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Seile 4.
Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung.
Nr. 22.
Ministerialraths Soldan, geführt hat, wird noch immer in der Presse lebhaft besprochen. So fordert die„Frankfurter Zeitung“ ziemlich un⸗ verblümt den Rücktritt Soldans. Das Blatt schreibt:„Für uns geht aus den Worten des Herrn Minssterialrat Soldan zur Evidenz her⸗ vor, daß dieser Herr bei seiner Untersuchung mit einer so geringen— sagen wir einmal— Gründlichkeit verfahren ist, daß er in seinem Bestreben, die Sache nicht allzusehr in die Oeffentlichkeit kommen zu lassen, starke Unter— lassungssünden begangen hat, die geeignet er scheinen, das Vertrauen in die Unparteilichkeit dieses obersten Leiters der hessischen Schul— abteilung arg zu erschüttern. Die Lehrerschaft allgemein ist empört über die Art und Weise, wie die ihr vorgesetzte Ministerialabteilung mit ihr in so hochernsten Dingen umzuspringen be⸗ liebt, und die Eltern der Schüler vermissen jede Garantie für die gerechte und unparteische Behandlung ihrer Kinder. Wenn der Centrums— abgeordnete Dr. Schmitt, der letzte Redner in der Debatte, frei heraus erklärte, die Regierung werde aus der zweitägigen Verhandlung die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die Autorität der oberen Schulabteilung dermaßen erschüttert ei, daß eine ersprießliche Thätigkeit unter den een Verhällnissen nicht möglich sei, so hat er damit der Bevölkerung aus dem Herzen ge— sprochen.“ Ganz unsere Meinung! Wenn die „Frankf. Ztg.“ sich aber dem Wahn hingiebt, daß mit der Eutfernung des Herrn Soldan das Protektionssystem verschwinden würde, dürfte sie sich schwer täuschen. So lange die höhere Bildung ein gehässiges Vorrecht der Besitzenden ist, so lange nicht die Befähigung, sondern der Geldsack die Thore der höheren Lehranstalten erschließt, so lange werden auch die Fälle „Dettweiler“ und„Solban“ nicht aufhören. Dummheit und Unfähigkeit werden sich auf den Bänken der Gymnasien und Universitäten breit machen, während das proletarische Genie im harten Kampfe um's Brot verkümmert und 1 diesem Unrecht, das gegen die ganze Arbeiterklasse verübt wird, verschwindet das durch den Fall„Dettweiler“ an einer Anzahl Bourgeols-Jünglinge begangene, zur Nichtigkeit. Zum Fall Dettweiler wird der Berliner freisinnig-demokratischen „Volkszeitung“ aus Hessen geschrieben: „Niemand stand der Regierung bei, als der freisinnige Abgeordnete Metz, der den Vater Dettweiler zu entschuldigen über— nahm. Dem sozjaldemokralischen Abgeord— neten Ulrich war es ein Leichtes, Herrn Metz daraufhin in den Sand zu strecken. Ulrich entgegnete, den Gefühlen eines Vaters, der sich bewußt sein mußte, daß er hoher Schul— beamter sei, ständen die Interessen hunderter Väter gegenüber. Hessen sei bisher im Schul— wesen ein Musterland gewesen, dieser gute Ruf und die Autorität der Schulbehörde müßten durch strengste Bestrafung der Schul— digen aufrecht erhalten bleiben. Der frei— siunige Abgeordnete Metz blieb der ein— zige Verteidiger der Oberschulbehörde! Die zweitägige Debatte endigte mit einer grün d— lichen Schlappe der Regierung und ein Wechsel in der Leitung des Kultusdeparte— ments steht bevor. Auch die Ministersessel der Herren Rothe und Küchler sollen wackelig geworden sein. Die Hessenverdrossenheit hat durch diesen Skandal, der weit über die Grenzen unseres Großherzogtums hinaus Aufsehen erregt hat, vermehrte Nahrung er— halten und der Freisinn hat sich(die übrigen freisinnigen Abgeordneten sichwiegen sich bei der Schulskandal— Debatte aus) nicht mit Ruhm bedeckt. Was der Berl. Volksztg. über den allerdings nur noch dem Namen nach bestehen— den hessischen Freisinn geschrieben wird, stimmt vollkommen. Die platte Unfähigkeit ist dort Trumpf. Daß die Universitäts stadt Gießen gerade den„freisinnigen“ Vertreter in der hessischen Kammer sttzen hat, der für die „neue Pädagogik“ der Dettweiler, Ahlheim und Soldan eine Lanze brach, ist eine grausame Ironie bes Schickfals. Wir haben's allerdings — nicht nur
immer gesagt: wieviel Stümper
in Hessen— mögen sich auf Grund der„neuen Pädagogik“ bis in die Hörsäle der Universitäten durchdettweilern, die vielleicht als Handwerks gesellen ganz brauchbar gewesen wären. Aber was wird heutzutage Alles als Aerzte, Juristen u. s. w. auf die arme Menschheit losgelassen!
Aufstachelnng zur Unzufriedenheit.
* Seit einigen Tagen werden in Gießen die Steuerzettel an die Steuerpflichtigen ver⸗ ausgabt. Es herrscht darob keineswegs eitel Freude. Im Gegenteil sollen sehr staats⸗ erhaltend gesinnte Leute, die ein wenig hinauf⸗ geschraubt wurden, ganz respektwidrig raison⸗ nieren. So viel Unzufriedenheit wie jetzt die Gießener Schutzleute durch Verausgabung der neuen Steuerzettel säen, könnte nicht durch 100 sozlaldemokratische„Hetzer“ in ebensoviel Ver— sammlungeu gesät werden. Wir haben herzlich gelacht, als ein feister Bürgersmann, dem der neue Steuerzettel in unserer Gegenwart über— geben worden, in hellem Zorn ausrief:„Do werrd'mer jo groad bollezeilich uffgereizt!“
Was würde der gute Mann erst sagen, wenn ihm klar würde, daß er jährlich auch noch einmal rund 100 Mark indirekte Steuer zahlen muß, die auf keinem Steuerzettel quit— tiert werden!
Die neue Pädagogik.
Ein Dichter hat sich an dem„Fall Dettweller“ entflammt und seiner Begeisterung in einem längeren Gedichte Ausdruck verliehen. Das Pocôm, welches der„Darmst. T. A.“ veröffent— licht, beginnt mit den Worten:
Hott sunst en Bub en Spatz im Hern Un lernt aach net en Brocke, Daucht' nix, ging in die Schul net gern, So blieb im Glanz er hocke; Jetzt kimmt er vorwärts sicherlich, Dhat er nor klug zum Vatter sich En Owerschulrat wähle. Der Schluß des poetischen Ergusses lautet: Un frehkt mol Aaner der Herr Rat, Ob des Vafahre richtig, Ob so e Bub dann einst im Staat En Mann werd grad und dichtig, So lächelt de Herr Rat un spricht: „Mein Bester das versteh'n Sie nicht, ' ist neueste Pädagogik!“
Schulbildung und Verbrechertum.
Die vielfach erörterte Frage über die Be— ziehungen der Schulbildung zum Verbrechertum ist von der Pädagogischen Gesellschaft in Preußen statistisch untersucht worden. Demzufolge ergab sich, daß in den östlichen Provinzen, wo die Schulpflicht nicht streug befolgt wird, sich eine viel größere Verbrecherzahl jährlich zeigt als in den westlichen Gegenden. Es kommen auf 1000 000 Einwohner in Westpreußen 1926 Ver⸗ brecher, in Posen 1783, in Ostpreußen 1673, in Ober⸗Schlesten 1605, in Pommern 1385, hin⸗ gegen in Westfalen 1053, Hessen-Nassau 1006, Rheinland 964, Hohenzollern 715. Im gleichen Verhältnisse ist auch eine Abnahme der Verbrechen gegen Staat, Religion und Ordnung zu ver⸗ zeichuen. Davon entfallen auf 100 000 Ein⸗ wohner in Westpreußen 489, in Posen 322, in Pommern 265, in Ober-Schlesien 250, in Ost⸗ preußen 236, hingegen in Westfalen 178, in Hannover und Sachsen 170, Rheinland 160, Hohenzollern 103. Bemerkenswert ist ferner, daß seit 1890 auch in den Ost-Provinzen mit der Ausgestaltung der Schulen ein stetiger Rück— gang der Verbrechen zu konstatieren ist.— Das wird uun wieder aufhören, da die Agrarier im Abgeordnetenhause wegen ihrer„Leutenot“ nach dem Rezept, daß der dümmste Kuecht am besten Mist streut, eine beträchtliche Verminderung der Schulstunden im Osten durchgesetzt haben. Mit der geringen Verstandes- und Gemütsbildung geht im Osten die entsetzliche wirtschaftliche Lage der Albeiterfamilien Hand in Hand und erzeugt so die Klasse derer, die gegen die bürger— lichen Gesetze verstoßen. Zur Abhilse empfehlen die Agraxier, die an allem schuld sind, dann die Einführung der Prügelstrafe. Aber nicht für sich.
Die Nachtwächter in Eschwege.
* Der Geuosse Hugo in Eschwege sollte den Bürgermeister Vocke daselbst beleidigt haben
und wurde vom Schöffengericht zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt. Die Strafkammer sprach ihn auf seine Berufung frei. Es handelte sich um den Vorwurf amtlicher Wahlbeein⸗—
flussung, geübt gegenüber den städtischen Nachtwächtern. Der Bürgermeister Vocke gab in der Verhandlung selbst zu, daß er am Tage der 93er Reichstags-Stichwahl geschriebene äußerlich kennbare Stimmzettel in seinem Büreau für den konservativen Kandidaten v. Christen ausgegeben und bei der her Nach⸗ wahl an 16 Nachtwächter und städtische Arbeiter je 1 Mark gegeben habe. Mit der Wahl sollte dies Geschenk aber nichts zu thun haben. Warum er das Geld gegeben, dafür gab der Herr Bürgermeister eine Aufklärung, die seine eigene Verwaltung in merkwürdigem Lichte er⸗ scheinen läßt:
„Am Morgen nach der Stichwahl“ sagte er, kam ich zur Wache, um mich zu befragen, ob nichts vorgekommen sei. Da fand ich die Leute bei trockenem Brod und schwarzem Kaffee und als ich kurze Zeit da war, fiel einer in Ohnmacht. Dieses veranlaßte mich, zu fragen, wodurch das wohl komme. Da be— kam ich zur Antwort:„Dem geht es nicht gut, es wird durch Not sein.“ Und warum habt Ihr nicht einmal Milch zum Kaffee? „Weil wir uns keine kaufen können“, war die weitere Anwort.„Wollten wir besser leben, so würde uns nur wenig von unserem Gelde für die Nachtwache übrig bleiben.“ So der Herr Bürgermeister über seine eigenen Beamten. Und von derartig entlohnten Leuten verlangt man dann noch Begeisterung für die konservative göttliche Weltordnung!
Ein Wohlthäter der Menschheit.
Die nationalliberale und katholische Presse verbreitet seit einiger Zeit die Nachricht, daß der Reichstagsabgeordnete und Großindustrielle Freiherr Heyl zu Herrusheim aus Worms für die Zwecke der Lungenheilstätten-Bewegung 3,000,000 Mk. gezeichnet hat. Herr v. Heyl wurde natürlich ob dieser freigebigen Schenkung von dieser gesinnungstüchtigen Presse über— schwänglich als Wohlthäter der Menschheit ge— priesen. Jetzt teilt aber die„Köln. Ztg.“ mit, daß an der ganzen Drei-Millionen-Schenkung kein wahres Wort ist. Verschiedene Blätter, die die Stiftungs-Notiz veröffentlichten, haben dieselbe seither nicht widerrufen, sie betrügen also ihre Leser bewußtermaßen.
Keine lausige Versicherung.
Unter der Spitzmarke:„Eine lausige Ver— sicherung“ druckten wir neulich aus der Nau— mannschen Hilfe eine Notiz ab, wonach die Leipziger Bäckerinnung eine Versicherung gegen Ungeziefer abgeschlossen hat, deren Prämienhöhe sich nach der Zahl der beschäftigten Gesellen und Lehrlinge richtet. Jetzt wird im Auftrage der Leipziger Bäcker-Innung„be— richtigt“, daß sich die Versicherung nicht auf Flöhe und Läuse, sondern insbesondere auf „Schwaben und Russen“ bezieht. Wir wollen trotzdem wünschen, daß der Krieg gegen die bei der Versicherung ausgeschlossenen Flöhe und Läuse nicht weniger energisch geführt wird als gegen sonstiges Ungeziefer, insbesondere Schwaben und Russen.
Dienstboten⸗Futter.
Wie man in feinen Häusern die Dienstboten abfüttert, dafür liefert die in Leipzig im Verlage des Modenhauses Polich erscheinende, viel ge— lesene Deutsche Moden-Zeitung einen höchst interessanten Beleg. In einem in Nr. 10 und 11 des gena uten Blattes unter der Rubrik: „Haus wirtschaftliches“ erschienenen Aufsatz, der Leutetisch, wird nämlich eine Reihe von Koch— rezepten empfohlen, die es einem herrschaftlischen (J Haushalt ermöglichen, bei der Beköstigung der Dienstmädchen Ersparnisse zu erzielen. Da es, wie es so schön gesagt wird, bei den meisten der jungen, stark arbeitenden und viel essenden Personen weniger auf die Güte als auf die Meuge ankommt, so wird zunächst der Grund⸗ satz aufgestellt, den Dienstboten möglichst solche Gerichte vorzusetzen, die um ihrer stopfenden Eigenschaften willen gern von der arbeitenden Klasse genossen werden. Also die arbeitende
Hädchen heiße Rübe leichtere veldig, all lachen. A Hülhenfrüc se voller Fleschspel slecke oder Pfennigen eier Esi sogar als
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