Ausgabe 
28.5.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 22.

Von derMühe der Fabrikbesitzer kann überhaupt keine Rede sein. Für die Fabrikanten hat der Vertrag nur die Bedeutung, sich für drei Jahre billige Arbeits⸗ kraft zu sichern. Denn sobald die sogenannten Lehrlinge die Geheimnisse der Cigarrenfabrikation begriffen haben und das geht sehr schnell, sind sie im Stande, im Accord weit mehr zu verdienen, als ihnen ihrLehr fabrikant im Tagelohn für dasselbe Quantum zahlt. Gebunden durch denKontrakt genannten Sklaven⸗ brief müssen die jungen Leute die drei Jahre lang bei demselben Fabrikanten für ein Butterbrod frohnden. Das ist ein geradezu skandalöses Verhältnis.

Wohl nirgends wäre es deu Arbeitern so leicht gemacht, sich eine gute Organisation zu schaffen, wie den Cigarrenarbeitern im Kreis Gießen. Sie arbeiten stets in größerer Zahl zusammen, die Fabriken befinden sich in einem verhältnismäßig kleinen Bezirk, die Cigarren⸗ industrie blüht, die Unternehmer stecken Jahr für Jahr hohe Gewinne ein die Arbeiter aber stehen gleich⸗ giltig bei Seite, bescheiden sich mit den kärglichsten Löhnen und laben sich sogar hier und da von ungeschliffenen Werkmeistern noch auf das ordinärste behandeln.

Lernt von Euren Fabrikanten, die den Wert der Organisation längst eingesehen haben.

(Ein weiterer Artikel folgt.)

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Politische Rundschau.

Gießen, den 26. Mai.

Sozialistische Friedens⸗Demonstration.

Am Sonntag Abend fand in Amsterdam als Protest gegen die im Haag tagende Friedens⸗ konferenz der Diplomaten ein von der Arbeiter⸗ partei Hollands veranstaltetes internationales Friedensmeeting statt. Der große Saal war von einer nach Tausenden zählenden Menge dicht besetzt, die mit bewundernswerter Geduld den Ausführungen der ausländischen Redner folgte. Aus Deutschland war Molkenbuhr gekommen. Außer ihm traten noch der Belgier Ansele, und der Holländer Troelstra als Redner auf. Die Versammlung verlief, abge⸗ sehen von einer schnell beseitigten Störung durch einen Auarchisten, in höchst würdiger, eindrucks⸗ voller Weise.

Friedens⸗Komödie.

Während in Haag die Delegierten von 26 Staaten anscheinend die Friedenspfeifen rauchen, wird überall flott weiter gerüstet. Ueber neue Befestigungen in den Reichs landen berichten dieMünch. Neuest. Nichr.: Wie für die Festung Metz drei Außenwerke zur Ausführung gelangen, so ist auch für die Festung Diedenhofen, welche bisher aller Außenwerke entbehrte, die Anlage eines Forts auf der das umliegende Gelände weithin beherrschenden Höhe von Gentringen, ungefähr 4 Kilometer nordwestlich von Diedenhofea, in Aussicht genommen. Ein

auf dem linken Moselufer erscheinender Feind

kann nach Ausführung dieses Forts die Festung nicht eher unter Feuer nehmen, als bis das Fort gefallen ist. Die französische Presse drängt mit Rücksicht auf diese neuen deutschen Befestigungen an der Reichsgrenze auf die baldige Ausführung der schon längst beabsichtigten ausgedehnten Befestigung von Nancy und wirft der französischen Regierung vor, daß sie unrichtigerweise ihr ganzes Augenmerk auf Küstenbefestigungen lenke und darüber den schlimmsten Feind Frankreichs Deutschland vergesse.

Der Zar drangsaliert inzwischen Finland weiter, dem er die garantierte Verfassung weg⸗ stibizt und ihm für die genommenen Rechte allerlei neue Pflichten auferlegt.

Uebrigens lauten die Nachrichten über die Friedenskomödie in Haag recht ungünstig. Allerlei Formalitäten und Eifersüchteleien tragen nicht wenig dazu bei, recht gespannte Verhält⸗ nisse zu zeitigen. Ang blich soll die Konferenz monatelang zusam men sein. Schade für das Geld, welches die glatten Diplomaten in dieser Zeit kosten. Ihre Acbeit ist von vorn herein zur Uafruchtbarkeit verdammt.

Koloniale Herrlichkeiten.

Einem Privatbriefe aus Deutsch-Südwest Afrika entnimmt derVorwärts einige An⸗ gaben über die Lage der Angestellten an der dortigen Staatsbahn, die nur zu geeignet sind,

vor der Auswanderung in jene Gegend dringend

zu wirnen. Es heißt in dem Briefe:

Was unsere Arbeit, Löhnung und Ver⸗ pflegung hier weiter im Innern des Lande, anbetrifft, läßt alles sehr zu wünschen übrig, denn es herrschen hier traurige und tolle Zu stände und Unzufriedenheiten. Es rücken alle Monate Leute aus; es ist hohe Zeit, daß hier bald eine Aenderung in den Lohnverhältnissen und der Verpflegung geschaffen wird! Z. B. bekommen sämtliche Ausländer bei freier Ver⸗ pflegung 120, 150 bis 180 Mark monatlich, wogegen wir Deutschen nur 55 bezw. 83 Mark erhalten, wo wir noch dazu alle verantwortlichen Posten bekleiden.

Das Fahrpersonal an der Bahn hat nach der Schilderung des Briefschreibers z. B. 14 bis 16 Stunden Dienst in den Tropen!; ein Zugführer bekommt 83 Mark Monatslohn. Dazu macht der Schreiber einige Angaben über die Preise, die diese Bezahlung erst ins richtige Licht setzen. Eine Flasche Bier,/ Liter, kostet z. B. 1.50 Mk., eine Flasche Cognac 5 Mk., ein Rollmops 1 Mk., ein Faß Salzheringe, ent⸗ haltent 24 Stück, 7 bis 10 Mk., ein paar Schuhe, die in Berlin(der Schreiber ist Berliner) 5 Mk. kosten, 20 Mk. Für Wäschewaschen bezahlte er für 1 Jackett, 1 Hose, 2 Hemden, 1 Unter⸗ hose und 2 Paar Strümpfe 2.50 Mk., 1 Platte Taback für 25 Pfg., 1 Schachtel Streichhölzer für 5 Pfg. und für 1 Mk. Seife. Die schwarzen Waschweiber wollen auch nur Silber haben, da man für Nickel nichts zu kaufen bekommt.

In Swakopmund sind die Hafenarbeiter bereits aufrührerisch geworden, es sind auch nicht mehr viele von ihnen hier; alles rückt aus. Sämtliche Waffen sind ihnen abgenommen worden, die Truppe hat jeden Augenblick bereit stehen müssen, wie gesagt, es herrschen hier heillose Zustände.

Es wird dann in dem Briefe, der aus dem vorigen Monat dieses Jahres datiert ist, noch mitgeteilt, daß von dem Transporte, mit dem der Schreiber Ende vorigen Jahres hingekommen ist, schon 6 Mann am Fieber gestorben sind und schließlich der Freund, an den der Brief gerichtet ist, dringend gewarnt, sich nicht etwa euch zur Uebersiedelung verlocken zu lassen. Dieser Warnung können wir uns nur an⸗ schließen.

Erwähnt sei übrigens, daß man auch höchst kulturelle Ansichtspostkarten aus der Kolonie schickt; auf einer sieht man z. B. infein künstlerischen Ausführungkettengefangene Buschleute in Windhoek. Dies photographische Bild wird als einGruß aus unseren Kolonien mit unbeabsichtigter Ironie bezeichnet.

Aus Deutsch⸗China.

Ein Seesoldat, der mit dem ersten Trans- port im November 1897 mit nach Kiautschau gekommen, schreibt an seine Eltern: Es ist jetzt wohl gewiß, daß ich noch ein Jahr hier bleiben muß. Am letzten Sonntag sind 27 Mann unserer Kompagnie, welche abgelöst werden sollen von unserem Ersatz, öffentlich vor der Front namhaft gmacht. Von diesen 27 Mann sind 19 dienstuntauglich, die ent⸗ weder eine schwere Krankheit gehabt haben oder noch krank sind. Die übrigen 8 sind die Aeltesten von unserem Ersatz, 1875 oder 1876 geboren.

Gegen das Reichstagswahlrecht macht im Deutschen Wochenblatt J. Heckler ein Centrumsmann, einen Vorschlag. Man solle die gesamte Wählerschaft in drei Altersklassen teilen, die jüngste oder dritte Klasse enthalten die Wähler vom 25. bis 40. Lebensjahre, die mittlere oder zweite die Wähler zwischen dem 40. und 55. Lebenjahr und die älteste oder erste Kasse der Reichstags-Wähler vom 55. Lebensjahre ab aufwärts. Nach Maß⸗ gabe der Stärke der Altersklassen habe der Wähler in dee zweiten Klasse danach das do p⸗ pelte und der Wähler der ersten Klasse das dreifache Stimmrecht des Wählers der jüng⸗ sten Klasse. Die offiziöse Münchener Allg. Ztg. meint, daß diese Vorschläze Beachtung ver⸗ dienen.() Es wären aber nicht bloß das Alter, sondern auch die Besitz verhältnisse bezw. Steuer⸗

leistungen, Verheiratung, Bildungsgrad und

anderes mit zu berücksichtigen. Mit ähnlichen Vorschlägen kam schon neulich das Organ des Zentralverbandes deutscher Industrieller, die Berliner Neuesten Nachrichten. Die Herren sind wieder einmal recht eifrig daran, in allen Tonarten die Beschneidung des Reichstagswahl⸗ rechts zu fordern. Wie deutsche Seeofsiziere sein sollen. Die Hochkonservative und streng christliche Kreuzzeitung veröffentlicht an leitender Stelle (als Eingesandt) einen Artikel über die Fecht⸗ weise zur See, aus dem wir einiges zur Kenn⸗ zeichnung des deutschen Marinis mus her⸗ ausheben. Wir erfahren daraus, welche Eigen⸗ schaften nach der Auffassung in Jun kerkreisen deutsche Seeoffiziere haben müssen. Da liest man: In einer Flotte braucht man keine Musteroffiziere, die korrekt und glatt ihre Pflicht erfüllen. Nelson war im gewöhnlichen Leben ein Wüstling und ein Trunkenbold, aber auf dem Deck seines Admiralschiffes wurde er zum Stiere, der rücksichtslos draufging.

Tegetthoff liebte das Spiel und am Tage von

Lissa soll er über den Durst getrunken haben, allein auch er ging scharf wie eine Bulldogge los. Zur See hat dies jederzeit die größten Erfolge gegeben und daher brauchen wir zu Flottenführern rücksichtslose Wagehälse im Stile eines Blücher, denen man erforderlichenfalls berechtigte Eigentümlichkeiten mit Verstand zu gute halten muß. Nur solche Menschen führen Flotten gut und nur solche Menschen namentlich sind im stande, eine schwächere Flotte zum Siege zu führen. Es ist keine Frage, daß der Marineoffizier kühner und namentlich unbekümmerter sein muß als sein Kamerad auf dem Lande. Gerade in Marine sind solche Elemente wohl vor- handen, es handelt sich nur darum, ihnen durch Zustimmung Halt und Rückgrat zu geben und sie in die Stellungen zu bringen, wo sie wirken können. Je mehr solche Offiziere wir in der Flotte haben, desto besser wird sie sein, und hätten wir sie nicht, so müßten wir sie züchten.

So zu lesen in der Morgenausgabe der Kreuzzeitung vom 19. Mai 1899. Was wird das Reichsmarineamt zu dieser Charakteristik der Offizierstugenden und zu diesen Vorschlägen sagen? Wir wollen auch nur durch die kleinste kritische Randbemerkung die Wirkung dieses konservativen Marine-Kannibalismus nicht abschwächen.

Material zum Zuchthausgesetz. DasHamburger Echo veröffentlicht folgende Ver rufserklärungen, durch die hinterlistigerweise ehrenhafte Arbeiter an freiwilliger Arbeit ge⸗ hindert werden sollten: Hamburg, 17. Mai 1899. Kein

Wir teilen Ihnen hierdurch ergebenst mit, daß die

in der umstehenden Liste aufgeführten Schiffszimmerleute, die bisher bei Herren Holtz, Renck jr. und Harms in Hamburg(Elbe) beschäftigt waren, in einen Streik ein⸗ getreten sind. Diese Leute forderten eine Lohnerhöhung von 40 Pfg. pro Tag und schlugen die von den Arbeit⸗ gebern angebotene Lohnerhöhung von 20 Pfg. pro Tag aus.

Wir bitten, die genannten Schiffszimmerleute so lange nicht einzustellen, bis wir Ihnen Nachricht geben, daß diese Angelegenheit geordnet ist.

Hochachtungsvoll Verband der Eisenindustrie Hamburgs. gez. J. A.: Thielkow, Sekretär.

Die schwarze Liste weist die Namen von 15 bezw. 12 und 5 Arbeitern auf, die auf den ge⸗ nannten drei Werften in Harburg beschäftigt waren.

Der zweite Vehmbrief lautet:

Hamburg, 17. Mai 1899. Hern

Soeben erhalten wir von der Flensburger Schiffs⸗ baugesellschaft die Mitteilung, daß dort gestern 55

Stemmer die Arbeit niedergelegt haben und voraussicht⸗

lich sich noch mehr Arbeiter diesem Streik anschließen werden.

Wir werden ersucht, nicht nur diese jetzt schon Streikenden(siehe umstehende Liste) von der Arbeit aus⸗

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