Ausgabe 
27.8.1899
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Witteldeutsche Sonntags⸗Zeiiung.

von Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Tuberkulose⸗Kongreß.

* Auf dem Tuberkulose-Kongreß, der in Berlin vor mehreren Monaten stattfand, war die Gießener Ortskrankenkasse durch den Kon⸗ trolleur G. Beckmann vertreten. Derselbe wird über den hochinteressanten Verlauf des Kongresses am Samstag, den 26. August, Abends 9 Uhr, auf Lony's Bierkeller Bericht erstatten. Zahlreicher Besuch dieser Ver⸗ sammlung ist dringend zu wünschen.

Aus dem Reptilienreich

* Der Gießener Anzeiger druckt einen gegen die Arbeiterorganisationen gerichteten Wasch⸗ zettel nach, der folgendermaßen beginnt:

Von der Zentralleitung der sozialdemo⸗ kratischen Gewerkschaften wird eine spezialisierte Nachweisung veröffentlicht, wie viel Geldmittel für die Zwecke der Organisation im Jahre 1898 von den Mitgliedern der einzelnen Gewerkschaften aufgebracht und wozu sie verwandt worden sind. Diese Auf- stellung ist sehr lehrreich: sie weist nach, in welchem Umfang die Sozialdemokratie von ihrer Anhängerschaft Steuern erhebt, und wie viel von diesen Arbeitergroschen unter den Händen der Agitatoren zerinnt.

Gelogen und verleumdet wie telegraphiert! Aber wir verzeihen dem Burschen, der den Waschzettel verfassen mußte; er wird bezahlt für das unsaubere Geschäft, ehrliche, bildungs⸗ hungrige Arbeiter zu beschimpfen.

Geeignete Wahlmänner

in allen Orten, die an der bevorstehenden Land⸗ tagswahl im Kreise Gießen⸗Land beteiligt sind, zu ermitteln, muß jetzt die Hauptaufgabe unserer Genossen setn. Es ist dringend er⸗ forderlich, daß alle in Betracht kommenden Dörfer auf der Konferenz in Lollar vertreten sind. Wünschens wert wäre auch, daß die Delegierten in Lollar bereits alle Wahlmänner namhaft machen könnten. Seid rührig, Parteigenossen! Es gilt diesmal, dem Landkreis Gießen mit seiner zahlreichen Arbeiter bevölkerung die Vertretung im Landtag zu sichern, die ihm gebührt: eine sozialdemokratische.

Die Antisemiten

haben am Sonntag in Gießen eine Vertrauens männerversammlung abgehalten und als Kan⸗ didaten für die Landtagswahl im Landkreis Gießen den Redakteur Otto Hirschel in Offenbach aufgestellt. Es ist das derselbe ehe⸗ malige Architekt, den die Odenwälder im Jahre 1893 zum Reichstagsabgeordneten wählten. Aber einmal und nicht wieder, sagten sie sich und ließen ihn 1898 dermaßen im Stich, daß Hirschel nicht einmal in die Stichwahl kam. Glänzender wie Herr Hirschel ist niemals ein Abgeordneter von seinen eigenen früheren Wählern aus dem Reichstag hinausge⸗ worfen worden. Und der Mann wird jetzt dem Kreis Gießen⸗Land als Kandidat für den Landtag präsentiert. Die Herren Köhler und Giese scheinen die arbeitende Bevölkerung im

ießener Kreis für dümmer zu halten wie die Odenwälder. Aber die Herren dürften sich sehr verrechnen. Wen die Odenwälder als un⸗ brauchbar ablehnen, der ist für den Kreis Gießen erst recht nicht zu brauchen.

Herr Erdmannsdörffer, der höfliche.

* Endlich, nach zehn Wochen, gesteht jetzt der national sozlale Redakteur Erdmannsdörffer in Marburg wenigstens zu, daß er in der so oft erwähnten Marburger Volks⸗ versaumlung unsern Genossen Scheidemannbesucht hat. Er bestreitet aber immer noch, denselben aufge⸗ fordert zu haben, die Antisemitengehörig vorzunehmen. Na, viellelcht kommen wir Schritt für Schritt doch noch so weit, daß Herr Erdmannsdörffer sich in das Uuver meidliche schickt und der vollständigen Wahrheit wenn auch erst nach Ablauf von weiteren zehn Wochen die Ehre giebt; wir haben Zeit und können warten. Doch hören wir Herrn E. selbst. Nachdem wir auf unsere in vorlger Nummer abgedruckte Aufforderung an ihn am Samstag, Montag und Dienstag Abend vergeblich auf eine Antwort gewartet hatten, schickten wir der R⸗daktton derH. L. noch eine besondere Nummer unseres Blattes unter Kreuzband zu. Und daraufhin

bequemte sich endlich Herr E. in seiner Donnerstags⸗ nummer zu einer Antwort. Er platzierte dieselbe im Briefkasten und adressierte sie an: Herrn Scheidemann in Gießen. Die Quintessenz seiner Antwort finden wir in folgenden Sätzen:

Ich wollte nichts weiter, als Ihnen, einem politischen Gegner, mit dem unsere Partei früher schon einmal(in Gießen) in loyaler Weise diskutirt hatte, eine Art Höflichkeitsbesuch machen. Selbstverständ⸗ lich hatte ich bei dieser Unterredung keinerlei part i⸗ politische oder sonstige Absichten, am aller wenigsten die, Sie etwa gegen die Antisemiten scharf zu machen. Wenn Sie derartiges aus meinen Worten herausge⸗ hört haben, so haben Sie sich eben geirrt.

Bel Ihrem ja doch ganz gesunden Menschenver⸗ stande müssen Sie sich doch selbst sagen, daß ich, der ich den Kampf gegen die Antisemiten selbst und mit Material, das Ihnen nicht zur Seite steht, aufgenommen hatte längst bevor ich Sie kannte, nicht Sie gegen diese Leute zu Hilfe rufen werde, sondern mir diesen Kampf selbst zutraue. Ich habe zu Ihnen denn auch nichts weiter gesagt, als(dem Sinne nach):Es sind heute viel Antisemiten hier, da wird es lebhafte Auseinander⸗ setzungen geben. Wenn Sie das als eineAuffor⸗ derung an Sie betrachteten, die Antisemiten vorzunehmen, so ist das eben ein Irrtum, der mir zeigt, daß Sie kein großer Psychologe sind....

Eine kläglichere Auskneiferei ist wohl niemals dage⸗ wesen. Aus Höflichkeit macht Herr Erdmannsdörffer in politischen Versammlungen seinen Gegnern Besuche! Wir haben nie Anspruch darauf gemachtgroße Psycho logen zu sein. Aber daß Herr Erdmannsdörffer auf den Gebieten der Retirade und der Höflichkeit entschieden leistungsfähiger ist, wie auf dem der Psychologie, das unterliegt für uns leinem Zweifel mehr. Die Mög⸗ lichkeit übrigens, mit Herrn E. über Psychologie zu dis⸗ kutieren, halten wir solange für ausgeschlossen, als wir nicht in der Lage sind, ih m aus innerer Ueberzeugung das uns gemachte Kompliment bezüglich desganz ge⸗ sunden Menschenverstandes zurückgeben zu können.

Wenn Herr Erdmannsdörffer imGeiste noch ein⸗ mal all die mit uns gepflogenen Auseinandersetzungen durchkostet, sollte er sich ehrlicherweise sagen, daß er eine kolossale Dummheit begangen hat, als er in jener nationalsozialen Vereinsversammlung uns in der un⸗ gerechtfertigtsten und unhöflich sten Weise ob unseres Berichtes über die von national⸗sozialer Seite ein⸗ berufene Vol ksversammlung angriff; uns angriff aus Aerger, weil wir merkt auf ihr Psycho⸗ logen! weil wir unsern Lesern Herrn Erdmanns⸗ dörffer als den Verfasser der lachhaft⸗blödsinnigen Bro⸗ schüre:Die Juden und die Cholera vorgestellt hatten. Herr Erdmannsdörffer schämt sich jetzt, diese Arbeit verbrochen zu haben. Er würde gewiß große Opfer bringen, wenn es möglich wäre, die Entstehung der Broschüre auf einen mißverstandenen Höflichkeits⸗ besuch zurückzuführen. Jedenfalls kann sich der höfliche Natkonalsozlale in Marburg merken, daß wir nach wie vor unhöflich genug sein werden, die Dummheiten unserer Gegner gebührend festzunageln. Thäten wir das nicht, so hätten wir das Zugeständnis desganz gesunden Menschenverstandes wahrlich nicht verdient.

Aus Schlitz.

e. Am Sonntag wurde hier eine Versamm⸗ lung zwecks Gründung eines sozialdemokratischen Vereins abgehalten. Der Besuch war ein guter und der Verein kam zu Stande. Vom Ge⸗ nossen Möller aus Sulz, einem Zenger, wurden 3 Mk. für den Verein gestiftet, für die wir an dieser Stelle bestens danken.

Lesen und nicht staunen.

* Ein Wetzlarer Blatt teilt das welt⸗ erschütternde Ereignis mit, daß

unter der bewährten liebenswürdigen Führung des Herrn Kammerrats Bingel eine Anzahl Damen und Herrn aus Braunfels und von auswärts am 16 d. Mts. einen herrlichen gelungenen Ausflug, teils zu Fuß, teils zu Wagen über Leun zur Dianaburg und nach Schloß Grafenstein unternahmen.

Es wird weiter versichert, daß der Ausflug dendenkbar besten Verlauf genommen und eine Auanasbowle vor üglich geschmeckt habe. Wunderschön soll es namentlich auf der Höhe der Dianaburg gewesen sein. Doch hören wir, was das Wetzlarer Blatt wörtlich weiter vermeldet:

Hier gedachte in dankbarer Erinnerung einer der älteren Theilnehmer an der Fahrt des Fürsten Ferdinand von Solms-Braunfels, der in dieser herrlichen Umgebung zur Jagd oft wochen⸗ lang auf der Burg geweilt, wovon mancherlei Jagd⸗ Trophäen im Innern der Burg ein beredtes Zeugniß ablegen. Dem Hause Solms galt vor Allem ein von allen Seiten mit dem lebhafteste! Beifall aufgenommenes Hoch, das zum Ausdruck

brachte, was die Herzen der Zeugen peer ernie 5

Fahrt dankbar bewegte.

Gott, was giebt's doch für gute Menschen! Weil der Fürst in jener Gegend Hasen, Rehe und vermutlich auch Böcke geschossen und seine Jagdtrophäen in der Dianaburg aufgehängt hat, sind die Herzen jener Damen und Herren freudig bewegt! Wie wär's mit einer Gedenk⸗ tafel in jenem Wald?

Ein streikender Magistrat.

Aus Fulda wird unterm 21. August berichtet: Hier wird heute weder vom Dreyfus⸗Prozeß, noch von der abgelehnten Kanalvorlage, sondern nur von der Amtsniederlegung des gesammten Magistrats einschließlich des Oberbürgermeisters Dr. Antoni gesprochen. Als Ursache dieses Entschlusses, wird die Meinungsverschiedenheit zwischen Magistrat und Stadtverordnetenver⸗ sammlung hinsichtlich einer in der Sitzung vom 10. April erfolgten Aeußerung angegeben. Es ist aber sicher, daß auch andere Ursachen mit⸗ gewirkt haben. Schon längere Zeit besteht bei einem Theil der Stadtverordneten eine hoch⸗ gradige Verstimmung wegen der ungünstigen Veränderung in den finanziellen städtischen Ver⸗ hältnissen, die u. A. durch die bedeutenden Mehrkosten des Saalbaues gegen den Voran schlag es sollen jetzt mindestens 180,000 Mark anstatt der veranschlagten 90,000 Mk. erforderlich sein noch wesentlich verschärft worden ist. Der Umstand, das jetzt sogar An⸗ leihen zu hohem Zinsfuß auch für die sog. Luxuszwecke gemacht werden müssen, während solche früher nur für wirklich produktive Aus⸗ gaben, wie Gasfabrik und Wasserleitung, er⸗ folgten, hat die Anhänger der früheren Ver⸗ waltungsweise wohl am Empfindlichsten berührt und sicher dazu beigetragen, eine unbedeutende Meinungsverschiedenheit zu einem kritischen Ende zu führrn. Den unmittelbaren Anlaß zum Entschluß des Magistrats soll die Form einer in der Sitzung der Stadtverordneten am 14. August beschlossenen Antwort an den Magist⸗ rat gegeben haben.

Vierte Klasse.

Ein dringendes Bedürfnis macht sich immer mehr in den Eisenbahnwagen vierter Klasse fühl⸗ bar, die Anbringung von Klosets. Die vierte Klasse, die am meisten benutzt wird, entbehrt diese so notwendige Einrichtung vollständig. Der Aufenthalt auf den Zwischenstationen ist meist so kurz, daß es niemand wagen kann, zu solchem Zwecke den Zug zu verlassen, zumal da die Aborte auf den Bahnhöfen meist ungünstig liegen. Wie fühlbar ist der Mißstand vollends für Reisende mit kleinen Kindern. Die Anbringung von Klosets dürfte sich bei dieser Klasse leicht ermöglichen lassen, und es würde dadurch der Schädig ung von Gesundheit wirksam en Die Reisenden vierter Klasse sind ebenso enschen wie die andern. Die finanzielle Frage kann wohl hier zu Schwierigkeiten nicht führen, da gerade die vierte Klasse enorme Ueberschüsse her⸗ beiführt. So die meisten uns zu Gesicht gekommenen Blätter. Wir glauben nicht, daß der ausgesprochene Wunsch so bald erfüllt wird. Die Ueberschüsse, die die 4. Klasse abwirft, werden teils für Mordwaffen gebraucht, teils werden davon die luxuriösen Einrichtungen der 1. und 2. Klasse bestritten. Die Eisenbahn ist ein vorzügliches Spiegelbild der Klassengegen⸗ sätze. Die Masse fährt 4. Klasse und zahlt die Bequemlichkeiten der wohlhabenderen Reisenden mit. Häufig sehen die Wagen der 4. Klasse Schweineställen viel mehr ähnlich, als einem Aufenthaltsort für Menschen. Unserer festen Uleberzeugung nach sind die Eisenbahnwagen 4. Klasse wahre Brutherde für übertragbare Krankheiten, vor allem der Tuberkulose. Der Eisenbahnminister Thielen sollte einmal Deutsch⸗ land in einem Wagen 4. Klasse durchreisen, dann würde er schnell dahinterkommen, wie

viel zu thun ist, die 4. Klasse⸗Wagen halb⸗

wegs menschlich und zeitgemäß einzurichten. Krieg im Frieden.

Aus Mainz wird berichtet: Bei einer Ge. fechtsübung vor dem Kaiser führte am Montag

das 13. Husarenregiment auf das 168. In⸗

fanterieregiment eine heftige Attacke aus, bei