Ausgabe 
29.10.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 41.

ausgegeben worden. In den ersten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. betrugen die Ausgaben 5926 Millionen Mark, waren also um 1812 Millionen Mark höher, als in den letzten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms JI. Wesentlich infolge der Militär und Marineausgaben ist die Reichsschuld um 1400 Millionen Mark gewachsen. Die Reichsschuld hat sich seit dem Tode Kaiser Wilhelms J bis 1897 verdrei⸗ facht; sie betrug damals 721 Millionen Mark und belief sich schon am 1. April 1897 auf 2142 Millionen Mark. Dabei ist die Be⸗ lastung mit Reichssteuern, welche sich im Jahre 1888/89 auf nur 507 Millionen Mark beliefen, in den ersten acht Jahren der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., also bis 1896, auf 790 Millionen Mark jährlich angewachsen, und sie würde noch um 100 Millionen Mark stärker angewachsen sein, wenn nicht der Reichstag 1892, 1893 und 1894 ein ganzes Bündel neuer Steuergesetze abgelehnt hätte.

Diese gewaltigen Opfer, die gerade durch den Druck des indirekten Steuersystems die Armen und Aermsten über ihre Kräfte belasten, sind jedoch noch nichts gegen das, was die Flottenenthusiasten verlangen. So fordert Herr v. Wenckstern, Privatdozent der Berliner Universität, in seiner kürzlich erschienenen Schrift nicht weniger als eine Schlachtflotte von 57 Linienschiffen, 15 großen und 36 kleinen Kreuzern. Die einmaligen Kosten hierfür berechnet er auf rund 1700 Millienen Mark, das Jahresbudget nach Fertigstellung dieser Flotte auf 212 Millionen Mark.

Unter solchen Opfern würde das deutsche Volk zusammenbrechen und dann ist es mit unserer Weltmachtstellung überhaupt aus.

Wohl soll, wie der Vorwärts am Schlusse eines Artikels sagt, das deutsche Volk Welt⸗ politik treiben, aber nicht jene der Weltrüstungen zu Lande und zu Wasser, jene Eroberungs⸗ politik, die überall auf dem Erdball Länder⸗ fetzen sammelt. Die weltpolitische Aufgabe, die unserem Volke von der Geschichte und durch seine besondere Geistesart gestellt ist, ist nicht in fernen Meeren zu lösen, sondern hier in der Heimat, wo es gilt, mit anderen Nationen zu wetteifern in den Werken der Kultur, ihnen voranzueilen im Wettkampf um die materielle Hebung und geistige Er⸗ höhung des eigenen Volkes und der Menschheit.

Politische Rundschau.

Gießen, den 27. Oktober.

Ein Sohn des Volkes drei Jahre lebendig begraben.

Unser Genosse Albert Schmidt, Reichs⸗ tagsabgeordneter für Calbe⸗Aschersteben, ist bekanntlich als Redakteur der Magdeburger Volksstimme, wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch den Nachdruck einer Fabel, zu drei Jahren Gefängnis und zum Verluste seines Reichstagsmandates verurteilt worden. Am Donnerstag voriger Woche ist ihm das schriftlich ausgefertigte Urteil zuge⸗ gangen.

Aus dem Urteile ergiebt sich, daß der als Mitthäter angeklagte Schmidt auf Grund der Beweisaufnahme verurteilt worden ist als Thäter. Es ist ferner darin dargelegt, daß gegen den alsThäte unschuldig zu 4 Jahren Gefängnis!! verurteilten zweiten Redakteur Müller z var der Verdach bestehe, daß er Beihilfe zu dem Vergehen geleistet habe, aber ein Beweis dafür nicht eebracht worden sei. Damit ist die Handhabe zur Betreibung des Wieder aufnahne verfahrens für den inhaftierten Gen sse Näller gegeben, der bereits, nach der Vir veefun; se ner Reviston, zwei Monate sein er Strafe vervüzt hat; sein Rechtsanwalt wird die E öffnung des Ver fahrens ungesäumt be intcagen.

Damit dies ohne jeden Aufs hub geschehe und Müller endlich sen Recht werde, har Ge⸗ nosse Albert Schmidt, der sich, um den Unschul⸗

digen aus dem Kerker zu erlösen, selber ange⸗ geben hat, die Revision gegen das Urteil des Landgerichts zurückgezogen und dadurch die Rechtskräftigkeit der über ihn verhängten Strafe herbeigeführt. Albert Schmidt verzichtet auf das letzte Rechtsmittel und stellt sich, der deut⸗ schen Justiz zur Strafvollstreckung.

Ein Sohn des Volkes drei Jahre lebendig begraben, weil er einen Aus⸗ schnitt aus einer ausländischen Zeitung anstatt ihn in seine Sammelmappe zu thun, iertüm⸗ licherweise in die Druckerei gab!

In das Gefängnis begleiten unseren Braven der ein Weib und vier Kinder in deutscher Freiheit zurückläßt, die aufrichtigen Shmpathien und die hohe Achtung der deutschen Arbeiter⸗ schaft, die ihre Kämpfer nicht vergißt. Die drei langen, schweren Gefängnisjahre wird er unver⸗ zagt und festen Sinnes tragen, sicher der Soli⸗ darität und des Respekts der Partei.

Eine würdige, schöne Aufgabe haben die Ar⸗ beiter des Reichtagswahlkreises Calbe⸗Aschers⸗ zu erfüllen, und wir sind überzeugt, daß sie auf die Kassierung des Urteils⸗ satze s, der die Mandatskassierung ausspricht, durch die Wiederwahl ihres Ver⸗ trauensmannes wuchtig antworten werden.

Die Arbeiter mögen aus diesem neuen furcht⸗ baren Urteil, das neben dem über die Löbtauer Bauhandwerker gefällten, ein würdiges Denk⸗ mal deutscher Rechtsverhältnisse am Ausgang des 19. Jahrhunderts ist, die nötigen Lehren ziehen. Mögen sie dafür sorgen, daß im mer mehr Sozialdemokraten in die Parlamente ein⸗ ziehen, um besser e Gescetze schaffen zu können. Im Reichstag wird der erste wuchtige Vorstoß unserer Genossen sich richten gegen den Majestätsbeleidigungsparagraphen!

Nachschrift. Eine neue Meldung aus Magde burg besagt, daß die Staatsanwaltschaft selbst das Wiederaufnahmeverfahren gegen Müller beantragt und daß der unschuldig verurteilte Müller wahr scheinlich in den nächsten Tagen auf freien Fuß gesetzt würde. Dann hätte also Schmidts Opfer auch Erfolg.

DieHarmlosen freigesprochen.

Drei Wochen lang ist in Berlin gegen eine nur aus Adeligen bestehende Spielergesell⸗ schaft verhandelt worden. Die jungen Herrchen von Schacht meyer, von Kayser, von Kröcher haben Riesensummen verspielt und gewonnen, ein arbeitsloses Leben geführt, mit Weibern und Cha mpagnertrinken ihre Zeit tolgeschlagen. Der Staatsanwalt Isenbiel sagte in seiner Rede, in der er Strafen von mehreren Monaten für jeden der Angeklagten beantragte, u. a.:

Die Angeklagten waren leidenschaftliche Spieler, ihre Gwinnsucht war das bestimmte Motiv zu ihrem Glücksspiel. Die Angeklagten habenaus Berechnung gespielt und das deutet auch auf gewerbsmäßiges Glücksspiel hin. Keiner der Ange⸗ klagten hat im bürgerlichen Leben auch nur einen Groschen redlich verdienen können, keiner hat die köstliche Wahrheit des Spruches:Im Schweiße deines Ange⸗ sichts sollst du dein Brod essen an sich er⸗ probt. Der Klub derHarmlosen ist ledig⸗ lich zu Spielzwecken begründet worden und stellte lediglich eine Spielbank dar, durch die sich die erwerbs⸗ und vermögenslosen Ange⸗ klagten bereichern wollten

Den Angeklagten standen die tüchtigsten Verteidiger zur Seite. Die jungen adeligen Herrchen wurden freigesprochen und die ungeheuerlich hohen Kosten des Verfahrens der Staatskasse aufgebürdert.

Maschinengewehre.

Es ist eine Erfahrung, daß die militärischen Rüstungen nie aufhören. Hat man erst ein neues Gewehr mit teurem Geld bezahlt, so kommt eine neue Kanone und der Kanone folgt auch gleich wieder das allerneueste Gewehr.... Inzwischen

werden auch noch Panzerschiffe gebaut und Torpedo boote. Die für die neuen Kriegsscheffe bewilligte

Milliarde ist noch nicht verbraucht, aber schon

langt es nicht mehr, wie das soeben aller Welt geoffeubart wurde. Und auch die Bewilligungen für die Schnellfeuergeschütze find noch nicht alle, indes in der offiziösen Presse bereits mit Hochdruck Stimmung gemacht wird für das allerneuste auf dem Gebiete der Waffentechnik, für Maschinen⸗ gewehre!

Das Ding ist eigentlich nicht neu, es ist das seit Jahren besprochene Maximsche Geschütz. Aber während man früher in Militärkreisen diesem sehr mißtrauisch gegenüberstand, hat sich jetzt eine fast vollständige Wandlung der Meinungen voll⸗ zozen. Es haben besonders die Engländer sehr gute Erfahrungen mit dieser Feuerwaffe gemacht, die sie auch jetzt in ihrem Feldzug gegen die Buren anwenden. Die Schweiz hat schon längst ganze Kompagnien mit Maschienengewehren aus⸗ gerüstet. Und nunmehr wird bekannt, daß während der letzten Kaiser-Manöver in Deutschland an einzelne Jägerbataillone Maximsche Maschinenge⸗ wehre zugeteilt wurden. Ein Druck mit dem Daumen genügt, um ein solches Maschinengewehr in Thätigkeit zu setzen. Dann schießzt es von selst, solauge der ihm beigegebene Patronenvor⸗ rat ausreicht.So kann man in einer Minute 600 Schuß in gezieltem Feuer abgeben, heißt es in den offiziösen Berichten. Um der Erhitzung des Gewehrlaufs vorzubeugen, steckt dieser in einem mit Wasser angefüllten Mantelrohr. Das Ding sieht von außen geschützartig aus. Es wird von einem Pferd leicht gezogen. Man kann auch langsamer feuern, so etwa 60 Schuß in der Minute! Die Kölnische Zeitung schließt ihren Bericht über das Gewehr mit folgenden Worten:Es kann da⸗ her keinem Zweifel unterliegen, daß die Landes- heere aller militärischen Großmächte in kurzer Zeit dazu übergehen werden, sich mit dieser Waffe zu versehen; denn wenn erst eine Großmacht zur Einführung des Maschinengewehrs geschritten ist, müssen die audern folgen. Schöne Aussichten!

Kein anderes Mittel giebt es, den Militaris⸗ mus zu beseitigen, als die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse.

Unser Parteitag.

Ueber die Verhandlung unseres Parteitages schreibt die Berlepsch'scheSoziale Praxis Die Debatten selbst wurden im Großen und Ganzen mit einer Lebhaftigkeit und Kraft, einer Sicherheit und Gewandheit geführt, die man nicht ohne Bewunderung lassen kann; man fragt sich unwillkürlich, welche andere Partei in Deutschland ist gegenwärtig zu einer solchen Verhandlung über ihre Grundsätze, Taktik und Ziele befähigt, wie sie hier in Hannover mit einem stattlichen Aufwand von phyfischer und geistiger Energie ge führt worden ist?

Die katholischeKöln. Volksztg. schreibt: Trotz der scharfen und sich verschärfenden Gegen? sätze aber, welche der Hannoversche Parteitag in der Sozialdemokratie hat hervortreten lassen, soll man sich hüten, diese Kundgebung zu unterschätzen. Es fehlt ihr auch nicht an imponirenden Zügen, an Eigenschaften, welche jede andere Parteikundgebung sich zum Muster nehmen könnte: die Ausdauer bei den langen Verhand- lungen und die lebendige Anteilnahme an den selben, die rückhaltlose Offenheit in der Vertretung der verschiedenen Standpunkte und das schließlich entschlossene Bekenntniß zur Sozialdemo kratie, wenn auch die Meinungen, wie die Ziele der Partei zu erreichen sein, vielfach weit, sehr weit auseinandergehen. Die Sozialdemokrati per⸗ fügt trotz der inneren Zwistigkeiten über ein Gros begeisterter und opferwilligen Anhänger, mit denen alle anderen Parteien zu rechnen haben.

Man darf nicht vergessen, daß das erbitterte Gegner der Sozialdemokratie geschrieben haben. Eine Reichstagsaaflösang kündigte der wegen der Kanalabstim ung zur Disposttion gestellte Regierungs Prästdent v. Jigow in einer Versammlung in e an. Die Aussichten im Reichstag seien zie nli trübe.Wahrscheinlich werden wir im nächsten Frühjahr wählen müssen zu einem neuen Reichs⸗ taze, vielleicht auf Grund der Zuchthausvorlage, velleicht auch auf Grund der Militärvorlage, bestimmtes lasse sich darüber noch nicht sagen.

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