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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.
rühmt. 1775 zog ihn der junge Herzog Carl August an seinen Hof nach Weimar, und hier verbrachte er, abgesehen von manchen Reisen, sein weiteres Leben. Von einem fast zwei⸗ jährigen Aufenthalt in Italien(1786— 1788) urückgekehrt, als innerlich abgeklärter, reifer, durchbildeler Mann, auf der Höhe genialer Leistungskraft, entfaltete er mit Schiller zu⸗ sammen jene ruhmvolle dichterische Thätigkeit, die für alle Zeiten auf die kleine thüringische Residenz einen besonderen Glanz geworfen hat. Außerdem war er in verschiedenen Verwaltungs⸗ zweigen unaufhörlich wirksam und wurde schließ⸗ lich weimarischer Staatsminister. Nach langem, bis ans Ende leistungsfähigem und arbeits⸗ freudigem Leben starb er am 22. März 1832, fast 83 Jahre alt.
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Was macht Goethes Dichtungen so lebendig und wirkungsvoll? Was verleiht ihnen eine so wunderbare Jugendfrische? Warum glaubt jeder, der seine Lieder liest, sich in seine Schauspiele und Erzählungen vertieft, Aehnliches erlebt, Aehnliches empfunden zu haben? Wie kommt es, daß wir oft meinen, wenn wir uns in seine Poesie und seine Prosa versenken, er habe diesen und jenen Gedanken, diese und jene Empfindung eigens für uns geäußert, uns ge⸗ radezu aus der Seele gesprochen? Das kommt daher, daß dieser reich⸗ und tiefbegabte Mensch selten mit kühler Verstandesüberlegung sozusagen vom Schreibtische aus schrieb, sondern meist nur einem inneren Drange folgend seine Ge⸗ danken und Empfindungen ausströmen ließ, und daß ihm eine wundersame, kaum je von einem anderen Dichter erreichte sinnliche Frische, natürliche Kraft und einfache Deutlichkeit des Ausdrucks zu Gebote stand. Wie oft müssen wir uns bei Goethe froh erstaunt und entzückt sagen: Ja, gerade so und um kein Wort anders mußte dies und das ausgedrückt werden, um schön zu sein, um solches Verständnis zu erzielen und verwandte Saiten beim Leser an⸗ klingen zu lassen! Jedes seiner Werke ist, was die allgemeine Begebenheit anlangt, die in ihm geschildert wird, und die allgemeine Stimmung, die über ihm liegt, bevor es der Dichter in Worte faßte, gleichsam von ihm erlebt worden; es schließt sich eng an das an, was er im eigenen Entwicklungsgang an Lebenserkenntnis durchdacht und gewonnen, an Lebensleidenschaft durchlostet und empfunden hat. Jedes Werk ist bei Goethe verarbeitetes Eigenleben; er selbst will seine Dichtungen als„Bruchstücke einer großen Lebensbeichte“ aufgefaßt wissen, und da er stets ein Gedanken- und Empfindungsleben ins Große führte und in diesem stets bedeu⸗ tenden inneren Leben immer das Harmonische als Ziel vor Augen hatte— sollen wir doch, wie er in dem gedankentiefen Lied sagt, das in der vorigen Nummer dieser Aufsatzreihe vor⸗ gedruckt wurde,„unablässig streben, uns vom
alben zu entwöhnen und im Ganzen, Guten, Schönen resolut zu leben“— so ist denn auch der Inhalt seiner Dichtungen meist groß und bedeutsam.
Wir hoffen, daß durch die folgen den knappen Erläuterungen über Inhalt und Vorzüge der einzelnen Dichtungen mancher Leser der Mittel- deutschen Sonntags-Zeitung angeregt werde, selbst Goethe in die Hand zu nehmen. Hat doch den Gedanken- und Empfindungsgehalt seiner tiefsten Dichtung der Frankfurter Bürgersohn als geniales Kind seines Volkes in letzter Linie den Bedürfnissen der Volksseele abgelauscht und von ihrem Hauche umwehen lassen! Die billige Reklamsche Ausgabe— 20 Pfg. das Bändchen— ist leicht von jedem Buchhändler zu beziehen.
(Fortsetzung folgt.)
Michael Kohlhaas.
Historische Erzählung von H. von Kleist. (7. Fortsetzung.)
Der Tag brach eben an und die ganze Stadt schlief noch, als er an die Thür der kleinen, in der Pirnaischen Vorstadt gelegenen Besitzung, die ihm durch die Rechtschaffenheit des Amtmanns übrig geblieben war, anklopfte, und Thomas
dem alten die Wirtschaft führenden Hausmann, der ihm mit Erstaunen und Bestürzung auf⸗ machte, sagte: er möchte dem Prinzen von Meißen auf dem Gubernium melden, daß er, Kohlhaas der Roßhändler da wäre. Der Prinz von Meißen, der auf diese Meldung für zweckmäßig hielt, augenblicklich sich selbst von dem Verhältniß, in welchem man mit diesem Mann stand, zu unterrichten, fand, als er mit einem Gefolge von Rittern und Troßknechten bald darauf erschien, in den Straßen, die zu Kohlhaasens Wohnung führten, schon eine schier unermeßliche Menschenmenge ver⸗ sammelt. Die Nachricht, daß der Würgengel da sei, der die Volksbedrücker mit Feuer und Schwert verfolge, hatte ganz Dresden, Stadt und Vorstadt auf die Beine gebracht; und mußte die Hausthür vor dem Andrang des neugierigen Haufens verriegeln, und die Jungen kletterten an den Fenstern heran, um den Mord⸗ brenner, der darin frühstückte, in Augenschein zu nehmen.
Sobald der Prinz mit Hülfe der ihm Platz machenden Wache in's Haus gedrungen und in Kohlhaasens Zimmer getreten war, fragte er diesen, welcher halb entkleidet an einem Tische stand: ob er Kohlhaas der Roßhändler wäre? worauf Kohlhaas, indem er eine Brief⸗ tasche mit mehreren über sein Verhältniß lauten⸗ den Papieren aus seinem Gurt nahm, und ihm ehrerbietig überreichte, antwortete: ja! und hin⸗ zusetzte: er finde sich nach Auflösung seines Kriegshaufens, der ihm ertheilten landesherr⸗ lichen Freiheit gemäß, in Dresden ein, um seine Klage der Rappen wegen gegen den Junker Wenzel von Tronka vor Gericht zu bringen. Der Prinz, nach einem flüchtigen Blick, womit er ihn von Kopf zu Fuß über⸗ schaute, durchlief die in der Brieftasche befind— lichen Papiere; ließ sich von ihm erklären, was es mit einem von dem Gericht zu Lützen ausgestellten Schein, den er darin fand, über die zu Gunsten des kurfürstlichen Schatzes gemachte Deposition für eine Bewandtniß habe, und nachdem er die Art des Mannes noch durch Fragen mancherlei Gattung, nach seinen Kindern, seinem Vermögen und der Lebensart, die er künftig zu führen denke, geprüft, und überall so, daß man wohl seinetwegen ruhig sein konnte, befunden hatte,
ab er ihm die Briefschaften wieder und sagte: aß seinem Prozeß nichts im Wege stünde, und daß er sich nur unmittelbar um ihn einzuleiten, an den Großkanzler des Tribunals Grafen Wrede selbst wenden möchte. Inzwischen sagte der Prinz nach einer Pause, indem er an's Fenster trat und mit großen Augen das Volk, das vor dem Hause versammelt war überschaute: du wirst auf die ersten Tagen eine Wache an⸗ nehmen müssen, die dich in deinem Hanse so⸗— wohl als wenn du ausgehst schütze!
Kohlhaas sah betroffen vor sich nieder und schwieg. Der Prinz sagte:„gleichviel!“ indem er das Fenster wieder verließ.„Was daraus entsteht, du hast es dir selbst beizumessen;“ und damit wandte er sich wieder nach der Thür, in der Absicht das Haus zu verlassen. Kohlhaas, der sich besonnen hatte, sprach: Gnädigster Herr! thut was ihr wollt! Gebt mir euer Wort, die Wache sobald ich es wünsche wieder aufzuheben: so habe ich gegen diese Maßregel nichts einzuwen⸗ den! Der Prinz erwiderte: das bedürfe der Rede nicht; und nachdem er drei Landsknechten, die man ihm zu diesem Zweck vorstellte, bedeutet hatte: daß der Mann, in dessen Hause sie zurück⸗ geblieben, frei wäre, und daß sie ihm bloß zu seinem Schutz, wenn er ausginge folgen sollten, grüßte er den Roßhändler mit einer herablasseu⸗ den Bewegung der Hand, und entfernte sich.
Gegen Mittag begab sich Kohlhaas, von seinen drei Landsknechten begleitet, unter dem Gefolge einer unabsehbaren Menge, die ihm aber auf keine Weise, weil sie durch die Polizei gewarnt war, etwas zu Leide that, zu dem Großkanzler des Tribunals Grafen Wrede. Der Großkanzler, der ihn mit Milde und Freund⸗ lichkeit in seinem Vorgemach empfing, unterhielt sich während zwei ganzer Stunden mit ihm, und nachbem er sich den ganzen Verlauf der Sache, von Anfang bis zu Ende hatte erzählen lassen, wies er ihn zur unmittelbaren Abfassung
und Einreichung der Klage an einen bei dem Gericht angestellten, berühmten Advocaten der Stadt.
Kohlhaas, ohne weiteren Verzug, verfügte sich in dessen Wohnung, und nachdem die Klage, ganz der ersten niedergeschlagenen gemäß, auf
estrafung des Junkers nach den Gesetzen, Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und Ersatz seines Schadens sowohl, als auch dessen, den sein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse erlitten hatte, zu Gunsten der alten Mutter desselben, aufgesetzt war, begab er sich wieder, unter der Begleitung des ihn immer noch angaffenden Volks, nach Hause zurück, wohl entschlossen es anders nicht, als nur wenn nothwendige Geschäfte ihn riefen zu verlassen.
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Nr. 23. 9
Inzwischen war auch der Junker seiner Haft
in Wittenberg entlassen, und nach Herstellung von einer gefährlichen Rose, die seinen Fuß ent⸗ zündet hatte, von dem Landesgericht unter peremtorischen Bedingungen aufgefordert worden, sich zur Verantwortung auf die von dem Roß⸗ händler Kohlhaas gegen ih eingereichte Klage, wegen widerrechtlich abgenommener und zu Grunde gerichteter Rappen in Dresden zu stellen. Die Gebrüder Kämmerer und Mund⸗ schenk von Tronka, Lehnsvettern des Junkers, in deren Hause er abtrat, empfingen ihn mit der größten Erbitterung und Verachtung; sie nannten ihn einen Elenden und Nichtswürdigen, der Schande und Schmach über die ganze Familie bringe, kündigten ihm an, daß er seinen Prozeß nun unfehlbar verlieren würde, und forderten ihn, nur gleich zur Herbeischaffung der Rappen, zu deren Dickfütteruug er zum Hohn⸗ gelächter der Welt verdammt werden würde, Anstalt zu machen. Der Junker sagte mit schwacher zitternder Stimme: er sei der be⸗ jammernswürdigste Mensch von der Welt. Er verschwor sich, daß er von dem ganzen ver⸗ wünschten Handel, der ihn in's Unglück stürze nur wenig gewußt, und daß der Schloßvoigt und der Verwalter an Allem Schuld wären, indem sie die Pferde ohne sein entferntestes Wissen und Wollen bei der Ernte gebraucht uld durch unmäßige Anstrengungen zum Theil auf ihren eignen Feldern zu Grunde gerichtet hätten. Er setzte sich, indem er dies sagte, und bat ihn nicht durch Kränkungen und Beleidigungen in das Uebel, von dem er nur so eben erst er⸗ standen sei, mutwillig zurückstürzen. a Am andern Tage schrieben die Herren Hinz und Kunz, die in der Gegend der eingeäscherten Tronkenburg Güter besaßen, auf Ansuchen des Junkers ihres Vetters, weil doch nichts anders uͤbrig blieb, an ihre dort befindliche Verwalter und Pächter, um Nachricht über die an jenem unglücklichen Tage abhanden gekommenen und seitdem gänzlich verschollenen Rappen einzuziehen. Aber Alles, was sie bei der gänzlichen Ver⸗ wüstung des Platzes und Niedermetzelung fast aller Einwohner erfahren konnten, war, daß ein Knecht sie, von den flachen Hieben des Mordbrenners getrieben, aus dem brennenden Schuppen, in welchem sie standen gerettet, nach⸗ her aber auf die Frage, wo er sie hinführen und was er damit anfangen solle, von dem grimmigen Wüterich einen Fußtrilt zur Antwort erhalten habe. Die alte von der Gicht geplagte Haushälterin des Junkers, die sich nach Meißen geflüchtet hatte, versicherte demselben auf eine schrifstliche Anfrage, daß der Knecht sich am Morgen jener entsetzlichen Nacht mit den Pfer⸗ den nach der brandenburgischen Grenze gewandt habe; doch alle Nachfragen, die man daselbst anstellte waren vergeblich, und es schien dieser Nachricht ein Irrthum zum Grunde zu liegen, indem der Junker keinen Knecht hatte, der im Brandenburgischen oder auch nur auf der Straße dorthin zu Hause war. Mäuner aus Dresden, die wenige Tage nach dem Brande der Tronkenburg in Wilsdruf gewesen waren, sagten aus, daß um die benannte Zeit ein Knecht mit zwei an der Halfter gehenden Pferden dort angekommen und die Thiere, weil sie sehr elend gewesen wären und nicht weiter fortgekonnt hätten, im Kuhstall eines Schäfers, der sie wieder hätte aufbringen wollen, stehen gelassen hätte. Es schien mancherlei Gründe wegen sehr möglich,
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