Ausgabe 
30.4.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

Nr. 18.

Seite. Und wie die Interessen beider, die der Ausbeuter und Ausgebeuteten, einander feindlich gegenüberstehen, und so die einzelnen Glieder jedes Teiles zu besserem Widerstand sich fest und fester aneinanderschließen, so ist es auch ein Gedanke, ein Wollen, ein Fühlen, das die Masse des internationalen Proletariats beseelt.

Mann und Weib, stehen sie da, Schulter an Schulter, Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer, Oesterreicher, die Arbeiter und Arbeiterinnen Italiens, Europas, Amerikas, der ganzen Welt vereint zu gleichem Kampfe, einig im gleichen Ziel: der Befreiung der leidenden Menschheit aus den Fesseln des Kapi⸗ talismus, einig in der Verbrüderung der Nationen, einig im gleichen Ziel des Völker⸗ friedens. f i

Und am 1. Mai, den sich das Volk der Arbeit der gesamten Welt zum Feiertag erkoren, wird das internationale Arbeiter⸗Heer zusammen⸗ treten, um seine Musterung zu halten zum Frohgefühl des Stolzes und der Kraft den Proletariern zum Schrecken seiner Gegner, den Kapitalisten. i

Und wie seither, so werden auch bei der diesjährigen zehnten Weltfeier der Arbeit am 1. Mai die deutschen Proletarier nicht hinter ihren Brüdern zurückstehen. Einmütig werden auch die zum Klassenbewußtsein er⸗ wachten Arbeiter, die in hessis chen Städten und Dörfern frohnden, zusammenstehen. Und donnernd wird aus ihren Reihen der herrschen⸗ den Klasse der Ruf entgegenhallen:

Her mit dem Achtstundentag! Hoch das Koalionsrecht! Krieg dem Zuchthauskurs! Friede den Völkern!

Nieder mit dem Kriegsmoloch! Gruß und Handschlag den Kampf⸗ genossen in allen Ländern! Hoch die internationale Sozial⸗

demokratie!

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Bleib' im Lande und nähre dich redlich!

d- Wie in so vielen anderen Spichwörtern steckt auch in dem vorstehenden ein gut Stückchen Heuchelei. Als ob die Leute auswanderten aus Uebermut, oder weil sie die Absicht haben, sich fern von der Heimat unredlich zu nähren!

Solange in der Heimat die Möglichkeit ge⸗ geben ist, sich redlich und so fügen wir hin⸗ u menschen würdig zu nähren, wird die

uswanderung sich stets in bestimmten Grenzen halten. Diese unsere Behauptung wird glänzend

als richtig bewiesen durch die amtlichen Er⸗

mittelungen über die Auswanderung aus Deutsch⸗ land sowohl, als auch aus den einzelnen Bundes staaten.

Nie war die Auswanderung aus dem Reich größer als Ende der sicbenziger und in den achtziger Jahren. Ursache: Die furchtbare Arbeitslosigkeit in Folge der allgemeinen Krise, die damals auf Jahre hinaus alle Geschäfts⸗ zweige in Mitleidenschaft zog. Die Möglichkeit, sich im Landeredlich und menschenwürdig zu nähren, war auf ein sehr geringes Maaß herab- gedrückt und von den Versprechungen, daß es galt wieder besser werde, wurde kein Mensch a

Erst allmählich nahm die Auswanderung wieder ab allmählich, in demselben Tempo, wie die Geschäftslage sich wieder besserte, die Arbeitsgelegenheit günstiger wurde.

Sehen wir uns einmal die statistischen Nach⸗ weise über die Auswanderung aus Hessen an. In den letzten 20 Jahren, von 1879 bis 1898, wanderten nach überseeischen Ländern 38,883 unserer Landsleute aus. Im einzelnen be⸗ trachtet, ergiebt sich folgendes Bild: Es schüttelten den Staub von den Füßen 1879: 889, 1880: 3022, 1881: 4173 Hessen; in diesem Jahre war der Höhepunkt erreicht, die Auswanderung ging allmählich zurück, hielt 3 aber bis im Jahre 1884 immer noch über 3000. Abgesehen von geringfügigeren Schwankungen verminderte

sich die Auswanderungszahl dann regelmäßig und ging 1891 erstmalig unter 2000 zurück(1992). Nunmehr verminderte sich die Zahl von Jahr zu Jahr schnell, bis ste 1898 auf 316 gesunken

war.

1898 sind aus dem ganzen Kreis Gießen nur noch 11 Personen ausgewandert!

Solche Zahlen reden eine deutliche Sprache. Sie beweisen, daß die Arbeits gelegenheit gegenwärtig recht günstig sei muß, daß es möglich ist, sich im Landeredlich zu nähren.

Und jetzt sind wir bei der Kernfrage ange⸗ langt: Nutzen die Arbeiter die günstige Geschäftslage aus, um sich nicht nur redlich, sondern auch so, wie es ihnen am Ende des 19. Jahrhunderts zukommt, ernähren zu können?? i

Daß die Arbeitsgelegenheit eine günstige ist, steht außer Zweifel und daß die Unternehmer gute Geschäfte machen, zeigen die Handels⸗ kammerberichte und die Geschäftsberichte der Aktiengesellschaften, welch letztere gesetzlich zur Veröffentlichung ihr Abschlüsse verpflichtet sind. Dividenden in der Höhe von 10 pCt. sind nichts besonders Auffallendes mehr. Die Gesellschaften, welche 20, 25 und mehr Prozente Dividende zahlen, mehren sich in den letzten Jahren. Die Burbacher Hütte zahlte 55, die Gasglühlicht⸗ gesellschaft Auer 60, die Dresdener Aktien⸗ Cichorien⸗ und Kaffee⸗Surrogat⸗Fabrik zahlte ihren Aktionären sogar 72 pCt. Dividende.

Sind nun entsprechend diesen Riesenprofiten der Unternehmer auch die Arbeitslöhne gestiegen? Keineswegs! Gewiß sind hier und da Zuge⸗ ständnisse erreicht worden, aber die große Masse der Arbeiter geht leer aus, muß leer ausgehen, weil das Unternehmertum freiwillig nichts ge⸗ wählt und sich zu Zugeständnissen nur dann herbeiläßt, wenn die Arbeiter vereinigt find und ihren Forderungen gestützt durch eine Organisation auch den nötigen Nachdruck geben können.

Noch ist den Arbeitern die Gelegenheit ge⸗ boten, die günstige Geschäftslage für sich und ihre Familien auszunützen.

Noch haben die deutschen Arbeiter das Koalitionsrecht, wenn auch nur in bescheidenem Maße. Aber, wer weiß, wie lange sie es noch haben. Die Unternehmer befürchten schon, daß die Arbeitermassen, die bisher gleichgültig bei Seite stauden, die günstige Geschäftslage erkennen könnten und dann mit Forderungen kommen würden. Sie wissen aber auch, daß ihnen nur organisierte Arbeiter gefährlich werden können. Und um den zum Klassenbe⸗ wußtsein erwachenden Arbeitern die Möglichkeit zu nehmen, sich zu organisieren, hat das Unternehmertum dem Koalitionsrecht den Krieg erklärt.

Wir leben im Zuchthauskurs!

Es gilt, keine Zeit zu verlieren, ihr deutschen Arbeiter, es ist Gefahr im Verzug. Die ihr noch nicht organssert seid, schließt euch euren Kameraden au. Nur dann ist es möglich, Zu⸗ stände herbeizuführen, die es jedem ermöglichen, sichredlich und menschenwürdig zu nähren.

Schärft Eure 2 beste Waffe

im Kampfe gegen Volksentrechtung, gegen Zuchthauskurs, Militarismus und Marinismus,

die Presse

indem Ihr derselben zum 1. Mai

neue Abonnenten

zuführt.

Je größer die Verbreitung derMittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung, desto größer ihr Einfluß.

Politische Rundschau. 5

Gießen, den 28. April.

Vorboten des Zuchthauskurses.

Morgenluft des Zuchthausgesetzes verspürt man, wenn man die Thätigkeit des anhalti⸗ schen Landtags unter die Lupe nimmt. Es ist dort ein Gesetzentwurf eingegangen, der die landwirtschaftlichen Arbeiter vollständig unter das Gesinderecht stellt und 10 1 bis zu 1 Jahr festsetzt für die Verabredung von Arbeitseinstellungen. Es sei uns erlaubt, von den reaktionären Paragraphen nur einen anzuführen:

§ 6. Landwirtschaftliche Arbeiter, welche die Arbeitgeber zu gewissen Handlungen oder

Zugeständnissen dadurch zu bestimmen

suchen, daß sie die Einstellung der Ar⸗

beit oder die Verhinderung derselben bei einzelnen oder mehreren Arbeitgebern unter einander verabreden, werden mit Ge⸗ fängnis bis zu 1 Jahr bestraft. Die

Anstifter unterliegen der gleichen Strafe,

auch wenn sie keine landwirtschaftlichen Ar⸗

beiter sind.

Die Gesetzesvorlage kennzeichnet so recht die reaktionäre Strömung der Zeit, sie macht die land wirtschaftlichen Arbeiter wieder zu Leib⸗ eigenen.

Nationalliberale Wahlrechtsfeinde.

Ueber die Verhandlungen in der hessischen Kammer betr. die Verbesserung des Wahlver⸗ fahrens schreibt die FrankfurterKl Pr.: Jedenfalls macht das Verhalten der Re⸗ gierung(die die Wahlreform zum Teil gut⸗ hies) in dieser Frage einen ungleich besseren Eindruck, als das eines großen Teiles der Nationalliberalen, die durch den Abg. Schröder erklären ließen, daß sie für die Er⸗ haltung des indirekten Wahlrechts eintreten würden, weil das Volk nach ihrer Ansicht für das allgemeine direkte Wahlrecht noch nicht reif genug sei.(Herr Dr. Schröder sprach sogar von Stimmpvieh. Red. d. M. S.⸗Z.) Diese protzige Erklärung der Herren von Bildung und Besitz ist um so bemerkenswerter, als man daraus auch auf die Stellung schließen kann, welche dieseVolksvertreter zum Reichs⸗ tags wahlrecht einnehmen, und zwar logischer⸗ weise einnehmen müssen. Denn da im Reichs⸗ tag durchgängig unzweifelhaft viel bedeutsamere und schwierigere, dem einzelnen Abgeordneten zum Teil schon räumlich ferner liegende Ange⸗ legenheiten beraten werden, als in den Einzel⸗ landtagen, so muß derjenige, der das Volk noch nicht reif genug hält, um seine Vertreter direkt und ohne Mittelsmann in den Einzel land tag zu wählen, dasselbe für die dierekte Reichs tagswahl erst recht alsunreif ansehen und demgemäß als ehrlicher Mann danach trachten und streben, das direkte Reichstagßwahlrecht so⸗ bald als möglich abzuschaffen. Die hessischen Wähler werden hoffentlich reif genug sein, dies den Herren Schröder und Genossen bei jeder Gelegenheit geziemend vorzuhalten und di sen Wackeren Volksvertretern, wenn sie sich wieder um ihre Gunst bewerben, diejenige Antwort zu geben die ihnen gebührt. Wird geschehen!

Zuchthauserlebnisse.

Genosse Gräf, eines der Opfer des Essener Meineidsprozesses, der Jahre im Zuchthaus zu Werden a. R. abgebüßt hat, hat einiges von seinen Zuchthauserlebnissen erzählt, das angesichts der kommenden Zuchthausvorlage be⸗ sonders interessieren wird. In derRhein. Westf. Arbeiterzeitung ist zu lesen:

Die ersten zwei Jahre arbeitete Gräf für die Gold⸗ und Politurleistenfabrik Dietrich in Werden. Das Polieren ist kein leichtes Geschäft. Unausgesetzt muß der Arbeiter mit seinem Polierlappen an den drei Meter langen Leisten auf und nieder laufen, so daß er abends seine Füße spürt. Als Gräf vom Kaufmann Dietrich immer und immer wieder gezwiebelt wurde, lief ihm ein⸗ mal die Galle über, und er titulierte den auf seinen Verdienst so erpichten Mann mit einem wenig schmeichel⸗ haften Wort. Im bürgerlichen Leben wäre dem sein Recht verfechtenden Arbeiter im höchsten Falle gekündigt worden. Das Zuchthaus kennt so etwas natürlich nicht.

Gräf wurde vielmehr vor das Disciplinargericht gestellt und zu zwanzig Peitschenhieben verurteilt.

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