Nr. 5.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Vom vergnügten„Oberheß“ p. Das Problem der Reichstagswahl⸗
reform löst die„Oberhessische Zeitung“ in Marburg spielend wie folgt:„Es müßte zu der
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Reichstagswahl die Bestimmung ge⸗ troffen werden, daß jeder Wahlberechtigte
allerdings erst auch von Amtswegen benach⸗ richtigt würde, daß er wahlberechtigt sei, daß
aber nach dem Aus zählungsergebnis
des Wahltages vom Wahlkommissar alle diejenigen Stimmen, die Wahlberechtigten des Wahlkreises angehören, die nicht gewählt haben, demjenigen Kandidaten zu Gute gerechnet würden, dem von den im
Kreise aufgestellten Wahlkandidaten der Wahl⸗
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kommissar nach Meinung der Reichs⸗ regierung als dem letzteren geeignetst Scheinenden diese Stimme giebt.“ Eine gloriose Idee! Schade, daß der Er⸗ finder dieser einfachen Lösung seine Gedanken nicht weiter ausgesponnen hat. Er hätte dann logischerweise zu dem Verlangen kommen müssen, das Wahlrecht gänzlich abzuschaffen und der Regierung resp. einem Wahlkommissar die Bestimmung zu überlassen, wer„Volksvertreter“
werden soll. Als Wahlkommissar für Marburg
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würden wir den jeweiligen Chefredakteur des Oberhessen vorschlagen, denn das Marburger Amtsblatt scheint das seltene Glück zu haben, immer die tüchtigsten Leute des Jahrhunderts
für sich zu gewinnen. Innerhalb zehn Jahren:
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Dr. Kühne, Finking und nun gar einen Hartmann! Ein beneidenswertes Blatt, dieser vergnügte Oberheß.
Kleinmeisterelend im Schmalkaldischen.
ps. Das Elend im Kreise Schmalkalden ist fast sprüchwörtlich geworden. Noch vor 60 Jahren gab es hier Schmelz- und Hammerwerke, jetzt giebt es nur noch Kleineisenindustrie. Die westfälische Großindustrie hat uns ruiniert. Schlimmer wie hier kann jetzt kaum irgendwo die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft sein. Mann, Frau und Kinder— alles steht im Dienste des Kapitalismus und opfert Gesundheit und Leben, zum nur das allernotwendigste verdienen zu können. Ein Wochenlohn von 5—6 Mark setzt 14—16stündige Arbeitszeit voraus. Sind die„gewöhnlichen“ Arbeiter und Arbeiterinnen von den Kleinmeistern abhängig, so stehen diese letzteren, die meistens noch im Besitze einer Drehbank sind, direkt im Joche der Kapitalisten. Wer schlimmer daran ist, ist schwer genug festzustellen. Mit der Zunahme der Arbeitslosigkeit sanken von Jahr zu Jahr die Löhne. Die hohläugigen Gesichter mit den hervorstehenden Knochen erzählen von Elend und Hunger. Und doch sind auch hier all die vom Großkapital Aus gebeuteten noch nicht zum Zusam⸗ menschluß gekommen. Durch was unterscheidet sich hier der Kleinmeister noch vom Lohnarbeiter? Durch den Besitz einer elenden Drehbank! Sie sind Prole⸗ ktarier, einer wie der andere, und sie hätten alle Ur⸗ sache, dem Rufe Folge zu leisten: Proletarier vereinigt Euch! Noch wird es versucht, durch evangelische Ar⸗ beitervereine u. s. w. den Zusammenschluß zu verhindern. Warum? Um den Kapitalisten auch fernerhin macht⸗ und widerstandslose Ausbeutungsobjekte zu sichern. Denkt über Eure Lage nach, Ihr Kleinmeister. Euch geht es genau so erbärmlich wie den Lohnarbeitern. 1 Werdet klar über Euch und verbündet Euch mit Euren Brüdern. Eher wird es nicht besser.
Keine Fleischteuerung?
9 Das Schweinefleisch kostete im Klein⸗ handel nach einer Zustammenstellung der vom kgl. Statistischen Bureau in Berlin herausgegeben „Statist. Corr.“ im Kalenderjahr 1898 für den Durchschnitt des ganzen Königreichs Preußen 1,39 Mk pro Kilo, d. s. 7 Pfg. mehr 9 als im Vorjahr. Was wollen— so frägt die U„Freis. Ztg.“— angesichts dieser amtlich fest⸗ gestellten Thatsachen, daß im Durchschnitt des ganzen Jahres für das ganze Königreich das Schuweinefleich pro Kilo 7 Pfennig teurer war
als im Vorjahr, alle agrarischen Ableugnungen
der Fleischteuerung bedeuten!— Bedarfs übrigens der Nachweise des Statistischen Amtes? Weiß
denn nicht je de Hausfrau, daß das Fleisch teurer geworden ist?
1 Gichtanfall und— Schweineseuche „Der Staatssekretär des Reichspostamts v. Pod⸗ bielski, ist an einem Gichtanfall pötzlich er⸗ krankt. Aeh, kleines Jägerleiden! Aber seine Schweine haben die Seuche. Scheußlich! Seit einigen Tagen ist in Dallmin, dem Gut des Staatssekretär v. Podbielki, und in Carve, das Herrn von Winterfeld gehört, die Schweineseuche gusgebrochen. Beide Besitzer kaufen keine
Schweine aus dem Aus land, sondern haben eigene Zucht. Preßsünder und Mörder.
Der Redakteur Weißmann aus Halle, wegen Preß vergehen zu mehrmonatlicher Gefäng⸗ nisstrafe verurteilt, wurde mit der Anfertigung von Vogelbauern aus Draht beschäftigt. Ein gefangener Redakteur, noch dazu ein sozialdemo⸗ kratischer, dem vom Staate aufgegeben wird, Bastillen im Kleinen herzustellen, das ist eine so kostbare Satire auf die jetzigen Zustände, daß ihr gegenüber selbst die schärfsten Pfeile, die die spottende Muse Heinrich Heine's einst gegen die Feinde der Freiheit richtete, matt und stumpf erscheinen könnten.
Besser erscheint es dem Rittmeister Grafen von Stolberg- Wernigerode zu ergehen, der im September v. J. den Sergeanten Schein⸗ hardt erstochen hatte und deswegen mit zwei Jahren Festung bestraft wurde. An einem Nachmittag der vorletzten Woche konnte man, wie unserem reichsländischen Parteiorgan von glaubwürdiger Seite mitgeteilt wird, den adeligen Mörder in Begleitung eines anderen Herrn in Straßburg den Nikolausring passieren sehen. Beide Herren waren in Zivil und anscheinend auf einem Spaziergang begriffen.
Seit einigen Wochen hat die Stadt Straß⸗ burg auch die Ehre, einen zweiten militärischen Verbrecher, den nach kurzer, in Freiburg i. B. verbüßter Gefängnishaft begnadigten ehemaligen Premierlieutenant von Brüse witz, in ihren Mauern zu beherbergen.
Arbeiterbewegung.
In Crefeld sind 5500 Weber und Hilfs— arbeiter zu unterstützen. Nicht leichtfertig sind die⸗ selben in den Ausstand getreten, sie wehren sich gegen einen Lohnabzug, der bei den gegenwärtigen hohen Preisen für Nahrungsmittel um so schwerer zu ertragen ist, der um so ungerechter ist, als die Fabri— kanten ihren Gewinn zu Millionen anhäuften, während die Arbeiter in jämmerlich dürftigen Verhältnissen dahinvegetieren. Wer im Kampfe gegen die Uebermacht des Geldsacks und der Gewinnsucht den Arbeitern beistehen will, der trage sein Scherflein bei zur Unter— stützung der ausständigen Crefelder Weber! Wer schnell giebt, giebt doppelt! Unterstützungen sind zu senden an den Kassierer des Zentralverbandes, Georg Treue, Berlin O. 34, Kronprinzenstraße 7.
Kleine Mitteilungen.
Hoch die vierte Kompagnie! Einer schweren Ausschreitung machten sich in Cassel am Sonntag im Schiebelerschen Lokale eine Anzahl Husaren der vierten Schwadron des Regiments Hessen-Homburg schuldig. Einer von ihnen sollte, als alle Aufforde— rungen des Wirtes zum Verlassen des Lokales nichts halfen, durch zwei Schutzleute entfernt werden. Die Kameraden ergriffen jedoch Partei für den Verhafteten und warfen mit dem Rufe:„Hoch die vierte Kom⸗ pagnie!“ die Schutzleute die Treppe hinunter. Den Schutzleuten wurde die Uniform zerrissen; ein Husar erhielt von den Beamten einen Säbelhieb über den Kopf, sodaß er schwerverletzt zu Boden sank. — Mißhandelte Schutzleute sind ein eigen Bild in unserer Zeit, da der Ruf:„Schutz vor Schutzleuten“ ertönt. Doppelt interessant aber ist es, daß hier Militär und Polizei zusammengestoßen sind, die doch gemeinsam gegen den„inneren Feind“ zu Felde ziehen sollten. Im Schiebelerschen Lokale giebt es jedoch keinen„inneren Feind“, alldieweil dort Aktien bier verzapft wird, das der„innere Feind“ boy— kottiert hat.
— Durchgebrannt. Der Pastor Alfr. Meyer in Rittersmannshagen hat sich, wie die„M. Vztg.“ berichtet, heimlich auf und davon gemacht; er hatte
nicht nur Frauen nachgestellt, sondern auch Sittlich—
keitsvergehen mit einem 16jährigen Mädchen begangen. Der verschwundene Pastor war auch Redakteur des Kirchen- und Zeitblattes, außerdem auch Mitglied der Prüfungskommission für Predigtamtskandidaten.— Wieder eine verkrachte Stütze des heiligen Zion.
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Partei⸗ Nachrichten.
Versammlungs⸗Kalender.
Samstag, den 28. Januar: Typographia Gießen in der„Stadt Cassel“, abends 9 Uhr. Kreis⸗Wahlverein Gießen. Sonntag, den 5. Februar, vormittags pünktlich 10 Uhr, bei Orbig: Vorstandssitzung.
Quittung. Für die Stadtv.⸗Wahlen sind an den Wahlv. 3 Mk. durch Gen. Bock abgeliefert.
W. Alsfeld. Sozd. Wahlvereins vom 15. Januar findet fortan alle 14 Tage eine Agitationsto ur für die„M. S.⸗Ztg.“ statt. Diejenigen Genossen, welche sich hieran be⸗ teiligen wollen, werden ersucht, sich bei unserem Ver⸗ trauensmann K. Dechert zu melden. Die nächste Tour findet nächsten Sonntag, den 29. Januar, statt.
Briefkasten der Expedition.
Marburg ⸗Wetzlar⸗Gießen. Wir erinnern die Genossen noch einmal daran, am heutigen Sonntag fleißig Abonnenten zu werben. Die Genossen in Gießen, welche sich bereit erklärten, Abonnenten zu werben, können nach Belieben Exemplare der vor⸗ liegenden Nummer vom Freitag Abend ab in der Expedition, Sonnenstraße 5, vom Samstag ab auch bei Gen. Orbig in Empfang nehmen.
Marktberichte.
Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 26. Januar kostete: Butter per Pfund Mk. 0,75—0,85, Hühnereier 1 St. 6—8 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—6 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80—1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,10—1,30, Hahnen pro Stück Mk. 1,00—1,60, Enten per Stück Mk. 1,90— 2,20, Gänse pro Pfund 50—60 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 68—26 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 6,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 0,00 6,50, Milch per Liter 16 Pfg.
Grünberg, 21. Januar. Fruchtpreise. Weizen Mk. 16,50 00,00, Korn Mk. 13,60 00,00, Gerste Mk. 15,20 00,00, Hafer Mk. 13,80 00,00, Erbsen Mk. 00,00— 00,00, Linsen Mk. 00,—, Wicken Mk.—,.— Lein Mk.—,—, Kartoffeln Mk. 0,00 00,00, Samen Mk. 00,00 per 50 Kilogr.
Cetzte Nachrieht en.
Eine neue Ausweisung Helphands.
Wie die„Reuß. Tribüne“ berichtet, ist Genosse Dr. Helphand, der nach seiner Ausweisung aus Sachsen in Untermhaus-Gera sich niedergelassen hatte, vom fürstl. reußischen Ministerium ausgewiesen worden. Innerhalb 24 Stunden hat er das Gebiet von Reuß j. L. verlassen. In dem Ausweisungsbefehl heißt es, daß das Ministerium erfahren habe, Dr. Helphand (Parvus) sei wegen seiner sozialrevolutionären Ge⸗ sinnung aus Preußen und Sachsen ausgewiesen. Weiter, daß nach Erkundigungen über seine hiesige Lebensweise er dieselbe Gesinnung bethätigt und er deshalb das reußische Staatsgebiet zu verlassen habe. Genosse Helphand, der in dem kleinen Reuß eine Stätte zu finden hoffte und hier, fern von jeder öffentlichen Thätigkeit, eine Zeitungskorrespondenz herausgab, muß nun wieder wandern. Köllerei ist
Trumpf! 20jährige Richter.
In der Reichstags⸗Debatte über den sozial⸗ demokratischen Antrag auf Aenderung verschiedener Bestimmungen des Gewerbegerichts-Gesetzes haben die Redner der nationalliberalen Partei und der Freisinnigen Vereinigung übereinstimmend den Wunsch nach Herabsetzung der Alters- grenze für die Wählbarkeit der Gewerbegerichts⸗ Beisitzer(dieselben müssen 30 Jahre alt sein) zu⸗ rückgewiesen und ins Lächerliche zu ziehen ge⸗ sucht. Die Herren sollten sich aber erinnern, daß die Richter in unseren Militärge⸗ richten zum großen Teil junge Leute von noch nicht einmal 20 Jahren sind. Und diese Militärgerichte haben über alle, auch die schwierigsten juristischen Fragen zu entscheiden und ihre Urteile verhängen Strafen von vielen Jahren Gefängnis, ja die Todesstrafe. Die Gewerbe⸗ gerichte dagegen befassen sich nur mit verhältnis⸗ mäßig unbedeutenden Gegenständen, ihre Entscheide rauben nicht Freiheit und Leben und die Richter dieser Gerichte find Sachverständige in den be⸗ ruflichen Fragen.
Wenn junge Soldaten und Offiziere in Militärgerichten urteilen können, dann mit hundert⸗ mal mehr Recht junge Arbeiter in gewerblichen Schiedsgerichten.
Der Antisemit Ahlwardt
will jetzt Sachsen beglücken. Wie er in einem Vortrag in Leipzig vor etwa 500 Zuhörern— 25 Pfg. pro Person— erklärte, ist es sein Wunsch, zur Ausführung von„Bismarcks Vermächtnis“, „auf den vorhandenen Trümmern() des Antisemitismus ein neues Werk zu beginnen, vielleicht mit dem Zentralpunkt in Leipzig“. Er sei deshalb gekommen, um die Fühler nach dieser Richtung hin auszustrecken. Eine leitende Rolle möchte er nicht übernehmen, aber der Sache gern agitatorisch dienen. Heil! Heil!
Laut Beschluß der Versammlung des


