Ausgabe 
1.12.1901
 
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ö Nr. 48. Gießen, Sonntag, den 1. Dezember 1901.

8. Jahrg.

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Harte Kämpfe

ehen im Reichstage, der am Dienstag leder zusammengetreten ist, bevor. Zu Pfingsten war das Reichsparlament nicht, wie 6 sonst üblich ist, geschlossen, sondern nur bertagt worden, weil die umfangreichen Ar heiten der Kommission für die Seemanns⸗ dnung mit den dazu gehörigen Gesetzen licht verloren gehen sollten. Alle übrigen Vor⸗ lagen, die unerledigt geblieben sind, hätte man schließlich fallen 6 5 mit dem Entwurf der Semannsordnung steht es anders, mit ihr hat ch die Kommisston in nicht weniger als 44 Sitzungen beschäftigt. Das spricht schon zur Genüge für die Wichtigkeit der Materie. Die Skemannsordnung ist sei dem Jahre 1872 un⸗ berändert geblieben, trotzdem sich die Verhält⸗ güisse in der Schiffahrt gründlich umgestaltet sahen. Die Dampfsschiffahrt hat die Segel⸗ schiffahrt zum großen Teile verdrängt, es werden iel größere Schiffe als früher gebaut, und aafolgedessen setzt sich die Mannschaft heute ganz anders zusammen. Dazu tritt die Notwendigkeit, die leider borläufig nur minimalen Vorzüge der sozial⸗ plitischen Gesetzgebung, von denen bislang die Seeleute ausgeschlossen waren, durch die See annsordnung auch für sie zum Gesetz zu ghachen. Es sind natürlich wieder in erster Unie die Sozialdemokraten, die durch energische Jeitgreifende und wirksame Anträge hier etwas Vernünftiges schaffen bezw. die Regierungs⸗ hörlage verbessern wollen. Diese Aenderungen seziehen sich auf Einführung von Reichssee⸗ imtern, Krankenversicherung der Seeleute, Jerbesserung des Koalitionsrechts derselben und irdere wichtige Punkte. Unsere Genossen werden ien bürgerlichen Parteien Gelegenheit geben, dor aller Oeffentlichkeit zu beweisen, wie wenig unstlich es ihnen um das Wohl und Wehe hr Seeleute zu thun ist. i Den wichtigsten Beratungsgegenstand bildet lber die Zollvorlage. Darauf konzentriert ii das ganze öffentliche Interesse und darum bperden die heftigsten und erbittersten Kämpfe Jutbrennen. Das Ungeheuerliche der junkerlichen maßung kenn zeichnete der Vorwärts ganz schtig, indem er schrieb: Hunderte Millionen jedes Jahr wollen Funker und Großbauern vom Volk erpressen. banderte Millionen soll das arbeitende Volk des Jahr neuen Tribut zu all den bisherigen 1 Nansettibuten entrichten. Um viele hunderte I illionen soll das tägliche Brot, das schmale Etück Fleisch, sollen alle Nahrungsmittel der Emen und Aermsten verteuert werden. Viele inderte Millionen soll das Volk denen ge⸗ hühren, die des Volkes Unterdrücker sind, die n das Licht und die Luft des Lebens entziehen. Hunderte Millionen denen, die die Freizügig⸗ et bedrängen, die den Arbeiter leibeigen an i Scholle binden, die alle freie wirtschaftliche d geistige Entwicklung ersticken wollen! underte Millionen denen, die in selbstsüchtiger gier bereit sind, der deutschen Industrie blutige Hunden zu schlagen, die Arbeitslosigkeit verzehnfachen, den Lohndruck unerträg⸗ in zu machen, namenloses Elend über alle Aeitenden Schichten zu verhängen! Hunderte Uellionen denen, die, den Schutz der Landwirt⸗

schaft erheuchelnd, die Arbeitenden der Land⸗ wirtschaft im Elend und in der Entrechtung fesseln.

Soll diese Junkerreaktion triumphieren und das deutsche Volk unter sein Joch beugen? Will das deutsche Volk diese schlimmste Be⸗ drückung ertragen? das ist die Frage, die nun zur Entscheidung gestellt ist und über die alsbald im Reichstag die Schlacht geschlagen werden soll.

Die Feinde des Vaterlandes und des Volkes glauben ihren Erfolg gesichert, da die Mehrheit des Reichstages in Abhängigkeit von den Herrschenden und Reichen bereit ist, den Hunger durch Gesetz zu dekretieren.

Jedoch, die Sozialdemokratie wird ihre beste Kraft einsetzen, um das drohende Verhängnis abzuwenden. Getragen vom Protest der Millionen aus dem Lande wird die Partei der Arbeitenden den Kampf führen gegen die Parteien der Ausbeutung.

Den Parteien des Brotwuchers sei es zuge⸗ sichert: sie sollen auf einen Widersacher treffen, dessen sie nicht Herr werden trotz ihrer Ueber⸗ macht, der das Kampfschwert nicht aus der Hand legt, bis das deutsche Volk vom Junker wucher frei ist!

Die Begründung zum Zolltarif

ist den Reichsboten in mehreren dicken Bänden eingehändigt worden. In dem allgemeinen Teile derselben wird versucht, dem Volke die Verteuerung der Lebensmittel mundgerecht zu machen. Das gelingt aber nicht; der Verfasser der Begründung giebt zu, daß aus einem Teile der landwirtschaftlichen Zoll- erhöhungenschwerwiegende Nachteile für die Verbraucher zu befürchten sind. Welches dieserTeil der Zollerhöhungen ist, glaubt der gefällige Begründer auch nicht ver⸗ schweigen zu müssen: es ist jener Teil, der die Brotpreise betrifft. Weiter wird es als wissenschaftlich festgestellte Thatsache aner⸗ kannt, daß die Milliarden der Zollerhöhung annähernd in ihrem ganzen Betrage von dem deutschen Volke, d. h. von seinen ärmsten Klassen getragen werden müßten.

Das kann uns genügen, um unsern Ruf noch stärker und nachdrücklicher zu erheben:

Nieder mit dem Brotwucher!

Politische Nundschau.

Gießen, den 28. November. Vom Reichstage.

Bei der Wiederaufnahme der Reichstags⸗ verhandlungen am Dienstag wies das Haus eine gute Besetzung auf. Präsident Ballestrem begrüßte die Reichsboten und gedachte der ver⸗ storbenen Kaiserin Friedrich, des Todes des amerikanischen Präsidenten und des Ablebens früheren Reichskanzlers Hohenlohe, sowie der verstorbenen Reichstagsmitglieder. In der Ferien⸗ zeit sind gestorben: Wintermeyer, Dr. v. Sie⸗ mens, Dr. Schoenlank, Johannsen und Dr.

Lehr. Zunächst gelangte die Strandungsord⸗ nung zur Annahme. Dann trat man in die

Beratung der Seemannsordnung ein. Hierzu sprachen von unserer Seite die Abg. Schwarz⸗Lübeck, Metzger⸗ Hamburg und Herzfeld, die günstigere Bedingungen für die Seeleute herauszuschlagen suchten. Leider nimmt die Mehrheit des Reichstags mehr auf die Interessen der Rheder-Millionäre Rücksicht, als auf den Schutz der Seeleute und deshalb wurden die Anträge abgelehnt. Mittwoch kam eine von Bassermann(natlb.) eingebrachte Inter⸗ pellation wegen des Insterburger Duells zur Erörterung. Dabei nahmen unsere Ge nossen Haase(Königsberg) und Bebel die Gelegenheit wahr, den Duellunfug gebührend zu geißeln. Nützen wirds freilich nichts; die bessere Gesellschaft wird die babarischen Gepflogenheiten weiter üben.

Deutsche Brutalitäten.

Während sich Alldeutsche, Kriegervereinler, Studenten ꝛc. über das Vorgehen der Engländer in Südafrika biedermännisch entrüsten und nicht scharfe Worte genug finden, um die Aeußerungen Chamberlains zu verurteilen, hat sich im bürger⸗ lichen Lager kein Mensch aufgeregt über Dinge, die sich im Osten des Reiches abspielten und die nicht weniger schlimm sind, als was man den Engländern vorwerfen kann. Vorige Woche ging in Gnesen ein Prozeß zu Ende, der über zahlreiche Meuschen schwere Strafen ge bracht hat. Ein Angeklagter wurde zu Jahren Gefängnis, ein anderer zu 1 Jahr Zuchthaus, eine Anzahl anderer Angeklagter zu Gefängnisstrafen von 4 Wochen bis zu 2 Jahren verurteilt. Es handelte sich um einen Schulkrawall, der in Wreschen(Posen) statt⸗ gefunden hatte. Was war das Verbrechen der Verurteilten? Sie hatten sich empört wider die Mißhandlung ihrer Kinder. Die Schule wurde zum Marterinstrument, da sie Germanisierungs werkzeug werden sollte. Die Regierung ordnete plötzlich an, daß der Religionsunterricht in deutscher Sprache erteilt werden sollte. Die Kinder weigerten sich, diesen deutschen Unter richt entgegenzunehmen. Sie verweigerten die Antwort, sie lernten ihre Aufgaben nicht. An⸗ statt einzusehen, daß die Kinder einfach den Weisungen ihrer höchsten Autoritäten, den Eltern gehorchten, greift der Schulinspektor zum Zwange, zur Bestrafung. Als gefügiges Werkzeng seiner Regierung will er die Kinder zwingen, deutsch zu lernen, ohne zu bedenken, daß er damit die Schule als Erziehungsstätte zerstört und sie zur politischen Zwangsanstalt degradiert. Die Kinder werden schließlich empfindlich gezüchtigt! Ein Mädchen, Namens Tomaskowska, wurde dabei ohnmächtig davongetragen, ein anderes lag längere Zeit krank. Auch bei anderen Kindern erklärte ein Arzt, daß die Züchtigungen das erlaubte Maß überschritten hätten.

Das bringt die Empörung der polnischen Eltern zur Explosion. Am 20. Mai wird das Schulhaus zu Wreschen von den aufgeregten Männern gestürmt. Zwar ist niemanden in Leid geschehen und es ist wohl auch nichts be schädigt worden. Aber der Landfriedensbruch ist fertig. Die unkluge Verfügung wird zwar nun zurückgezogen, aber Verhaftungen ergehen und nach Monaten von Untersuchungshaft er⸗ folgt das harte Ulteil. Der Gerechtigkeit muß Genüge geschehen.