben Sozialdemo⸗ kraten und zwei Gegner gewählt. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Bernburg siegten fünf Parteigenossen mit 1130 bis 915 Stimmen. Großen Erfolg brachte ferner unserer Partei die Ergänzungswahl in Mom bach bei Mainz. Bei sehr starker Wahlbeteiligung gingen drei Kandidaten der Arbeiterpartei als Sieger aus der Wahlurne hervor. Ebenfalls zum ersten Male wurden in Güstrow drei Sozial- demokraten mit großer Mehrheit in den Bürgerausschuß gewählt. Mit dem Außfall dieser Wahl ist Güstrow die erste Stadt Mecklenburgs, die Sozialdemokraten in ihrer Stadtvertretung hat. Auch in Mecklenburg wird's hell. Und in Eberswalde(Bran⸗ denburg) siegten alle vier soztaldemokra⸗ tischen Kandidaten in der Stichwahl mit be⸗ deutender Majorität.

Zur Ersatzwahl in Breslau

an Stelle unseres verstorbenen Gen. Schön⸗ lank haben die Breslauer Parteigenossen in ihrer am Montag abgehaltenen Parteiversamm⸗ lung Eduard Bernstein als Kandidaten aufgestellt. Vorgeschlagen waren außer Bern⸗ stein noch Schütz⸗Breslau und Liebknecht⸗ Berlin. Die Versammlung entschied sich im zweiten Wahlgange mit 223 Stimmen für Bernstein; auf Schütz fielen 210.

Noch ein Sieg.

Unsere Genossen in Zürich haben am Sonntag einen großartigen Erfolg erkämpft. Bei den Ersatzwahlen für die zwei bisher von den Demokraten eingenommenen Sitze im neun⸗ gliedrigen Stadtrat ist der Sozialdemo⸗ krat Professor Erismann mit 8193 und der Liberale Bankdirektor Bil leter mit 8091 Stimmen gewählt worden. Der Demokrat Müller⸗Cramer erhielt 7109 Stimmen. Die bürgerlichen Parteien waren gemeinsam vorgegangen. Die Sozialdemokraten haben nunmehr 3, die Liberalen 4 und die Demokraten 2 Sitze im kleinen Stadtrat.

Tapfere Krieger.

Die Vorstände der Bremer Kriegervereine haben vor dem Vorsitzenden des deutschen Krieger⸗ bundes, dem bekannten General z. D. v. Spitz, endlich doch den geforderten Kotau gemacht. Die Vorstände hatten bekanntlich dem scharf⸗ machenden Herrn General auf seine Versuche, die Affaire Weiland zum grausigen Fürsten⸗ mordversuch aufzubauschen, in gebührender Weise edient. Das war ein Verstoß gegen die heilige

isziplin, die auch für den Krieger in Zivil noch gilt. Widerrede gegen einen leibhaftigen General, und wenn er auch blos z. D. ist, das kann in einer Kriegerorganisation nicht geduldet werden. Und die Bremer Vorstände haben das

schließlich auch eingesehen und leisten jetzt geforderten Widerruf. Die Vorstandsmitglieder von drei Vereinen, welche sich nicht dazu ver⸗

stehen wollten, die Erklärung zu unterzeichnen, n in haben, der Eventual⸗Forderung des Vorstandes 19 f des Deutschen Kriegerbundes gemäß, ihre Vor⸗ aten standsämterfreiwillig niedergelegt. Womit ß da

der Beweis geliefert ist, daß ein General immer lage!

recht hat. 1 1

Doktor Sigl's Ende. 1

Vergangene Woche berichtete man aus 116 f

München, daß der Journalist Dr. Sigl, der ihne

bekannte Redakteur desBayr. Vaterland auf 10

Antrag seiner Frau wegen Geisteskrankheit ent 3 1

mündigt und sein Blatt verkauft worden sei. donn Sigl war der Vertreter eines eigenartig knorrigen f 1

Partikularismus, ein Preußenfresser mit engen. 6 politischen Gesichtskreise, dabei ein Schimpfgenie bsi ersten Ranges. Seitdem das Zentrum Regierungs. 1 1 partei geworden ist, war er ihm in Bayern ein 15 ui gefährlicher Gegner. Auch wer ihm polltisch kn ferne stand, meint dieSüchs. Arb. Zig, le konnte an dem eigenartigen Humor und der 6 uuf Schlagfertigkeit des urbajuvarischen Journalisten a seine Freude haben. Sein Einfluß auf dag 112 Kleinbürgertum war zeitweise recht groß. Daß N 10 Bismarck ihn mehrfach mit seinen berüchtigten n lithographiertenStrafanträgen wegen Beleidigung 5

beglückt hatte, sleigerte selbstverständlich seine hen Popularität erheblich. 1893 98 war er Reichstagsabg. für Rosenheim. n

Hen. er I hät fe ie k blos

Sozialistischer Bauerukongreß.

Am Montag trat in Bologna(Italien) der erste von unsern Genossen einberufene Bauern⸗ Kongreß zusammen. Es waren nach der Frkftr. Ztg. 704 Vereine mit 144178 Mit-

1 vertreten; 13 sozialistische Abgeordnete, in. arunter Turati und Ferri waren anwesend. it b Regierungsblätter bewundern die Rührigkeit 0 un der Sozialdemokraten. biet . lt

Soziales. 0 15

Der 8 616 des bürgerlichen Gesetz⸗* uf!

buches und die Kommunen. Man sollte Eh ic eigentlich denken, daß Staat und Kommunen an

sich beeilen würden, in ihren Betrieben dem 0 Nanu. Gesetze Geltung zu verschaffen und nicht wie i j viele Privatunternehmer die Hinterthür des ntgh Privatbertrages, die leider der Gesetzgeber ge- 0 ter rade bei den den Arbeitsvertrag betreffenden iz d. Paragraphen offen gelassen, benutzen. Aber ur le weit gefehlt. Auch die Berliner städtischen Ir Arbeiter sollen nichts von den Vorteilen des mg § 616 genießen. Den Arbeitern der dortigen ma Gaswerke wurde vor kurzem eine neue Arbests⸗ Heiler ordnung vorgelegt und dem Arbeiterausschuß 0 unterbreitet. Dieser konnte sich jedoch nicht 9 damit einverstanden erklären, ganz besonders hun wegen des Ausschlusses des 8 616 nicht. Ein anwesender Oberinspektor versprach auch, Kult in diesem Sinne bei der Direktion zu wirken. 1 N50 Trotzdem bekamen die Arbeiter die Arbeits⸗ lie ordnung unverändert zur Unterschrift vorgelegt. ud Die Arbeiter weigerten sich um so mehr, ihre. Unterschrift zu geben, als noch Verhandlungen d schwebten. Am 16. ds. Mts. wurden dan pre 20 Arbeiter ohne Weiteres entlassen, dars? fz unter Leute, die bis zu 40 Dienst fahre e hinter sich hatten und Anspruch auf die höchste ur zulässige Penston haben. Sie wurden noch E dazu ohne Kündigung herausgeworfen. er dürfte sich um einen Schlag gegen die Organi⸗ fir sation der Berliner städtischen Arbeiter handeln. al Auch anderswo wird ähnlich verfahren. un ur ö fh

289 1 Junkerfrechheit. Ein antisemitisches Kulturbild. eg Vor einigen Tagen wurde der berühmte 1 Dreschgraf Pückler aus Klein⸗Tschirne in 0

er in einer seinerReden zu Gewaltthätigkeiten aufgefordert hatte. Er kam deshalb so gelinde

weg, weil das Gericht annahm, er habe aus 9 Gerich 0 Ber lui

Berlin zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil mäß

ehrlicher Ueberzeugung gehandelt.

jutsbesitzer nahm die Gelegenheit wahr, 5 5 70 0 ö 1