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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 18.
Schneider Nickel. Am 5. Juni v. J., morgens zwischen 6 und 7 Uhr, fanden die Nickel'schen Eheleute die Singer todt in ihrem Zimmer, mit einer tiefen Schnittwunde am Halse. Alle Gegenstände waren mit Blut besudelt, sämtliche Fächer der Kommode von dem Mörder durch⸗ wühlt, und alle Schlüssel der Singer fehlten; diese hatte allem Anscheine nach der Mörder mit sich genommen, um aus dem Hause heraus⸗ zukommen. Die Nachforschungen der Pozizei, die sofort 1000 Mark Belohnung für die Ent⸗ deckung des Thäters aussetzte, richteten sich ins⸗ besondere auf die Ermittlung eines früheren uhälters der Ermordeten, von welchem nur er Vorname„Hugo“ bekannt war. Der jetzige Angeklagte war in vielen Kaffeeklappen Berlins als„Hugo“ oder„Schneider-Hugo“ bekannt. Außerdem wird der Verdacht gegen ihn wesent⸗ lich bestärkt durch einen am Thatorte vorge⸗ fundenen beschriebenen Zettel und durch ein bei der Polizeibehörde eingegangenes anonymes Schreiben, in welchem Dinge mitgeteilt werden, Die nur der Mörder wissen konnte. Die Schrift- züge sowohl auf dem Zettel als auch in dem anonymen Schreiben sollen auffallende Aehnlich⸗ keit mit der Schrift des Angeklagten haben. Guthmann bestreitet seine Schuld und hat bis⸗ her obgeleugnet, mit der Singer näher bekannt gewesen zu sein. Die Verhandlungen, die be⸗ reits elf Tage dauern, haben bis jetzt mehr Entlastungs⸗ als Belastungsmaterial für den Angeschuldigten zu Tage Tage gefördert.
Nachschrift: Am zwölften Verhandlungs⸗
tage wurde der Angeklagte freigesprochen. Arbeiterbewegung.
Der Brauerstreik in Frankfurt a. M. dauert fort. Gehe kein Brauer nach Frankfurt und trinke Niemand, der den Ausstehenden zum Sieg verhelfen will, einen Tropfen Frankfurter Bier.— In Belgien streiken über 100000 Bergleute.
Partei⸗Nachrichten.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 29. April:
Gießener Wahlverein pünktlich 9 Uhr bei Orbig.
Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Gen. Ed. Krumm über:
Die Marr'sche Cheorie.
2. Vortrag des Gen. Ph. Scheidemann über:
Ed. Bernsteins Kritik des
Marxismus. 3. Diskussion. Es ist dringend erforderlich, daß die Genossen in dieser und den weiter folgenden Versammlungen zahlreich zur Stelle sind.
Alsfeld. Sonntag, den 30. April, nach⸗ mittags 2 Uhr, findet bei Gastwirt Kemmer eine Mitglieder⸗Versammlung statt. Tages⸗Ordnung: 1. Auf⸗ nahme und Einzahlung. 2. Maifeier. 3. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand.
Briefkasten der Redaktion. Ph. K.⸗M. a. M. Die Bestimmungen über die Arbeiterausschüsse finden Sie im§ 134 der Reichs⸗ A n l e e G A, A A E
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erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstauo und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dummheit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren.
Jedermann aus dem Volke ist im Stande, 9 sich durch das Lesen der„Mitteld. Sonntagsztg.“ auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie 3 wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die„Mitteld. S.⸗Ztg.“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Jnteresse ist und was 2 jedermann wissen muß. 17
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Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu gewonnener Leser.
gewerbe⸗Ordnung. Ueber die Form der Anhörung des Ausschußes wird gesetzlich nichts bestimmt(§ 134.). Gewählt wird der Arbeiter⸗Ausschuß von den großjähri⸗ gen Arbeitern in direkter und geheimer Wahl (S 134 h.). Der Arb.⸗Aussch. hat so gut wie keinen Wert, wenn nicht organisierte Arbeiter hinter ihm stehen. Der Unternehmer ist ja immer in der Lage, ihm unbe⸗ queme Mitglieder eines Ausschusses ohne Angabe von Gründen zu entlassen. Es handelt sich auch bezüglich der Arb.⸗Ausschüsse um ein Schein recht der Arbeiter. Auf dem Papier macht es sich ganz gut, in der Praxis hat es keinerlei Bedeutung, solange die Mehrheit der Arbeiter nicht den Wert der Organisation erkannt hat.
Marktbericht.
Gießen, 25. April.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.90 bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 00, 2 St. 10-11 Pfg., Enteneier 2 St. 11— 12 Pfg., Gänseeier p. St. 11 bis 12 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.80— 0.90, Hühner per Stück Mk. 1.10— 1.30, Hahnen per Stück Mk. 1.50— 2.00, Enten per Stück Mk. 2.00— 2.50, Gänse per Pfund Mk. 0.00— 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62— 64 Pfg., Schweine⸗ fleich per Pfd. 60—72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50— 70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 6.00— 7.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 9.00- 10.00, Milch per Liter 16 Pfg.
Grünberg, im März. Am Markttage, 22. April, wurden auf dem hiesigen Frucht markte folgende Frucht⸗ arten ꝛc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 9 Doppel⸗Zeutner(à 100 Kg) Weizen zu 16,00 M., 6 D.⸗Z. Korn zu 14,58 Mark, 13 D.⸗Z Gerste zu 15,44 Mark, 26 D.⸗Z. Hafer zu 14,70 Mark, 2 D.⸗Z. Erbsen zu 19,74 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00.00 Mark, 386 D.⸗Z. Kartoffeln zu 5,74 Mark.
Unserer hentigen Nummer liegt eine
Beilage des Kaufhauses F. Leitzow
„ Co. in Gießen bei, auf die wir hiermit hin⸗ weisen
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Schlecht angebrachte Sparsamkeit.
s. Es gibt leider immer noch viele Arbeiter, die den großen Wert der gewerkschaftlichen Organisation nicht einsehen wollen.„Es ist schade für die Beiträge“ sagen viele,„die paar Groschen jede Woche können wir sparen.“— Gespart werden die paar Groschen natürlich dann doch nicht.
Aber selbst den Fall angenommen, der eine oder andere würde Wirklich die Beiträge, die andere an ihre Gewerkschaftsorganisation zahlen, „sparen“, sie zinsbar anlegen, wäre das eine weise Sparsamkeit? Nein und tausendmal Nein!
An einem Beispiel wollen wir das beweisen. Setzen wir den Fall, in Dingsda arbeiteten 100 Schneidergesellen, von denen 20 gewerk⸗ schaftlich organisiert wären, 80 nicht. Diese 80, so wollen wir annehmen, stünden alle auf dem Standpunkt, daß sie die Beiträge, die jene 20 „Dummen“ zahlen, sparen. Nehmen wir weiter an, daß der Wrchenbeitrag, den jene 20 zahlen, 30 Pfg. beträgt, dann beläuft sich die Er⸗ sparnis eines jeden der 80„Gescheiten“ pro Jahr auf Mk. 15.60.
Nun aber die Kehrseite! Der Jahres⸗ Durchschnittsverdienst aller Schneider— so wollen wir beispielsweise annehmen— beläuft sich pro Woche auf Mk. 18.— Sowohl die Organisirten wie die Nichtorganisirten spüren tagtäglich, daß sie mit diesem bescheidenen Einkommen sich auf das Aeußerste einschränken müssen. Sie sind auf kleine, meist ungesunde Wohnungen ange⸗ wiesen; die Kartoffel spielt auf dem Speisenzettel die hervorragendste Rolle; Kohlen müssen zentner⸗ weise eingekauft und demgemäß teurer bezahlt werden; wenn die Hausmiethe fällig ist, giebt's kritische Tage aller Ordnungen; kurzum, es fehlt an allen Ecken und Kanten; das trägt bekanntlich nicht dazu bei, das häusliche Glück sonderlich zu fördern.
Unter diesen Zuständen leiden, wie schon ge⸗ sagt, alle Schneider in Dingsda.
Die Indifferenten sagen nun:„Wie kann ich bei dem geringen Verdienst auch noch 30 Pfg. Verbandsbeitrag zahlen? Diese 30 Pfg. reichen schon wieder für ein halbes Pfund Fleisch.“
Die Organisierten sagen:„Wenn Ihr nur 1 Sobald Ihr 80
Vernunft annehmen wolltet. Mann zu uns kommt und wir gehören hernach alle 100 dem Verband an, dann ist es uns ein leichtes, eine Lohnerhöhung von 2—3 Mk. pro Woche zu erzwingen.“
Würden nun die 80 nicht organisterten Ge⸗ sellen auf ihrem Standpunkt beharren, so wäre nie an eine Lohnaufbesserung zu denken. Von selbst zahlen die Unternehmer nichts mehr, und die Arbeiter können nichts erzwingen, wenn sie nicht gut organisiert sind.
Im Wesentlichen besteht deshalb die Aufgabe der einsichtigen Arbeiter darin, die Einsichtslosen und Gleichgültigen aufzurütteln und von dem Werth der Organisation zu überzeugen.
Um nun zum Schluß zu beweisen, wie falsch die von uns oben geschilderte„Sparfamkeit“ füs wollen wir ein durchschlagendes Beispiel an⸗ ühren.
Die Zustände, die wir beispielsweise von Dingsda schilderten, treffen mehr oder weniger auch auf Gießen zu. Seit Jahren trugen sich die gewerkschaftlich organisierten Schneider mit dem Gedanken, eine Lohnaufbesserung zu fordern. Die Hände waren ihnen aber gebunden, weil mit zuviel Kollegen zu rechnen war, die auf dem Standpunkt beharrten, sie müßten die Beiträge „sparen.“ Endlich, nach langem unermüdlichen Arbeiten war es gelungen, fast alle Kollegen in den Verband zu bringen.— Damit war die Bahn frei geworden.
Ueber die zu stellenden Forderungen waren sich die Kollegen bald einig. Der neue Lohn⸗ tarif wurde den Meistern und Ladengeschäfts⸗ inhabern vorgelegt und— bewilligt, die Arbeiter hatten eine Lohnaufbesserung von durch⸗ schnittlich 3 Mk. pro Woche erreicht.
Dasselbe Resultat wäre vor Jahren schon zu erreichen gewesen, wenn eben nicht gar zu viele Kollegen ihre Beiträge„gespart“ hätten. Kein Mensch wird bestreiten wollen, daß diese Sparsamkeit schlecht angebracht war, daß die Arbeiter mit dieser„Sparsamkeit“ jeden
einzelnen Kollegen um jährlich etwa 140
Mk. geschädigt haben. Wer Beiträge für die Gewerkschaftsorgani⸗ sationen„spart“ schädigt sich und seine Kol⸗
legen und spart in Wirklichkeit nur für die
Unternehmer. Deshalb hinein in die Gewerkschaften!
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Unterhaltungs⸗Ceil.
Ein Maigesprüch auf dem Dorfe.
ed. Vor dem Hause neben dem Eingang zur Schmiede lag ein alter Birnbaumstamm.
Auf ihm war schon manch lustiges und auch[hat
manch ernstes Gespräch von Jung und Alt geführt worden. Aber das geschah immer nur nach Feierabend oder des Sonntags. Deshalb wunderte sich der alte Birubaumstamm nicht wenig, als sich der sonst so fleißige Schmied
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Vormittag, auf seinem breiten Rücken nieder⸗
ließ, um sich in aller Gemütsruhe eine Pfeife zu stopfen. Dann lehnte sich der Schmied, be⸗
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haglich paffend, zurück und sah in den Stern-
äpfelbaum hinauf, der soeben seine zarte Blüten⸗ pracht zu entfalten begann. Die Maiensonne lachte ihn dabei vergnügt durch die Blüten
hindurch an, und der Schmied erwiderte ihren 8
kitzlichen Gruß wit einem kräftigen Niesen, so kräftig, daß der Buchfink, der oben im Gezweig saß und soeben seinen durch das Erscheinen des Schmiedes unterbrochenen Gesang wieder auf⸗ nehmen wollte, erschrickt den Schnabel wieder schloß. Erst nach einer Weile hatte er wieder soviel Muth beisammen, um sein fröhliches Frühlingsgeschmetter von Neuem zu beginnen.
„Guten Morgen, Schmiedjakob!“ sagte plötz⸗ lich ein grauköpfiger Bauersmann, der soeben
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um die Hausecke bog und verwundert vor dem Schmied stehen blieb, der den Gruß mit einem
„Guten Morgen, Nachbar!“ erwiderte.


