Ausgabe 
30.4.1899
 
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Nr. 18.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

Ei, was ist denn los? fuhr der Bauer fort,Du hast, scheint's, schon vor dem zweiten Frühstück Feierabend gemacht.

Heut hab ich schon vor dem ersten Frühstück die guten Hosen angezogen, sagte der Schmied, und, indem er einen Blick auf die zerbrochene Spannkette warf, die der Bauer in der Hand trug, fügte er hinzu:Heut wird nichts geschafft, wenigstens wenn's nicht ganz unbedingt nötig ist, Nachbar!

Ganz unbedingt nötig ist's grad' nicht, entgegnete der Bauer; aber morgen mußt Du mir sie machen.

Soll ein Wort sein, sagte der Schmied.

Der Bauer warf die Kette in die Ecke und sah dann den Schmied noch einmal fragend an. Ein Unglück scheint Dir nicht passiert zu sein, dann wird's also ein Glück sein, dessetwegen Du heut Feiertag machst. Darf man's wissen?

Warum denn nicht? Heut feiern die Sozialdemokraten in der ganzen Welt ihr Mai⸗ fest, und da feiere ich mit.

Ach so, sagte der Bauer lächelnd.Du ganz allein? Es sind doch noch mehr im Ort, die zur Partei halten.

Was die Fabriker anlangt, die können noch nicht, das weißt Du auch. Und was die Bauern anlangt, so getrauen die sich auch nicht heraus, obgleich sie's gar nicht nötig hätten, sich vor dem Pfarrer und dem Gendarm zu berstecken. Du selbst hättest's auch nicht nötig, Nachbar. Du hast doch auch bei der letzten Wahl für uns gestimmt.

Ja, erwiderte der Bauer,gestimmt hab' ich schon für die Partei, weil ich Euch in den meisten Punkten recht geben muß. Aber ich bin ein armer Kuhbauer; ich kann keine Händel mit der Polizei brauchen. Und, weißt Du, wenn man Geld schuldig ist, dann kann man sich auch nichts gegen die Großen im Dorf erlauben.

Ich weiß, sagte der Schmied,Ihr seid alle Geld schuldig. Ich seh's in meinem eigenen Geschäft, wie's Euch kleinen Bauern in den letzten Jahren geht. Um so nötiger wird's sein, daß Ihr Euch alle mit einander der Sozial⸗ demokratie offen anschließt. Wenn die kleinen Leute erst einmal alle zusammenhielten, dann sollt's bald besser werden.

Der Bauer setzte sich mit einem schweren Seufzer neben den Schmiedjakob auf den Birn⸗ baumstamm und sagte nachdenklich:Wenn die kleinen Leute alle zusammenhielten ja, wenn! Aber wenn Einer ein Aeckerchen mehr hat als der Andere, dann meint er gleich, er wär' was Besseres, und bei Licht betrachtet sind wir doch alle arme Keufel, die sich schinden und plagen müssen, um sich mit Ach und Krach durch⸗ zubringen. Alle Jahr wird's schlimmer. Die Steuern und Abgaben lassen nicht nach, und die Wirtschaft bringt nichts ein. Woher soll man's nehmen und nicht stehlen? Die Schulden wachsen einem über'n Kopf. Wär' ich nur vor fünfzehn Jahren mit meinem Bruder nach Amerika gemacht. Damals war mein Anwesen noch mein; heut verschlingen's die Hypotheken, wenn ich's verkaufe. Und dann ist ja in Amerika jetzt auch nichts mehr zu machen. Der Konrad schreibt, daß es mit den Bauern jetzt drüben auch sehr schlimm steht, und daß ein Anfänger leine Aussicht mehr hat, sein Fortkommen zu finden. Man meint, die ganz Welt wär' verhext.

Verhext und auch nicht verhext, sagte der Schmied und blies ruhig einige Rauchwolken in die Frühlingsluft hinein.

Der Schulmeister hat Recht, nahm der Bauer das Wort wieder auf;es sind zu viel Menschen da. Und der Bürgermeister hat auch Recht, es werden zuviel Nahrungsmittel hervor⸗ gebracht; es ist zuviel da, deshalb gilt nichts mehr was.

Der Schmied lachte.Nein, Nachbar, sagte er,in der Sach' hätt ich Dich für gescheidter wie den Schulmeister und wie den Bürger⸗ meister gehalten. Zuviel Menschen soll's geben und zugleich auch zuviel Brod das verträgt sich nicht mit einander. Zuviel Nahrungs⸗ mittel]? Ja, wenn's keine Hungrigen mehr gäbe; wenn jeder sich mit Frau und Kindern

ausreichend und gut ernähren könnte, und wenn dann noch Ueberschuß an landwirthschaftlichen Produkten vorhanden wäre, ja dann könnte man vielleicht vonzuviel Nahrungsmitteln reden. Aber wie sieht's denn in Wirklichkeit aus? Die vielen Millionen geringer Leute in Stadt und Dorf, die Fabrikarbeiter, Tage⸗ löhner, kleinen Handwerker und niederen Be⸗ amten müssen sich jahraus jahrein in der Nah⸗ rung einschränken. Kartoffeln Morgens, Mittags und Abends! Gut Dreiviertel der Menschheit können nicht so leben, wie es zur vollen Er⸗ haltung ihrer Gesundheit und Lebenskraft nötig wäre. Und da sprecht ihr Bauern vonzuviel Nahrungsmitteln! Ei ihr Bauern selbst lebt ja nicht so, wie's euch zuträglich wäre, und wie's euch auch von Rechtswegen zukäme. Wieviel Mehl, Milch, Butter, Fleisch und Eier gehen aus dem Dorf, was alles nicht herausgehen würde, wenn ihr Bauern mit euren Kindern euch so nähren wolltet, wie es die vornehmen Leute thun. Aber warum spart ihr euch das Alles vom Munde ab? Etwa aus lauter Ver⸗ gnügen an der schlechteren Nahrung?

Nein, sagte der Bauer heftig,desset⸗ wegen wahrhaftig nicht. Wir wissen auch, was gut schmeckt und was Kraft giebt. Aber was können wir machen? Es muß baar Geld ins Haus. Und doch reicht's nicht für all die Steuern, Rechnungen und Zinsen. Das Ge⸗ witter soll hineinschmeißen, in das Leben!

Davon wird's nicht besser, wenn's Ge⸗ witter hineinschmeißt, sagte der Schmied ge⸗ lassen,aber davon wird's besser, daß ihr end⸗ lich die Augen aufmacht und seht, woran's hängt. Der scheinbare Ueberfluß auf dem land⸗ wirtschaftlichen Markt kommt nicht daher, daß zuviel Nahrungsmittel hervorgebracht werden, sondern daher, daß die Masse des arbeiten⸗ den Volkes zu arm ist, d. h. zu wenig verdient, um genug bessere Nahrungs⸗ mittel zu verbrauchen.

Von der Seite hab' ich die Sach' noch garnicht betrachtet, meinte der Bauer, dem es wie Schuppen von den Augen fiel.

Und wer zwingt die breite Masse des arbeitenden Volkes zu Not und Entbehrung? fuhr der Schmied fort.Die großen Herren, die das Geld und die Macht in Händen haben. Die Fabrikherren und kapitalistischen Arbeit⸗ geber aller Art, die Bankiers und Geldleute, die Spekulanten und Aktionäre beuten die Arbeit des Volkes aus; sie werden reicher und immer reicher, während die Arbeit hungert. Dadurch verderben sie aber auch der Landwirtschaft die Kundschaft und bringen die Bauern in Ver⸗ schuldung. Dann sind die Herren mit Schuld⸗ briefen und Hypotheken bei der Hand, und die Zinsknechtschaft ist fertig. So scheeren sie mit ihrer goldenen Scheere dem Bauer von zwei Seiten aus die Wolle. Geld heckt Geld; die großen Kapitalien vermehren sich, ohne daß ihre glücklichen Besitzer auch nur den Finger zu rühren brauchen. Das arbeitende Volk aber zahlt die Zeche mit seinem Leib und Leben. Es ist Zeit, wir müssen uns zusammenschließen, damit dem kapitalistischen Ausbeuterthum in allen seinen Formen ein Ende bereitet wird. Dem Kapitalismus aber kann nur der Sozia⸗ lismus den Garaus machen, und in dieser Ueberzeugung feiern die Sozialisten aller Länder den ersten Mai. Es geht eine gewaltige Be⸗ wegung durch die Welt. Auch für die Bauern ist's Zeit, in den internatio⸗ nalen Kampf für Freiheit und Recht einzutreten.

Den Bauer hatten die Worte des Schmiedes innerlich mächtig ergriffen. Er stand auf und reichte ihm die Hand.Schmiedjakob, sagte er,was Du gesagt hast, ist recht und gut. Wenn erst alle so dächten, dann wär's ge⸗ wonnen.

Dann mußt Du auch mithelfen, daß mög⸗ lichst bald, wenn nicht alle, so doch die ent⸗ scheidende Mehrheit des Volkes so denkt, entgegnete der Schmied.

Was ich thun kann, soll von heut an eschehen. Du kannst dieMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung für mich mitbestellen ich will sie von nun an lesen, doch jetzt muß ich gehen. Ihr trefft euch doch heute Abend?

Wo ist's? Ich komme auch hin und, wenn's

geht, bringe ich noch ein paar gute Freunde mit. Soll mir lieb sein, Nachbar, sagte der

S balso wir seh'n uns imRothen ern.

Als am Abend die Arbeiter ihren Kreis durch einige Bauern, die sich seither nicht offen an dem Leben der Partei beteiligt hatten, er⸗ weitert sahen, da ging ihnen allen das Herz auf. Der Schmied sprach einige begeisterte Worte, wie notwendig es sei, daß alle Schichten des werkthätigen Volkes einmütig und offen zusammenstünden und wies darauf hin, wie in der gegenwärtigen Feststunde bereits viele Mil⸗ lionen Herzen diesseits und jenseits der Grenz⸗ pfähle in einer Ueberzeugung und in einem Willen zusammenschlügen. Dann stießen die Männer mit den Gläsern an, ihre Augen be⸗ gegneten sich und ihre Stimmen klangen zu⸗ sammen in einem kräftigen dreifachen Hoch auf die

volksbefreiende und völkervereinende Sozialdemokratie!

Aus unserer Sammelmappe.

Im allgemeinen ist in Bezug auf den Lohn wohl zu beachten, daß es wider göttliches und menschliches Recht geht, Notleidende zu drücken und auszubeuteu, um des eigenen Vorteils willen. Dem Arbeiter den ihm ge⸗ bührenden Verdienst vorenthalten, ist eine Sünde, die zum Himmel schreit.Siehe, sagt der heilige Geist,der Lohn der Arbeiter, den ihr unterschlagen, schreit zu Gott und ihre Stimmen dringen zum Herrn Zebaoth! Die Besitzenden dürfen endlich unter keinen Umständen die Arbeiter in ihren Ersparnissen schädigen, sei es durch Gewalt oder Trug oder Wucherkünste; und das um so weniger, als ihr Stand weniger gegen Unrecht und Ueber⸗ vorteilung geschützt ist und ihr Eigentum, weil gering, eben deshalb größere Achtung verdient.

5 Encyelica Leo XIII. Nicht mach' uns die einzelne Schlappe verlegen! Die fördert die Siege des Ganzen erst recht; Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen, Noch lauter es rufen: Die Freiheit! Das Recht! Denn ewig sind Eins diese heiligen Zweie! Sie halten zusammen in Trotz und in Treue. Wo das Recht ist, wohnen von selber schon Freie, Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!

Die Freiheit! Das Recht!

*

Wenn eine Regierung nicht regieren kann, hört sie auf legitim zu sein und es hat wer die Macht, auch das Recht sie zu stürzen. Zwar ist es leider wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange Zeit das Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst geschmiedeten entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der sittlichen Empörung der Tüchtigen und dem Notstande der Vielen die in solchem Fall legitime Revolution heraufbeschwören können und wollen. Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der Völker ein lustiges sein mag und wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt werden kann, so ist es doch auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler ver⸗ schlingt; und niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche Früchte trägt, sich an die Wurzel legt.

Theodor Mommsen, Röm. Gesch. III. B. S. 93.

Freiligrath.

2

Humoristisches. ultramontane Kunst.

Schultze: Die Abstimmungsurnen von Hildebrand will also Lieber nich haben; besonders weil se von nackte Fijuren jetragen werden.

Müller: Und die Eiform von die Fasen paßt ihm ooch nich.

Schultze: J, worum hat ooch der Künstler nich nen Lieberschen Theekessel zum Modell jenommen, der von drei Pfarrersköchinnen jetragen wird!

Müller: Det is'n Jedanke. Pfarrersköchinnen hat noch keener nackt jesehen.

Schultze: Wenigstens keen Lale.(Kladd.)

Ein Schwerenöter am Himmelsthor. Von dem Prinzen August von Preußen, der wegen seiner galanten Abenteuer bekannt war, erzählt Theodor Fontane in seinem nachgelassenen und soeben veröffentlichten Ro⸗ manDer Stechlin folgendes himmlisches Abenteuer: Der Prinz ist glücklich am Himmelsthor angelangt, aber St. Peter läßt ihn längere Zeit warten. Als er endlich öffnet, zeigt sich der Prinz ungehalteu.Königliche Hoheit, es ging beim besten Willen nicht früher!Weshalb nicht? murrt der Prinz.Halten zu Gnaden, könig⸗ liche Hoheit, ich mußte erst die elftausend Jungfrauen in Sicherheit bringen.