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Gießen, Sonntag, den 29 Oktober 1899.
6. Jah
Repaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr,
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Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus gelkefer t monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens
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Achtung Vertrauensleute!
Vorsicht bei der Aufstel⸗ lung von Wahlmännern! In einzelnen größeren Orten des Kreises Gießen⸗Land waren dies⸗ mal einzelne unserer Wahl⸗ männer nicht in die Wahl⸗ männer⸗Liste eingetragen, trotzdem sie bereits bei früheren Wahlen als Wahlmänner fungierten und teilweise über 200 Mk. Normal⸗ steuerkapital versteuerten!
Sollten in einzelnen Orten die Genossen sich trotz unserer viel⸗ fachen Aufforderungen nicht über⸗ zeugt haben, ob die von ihnen be⸗ stimmten Wahlmänner auch in die Wahlmänner⸗Liste eingetragen sind, so können sie sich vielleicht noch nachträglich bei den Bürger⸗ meistern privatim erkundigen. Unter keinen Umständen stelle man Wahlmänner auf, von denen zweifelhaft ist, ob sie in der Wahlmännerliste stehen.
Gegnerische Urteile.
Wie bevorstehenden Landtagswahlen in Hessen finden auch jenseits der rot⸗weißen Grenzpfähle Beachtung. Das ist übrigens sehr erklärlich, haben doch erst wieder in jüngster Zeit die„Fälle“ Dettweiler, Schiller und Küchler 0„Ruhm“ unseres Landes weit hinaus ge⸗ ragen.
Aber auch die Annahme der Fahrrad⸗ steuer und der Junggesellensteuer in der Zweiten Kammer trugen das ihre dazu bei, die Aufmerksamkeit des„Auslandes“ zu erwecken. Wenn dann außerdem die von den Anti⸗ semiten im hessischen Landtag produ⸗ zierten Dummheiten und Seiltänze⸗ reien in der gesammten deutschen Presse ge— wissenhaft verzeichnet wurden und die Heiterkeit ganz Deutschlands erregten, so ist es gewiß begreiflich, daß man jetzt auch außerhalb Hessens
dem Ausfall der bevorstehenden Wahlen ge⸗
spannt entgegensieht.
Unter den vielen Zeitungsartikeln, die sich mit den hessischen Wahlen beschäftigen, ist es namentlich einer, der allgemeine Beachtung ver⸗ dient. Wir meinen einen Aufsatz der national⸗ liberalen„Köln. Ztg.“, dessen Verfasser an⸗ scheinend mit den hessischen Verhältnissen sehr genau vertraut ist. Es werden die verschiedenen Parteien in Hessen gewürdigt und zwar— von
einem nationalliberalen Blatt eine ganz un⸗ glaubliche Leistung— gerecht gewürdigt.
Doch unsere Leser mögen selbst urteilen. In der„Köln. Ztg.“ heißt es:
„Am 8. November finden die Wahlmänner⸗ wahlen für die Hälfte aller Abgeordneten der Zweiten Kammer, deren Wahlzeit(6 Jahre) abgelaufen ist, statt. Sie sind diesmal für die Geschicke des Landes noch wichtiger als sonst.. Da die
Nationalliberalen
lange Zeit die unbestrittene Herrschaft hatten, haben sie sich daran gewöhnt, moͤglichst jeden von ihnen seine eigenen Pfade gehen zu lassen. Sie haben dadurch die natürlich gebotene Fühlung mit der Regierung und diese mit ihnen verloren. Jeder Teil zeiht den andern der Schuld. Thatsache ist, daß in vielen Fragen Führer der nationalliberalen Partei die Regierung auffallend im Stiche ließen oder gar unklug und disciplinlos angriffen. Das Verhältnis zwischen beiden zeigt viel Aehnlichkeit mit dem zwischen der preußischen Regierung und den Konservativen. Es ist zu befürchten, daß jetzt die Nationalliberalen wiederum, wie bei den letzten Wahlen und Nachwahlen, geschwächt werden, wenn sie sich nicht zu energischer Sammlung und Agitation und zur Abstoßung einiger Elemente verstehen, die durch die Dauerreden den Mangel an Sachkennt⸗ nis und Würde ersetzen wollen und deshalb seit Jahren weite Kreise verstimmen. Eine Selbstbescheidung und Verjüngung thut hier dringend not. Sonst haben Sozialdemokraten und Antisemiten den Vorteil davon.— Die hessischen
Sozialdemokraten
im Landtag sind allerdings eine ganz besondere Erscheinung. Sie arbeiten nicht nur fleißig, ja am fleißigsten an der Erfüllung der parla⸗ mentarischen Aufgaben mit, sie spielen sogar oft die führende Rolle. An der Sachlichkeit mit der der sozialdemokratische Schlossermeister Ulrich aus Offenbach als Berichterstatter des Finanzausschusses z. B. die For⸗ derungen für Universitäten und Schulen prüft und sich dabei meist als den eifrigsten und regierungsfreundlichsten Förderer aller Kulturfortschritte erweist, könnte sich manches Mitglied der staatserhaltenden Parteien ein Beispiel nehmen. Unterstützt wird er durch seinen Ge⸗ nossen Dr. David, der, zwar mehr Doktrinär und Utopist, doch an allgemeiner Bildung viele Ageordnete weit übertrifft. Kein Wunder, daß mit diesen gemäßigten und deshalb gefähr⸗ licheren Sozialisten gerechnet werden muß.
Ein Gegenstück zu den Sozialdemokraten bilden die
Antisemiten und Bauernbündler,
die eigentlich stets die erbittertsten Gegner der Regierung sind, unbelehrbar durch Gründe der Vernunft und Bildung, rauh polternd, unpraktisch und politisch ganz unfruchtbar, stets gekränkt, auch thöricht partikularistisch, vielfach verlacht...“
Mehr kann man von einem national⸗ liberalen Blatt füglich nicht verlangen! Seine eigenen Parteigenossen klagt es an der Unklugheit, Disziplinlosigkeit und Würde⸗ losigkeit!
Uebereinstimmend mit allen aicht antisemitischen Zeitungen konstatiert die„Köln. Ztg.“ die vollständige Unfähigkeit und Unbelehrbarkeit der Antisemiten. Und den Sozialdemokraten stellt die„Köln. Ztg.“, die für Ausnahmegesetze, Zuchthaus vorlage, Wahlrechtsraub und ähnliche„schöne Dinge“ schwärmt, das Zeugnis aus, daß sie im hessischen Landtag die fleißigsten Ab⸗ geordneten waren. Sie erklärte, daß die
Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postaustalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% ,ͤ bei 6mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33½% und bei
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a infolge ihrer Sachlichkeit und reichen Kenntnisse oft die Füh⸗ rung hatten!
Zu unserer größten Freude druckt auch das Gießener Amtsblatt den Artikel der „Köln. Ztg.“ ab und erklärt dazu aus innerster, unerschütterlicher Ueberzeugung:
„Der Artikel enthält sehr viel Richtiges. Am richtigsten wäre wohl die Behauptung, daß der Nationalliberalismus nicht nur die Fühlung mit der Regierung, sondern auch mit dem Volke vollständig verloren hat. Er wird sie nicht wiedergewinnen— dafür sorgen seine parlamentarischen Thaten....“
Bravo! Das ist tapfer gehandelt vom „Gieß. Anz.“ Schade nur, daß er ebensowenig wie die„Köln. Ztg.“ auch die nötige Nutz⸗ anwendung aus der gewonnenen Erkenntnis zteht und frei heraus erklärt:
„Wer wird ein solcher Esel sein, noch kenntnis⸗ und würdelose nationalliberale Dauerredner zu wählen?“
„Wer ist dumm genug, noch für den allen Vernunftsgründen unzugänglichen, unfrucht⸗ baren und verlachten Antisemitismus zu stimmen?“
„Wer den in der„Köln. Ztg.“ veröffent⸗ lichten und im Gießener Amtsblatt zustim⸗ mend abgedruckten Artikel gelesen und ver⸗ standen hat, also jeder vernünftige Mensch:
muß sozialdemokratisch wählen!
Mehr Kriegsschiffe!
* Der Kaiser hat in Hamburg eine Schiffs⸗ tanfe vollzogen und dabei eine Rede gehalten. Inhalt: Das deutsche Volk soll sich nicht in so viel Parteien zersplittern, sich vielmehr daran gewöhnen, mehr Opfer zu bringen, damit mehr Schiffe gebaut werden könnten, die not⸗ wendig wären, die deutschen Interessen zu schützen u. s. w.
Fast alle Blätter stimmen darin überein, daß dieser Rede wahrscheinlich eine neue Marine⸗ vorlage folgen werde. Dagegen heißt es schon jetzt Front machen. Denn erst im vorigen Jahre wurden vom Reichstage fast 1000 Mil- lionen Märk bewilligt, die in den ersten 6 Jahren für neue Kriegsschiffe verausgabt werden sollen. Und nun stehen schon wieder neue Opfer in Aussicht, nachdem von den 6 Jahren kaum eins in's Land gegangen ist? Kann das arbeitende Volk, dem die neuen Opfer stets in Form indirekter Steuern aufgebürdet werden, noch mehr aufbringen, als es seither schon aufgebracht hat?
Ungeheuerlich sind die Summen, die wir für den Militarismus zu Wasser und zu Land aufbringen müssen. Und ständig wachsen die Opfer, ständig wird das Tempo des Wachs⸗ tums schneller. Wo soll das hinaus?
In den ketten acht Jarre; Regierungszeit Kaiser Wilhelms 1 sind— nach einer Zusammenstellung der„Freis. Ztg.“ — an laufenden und einmaligen Ausgaben für Armee und Marine A111 Millionen Mark


