r——— r
5
ä eee eee
5 22
—
—
.
cee eee
—
—
ö g
erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“
Seite 2
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
10
Nr. 5.
oder Gießen ein Droschkengaul gefallen wäre und Herr oder Frau Piepenbrink würden das nicht erfahren. Und wie schauderbar, anzunehmen, daß vielleicht Frau Schulze zum fünften Male ihren Gatten mit einem gesunden Sohn beschenkt und Frau Müller würde das nicht in der Zeitung lesen.
Aus dem Haus mit all diesen Blättern! Wer sie liest und bezahlt, ver⸗ größert den Einfluß des Feindes. Pflicht eines jeden Arbeiters ist es, für Aufklärung in den Kreisen seiner Klassengenossen zu sorgen. Das beste Aufklärungsmittel ist die so zial⸗ demokratische Presse. Sorgt dafür, daß diese in keinem Arbeiterheim fehle. Gebt die M.⸗S.⸗Ztg. weiter und ladet zum Abonnement ein. Wem ein wöchentlich einmal erscheinendes Blatt nicht genügt, der bestelle das„Volksblatt für Hessen“, in Cassel erscheinend, oder das Frankfurter Parteiblatt, die„Volksstimme“.
Vor allen Dingen säubert die Arbeiter⸗ wohnungen von der gegnerischen Presse!
Wer nicht mit uns ist, ist wider uns. Und wer den Gegner unterstützt, ist ein Ver⸗ räter an der Sache des werkthätigen Volkes.
Parteigenossen in Stadt und Land:
Erfüllt Eure Pflicht!
Agitiert und organisiert! Organisiert den sogenannten inneren Feind, der nichts wissen will vom brudermordenden Militarismus. Orga⸗ nisiert den inneren Feind, der unter der Purpur⸗ flagge kämpft, die in goldenen Buchstaben die Devise trägt:
Für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
Die Trunk sucht.
el. In bürgerlichen Kreisen werden immer wieder von Neuem Klagen über die Trunksucht und deren verherende Folgen in dem arbeitenden Volke angestimmt. Die Arbeiter seien zum großen Teil selbst daran schuld, wenn sie in Not, Elend und Krankheit gerieten; denn wenn der Gatte und Vater dem Trunke ergeben sei, seinen Wochen⸗ lohn zum Teil ins Wirtshaus trage, dann müßten Frau und Kinder darben, er selbst müße in Schulden geraten und der Untergang der Familie sei unabwendbar. Woher aber stammt denn das Laster der Trunksucht? Ist sie die Ur sache der traurigen Lage der arbeitenden Klasse, oder deren Folge? Die Beantwortung dieser Frage umgehen die Leute, welche die Ar⸗ beiter anklagen, dem Laster der Trunkenheit zu
fröhnen, geflissentlich. Suchen wir sie im Folgen⸗
den kurz zu geben.
Es ist eine altbekannte, feststehende Tatsache, daß da, wo die Bevölkerung in den elendesten Verhältnissen lebt, die Trunksucht am ver⸗ breitetsten ist. So herrschtsie unter den am niedrigsten gelohnten Arbeitern Londons, so in vielen Gegenden Belgiens, wo zu ihrer Be⸗ kämpfung sich Parteigenossen zusammengethan haben, so unter der Landbevölkerung Oberschlesiens, so vor Allem in Rußland. Je ärmer die Leute sind, um so größer ist die geistige Armut, und um so größer ist auch der Schnapsverbrauch. Hebt sich die Lage der Bevölkerung, wie in vielen Berufszweigen augenblicklich in Deutsch⸗ land, so geht, wie die Statistik beweist, der Schnapskonsum zurück. Bricht aber, was Arco
ueberall Freunde
schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstand und Herz des Leses— im Gegen⸗ be zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dumm⸗ eit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren. Jedermann aus dem Volke ist im Stande, sich durch die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die„M. S.⸗Ztg.“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Interesse ist und was jeder⸗ mann wissen muß. eee Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu ge⸗ wonnener Leser. Soweit unser Vorrat reicht, liefern wir neuen Abonnenten den Anfang des Romans „Vom Stamm gerissen“ gratis nach.
zu erwarten steht, eine wirtschaftliche Krise aus, sinken die Löhne, nimmt die Arbeitszeit zu, dann herrscht auch wieder der Schnapsteufel, denn der Schnaps ist, wie eine englische Schrift⸗ stellerin einmal äußerte, der einzig e Freund der Armen, Elenden, Verlassenen und Ausge⸗ gestoßenen aus der menschlichen Gesellschaft. Wo die Mittel zur Beschaffung kräftiger Nahrung fehlen, tritt der Fusel an deren Stelle. Die Folgen sind dann die Entartung des Volkes und Säuferwahnsinn, der wiederum eine Reihe Ver⸗ brechen erzeugt. Sehr zutreffend sagt Prof. Rosenthal in Erlangen:„Der Mißbrauch des Alkohols wird veranlaßt durch das in unsern sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen be⸗ gründete Bedürfnis nach Genusmitteln, haupt⸗ sächlich durch die ungenügende Ernährung eines großen Teils der Bevölkerung. Die Bekämpfung der Trunksucht muß in erster Linie geschehen durch Hebung der wirtschaftlichen Lage der unteren Volksklassen. Alles, was die Ernährung erschwert,
Steuern auf notwendige Lebens be⸗
dürfnisse, wie Brot, Fleisch, Beleuchtungs⸗ mittel, u. s. w., treibt eine große Zahl von Menschen zum Alkoholgenuß und befördert da⸗ mit seinen Mißbrauch. So lange es nicht mög⸗ lich ist, das Bedürfnis nach Alkohol zu beseitigen, ist es im Interesse des Volswohles durchaus nötig, den Genuß billigen Bieres zu begünstigen.“
Genügendes Einkommen, Schutz vor Ueber⸗ arbeit und gesunde Arbeitsräume sind die wirk⸗ samsten Mittel gegen den Schnaps. Wer das Wirtshausleben der Arbeiter als verderben⸗ bringend hinstellt, vergißt, daß der Arbeiter, so lange er keine uneingeschränkte Versammlungs⸗ freiheit genießt, in dem Wirthaus die einzige Stätte findet, wo er mit seinesgleichen über sein e Lage sich beraten kann. Das will man aber ge⸗ rade, wenn nicht anderes, so mit Hilfe der Poli⸗ zei, verhindern. Die Mäßigkeitsapostel rechnen dem arbeitenden Volke vor, wie viele Millionen es jährlich für die schädlichen Spirituosen aus⸗ giebt. Man blickt mit Verachtung auf den stark berauschten, wankenden Arbeiter, der nur zu leicht der Polizei in die Hände fällt. Vornehmen Leuten kann das freilich nicht passieren. Haben sie zu viel Champagner getrunken, dann fahren sie in einer Droschke nach Hause.
Wir sagten bereits, daß es vielfach die Ge⸗ sundheitsschädliche Arbeit sei, welche die Arbeiter zum Alkoholgenuß förmlich zwingt. Tapezierer und Polsterer müssen in Räumen arbeiten, wo die Luft mit Staub und kleinen Teilchen pflanz⸗ licher Stoffe so dick angefüllt ist, daß es unmög⸗ lich ist, den Raum zu übersehen. Die Folge davon sind Katarrh und Schwindsucht. Die Gesundheitsverhältnisse in den Vergolderwerk⸗ stästen sind geradezu eine Schande für unsere Zeit. Die Werkstätten sind im Winter unnatür⸗ lich geheizt und im Sommer werden, um jeden Luftzug zu rechindern, Fenster und Thüren dicht verschlossen. Längeres Verweilen in solcher Räumen ist gleichbedeutend mit direkter Ver⸗ giftung. In vielen andern Industriezweigen atmet der Arbeiter solche Mengen von Metall⸗ teilchen und andern Staub ein, daß die Zer⸗ störungen der Lungen in wenigen Jahren unver⸗ meidlich ist. In den Gießereien, in Schmieden, in den Schwitzkästen der Möbelfabriken ist der Arbeiter gezwungen, bei einer furchtbaren Hitze auszuhalten, ohne jede andere Erleichterung, als große Mengen Wasser zu trinken, welcher Genuß wieder unnatürlichen Schweiß hervorruft. Die Folge dieser Arbeit sind große körperliche Er⸗ schlaffung, und unnatürlicher Durst. Dazu kommt noch, daß vielfach außer dem Arbeiterraume kein Platz vorhanden ist, wo der Arbeiter sich waschen kann. Ist es da zu verwundern, wenn er sich in die nächste Wirtschaft begiebt, um einen Luft⸗ wechsel zu genießen und seinen vom Staube trockenen Hals mit einem Glase Bier anzufeuchten?
Am Abend verläßt er seinen Arbeitsplatz, erschöpft an Geist und Körper, unzufrieden mit seinem geringen Lohn und niedergeschlagen in dem Bewußtsein, daß die Erfahrungen des ver⸗ flossenen Tages sich so lange wiederholen werden, als er im Stande ist, seinem Arbeitgeber Mehr⸗ wert zu liefern. Unter diesen Umständen ist es nicht überraschend, wenn er wieder in der Wirt⸗
schaft seine Zuflucht sucht, wo er in Gesellschaft N
seiner Leidensgenossen über Arbeits- und politische Zustände sich aussprechen kann.
Wer die Trunksucht wirksam be⸗ muß unsere gesell⸗ schaftlichen Verhältnisse umgestalten helfen. Es ist durchaus zwecklos, etwas anderes
kämpfen will,
in Vorschlag zu bringen. Die Arbeiterwohnungen müssen gesund, d. h. mit genügend Raum, Luft und Licht gebaut werden; die Arbeitszeit muß verkürzt werden, daß dem Arbeiter hinreichend Muße und Kraft zu geistigem Genuß in Lese⸗ hallen, zur genossenschaftlichen Arbeit in den Gewerkschaften und vor Allem zu einem häus⸗ lichen Leben bleibt. Gebt dem Arbeiter mehr Lohn, und er wird auf eine höhere gesellschaft⸗ liche Stufe gehoben, behandelt ihn nicht als Ausbeutungobjekt, und er wird anfangen sich als Mensch zu fühlen und zu bestätigen. Ist darauf unter der Herrschaft des Kapitalismus zu hoffen? Wir bezweifeln es nach den gemachten Erfahrungen. Rettung bringt auch hier nur der Sozialis mus.
Politische Bundschau.
* Gießen, den 27. Jannar. Maulkorb für Volksvertreter!
Der konservative Vizepräsident im Reichstag, von Frege, erklärte das Wort„Schreck⸗ gespenst“ für unparlamentarisch. Der konservative Präsident im preußischen Abgeord⸗ netenhause, von Kröcher, erklärte das vom Abg. Richter gebrauchte Wort„Eiertanz“ gleichfalls für unparlamentarisch und rief den Abg. Richter zur Ordnung, trotzdem ein Minister vorher dasselbe Wort Richter gegen⸗ über gebraucht hatte. Aber das großartigste leistet sich doch der ehemalige Kürrassier und jetzige Zentrumsabg. Graf Ballestrem, der Reichstagspräsident. Er unterbrach den frei⸗ sinnigen Abgeordneten Wiemer, als dieser von der Oeynhausener Kaiserrede sprach, und stellte die Grenzen fest, in welchen er die Besprechung kaiserlicher Aeußerungen gestatten will. Diese Grenzen sind sehr eng gezogen und es wird Sache der Oppo⸗ sition sein, sich gegen diese Grenzen zu wehren. Gerade in heutiger Zeit muß dem Reichstag seine Eigenschaft als Zufluchts⸗ stätte für das sonst obdachlose freie Wort doppelt gewahrt werden. Das wäre ja noch
2
1 1 0
1 1 0 1 1
schöner, wenn selbst den Vertretern des Volkes 1
ein Maulkorb umgeschnallt werden sollte. Erschreckende Zeichen der Zeit.
Als eine Art Mißtrauens votum des preußi⸗ schen Justizminister gegen das Reichsgericht wird im„Reichsboten“ die Ernennung des Landgerichts⸗ präsidenten Wyszomirski in Beuthen zum Reichs⸗ gerichtsrat hingestellt. Das Landgericht Beuthen hatte im September den sozialdemokratischen Vertrauensmann Dylong aus Königshütte, der ein von ihm nicht ver⸗ faßtes, aber vor der Verteilung gelesenes polnisches Wahlflugblatt in Kattowitz und Umgegend verbreitet hatte, wegen Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Landgericht in Posen erkannte wegen Verbreitung des⸗ selben Flugblatts, das nach Ansicht der Beuthener Richter die Zoll- und Steuergesetzgebung, die Gesindeordnung und den Reichstag verächtlich gemacht haben soll, auf nur hundert Mart Geldstrafe. Auf die Revision des Angeklagen Dylong hob das Reichsgericht das Urteil des Landgericht Beuthen auf indem es an dem ⸗ selben eine ungewöhnlich scharfe Kritik üste. Das Beuthener Urteil, so erwog das Reichsge⸗ richt(i) enthalte so viele Unfertigkeiten, daß es nicht aufrechterhalten werden könne. Es lasse zu⸗
nächst jeden Aufschluß darüber vermissen, ob das Gericht
selbst sich über die Grenze zwischen der Behauptung von Thatsachen und der Kritik bezw. dem Ausspruch eines Urteils klar geworden sei. Bei der Steuergesetzgebung sei zwar das Wissen des Angeklagten angenommen worden; dies könne aber das Urteil nicht tragen, zumal bei der exorbitant hohen Strafe noch andere Momente maßgebend gewesen sein müßten. Nach dem„Leipz. Tagebl.“ hatte der preußische Justizminister über dieses Urteil des Reichsgerichts Bericht eingefordert.„Wenn nun der Präsident dieses vom Reichsgericht ge⸗ tadelten Landgerichtes jetzt selbst zum Reichs⸗ gerichtsrat ernannt wird, so scheint es nicht, daß die ministerielle Nachprüfung zu seinen Ungunsten ausge⸗ schlagen ist.“
In der Zeit der Zuchthausvorlage, der Bielefelder und Oeynhäuser Reden, erscheint die Ernennung Wyszo⸗ mirskis als ein neuer Beleg für die Schneidigkeit des
lersten Kavaller Vermeht dafür se edlen 9 achtensr d. D. uns do lieutena meldete
In
an den


