Ausgabe 
30.4.1899
 
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Dem Strafvollzug wohnten die Oberbeamten bei.

fh die Sozialdemokraten eingenommen:

Vor einigen Tagen besuchte der kleri

Nr. 18.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Man schnallte den Sünder auf den Bock fest und dann klatschte die Peitsche auf das Gefäß des Gefesselten nieder. Die Hiebe fallen nicht etwa hageldicht, wie mancher Neuling denken könnte, sondern nach jedem Hieb wird erst ge⸗ wartet, bis der Geprügelte das Winden und Zucken läßt und sich beruhigt. Die ersten acht Hiebe teilte ein Angestellter aus, der wegen seines humanen und religiösen Sinnes unter den Zuchthäuslern eine große Achtung genießt. Dem Oberaufseher müssen aber diese Schläge nicht kraftvoll genug ausgefallen sein, denn er ergriff selbst die Peitsche und ging besser ins Geschirr, so daß bald das Jammern Gräfs durch die weiten und engen Räume der Anstalt erscholl. Jede körperliche Züchtigung erscheint noch insofern verschärft, als der Geprügelte für die nächsten zwei Monate keinen Lohn erhält und sich in den nächsten drei Monaten keine Zusatznahrungsmittel kaufen darf.

Durch Vermittelung des evangelischen Geistlichen ge⸗ lang es Gräf endlich, in einem anderen Berufe be⸗ schäftigt zu werden. Er arbeitete in den letzten dreizehn Monaten als Bürstenmacher.

Als die EssenerMeineidigen ins Zucht⸗ haus wandern mußten, als die ganze zivilisterte Welt, nicht nur die Sozialdemokratie, einmütig ihren Unwillen über das harte Urteil äußerte, da rechneten bürgerliche Idealisten und Optimisten auf baldige Begnadigung. Eines aber nahm man wohl allgemein an: Der Strafvollzug würde, so weit es möglich war, das Los der Märtyrer des Klassenkampfes erleichtern. Jetzt

berichten die Zuchthauserinnerungen von ben Arreststrafen und Peitschen ieben.

Diese Peitschenhiebe verwundeten zwar und quälten den kranken Leib eines von bürgerlichen Geschworenen verurteilten Sozialdemokraten, aber entehrend sind sie für unsere heutige Gesellschaft. Die zwanzig Peitschenhiebe bleiben brennend auf der Stirn unserer Kultur.

Flotten⸗Vereins⸗Zwangs mitglieder.

Ein Parteigenosse schreibt dem Vorw.: Ich kann Ihnen hiermit die hocherfreuliche Mitteilung machen, daß ich Mitglied des deutschen Flotten-Vereins zu Berlin geworden bin fürEine Reichsmark. Und das kam so: Unser verehrter Chef, wasserpatriotisch wie er sich hat, läßt das bekannte FlugblattSamoa und die deutsche Flotte kursieren nebst einer Liste, in welcher sämtliche Namen seiner Ange⸗ stellten aufgezeichnet stehen. Neben seinem Namen prangt eine Zeichnung von 30 Mk. Das steckt an! Selbst die Boten und Haus⸗ diener können bei solchem Beispiel nicht wider⸗ stehen. Auch sie reißt die patriotische Begeisterung mit sort und keiner wagt es neben seinen Namen weniger zu setzen als eine Reichsmark. Je mehr gezkichnet ist, desto besser der Geruch! Und einer, der nicht mitmachte, der statt einer Eins einen Strich zeichnen würde, zeichnete damit sein Abgangszeugnis!

So wirbt man Mitglieder für den Flotten⸗ Verein in Berlin. Wie Eisenbahnunter⸗ beamte in Oberhessen geworben werden, haben wir bereits mitgeteilt.

Zum Fleischbeschaugesetz.

Den Beschauzwang bei Hausschlach⸗ tungen im Fleischschaugesetz verteidigt offizibs dieNordd. Allg. Ztg. mit dem Hinweis, daß die Befreiung der Hausschlachtungen von der allgemeinen Regelung ein verhängnisvoller Schritt wäre,der nicht nur das dem Fleisch⸗ beschaugesetz zu Grunde liegende Prinzip in be⸗ denklicher Weise durchbrechen, sondern auch

raktische Bedenken rege machen müßte. Da as Fleisch der im ländlichen Haushalt ge⸗ schlachteten Tiere zur Nahrung für eine große Anzahl von Landarbeitern Verwendung findet, ferner vielfach zur Versendung und zum Verkauf gelangt, so würde solchgergestalt ein nicht un⸗ beträchtlicher Teil des für den Konsum der Be⸗ völkerung bestimmten Fleisches der Schaukon⸗ trolle entzogen sein, eine Konscquenz, die unter Umständen sich als sehr mißlich erweisen könne. Den einzig richtigen Standpunkt in dieser Sc

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ührung einer staatlich en obligatorischen

1 versicherung und Uebernahme der Kosten

für die Fleischbeschau durch das Reich. Christus und die Sozialdemokratie.

Aus Brüssel schreibt man derFr. Z.: 1 5 kale Präsi

dent des belgischen Senats Baron Roodenbeeke die neue sozialistischeMaison du Peuple(Volks⸗ haus). Ein sozialistischer Abgeordneter spielte den Führer und führte ihn durch alle Räume.

In einem Saale hängt an der Wand ein großer

Christus und der Baron schien sich zu wundern, Christus hier bei den Sozialdemo⸗ kraten so geehrt zu finden. Dazu bemerkt das belgischeZentralblatt der sozialdemo⸗ kratischen Partei, derPeuble:Christus ist hier bei uns durchaus am richtigen Platze. Viel zu lange schon haben die Sozialdemokraten die Naivetät besessen, diesen großen Vorläufer der Demokratie von Denjenigen ausbeuten zu lassen, die er verleugnet haben würde, wenn er sie gekannt hätte und die seine Lehre gefälscht haben. Christus gehört uns mehr, als jeder anderen Gruppe und deshalb haben wir ihm einen Ehrenplatz in unserer Maison du Peuple gegeben.

Das wilde Land.

Aus der Schweiz wird demVorwärts geschrieben: Genosse Robert Seidel in Zürich, der bekannte Parteigenosse, der bis zum Jahre 1890 im Kanton Glarus als Sekundarlehrer wirkte und sodann die Redaktion derArbeiter⸗ stimme, im vorigen Jahre diejenige des Züricher Volksrecht übernahm und von letzterer Stelle im Dezember 1898 zurücktrat, ist wieder in den Schul dienst zurückgekehrt. Der Züricher Erziehungsrat hat ihm vorläufig eine Sekundar⸗ lehrer⸗Verweserstelle in Außersihl(Zürich) über⸗ tragen; die definitive Wiederanstellung wird dann wohl bald folgen. Seidel ist als Lehrer allgemein anerkannt und begrüßten daher sogar bürgerliche Blätter seine Rückkehr zur Schule. Immerhin verdient die Vorurteilslosigkeit der bürgerlichen Behörde zu einer Zeit, da man in Berlin einen Privatdozenten seiner sozialdemokratischen Gesinnung wegen maßregelt, unsere Anerkennung. In der Schweiz giebt es bekanntlich auch sozialdemokratische Geistliche, Richter und Staatsanwälte.

Um einen Trunkenbold.

Ueber die taktlose Rede eines amerikanischen Offiziers wird in der deutschen Presse viel Lärm geschlagen. Am 21. d. M. fand nämlich zu Ehren des Kapitäns Coghlan und de Offi⸗ ziere des von den Philippinen zurückgekehrten Kreuzers der Vereinigten StaatenRaleigh ein Bankett statt. Kapitän Coghlan hielt eine Rede, worin er von einem Vorfalle sprach, der während der Blockade Manilas zwischen dem Admiral Dewey und einem deutschen Offizier sich abspielte, den der deulsche Admiral abge⸗ schickt hätte, um über irgend etwas Beschwerde zu führen. Coghlan hörte, wie Dewey den Offizier ersuchte, dem deutschen Admiral zu sagen, die deutschen Schiffe müßten stille stehen, wenn Dewey es sage. Nach einem Hinweis auf die deutsche Flagge soll Dewey gesagt haben: Diese Flaggen können überall für einen halben Dollar per Elle gekauft werden. Weiter: Sagen Sie Ihrem Admiral, das mindeste Zuwiderhandeln gegen irgend eine Blockaderegel wird nur eins bedeuten, nämlich Krieg; es wird so aufgefaßt und unverzüglich geahndet werden; wenn Ihre Leute bereit sind zu einem Krieg mit den Vereinigten Staaten, können sie ihn jederzeit haben. Stürmischer Beifall folgte Coghlans Worten. Auf allgemeines Verlangen trug er ein Spottgedicht auf den deutschen Kaiser vor.

Die amerikanischen Behörden haben den Großsprecher sofort desavouiert. Ihm ist be⸗ fohlen worden, sofort auf sein Schiff zurückzu⸗ kehren, und außerdem ist sein Verhalten schrift⸗ lich gemißbilligt worden. Ferner wird berichtet, daß der Staatssekretär Hay gegenüber dem deutschen Botschafter seine lebhafte Mißbilligung über das Benehmen des Kapitäns Coghlau ausgesprochen habe.

Irgend eine Weiterung dürfte der Vorfall demnach nicht mehr haben. Und wirklich haben auch die großsprecherischen Redensarten eines aus dem Kriege zurückkehrenden Offiziers nicht die geringste Bedeutung. Was haben Deutsche, die am Rededadderich leiden, so häufig im Suff

für Blech zusammengeredet! ůöð 2 2ñ᷑ů F

Aus dem Reichstag.

Nachdem das kleine Häuflein der Reichsboten, das es der Mühe wert gehalten hatte, im Reichstag zu erscheinen, am Mittwoch voriger Woche die neueste Ge⸗ werbeordnungsnovelle einer Kommission von 21 Mitgliedern übergeben hatte, vertagte sich der Reichstag bis zum Dienstag dieser Woche.

Auf der Tagesordnung stand der von den Antisemiten in Form eines Gesetzentwurfs eingebrachte Antrag, be⸗ treffend das Betäuben der Schlachttiere. Der Antrag bezweckt in der Hauptsache ein Verbot des Schächtens. Die Befürworter des Antrages, die Antisemiten Dr. Vielhaben, Dr. Böckel und Bindewald, sowie der Konservative Dr. Oertel, der namens des größeren Teils seiner Partei dem Antrag zustimmte, wollten die antisemitischen Motive ihres Vorgehens nicht gelten lassen. Sie schützten humanitäre Rücksicht en vor und bemühten sich nachzuweisen, daß das Schächten eine grausame Tierquälerei sei, der man, wie es bereits in Sachsen geschehen sei, mit gesetzgeberischen Mitteln entgegentreten müsse. Der Versuch dieses Nachweises mißlang aber durchaus, wie von den Gegnern des An⸗ trages auf Grund eigener Wahrnehmungen und sachver⸗ ständiger Gutachten alsbald dargethan wurde. Gegen den Autrag wandten sich namens des Zentrums Abge⸗ ordneter Dr. Lieber, der nationalliberale Dr. Kruse, die Abgeordneten Rickert und Schrader von der Freisinnig en Vereinigung, die Abgg. Dr. Höffel und v. Tiedemann von der Reichspartei, Abg. Eickhoff von der Freisinni⸗ gen Volkspartei und namens der Sozialdemokraten Liebknecht. Abgeordneter Eickhoff bemerkte, daß, solange kein Beweis erbracht werde, daß das Schächteu eine unzulässige Tierquälerei sei, kein Grund zu gesetzgeberi⸗ schem Vorgehen vorliege. Genosse Liebknecht: Will man die Tiere gegen Grausamkeiten schützen, so soll man zu⸗ erst human gegen Menschen sein, z. B. die grausame Vrrfolgung der Sozialdemokratie nicht zulassen; wer hat sich in Hamburg gegen das Verbot kleine Kinder früh am Morgen zum Brotaustragen zu verwenden, gewandt? Der Abg. Vielhaben! Will man das Tier gegen Grausamkeit schützen, so wende man sich zu⸗

erst gegen die grausamen Hof- und Hetzjagden,

z. B. gegen die am Grunewald. Jedenfalls fallen die Gutachten der bedeutenden Männer der Wissenschaft z. B. das des Prof. Goltz in Straßburg, für das Schächten aus, als für die mildere Tötungsart. Sie werden uns nicht weiß machen, daß Sie den Antrag nicht aus antisemitischer Agitations⸗ bestrebung eingebracht haben, sondern aus Liebe zum Tier.

Der Reichstag beschäftigte sieh am Mittwoch mit dem Antrag Hitze betr. Schaffung von Arbeits- kammern. Dazu lag ein Unterantrag des National⸗ liberalen Frhr. Heyl zu Herrnsheim und Gen. vor, der die Arbeitskammern im Sinne des Antrages Hitze als Sektionen der Gewerbegerichte konstituieren und ihnen insbesondere auch gesetzliche Befugnisse als Einigungs⸗ ämter zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Arbeit⸗ gebern und Arbeitnehmern zuweisen will. In Verbindung damit wurde der Antrag Rösicke⸗Pachnicke betr. Errichtung eines Reichsarbeitsamts beraten. Abg. Dr. Hitze empfahl seinen Antrag mit besonderem Hinweis auf die kaiserlichen Erlasse von 1890. DieArbeitskammern, welche nicht mit den von sozialdemokratischer Seite empfohlenenArbeiterkammern verwechselt werden dürften, bezweckten eine gemeinsame Organisation der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Von der Errichtung solcher Arbeitskammern versprach sich Abg. Dr. Hitze große Wirksamkeit gegen die Bestrebungen der Sozial⸗ demokratie. Die Abgg. Pachnicke, Frhr. Heyl, Rösicke und Bassermann sprachen für ihre bezüg⸗ lichen Anträge. Freiherr von Stumm trat scharf allen vorliegenden Anträgen entgegen. Ohne daß einer unserer Genossen zum Worte kam, wurde die Beratung vertagt.

Für Donnerstag wurde die zweite Lesung des Bank⸗ gesetzes auf die Tagesordnung gesetzt, ein Gegenstand, der unsere Leser, die nichts mit Banken zu thun haben, kaum interessieren wird.

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Von Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich W Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. 2 zir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Die Feier des I. Mai

wird sich voraussichtlich im Kreis Gießen zu einer recht würdigen gestalten. Die Genossen derjenigen Orte, in denen keine besondere Feier stattfinden kann, mögen sich recht zahlreich an den Veranstaltungen in den benachbarten Dörfern beteiligen. Aus dem Juseratenteil der heutigen Nummer ist Näheres über die verschiedenen Ver⸗ anstaltungen zu ersehen. Auf zur Maifeier!