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Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung
Nr. 44. 5 14
gewählt. Die Gegner stellten keine eigene Liste mehr auf. Ein heiteres und in seinem ferneren Verlauf gewiß interessantes Ergebnis zeigte die Wahl der Arbeitergeber⸗Beisttzer. Die vom Gewerbeverein aufgestellten 12 Kandidaten fanden— 13 Nähler. Da allgemein bekannt ist, ein wie geringes Interresse die Arbeitgeber der Gewerbegerichtswahl entgegenbringen, hatten am Wahltage einige Arbeiter eine Arbeit⸗ geberliste aufgestellt, für die zwölf gültige Stimmen abgegeben wurden. Mindestens 20 Wähler waren nicht in die Liste eingetragen, sonst hätte die Arbeitgeberliste der Arbeiter länzend gesiegt Da nun auf einigen Listen des Gewerbevereins je ein Rame gestrichen war, so sind nur acht Arbeitgeber ⸗Beisitzer mit je einer Stimme Mehrheit gewählt. Nun müssen die weiteren vier ausgelost werden. Ueber diese Auslosung ist aber das Wahlkomitee keineswegs einig. Der Vertreter der Stadt will diejenigen selbständigeu Unternehmer, die zur Zeit keinen Arbeiter beschäftigen, nicht als Arbeitgeber betrachten und hält sie infolgedessen auch nicht für qualifiziert zum Beisitzer des Ge⸗ werbegerichts.
Wir halten diese Anschauung für gänzlich unhaltbar. Abgesehen davon, daß die Bezeich⸗ nung„Arbeitgeber“ eine ganz unzutreffende für den Unternehmer ist, darf man sich auch nicht an dieses Wort klammern. Es handelt stch bei den Gewerbegerichten um eine Institution, die in erster Linie berufen ist, in Streitfällen zwischen selbständigen Unternehmern (Geschäftsinhabern) und unselbständigen Arbeitern zu vermitteln. Ist nun ein Schuhmacher⸗ oder Schneidermeister, der in den Tagen der Gewerbegerichtswahl zufällig keinen Arbeiter beschäftigt, deshalb kein selbständiger Unternehmer mehr? Was ist er denn? Arbeiter im Sinne der Gewerbeordnung ist er doch auch nicht. Man wird schon in den sauren Apfel beißen und einige nicht vom Gewerbeverein empfohlenen Beisitzer acceptieren müssen.
Wiesecker, paßt auf!
* Von gewisser Seite will man Euch bei der Landtags wahl Knüppel zwischen die Beine werfen. Euren fünf Wahlmännern sollen fünf angeblich„liberale“ Wahlmänner gegen⸗ übergestellt werden. Da ein liberaler Kandidat gar nicht in Betracht kommt, charakteristert sich die ganze Mache als ein Wahlmanöver zu Gunsten der Antisemiten. Den Herren, die in Wieseck im Trüben zu fischen gedenken, müßt Ihr gründlich heimleuchten. Sie haben angenommen, daß Ihr Euch nur schwach an der Wahl beteiligen würdet, weil Ihr Euch
des Sieges gewiß fühltet. Im Stillen sollten
dann 70—80 Wähler an die Urne geschleppt werden für die fünf„liberalen“ Herrn und Ihr solltet dann am Abend des 8. November als die Lackierten dastehen. Wir sind früh genug hinter den feinen Plan gekommen, um Euch warnen zu können. Der Versuch, Euch zu überlisten, muß nun für Euch Veraulassung sein, alle Wahlberechtigten an die Urne zu bringen. Zeigt den uns und Euch wohl- bekannten Quertreibern am 8. November, wie klassenbewußte Arbeiter handeln.
Das Vorkommnis in Wieseck möge auch in allen anderen Orten zur Warnung dienen. Der letzte Mann muß an die Urne!
Es gilt am 8. November Antwort zu geben auf all die Niederträchtigkeiten der Gegner, Antwort zu geben den Wahlrechtsfeinden und Zuchthausfreunden! Wehrt Euch Eurer Haut, Ihr Arbeiter in Gießen⸗Land!
Große und kleine Bauern.
klp. Wiederum soll ein großes Fidei⸗ kommiß in Hessen„ergänzt“ werden. Der Fürst zu Isenburg und Büdingen in Budingen hat im Laufe der letzten Jahre in den Gemarkungen Büches, Büdingen, Hain-Gründau, Hengheim, Rinderbügen und Vonhausen eine Menge Grund— stücke aukaufen lassen. Die Veröffentlichung der Amtsgerichte Büdingen und Altenstadt in der „Darmstädter Zeitung“ vom 18. Oktober weist insgesammt 61 Nummern auf, die zusammen 47.591 Quadratmeter repräsentiren. Wie viele
Aecker und Wiesen werden auf diese Weise dem kleineren Bauernstande für immer ent⸗ zogen! Wann wird es in Hessen Mittel und Wege geben, diese Fideikommißbildungen, die so recht geeignet sind den kleinen Mann von der Scholle zu treiben, ganz zu beseitigen?
Eine erbäraliche Kampfesweise.
* Wie weit die Unverschämtheit der Antisemiten geht, sei heute an einem recht drasti— schen Beispiel gezeigt. Bekanntlich hat Liebknecht in Klein-Linden vor einigen Wochen eine Ver— sammlung abgehalten. Es würde zu derselben dreimal im Gießener Amtsblatt, einmal in der M. S.⸗Z. uud außerdem noch durch Verbrei— tung und Anschlag von großen Plakaten einge— laden. Trotzdem sich das bei unserer Partei ganz von selbst versteht, wurde bei allen oben er— wähnten Ankündigungen ausdrücklich Redefrei— heit für Jedermann garantiert. Von den Autisemiten kam natürlich trotzdem Niemand, sie kennen ihre faule Position und weichen dem Gegner aus. Da ihnen aber das Lügen zur zweiten Natur geworden ist, so logen sie in dem Blatt, das Herr Hirschel verautwortlich zeichnet, jene Versammlung wäre nur einmal und zwar erst am 9. September im Gießener Wochenblatt an— gekündigt worden. Die tapferen Steifleinenen wollten damit bei ihren bedauernswerten Lesern den An— schein erwecken, als hätten wir die Versammlung so ungenügend und so spät angekündigt, daß sie, die antisemitischen Auskneifer, nicht nach Klein— Linden hätten kommen können, um uns gehörig den Marsch zu blasen In unserer Nr. 40 vom 1. Oktober bezeichneten wir die antisemitische Be— hauptung als Lüge und stellten fest, daß jene Versammlung, wie eingangs dieser Zeilen ange— geben, wiederholt in der denkbar besten Weise angekündigt worden sei. So was rührt natürlich einen Antisemiten, der für Teutsch⸗ tum und gegen„jüdische und sozzische“ Ver— logenheit kämpft, nicht. Frech behauptet das Hirschelblatt am 7. Oktober:
„Wir halten unsere Behauptung aufrecht, daß die soz.-dem. Versammlung in Kleinlinden nicht dreimal, sondern nur einmal im „Gießener Anzeiger“... angekündigt wurde.“
Wir sind nichts anderes gewöhnt von jenem Lügenblatt, dessen einzelne Jahrgänge dereinst für den Knlturhistoriker eine wahre Fundgrube sein werden für das Kapitel: Politische Brunnen— vergiftung. Lediglich um uusern Lesern an einem recht drastischen Beispiel die Unverschämt— heit jener Gesellschaft zu zeigen, verzeichnen wir hier den Fall. Wir schickten übrigens der Re— daktion des Hirschelschen Blattes am Mittwoch jene drei Nummern des„Gieß. Anz.“ vom 95 9. und 10. September, die die Versammlungs— Ankündigungen enthielten, zu. Es würde uns aber keineswegs wundern, wenn das Antisemiten— blatt nunmehr behaupten würde, wir hätten über— haupt nicht inseriert. Und mit der Gesellschaft muß man sich herumschlagen.
Zur Erinnerung!
* Wir empfehlen unseren Parteigenossen,
sich diejenigen Bürgermeister
recht gut zu merken, die bei der jetzigen Wahl⸗ bewegung den Arbeitern entgegenarbeiten. Die Antwort auf bürgermeisterliche Quer⸗ treibereien mögen die Arbeiter dann bei der nächsten Bürgermeisterwahl geben.
Gelinde Strafe.
Nach zweitägiger Verhandlung wurde in Darmstadt der Landgerichtsdirektor i. P. Kü ch⸗ ler in fünf Fällen des Vergehens im Sinne des Artikels 9 der Verordnung über die Dis— ziplinarberhältaisse der richterlichen Beamten vom 31. Mai 1879 schuldig befunden und in eine Geidstrafe von insgesammt 350 Mk. und zur Tragung der Kosten zu, verurtheilt. , der Kosten fallen der Staatskasse zur Last.
So billig ist der Redakteur der„Frankf. Ztg.“ nicht weggekommen. Er hat zwar erst
das Verfahren gegen Küchler provoziert, sich dadurch sicherlich auch ein Verdienst erworben, aber er muß sechs Monate brummen, weil er hohe hessische Beamte beleidigt haben soll.
Verkrachtes Antlsemiteublatt.
„Die lange Liste der verkrachten Antisemiten⸗ blätter ist um eine weitere Nummer vermehrt worden. Der bisher in Cassel erschienene„Hes— sische Volksbote“, ein s. Z. vom Abg. Werner begründetes Blättchen, ist eingegaugen. Herr Liebermann von Sonnenberg- hat mit seiner Be— merkung vom„toten Punkt“, auf dem der Anti⸗ semitismus angelangt sei, Recht. Wenn in Cassel ein Antisemitenblatt verkracht, so zeugt das für den Niedergang des Antisemitismus mehr, als wenn im übrigen Deutschland ein ganzes Dutzend jener Schundblätter flöten geht. Cassel war eine Hochburg des Antisemitismus, dort gingen die Wogen am höchsten; in Cassel feierten Henrici und ähnliche Größen ihre Triumphe schon vor 20 Jahren. Und nun ist in Cassel schon das dritte Antisemitenblatt verkracht! Weitere anti— semitische Schimpf- und Lügenblätter in anderen Städten werden folgen. Verschiedene tragen schon deutlich die Spuren des Todeskampfes. Und mancher autisemitische Redakteur mag schmerz— bewegt, wie Hamlet der Dänenprinz, ausrufen: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!“ An den Handwerkern und Kleinbauern, die seither dem antisemitischen Hokuspokus Glauben geschenkt haben, liegt es, die richtige Antwort zu geben. Sie möge kurz und bündig dem Antisemismus gegenüber lauten:„Werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!“
Eiu Zlick in die Backstube.
* Nun hatte auch Augsburg seinen Backstubenprozeß. Angeklagt waren der Bäcker⸗ meister Gottfried Oßwald in der Wertachvor⸗ stadt und dessen Sohn Joh. Oßwald. Die Anzeige enthielt die Beschuldigung, daß in der Oßwald schen Bäckerei außer den Teig⸗ resten aus dem Backtroge auch das beim Reinigen der Backbretter Abgekratzte in den Schwarzbrotteig gethan worden sei, desgleichen verunreinigte Teigreste aus der Teigteil⸗ maschine. Dlese Maschine habe mangels ge⸗ eigneter Bürsten nicht ordentlich gereinigt werden können, sie sei auch sehr abgenutzt und schließe nicht mehr gut, sodaß sich an den Rändern sehr starke Teichreste hätten festsetzen können, die dann dem Schwarzbrotteig auch beige— mengt worden seien, wenn sie von dem zum Schmieren verwendeten Oel, welches allerdings Speiseöl war, durchtränkt waren. Auch die beim Abschaben losgelösten Holzsplitter seien häufig mit in den Brotteich gekommen. Oß⸗ wald sen. ist wegen Unreinlichkeit in seinem Betrieb schon viermal vorbestraft. Der Amts⸗ anwalt beantragte gegen Oßwald jun. eine Woche Gefängnis. Das Gericht erkannte jedoch für den ersteren auf eine Geldstrafe von 100 M. event. 20 Tage Gefängnis(wegen Herstellung und Verkauf gesundheitsschädlicher Nahrungs- mittel) und für Oßwald jun. wegen Herstel⸗ lung gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel auf 40 M. Geldstrafe event. 10 Tage Gefängnis.
Ein Schlaumeier.
Zu Kirchenarbach-Obernheim(Pfalz) hat der Feldschütz Maulwurfsschwänze aus alten Filzhüten angefertigt und auf dem Bürgermeisteramte ab⸗ geliefert, um sich die ausgeschriebene Belohnung von 10 Pfg. für jeden getödeten Maulwurf zu verdienen. Im Ganzen hat er 1017 Schwänze angefertigt. Da die eingelieferten Schwänzchen immer mehr, der Schaden der Maulwürfe aber stets größer wurde, schöpfte man Verdacht und unterzog die Fabrikate einer genauen Prüfung, wo⸗ bei sich der Schwindel herausstellte. Der Schwänzelmacher entschuldigt die That mit dem Hinweis auf schlechte Bezahlung, die ihn zu einem Nebenverdienst zwang. Das Gericht wird ihn wegen Betrugs im Amte demnächst abhandeln.
Wahlbewegung in Hessen.
* Zum Wahlkommissär im 5. ober⸗ hessischen Landtags wahlbezirk(Gießen-Land) ist Herr Regterungsrat Dr. Wagner in Gießen bestimmt.
* Wihlerversammlungen finden am Samstag, den 28. d. M. in Rödgen und Sonntag, den 29. Oktober in Watzenborn⸗ Steinberg und Leihgestern statt. Unsere Genossen mögen für guten Besuch agitieren.
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