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Nr 31.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 8.

Stiere in die Schranken traten, wich einer ohne den Kampf aufzunehmen, gänzlich aus. Unter dieser Er⸗ zählung stand: Lieber Mensch das rat ich Dir, sei nicht dümmer als der Stier.

So gegeben B., den 9. Juli 1899.

Der Bürgermeister X.

Dieser Dorfoberste scheint ja mit den Krieger vereinen keine besonders guten Erfahrungen ge⸗ macht zu haben. Die Kindermilch im beißen Sommer.

Wenn das Thermometer einige Tage bis über 19 Grad Reaumur gestiegen ist, dann werden, namentlich in den großen Städten, die Kinder bis zu einem Jahre und auch noch darüber, von Brech durchfall und ähnlichen Magen- und Darmkrankheiten ergriffen und hin⸗ gerafft. Auch hier sind es in erster Linie die Kinder der Armen, die erliegen, und die Ursache ist die Schwierigkeit und meist Unmöglichkeit, den Kindern eine richtige Ernährung und⸗Pflege zu bieten. Vielfach wird auch die Gefahr durch die Unkenntnis der Mütter vergrößert. Deshalb wollen wir hier auf einige in dieser Beziehung sehr wesentliche Punkte aufmerksam machen.

Steigt die Temperatur dauernd auf 20 und mehr Grad R., so bleibt auch die sterilisierte und die abgekochte Milch nur kurze Zeit bakterienfrei, denn es entwickeln sich bei dieser Temperatur die vorhandenen Sporen rasch zu krankmachenden Bakterien, welche die gefähr⸗ lichen Magen- und Darmerkrankungen hervor⸗ rufen. Um diese Erkrankungen zu verhüten, genügt es deshalb nicht, daß man, wie es gewöhnlich gemacht wird, die des Morgens für den Tagesbedarf gekaufte Milch gleich aufkocht und sie dann nach Bedarf für die einzelnen Mahlzeiten wieder anwärmt. Nur wenn man die aufgekochte Milch den Tag über dauernd und sicher sehr kühl halten könnte, wäre man vor einer Entwicklung der virulenten (krankmachenden) Bakterien sicher. Sonst ist es zum sichern Schutz vor Erkrankung in der wärmeren Jahreszeit durchaus erforder⸗ lich, jede Milch, auch die sterilisierte, im mer erst noch einmal aufzukochen, ehe man sie den Kindern giebt; im übrigen sie möglichst kühl aufzubewahren. Natürlich muß man auch sonst darauf achten, daß die Milch nicht ent⸗ rahmt oder sonst verpanscht ist und größte Sauberkeit in jeder Beziehung beobachten, was die Koch- und Trinkgefäße und die Wäsche und Lagerstätte des Kindes betrifft. Das ist viel wichtiger, als die Verabreichung von Salep, Kindermehl, Fenchelthee und süßem Ungarwein, für den manche arme Frau ver⸗ eblich ihre letzten Groschen hergiebt, um ihren iebling zu retten. Befolgt man aber die im vorstehenden angegebene Behandlung der Milch, obgleich dieselbe etwas umständlich ist, so wird man die Kleinen weit sicherer als sonst durch die heißen Monate bringen.

Zur Studenten⸗Zuchthausvorlage.

Allen denen, die mit Vorliebe über die Ver⸗ rohung der Jugend und besonders des jugendlichen Proletariats nicht genug zu zetern wissen, wird es interessant sein, was der letzt⸗ jährige akademische Bericht der Universität Göttingen über die Zahl der Bestrafungen der dort Studierenden zu sagen weiß. Außer den üblichen Verweisungen von der Universität usw. wurden nicht weniger als 234 Bestrafungen registriert, welche durch die Polizei verfügt oder von Amts⸗ und Landgerichten ausgesprochen wurden. Wir hätten Posadowsky im Reichs⸗ tage bei Verteidigung der Zuchthausvorlage hören mögen, wenn er zu berichten in der Lage gewesen wäre, daß jedes Jahr der vierte Teil der gesamten deutschen werkthätigen Bevölkerung Polizei und Gerichte in der in vorstehendem Berichte erwähnten Weise beschäftigt! Nach einer Zusammenstellung unseres Mannheimer Parteiblattes wurden in Heidelberg vom 16. Juni bis zum 17. Juli, also in einem Zeitraum von 4 Wochen 102 Studenten bestraft resp. zur Anzeige gebracht. Ueber Marburg und Gießen brauchen wir unseren Lesern nichts besonderes zu berichten. DieLeistungen der dortigen Studenten sind den meisten unserer Veser hinreichend bekannt. 5

Vom serbischen Königshofe.

Am Hofe Alexanders,von Gottes Gnaden König von Serbien, geht's gar merkwürdig zu. Kein Wunder übrigens, wenn man berück⸗ sichtigt, daß König Alexander der Sohn des lebenslustigen und in allen Pariser und Wiener Vergnügungslokalitäten wohlbekannten Exkönigs Milan des Dicken ist. Ein genauer Kenner der serbischen Verhältnisse veröffentlicht in ange⸗ sehenen Zeitungen folgende Schilderung eines Hofballes am Hofe des Königs von Serbien:

.. Die junge Welt hatte dem Tanze in einer unheimlichen Weise gefröhnt, Fräulein Oreschkovic, eine hochbusige, viel umworbene Schönheit, flog keuchend von einem Arm in den andern und rief ihrem neuen Tänzer regelmäßig zu:Bogami, ich kann nicht mehr, je bemti Boga, ich bin müde! Lächelnd neigte sich der Tänzer bei diesenfeschen Aeußerungen seiner Dame und die ganze Gesellschaft hörte ruhig diesen gemeinen Fluch, für den die deutsche Kultursprache nicht einmal die Worte hat, um ihn richtig zu übersetzen, aus dem Munde eines Weibes an. Je länger der Tanz währte, desto gemütlicher wurde es. Die Herrschaften ver⸗ gaßen ganz, daß manbei Hofe tanzte, es er⸗ klangen schließlich die wirren Klänge des ser⸗ bischen Nationaltanzes und die gesamte hoffähige Welt trampelte nunmehr einenKolo nach dem andern, einen Tanz, der viele Aehnlichkeit mit den Tänzen der meisten Negerstämme hat. Die junge Herrenwelt wurde nun ungeniert und nachdem sie sich zunächst am Zotenreißen ge⸗ nügen ließ, ging sie späterhin zu handgreiflichen Attacken über und das Gequieke der nationalen Musik wurde zeitweilig von dem Kr eischen 9 etwas zu derb angefaßten Dame über⸗ önt.

Der König hatte sich anfangs mehrmals am Tanze beteiligt. Seine Mutter hatte ihn nämlich umfaßt und mit ihm einige Male durch den Saal gewalzt, als gute Tänzerin war es ihr leicht, den König zu dirigieren. Weniger takt⸗ festen Tänzerinnen, mit denen diese Majestät späterhin auch ein Tänzchen versuchte, trat er auf die Füße und Schleppen, so daß er den Tanz schließlich Tanz sein ließ und lieber Cercle hielt, das heißt stumpfsinnig herumhockte. Dann schlich er sich an das Buffet, wo man ihn in weinschwerer Stimmung fand, hallend summte er ein Lied, steckte die Zunge auf alleheraus, die ihm nahe kamen, und krächzte allerlei unverständliches Zeug. Angesichts dieser HaltungSr. Majestät des allergnädigsten Königs und Herrn sah sich der Hof genbtigt, sich zurückzuziehen.

Nach dem lallenden König, den die Königin mit eisernem Griff aufrecht hielt, verließ der Hof den Saal. Am andern Tage veröffentlichte dasBelgrader Amtsblatt die Verluste dessen, was am Hofball verloren wurde. Es ist über⸗ aus charakteristich, was die Ballgäste des serbischen Königshofs verlieren: die Verlustliste wies auf: einen Damenhandschuh, eine leere Geldbörse, einen Manschettenknopf, einen Zylinder und ein... Damenmieder!

Ein sideler Selbstmordkandidat.

Aufgehängt hat sich am Mittwoch der Dach⸗ decker Gustav H. in Berlin. Er hatte die Ar⸗ beit, welche er lange Zeit bei ein und demselben Meister verrichtete, aufgegeben. Darüber ent⸗ stand ein Streit zwischen ihm und seiner Frau, in dessen Folge sich H. aus der Küche in die Stube zurückzog. Dort legte er seinen schwarzen Anzug an und stecte das große Vereinsabzeichen seines Rauchklubs an die Brust. Nachdem er die Thür verschlossen hatte, sang er das Lied So leben wir. Plötzlich verwandelte sich der Gesang in ein Gurgeln, und dann wurde alles still. Die Frau erbrach, Böses ahnend, die Thür und fand ihren Munn am Gardinenhaken hängen. Sie schnitt ihn ab und ließ ihn in ein Krankenhaus überführen; er wird vielleicht mit dem Leben davonkommen.

Partei⸗Nachrichten.

Versammlungs⸗Kalender.

Montag, 31. Juli:

Kreis⸗Wahlverein Gießen. sitzung um 9 Uhr bei C. Orbig.

Samstag, 5. August:

Wahlverein Gießen. Abends 9 uhr: Gene⸗ ral⸗Versammlung bei C. Orbig. T ages⸗ ordnung: 1. Abrechnung. 2. Vorstands wahl. 3. Die bevorstehenden Kreis- und Landes⸗Konferenzen. 4. Die Landtagswahl. Es wird dringend um zahlreiches Erscheinen ersucht.

Sonntag, 6. August:

Friedberg. Wahlvereins⸗Versammlung bei Gast⸗ wirt Kühn zurStadt Newyork.

Vorstands⸗

Die Parteikrise in Frankreich behandelt Gen. Liebknecht in einem größeren Artikel imVor⸗ wärts. Er beklagt es, daß die Dreyfus⸗ Affaire von den französischen Genossen zur Parteisache gemacht wurde. Nur dadurch wären die neuen Schwierigkeiten innerhalb der Partei entstanden, nur dadurch sei es möglich geworden, daß der Kommuneschlächter Gallifet Minister und Millerand dessen Kollege geworden sei. Liebknecht erklärt zum Schluß, daß er nur für seine Person spreche in dieser Sache, daß seine Kollegen in derVorwärts ⸗Redaktion anderer Meinung sind.

Gen. Kautsky ist ganz und gar anderer Meinung wie Liebknecht. Er hat an Jaures folgenden Brief geschrieben:Ich benutze die Gelegenheit, um Ihnen meine tiefe Bewunderung für die unvergleichliche Art auszusprechen, in der Sie die Ehre des französischen Sozialismus in der Dreyfus⸗Angelegenheit gerettet haben. Ich kann mir keine verhängnißvollere Haltung für eine kämpfende Klasse denken, als in einer Krisis neutral zu verharren, die eine ganze Nation aufwühlt; ich kann mir keine vernichtendere Haltung für eine Partei sozialer Wiedergeburt denken, als gleichgiltig in einer Rechtsfrage zu bleiben, keinen Fehler, der unverzeihlicher bei Demo⸗ kraten wäre, als Unschlüssigkeit gegenüber der Soldateska, Ich wünsche ihrem edlen Werk den vollen Erfolg und drücke Ihnen freundschaftlich die Hand.

Briefkasten der Redaktion. W. Die Mattschappai⸗Geschichte will ich veröffent⸗ lichen, wenn der betr. Gewährsmann die Verantwortung übernimmt, andernfalls nicht. Gruß! Sch.

Briefkasten der Expedition.

Quittungen in der nächsten Nummer.

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Marktbericht.

Gießen, 22. Juli.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.80 bis 1.20 Mk., Hühnereier p. St. 6 7, 2 St. 11 13 Pfg., Enteneier 1 St. 78 Pfg., Gänseeier p. St. 10 bis 11 Pfg., Käse 1 St. 56 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 0.90, Hühner per Stück Mk. 1.00 1.50, Hahnen per Stück Mk. 0.65 0.90, Enten per Stück Mk. 1.50 1.50, Gänse per Pfund Mk. 0.00 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62 64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 60 72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50 70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00 7.00, Weißkraut per St. 0000, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.50 9.00, Milch per Liter 16 Pfg., Kirschen per Pfd. 25 30 Pfg.

Grünberg, im Juli. Am Markttage, 22. Juli, wurden auf dem hiesigen Frucht markte folgende Frucht⸗ arten 2c. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 14 Doppel⸗Zentner(à 100 kg) Weizen zu 16,46 M., 5 D.⸗Z. Korn zu 16,20 Mark, 0 D.⸗Z Gerste zu 00,00 Mark, 12 D.⸗Z. Hafer zu 15,02 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗4. Samen zu 00.00 Mark, 53 D.⸗Z. Kartoffeln zu 5.72

Mark.

wegen unregel⸗ Beschwerden mer. stellung derM. S.⸗Ztg. bitten wir an die Expedition, Sonnenstraße 25,(Buchhandlung) zu richten. In Gießen muß dieM. S.⸗Ztg. bis spätestens Samstag Abend in den Händen unserer Abonnenten sein, da die Drucklegung und Ausgabe an unsere Austräger bereits Freitag Nachmittag erfolgt.