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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 18.

Carl Marx und Ed. Bernstein.

* In der Wahlvereinsversammlung vom 15. d. M. wurde in der Diskussion, die einem Referat Scheidemanns folgte, auch das neue Buch Bernsteins erwähnt. Auf erfolgte An⸗ regung wurde beschlossen, in den nächsten Ver⸗ 8 die sozialistischen Theorien unter besonderer Berücksichtigung des Bernsteinschen Buches eingehend zu erörtern. Den ersten Vor⸗ trag wird Stadtv. Krumm halten und zwar überDie Marx'sche Theorie. In einem weiteren Vortrag wird Gen. Scheidemann das Bernsteinsche Buch besprechen. Beide Vor⸗ träge sollen zusammen diskutiert werden. In weiteren Versammlungen soll dann das ganze sozialdemokratische Parteiprogramm besprochen und damit gleichzeitig den jüngeren Genossen Gelegenheit geboten werden, sich mit den sozia⸗ listischen Lehren und Forderungen besser ver traut zu machen. An anregender Diskussion wird es gewiß nicht fehlen; die Versammlungen, deren erste bereits am Samstag, den 29. April stattfindet, dürften also recht interessant werden. Sei jeder für guten Besuch besorgt.

Freigebige Stadiväter.

* In der nichtöffentlichen Sitzung der Stadt⸗ verordneten vom vorigen Donnerstag sind die Gehälter der Gießener städtischen Beamten teil weise sehr beträchtlich erhöht worden. Das Gehalt des Oberbürgermeisters wurde von Mk. 8500 auf Mk. 12.000, also gleich um Mk. 3500 erhöht. Diese geradezu überraschend hohe Zulage führte man in der Bürgerschaft darauf zurück, daß die Stadtverordneten be strebt gewesen wären, den Oberbürgermeister auch fernerhin an Gießen zu fesseln. Es war nämlich kurz vor jener Stadtverordneten-Ver sammlung das Gerücht verbreitet und auch von zahlreichen auswärtigen Blättern übernommen worden, Herr Gnayth habe einen Ruf au Stelle des verstorbenen Oberbürgermeisters v. Rümelin nach Stuttgart erhalten. Von leiner Seite wurde diesen Gerüch culgegen getreten. Und die Ueberzeugung von der Richtigkeit derselben wurde dadurch bestärkt, daß in jener kritischen Zeit die Stadtväter an einem Sonntag(den 16. April) zu einer Sitzung zusammentraten. Trotzdem nun von keiner Seite an der großen Befähigung des Oberbürgermeisters gezweifelt wird, ist die hohe Zulage von Mk. 3500 nicht überall in Gießener Würgerkreisen gut ge heißen worden. Man wird(ber in der Bürger schaft recht verdutzte Gesichter machen, wenn man folgende Notiz liest, die am Sonntag im StuttgarterNeuen Tageblatt veröffentlicht wu de:

Aus Gießen ist der Köln. Ztg. unterm 21. ds. ein Telegramm mit dem lakonischen Wortlaut zugegangen:Oberbü'rgermeister Gnauth lehnt den Ruf nach Szuttgart ab. Sein Gehalt ist auf 12,000 Nek. erhöht worden. Bekanntlich kam Hr. Gnauth, welcher ein ge borener Stuttgarter ist und das Ingenieurfach studiert hat, schon bei der letzten Stadtvor standswahl 1892 als Kandidat in Betracht; wenigstens wurde damals in den Krcisen der hiesigen Techniker seine Wahl lebhaft ge wünscht. Wer aber diesmal den Ruf an den Gießener Stadtvorstand er gehen ließ, weiß hier niemand.

Das Gehalt des besoldeten Beigeordneten wurde gegen die Stimmen unserer zwei Ge nossen und eines weiteren Stadtverordneten auf Mk. 5500 erhöht. Aus welchen Gründen denn? Mit den seither bezogenen Mk. 5000 fund der Herr Beigeordnete zweifellos ganz gut tandesgemäß leben können und seine Arbeit wäre damit wohl auch bezahlt gewesen. Der besoldete Beigeordnete der Stadt Gießen ist ein noch junger Mann und würde, ucun er im Staatsdienst geblieben wäre, jetzt etwa Mk. 2500 Gehalt beziehen. Wir hätten es für weit richtiger gehalten, bei den Zulagen für die gut be zahlten Beamten etwas sparsamer zu sein und lieber die Freigebigkeit mehr da zu bethätigen, wo sie besser am Platze gewesen wäre: bei den schlecht besoldeten Beamten und vor allen Dingen bei den geradezu kläglich bezahlten städtischen Arbeitern.

Krankenkontrolle.

Die in zahlreichen Krankenkassen einge⸗ führte Kontrolle der Kranken und Arbeit⸗ geber durch festangestellte Kontrolleure hat sich überall vorzüglich bewährt. Das Simulanten⸗ thum wird ziemlich unmöglich gemacht und zahl⸗ reiche Arbeitgeber, die durch alle möglichen Manöver die Kassen seither schädigten, werden jetzt zur Rechenschaft gezogen und müssen nun pünktlich zahlen. In Hanau soll jetzt zur Kon⸗ trolle der weiblichen Kassenmitglieder noch eine Frau als Kontrolleuse angestellt werden.

Der deutsche Flotten Verein.

* In einem schwülstigen Aufruf wird in den großen und kleinen Reptilienblättern zum Bei⸗ tritt in den Deutschen Flotten-Verein aufge⸗ fordert. Gleich am Anfang heißt es:

Das deutsche Volk, in glorreichem Kriege geeinigt, in ungetrübtem Frieden erstarkt, an Seelenzahl, Kapitalkraft und Unternehmungs⸗ lust zu vorher nie geahnter Höhe gewachsen...

Die Männer, die inglorreichem Kriege ihre Knochen zu Markte trugen, die hinter⸗ bliebenen Wittwen und Waisen, die Tausende, die den Todeskeim in der Brust, erst nach Jahren den Strapazen des Feldzuges erlagen das war das arbeitende Volk aus Dorf und Stadt, das waren in der gewaltigen Mehr- zahl Angehörige der Arbeiterklasse, die man nach dem glorreichen Kriegein ungetrübtem Frieden unter ein schändliches Aus nahmegesetz stellte, deren Vertrauensleute man durch das verpreußte Reich hetzte. Demselben Volke der Arbeit, das auf französischem Boden blutete, will manin ungetrübtem Frieden das Wahl⸗ recht rauben, das Koalitions recht be⸗ schneiden und als Ersatz ein Recht auf das Zuchthaus einräumen. Und so was spricht

von ungetrübtem Frieden! Das Volk der Arbeit

wird am Montag millionenstimmig zum Aus⸗ druck bringen, was von den bourgeoisen Inter⸗

1870 als die Kriegs anleihe ausgeschrieben war, so klassisch zu Tage trat, zu halten ist.

Eine national⸗sozsale Acquisition.

* Für das national-soziale Marburger Organ, das den für viele Leute trügerise en TitelHess. Landeszeitung trägt, wirbt jetzt in Gießen der Schriftsetzer Scheibe. Es ist das ein Herr, der über eine merkwürdige Anpassunge fähigkeit zu verfügen scheint. Vor wenigen Jahren noch sehr zahm gesinnter Setzer in einer Gießener Druckerei, wurde er sofort radikal, vachbdem es ihm gelungen war, sich durch Anwendung eines recht unschönen Mittels in der Hollmann⸗ schen Druckerei, der damals gerade der Druck derMitteldeutschen Sonntags-Zeitung über⸗ tragen war, Stellung zu berschaffen. Sogar der Verband der deutschen Buchdrucker war ihm nicht mehr radikal genug. Er trat einer neu begründeten Buchdruckergewerkschaft bei, die an geblich auf streng sozialdemokratischem Boden steht. Und mit souveräner Verachtung schaute der radikal gewordene junge Herr Scheibe auf die alten Grauköpfe, die Jahrzehnte hindurch dem Verband angehört und zum großen Tcil schwere Opfer gebracht hatten. Für ihn, den plötzlich so Rabiaten, waren diese Verbändler verachtungswerthe Harmoniedusler. Doch es kam wieder eine andere Zeit. Herr Scheibe kam nach Marburg in Arbeit und zwar in die Druckerei, die das national-soziale Organ her stellt. Nun poussieren zwar die Naumann'schen Steifleinenen den Buchdruckerverband aller dings vergeblich mit glühender Inbrunst und die neue, angeblich sozialdemokratische Buch drucker-Gewerkschaft, der Scheibe angehört, donnern sie in Grund und Boden. Aber das kümmert Herrn Scheibe nicht. Kaum hat er in der Marburger Druckerei dem harmonischen national-sozialen Flötengepiepse gelauscht, da schmilzt sein schmachtend Herze auch schon dahin, wie Butter an der Sonne. Und, was angeb⸗ lich Niemand kann, das kann Herr Scheibe er dient zwei Herren. Wenn er in Gießen sich Nachts in Morpheus Armen wiegt und süße Träume ihn umgaukeln, dann fühlt er sich stark, bärenstark. Und jeder Hieb, den der Herkules im Traume der Bettdecke versetzt, gilt

einem jener bedauernswerten Harmoniedusler im Buchdruckerverband, denen die Schmach an⸗ gethan wird, von den Naumännern poussiert zu

werden. Und wenn er dann gegen Morgen

im Traum natürlich an der tausendsten Harmonieduslerleiche steht und die Wirtin

weckt ihn auf, während Herr Scheibe gerade das zweite Tausend in Angriff nehmen will, dann ist er ärgerlich. Doch das dauert nicht lange. Mit bewundernswerther Geschwindigkeit wird das radikale Nachthemd aus- und das funkel⸗ nagelneue national⸗-soziale Hemd angezogen. Eine friedliche Stimmung überkommt nun den Bekehrten. Das Dampfroß trägt ihn nach Marburg, wo er bis Nachmittags 4 Uhr ar⸗ beitet, um dann wieder gen Gießen zu fahren. Die national-sozialen Blätter unterm Arm, in denen Stimmung gemacht wird für neue Kanonen, Schiffe und Kolonialpolitik, wirbt dann Herr Scheibe Abonnenten. Nachts tötet er selbstverständlich wieder Harmoniedusler. Wir gratulieren den Studenten, Pastoren und auffeine Kundschaft spekulierenden Hand⸗ werksmeistern, die die national-soziale Partei bilden, zu der neuen Acquisition.

Vermehrung der hessischen Wahlbezirke.

Die Abgg. Dr. David und Genossen haben den Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen, den Landständen ein Wahlreformgesetz vorzulegen, in dem eine den Veränderungen der Bevölke- rungsverhältnisse entsprechende Vermehrung der Wahlbezirke resp. Mandate vorgenommen wird. Die Regierung hat bei der Verhandlung über diesen Antrag im zweiten Ausschusse die mündliche Erklärung abgegeben,sie erkenne

an, daß durch die Vermehrung der Bevölkerung

eine Ungleichheit in einzelnen Wahlbezirken ein⸗ getreten sei, die auf die Dauer nicht bei⸗ behalten werden können. Die Regierung sei aber nicht in der Lage gewesen, jetzt schon eine

diesbezügliche Vorlage zu machen, diesesbe werde

l 75 Jebisen Silken? aber dem künftigen Landtage zugehen. (ssen-Politikern, deren Geld beutel-Patriotismus fig ge Zuge!

Zwitterpolitik.

* Der ehemalige Assessor von Gerlach, jetziger Rheder der von dem bekehrten Anti semiten Erdmannsdörffer gesteuerten Marburger national-sozialen Fregatte, veröffentlicht einen ArtikelWarum ich aus dem Bunde der Land wirte gusgeschlossen wurde. Unseres Erachtens hätte Herr von Gerlach klüger gethan, jenen Arlikel nicht zu schreiben. Denn was theilt Herr v. Gerlach der staunenden Menschheit mit? Daß er, der national-soziale Reichstagskandidat bis Ende Februar 1899 Mitglied des Junker⸗ bundes, des Bundes der Landwirte war, Mitglied dieser Brodwuchergesellschaft war bis er hinausgeworfen wurde. Wo man in Arbeiterkreisen den Versuch macht, die Hessische Landeszeitung, das Organ für politische Seiltänzerei einzuführen, da mache man es wie der Bund der Landwirte: Hinaus mit dem Zwitterding.

Ans Marburg.

he. Diegebildete Jugend In wabrhaft bestialischer Weise machte ein hiesiger Student seinem Aerger darüber Luft, daß ihm einer seiner Kommilitonen des Ulkes halber eine Kaffeebohne in's Bier geworfen hatte. Im Begriff, das Lokal zu verlassen, pfiff er seinem Dachshund, der, nichts Gutes ahnend, nicht sogleich Folge leistete, wohl auch durch andere Gäste hieran gehindert wurde. Hierauf erklärte der Student den Anwesenden:In fünf Minuten könnt ihr einen toten Hund sehen, worauf er das Tierchen durch wiederholtes Aufwerfen auf das Straßenpflaster tötete und dann das Objekt seiner edlen Rache der Lahn übergab, nachdem er noch vorher das halbverendete Hündchen seinen Kommilitonen im Lokal präsentiert batte. Wären nichtKom⸗ militonen, sondern Leute aus denunteren Ständen Zeugen dieser Bestialität gewesen, so würde gerechte Lynchjustiz geübt worden sein. Aber inbesseren Kreisen hat man Verständnis und Nachsicht für solche Kleinigkeiten.

Aus Wetzlar. *Zwang, Zwang! welch schöner

Klang fur ein zünftlerisches Ohr! Nachdem sich⸗

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