Ausgabe 
28.5.1899
 
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Nr. 22.

Gießen, Sonntag, den 28. Mai 1899.

6. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

buntags⸗Zeitung.

Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag& Uhr

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Die Scharfmacher.

oa. Die Herren Sozialistentöter haben in der letzten Session des Reichstags keine Seide gesponnen. Zahlreiche Debatten haben statt⸗ gefunden, bei denen die Organe der Scharf⸗ macher und der Reaktionäre eineVernichtung der Sozialdemokratie entdeckt haben wollten. Das mußten sie ihren Brodherren zu Liebe thun. Aber der Augenschein lehrte, daß die Sozial⸗ demokraten kampfesfroh und wachsam wie immer auf ihren Posten waren und daß sie sich nach wie vor des Vertrauens der großen Masse des Volkes erfreuen. Der Eiertanz der Mehrheit in der Militärfrage, die Zickzackpolitik des Centrums, die unverhohlene Arbeiterfeindlichkeit der Junker haben alles gethan, um die Position der Sozialdemokratie zu verstärken.

Die Unternehmer wissen nicht recht, was sie machen sollen. Die ewigen Tiraden des Herrn von Stumm, daß man die Sozialdemokratie mit den schärfsten Repressivmaßregeln über⸗ winden könne, werden ihnen nachgerade auch bis zum Ueberdruß langweilig. Stumm ist ausgelacht worden und sein getreuer Schild knappe Kardorff mit ihm. Herr von Heyl und Herr Röĩsicke wollen den Arbeitern einige kleine Zugeständnisse machen; Herr von Heyl glaubt damit der Sozialdemokratie mehr Schaden zufügen zu können, als mit den Gewaltmitteln des Herrn von Stumm. Er wird sich täuschen; die Sozialdemokratie freut sich im Gegenteil sehr über seine Anträge, weil die Heyl und Genossen sich damit in einen strikten und dauernden Gegensatz zu den Stumm und Genossen gesetzt haben. Stumm ist auch ganz wütend über den Abfall der Heyl und Genossen; mit seinen Angriffen gegen dieselben hat er nur die Heiter⸗ keit des Reichstags hervorrufen können.

Der Reichstag ist am 18. Mai in die Ferien gegangen, ohne daß von den Plänen der Scharf macher und Sozialistentöter auch nur ein Titelchen erreicht worden ist; es soll nach Pfingsten nur noch das Notwendigste erledigt werden und dann ruht die Thätigkeit des Reichs⸗ tags bis zum 10. November. Die Zuchthaus⸗ vorlage kann also vor November nicht mehr kommen. Wird sie dann kommen? Darauf können wir weder mit Ja noch mit Nein ant⸗ worten; indessen darf man wohl annehmen, daß

die Schwierigkeiten, die der Vorlage in den

Vorbereitungsstadien begegnet sind, inzwischen ewachsen sind. Der Reichstag wird eine Vor⸗ age, welche den Wünschen der Stumm und Genossen entspricht, nicht annehmen; das steht heute fest. Zugleich wird aber die Gefälligkeit der Regierung gegen denKönig Stumm kaum so groß sein, daß sie den Reichstag auflöst, weil

er nicht nach Stumm'schen Herzenswünschen be⸗

schließt. Da müßte ja die Regierung mit der Zuchthausvorlage als Parole sich in den Wahl⸗ kampf begeben und das wird sie kaum wollen.

Die Behandlung der Materie selbst ist eine außerordentlich schwierige und die Herren Ge⸗ heimräthe mögen sich dabei die Köpfe nicht übel zerbrochen haben. Aber sie scheinen zu einem irgendwie geeigneten Resultat nicht gekommen zu sein, denn sonst müßte doch irgend eine Nach⸗

richt über den Inhalt des famosen Werkes durch einen der tausend bekannten Kanäle in die Dieeffentlichkeit gesickert sein. n hat n vernommen, gar nichts, und das ist in diesem

Man hat nichts

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Falle das Erfreulichste. Ob es in diesem Sommer in den Hundstagen gelingen wird, das Ei auszubrüten, erlauben wir uns stark zu be⸗ zweifeln, denn wenn bisher kein neuer Gedanke gekommen ist, dann kommt er doch jetzt erst recht nicht.

Indessen Ueberraschungen sind nicht aus⸗ geschlossen. Immerhin kann im November eine Vorlage da sein. Wenn sie aber angenommen wird, dann ist sie keine Zuchthausvorlage im Sinne der Stumm und Genossen.

Die Reaktionäre werden selbstverständlich vom Kampfe gegen die Sozialdemokratie nicht ablassen; die Junker sind erschreckt, weil der Sozialismus in die Landbevölkerung eindringt, und sie treiben unablässig zu einer Gewaltpolitik gegen die Sozialdemokratie. Ob eine solche Politik wiederkommen wird, wissen wir nicht; wir wissen nur, daß die Sozialdemokratie mit den alten verbrauchten Mitteln nicht überwunden werden kann.

Die Stumm und Genossen nehmen aus dieser Session die Ueberzeugung mit, daß die Reihen ihrer Anhänger sich lichten, während die Sozialdemokratie in der Ausbreitung begriffen ist. Das mag dem Selbstherrscher in Neun⸗ kirchen viel Kummer bereiten. Uns bereitet es ben so viel Vergnügen.

Zur hessischen Gewerbe-Inspektion. J.

8. In einem stattlichen Band vereinigt, sind dieser Tage die Berichte der hessischen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1898 erschienen. Nach der gesetzlichen Neuregelung ist das Großherzogtum vom 1. Juli v. J. ab in vier Aufsichtsbezirke eingeteilt: Darmstadt, Mainz, Offenbach und Gießen. Der Darmstädter Inspektion ist ein Assistent, den Inspektionen Offenbach und Mainz je eine Assistentin beigegebeu. Die Mainzer Beamtin hat gleichzeitig den oberhessischen, die Offenbacher Assistentin den Darmstädter Gewerbeinspektor zu unterstützen, sodaß nunmehr im ganzen Großherzogtum weibliche Gewerbeaufsicht eingeführt ist. Die Anstellung der weiblichen Inspektoren hat sich außer⸗ ordentlich gut bewährt. Hoffentlich wird in absehbarer Zeit jeder Bezirk eine Assistentin zur Verfügung haben. Da für den Gießener Beamten, der unseres Erachtens mit Arbeiten überhäuft ist, über Kurz oder Lang Hilfe beschafft werden muß, so dürfte es sich mit Rücksicht auf die vielen Cigarrenfabriken, in denen Hunderte weiblicher Arbeiter beschäftigt werden, gewiß empfehlen, eine Assi⸗ stentin anzustellen. Es giebt allerlei Mißstände auf den Arbeitsstätten, die die Arbeiterin bei dem Inspektor nicht zur Sprache bringt, einer Frau gegenüber wird sie kein Hehl daraus machen.

Wir müssen uns auf eine Besprechung des von Ge⸗ werbeinspektor Engeln⸗Gießen erstatteten Berichts für Oberhessen beschränken. Eine Würdigung der übrigen drei Berichte gestatt t uns der beschränkte Raum nicht.

Herr Engeln hat im Ganzen 940 Betriebe in Ober⸗ hessen ermittelt, die der Gewerbeaufsicht unterstehen, außerdem sind noch 18 Bergbetriebe vorhanden, die von besonderen Beamten revidiert werden. Vergegen⸗ wärtigt man sich, daß im Jahre 1897 nur 565 der Aufsicht unterstehende Betriebe ermittelt wurden, so wird man dem Gewerbeinspektor Recht geben müssen, wenn er sagt, daß nicht nur die Errichtung einer be⸗ sonderen Inspektion in Gießen notwendig war, sondern auch, daß die In dustrie in Oberhessen eine weit größere Bedeutung erreicht hat, als gewöhnlich ange⸗ nommen wird.

Etwa ein Drittel aller Betriebe wrdeu inspiziert. Wegen Nichtbeachtung der gesetzlichen Vorschriften mußten vielfach Anzeigen erstattet werden. Die ländlichen Orts⸗

Bei mindestens

polizeibehörden, die um Aufklärung angegangen wurden, zeigten sich häufig nicht genügend unterrichtet über die Aufgaben der Gewerbeinspektion. Größere Unternehmer waren dem Gewerbeinspektor gegenüber zuvorkommender als kleinere. Von den letzteren werden besonders die Bäckermeister genannt. Das finden wir sehr begreiflich.

Der Gewerbeinspektor hat den Eindruck gewonnen, daß die oberhessische Industrie im weiteren Emporblühen begriffen ist.

In den 940 der Gewerbe-Aufsicht unterstehenden Betrieben Oberhessens waren beschäftigt:

Erwachsene männliche Arbeiter 8833 Jugendliche 5 5 863 Arbeiterinnen über 21 Jahre 1491

7 von 1621 Jahren 947 Jugendliche Arbeiterinnen 404

Zusammen also Arbeiter: 12538

Davon kommen mehr als die Hälfte allein auf den Kreis Gießen, nämlich 6371. Von den in ganz Oberhessen beschäftigten 2842 weiblichen Arbeitern entfallen auf den Kreis Gießen allein drei Vierteile, nämlich 2140. Und hiervon sind wiederum allein in der Cigarrenfabrikation des Kreises genau 2000 Arbeite⸗ rinnen beschäftigt.

Die Ermittelungen des Gewerbeinspektors über die namentlich im Kreis Gießen heimische Eigarrenindustrie dürften unsere Leser am meisten interessiren. Es wurden im Jahre 1898 in der oberhessischen Cigarrenindustrie beschäftigt:

Stadt Gießen, 19 Fabriken:

Männliche Arbeiter Arbeiterinneu erwachsene jugendliche erwachsene jugendliche 365 35 746 98 Umgebung von Gießen, 33 Fabriken: 369 32 1003 153 Im übrigen Oberhessen, 13 Fabriken: 58 17 28 3 Insgesammt also:

792 84. 7 6NÆU00 254 876 2031

Arbeiter. Arbeiterinnen.

Diese Ziffern lassen deutlich genug erkennen, welche Bedeutung die Cigarrenindustrie für Oberhessen, ganz besonders aber für den Kreis Gießen hat. In Wirk⸗ lichkeit ist die Cigarrenindustrie für Gießen jedoch noch bedeutsamer als obige Ziffern erscheinen lassen. Denn Hunderte von weiteren Arbeitern und Arbeiterinnen Gießener Cigarrenfabrikanten arbeiten in den in den be⸗ nachbarten preußischen Dörfern errichteten Fabriken, die der Aufsicht des oberhessischen Gewerbeinspektors nicht unterstehen.

Der Vergleich mit den Berichten früherer Jahre zeigt, daß sich die Cigarrenindustrie fortgesetzt weiter entwickelt hat. Dabei besteht die Tendenz, neue Fabriken auf dem Land zu errichten.

Recht bemerkenswert ist das, was Herr Engeln in seinem Bericht über die Einigkeit der Cigarren fabri⸗ kanten im Kreis Gießen sagt:

Es ist üblich in den hiesigen Zigarrenfabriken, daß die Lehrlinge einen dreijährigen Lehrkontrakt eingehen, welcher sie verpflichtet, nicht nur diese drei Jahre un⸗ unterbrochen auszuhalten, sondern ihnen auch bei Kon⸗ traktbruch die Aufnahme in einer anderen Zigarrenfabrik fast unmöglich macht. Einesteils werden zuweilen in dem Vertrag Konventionalstrafen vorgesehen, andernteils nehmen die Zigarrenfabriken einen Kontraktbrüchigen nicht auf. Im ersten Jahre verdient ein solcher Lehrling etwa bis 50 Pfg. pro Tag, im zweiten Jahre 0,90 bis 1,20 Mark, im dritten Jahre bis 1,50 Mark. Unverkennbar liegt in solchen Kontrakten eine gewisse Härte, wenn es auch auf der anderen Seite dem Fabrikbesitzer nicht zu verdenken ist, daß er sich seine Mühe belohnen läßt. Gute Behandlung und angemessener Verdienst halten strebsame Arbeiter auch ohne Kontrakt.

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