Ausgabe 
27.8.1899
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 35.

beruht auf den naturgemäß parteiischen Angaben der Berufsgenossenschaften selbst. Und dennoch ergiebt selbst diese Statistik(sie ist in denAmt⸗ lichen Nachrichten des Reichs ⸗Versicherungs⸗ amtes am 15. Mai 1896 veröffentlicht), wie imens leichtfertig mit Leben und Gesundheit der Arbeiter in unfallversicherungspflichtigen Betrieben umgegangen wird. Die betreffende Statistik hat sich auf 15,910 Unfälle erstreckt. Von diesen Unfällen sind selbst nach den An⸗ gaben der Berufsgenossenschaften 1122(1,03 Proz.) auf mangelhafte Betriebseinrichtungen, 334(2,09 Proz.) auf mangelhafte oder fehlende Anweisung, 1700(also 10,64 Proz.) auf Fehlen von Schutzeinrichtungen, 38 Fälle(0,24 Proz.) auf ungenügende Kleidung der Arbeiter, 711 Fälle(4,45 Proz.) auf Fehlen von Schutz⸗ einrichtungen und gleichzestiger Unachtsamkeit der Arbeiter, also 24,45 Proz., auf Schuld der Unternehmer zurückzuführen. Bei 6931 Fällen (43,40 Proz.) werden kurzwegsonstige, ins⸗ besondere in der Gefährlichkeit des Betriebes ruhende Ursachen als Ursachen der Unfälle au⸗ gegeben. Mag man demnach nur 25 Proz. aller Unfälle auf Fahrlässigkeit der Arbeitgeber zurückführen, so würde die Prämie, die im Jahre 1897 das Unternehmertum für fahr⸗ lässiges Verhalten gegen Leben und Gesundheit der Arbeiter infolge der Unfallgesetzgebung er⸗ halten hat, noch immer eine sehr bedeutende sein.

Die Beseitigung dieses Zustandes würde offenbar zu einer erheblichen Verminderung dieser Unfälle führen. Weshalb wird diese Bevorzugung und Begünstigung der Unter⸗ nehmerklasse nicht beseitigt? Erlaubt das der Verband der Industriellen nicht?

Eine furchtbare Niederlage

hat die preußische Regierung erlitten. Am vorigen Samstag lehnte das preußische Ab⸗ geordnetenhaus in der dritten Lesung den Mittellandkanal mit 235 gegen 147 Stim⸗ men bei 32 Stimmenthaltungen ab. Es folgt die Abstimmung über den Dortmund-Rhein⸗ Kanal. Auch dieser Teil der Vorlage wurde abgelehnt, und zwar mit 275 gegen 134 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen.

Damit ist das ganze gewaltige Projekt, das dem Westen Deutschlands eine große, leistungs fähige Wasserstraße verschaffen wollte, zu Boden gefallen. Unter denen, die die Vorlage zum Scheitern brachten, stehen in erster Linie die Konservativen, die zahlreichste Fraktion im preußischen Abgeordnetenhause. An sie, die für Gott, König und Vaterland kämpfenden Junker, hat sich der Kaiser in seinen Dortmunder Reden in erster Linie gewendet. Aber sie haben mit dem alten Junker sprüchlein geantwortet: Unser König absolut, wenn er unsern Willen thut. Dem häuslichen Streit zwischen Königtum und Junkertum konnte das deutsche Volk mit heiterem Gleichmut zusehen, käme dabei nicht eine der gewaltigen Kulturaufgaben, die einem drängenden Verkehrsbedürfnis entsprechen sollte, in Mitleiden⸗ schaft. Alle verkehrstechnischen und wirtschafts⸗ wissenschaftlichen Fachmäuner Deutschlands sind in der Frage der Notwendigkeit des Mittel⸗ landkanals einer Meinung, die Kanalgegner haben ihren Gründen keine Gegengründe ent⸗ gegenzustellen. Mit stupidem Haß und Neid verfolgen die Junker den gewaltigen Aufschwung der deutschen Industrie, der ihre Machtstellung im Lande bedroht, der die Proletarier vom Lande in die Stadt lockt und den Gutsherrn schließlich zwingen wird, seine Arbeiter doch etwas meusch⸗ licher zu behandeln und zu bezahlen. So dürfen wohl sortab in Preußen keine Kulturaufgaben ausgeführt werden, weil sie dem wichtigsten Ziel der Politik der Landtagsmehrheit, die Landarbeiter an die Scholle zu fesseln, widersprechen. Der moralische Bankerott des Dreiklassenwahlrechtes, das der rückständigsten Schichte der preußischen Bevölkerung die Herr⸗ schaft in die Hände spielt, hat in dem Schicksal der Kanalvorlage den vollkommensten Ausdruck erhalten.

Der Sieg der Junker ist die Niederlage des Liberalismus. Man mag über die preußische

Junkerklique denken, wie man will und wir denken wahrlich nicht gut über sie aber das Eine muß man doch zugestehen: es sind andere Kerle, als die waschlappigen liberalen Scharf⸗ macher, die sich hinter die Worte des Monarchen verschanzen, um die Kanalvorlage durchzudrücken. Diesmal waren es die Junker, die das konsti⸗ tutionelle Prinzip hochhielten und unbekümmert um den unbeugsamen Willen der Krone thaten, was sie für recht hielten. Es hört sich geradezu kläglich an, wenn jetzt, nach ihrer Niederlage, die Liberalen weiter nichts zu thun wissen, als sich hinter den höheren Willen an einer maß⸗ gebenden Stelle zu verschanzen und den Junkern zu drohen: Wart, der wird's Euch schon zeigen.

Der Liberalismus und was sich so nennt, bekämpft die junkerliche Reaktion nur mit Worten; in Wirklichkeit thut er Alles, um das Agrarier⸗ tum zu stärken. Und gerade die Sorte von Liberalismus, die das Maul am weitesten auf⸗ reißt, die Nationalliberalen, sie sind die jämmer⸗ lichsten Brüder, wenn es sich bei Wahlen darum handelt, der Reaktion, die von Ostelbien kommt, die Wege zu weisen. Mit der zähen und rück sichtslosen Gesellschaft der Junker wird der altersschwache Liberalismus nicht fertig; er wird sich noch öfter gefallen lassen müssen, von der fromm⸗froh⸗frechen Junkersippe über's Ohr ge⸗ hauen zu werden.

Was wird jetzt die Regierung unternehmen? Wird sie die Landrats- und Junkerkammer auf⸗ lösen? Das würde ihr nichts nützen. Denn bei dem erbärmlichen Wahlsystem mit der Drei⸗ Klassenteilung werden die Rückwärtser oben auf bleiben. Wenn die Regierung ernstlich gegen die Junkertruppe Front machen wollte, was wir aber gar nicht erwarten, so müßte sie das durch Ukas vom 7. Januar 1850 oktroyierte Stimm⸗ recht für den Landtag beseitigen und das all⸗ gemeine gleiche geheime und direkte Wahlrecht einführen.

Politische Rundschau.

Ein Junkerboykott gegen Recke.

Zum erstenmal, seitdem in der Konfliktszeit der Liberalismus zerdrückt worden ist, haben wir im preußischen Abgeordnetenhause so etwas wie ein konstitutionelles Leben. Und die Ironie, von der in Preußen alle politischen Aktionen begleitet werden, will es, daß gerade die Hüter der Reaktion im Kampfe für ein reakttonäres Werk den konstitutionellen Gedanken wieder er⸗ weckt haben. Man muß unscren Junkern das Zeugnis ausstellen: Energie beweisen sie. Jetzt, wo die Hauptschlacht siehe den Artikel: Eine furchtbare Niederlage geschlagen, verharren sie nicht, wie manche Blätter noch glauben, in zitternder Erwartung der Dinge, die da ganz von oben kommen sollen. Nein, sie gehen noch weiter und lassen die Schwere ihrer Hand noch die fühlen, die es versucht hatten, sich ihnen entgegenzustellen: Der Herr Minister von der Recke hat in der That in letzter Stunde eine Anweisung an alle Land⸗ räte, die zugleich Abgeordnete sind, ergehen lassen, die sie strikt aufforderte, für den Kanal zu stimmen In der That: ein ungeheuerliches Beginnen, jemand eine Ueber⸗ zeugung verordnen zu wollen! Aber ist so etwas denn in Preußen gar so unerhört? Hat nicht vor ganz kurzer Zeit im Herrenhause ein edler Graf von dem Justizminister verlangt, er solle den Richtern ein- für allemal vor⸗ scchreiben, wie sie sich Sozialdemokraten gegen⸗ über zu verhalten hätten? Aber jetzt haben eben dieselben Junker plötzlich Rechtsbewußtsein be⸗ kommen, jetzt ziehen sie die konstitutionelle Konscquenz: der Minister, der jene Beein⸗ flussung versucht hat, muß gehen! Da bei uns aber der Grundsatz unbekannt ist, daß Minister, die sich in so abnormer Weise unmög⸗ lich gemacht haben, von selbst abtreten, so muß man ihrem politischen Ehrgefühl ein wenig nachhelfen. Und so haben denn die Kouser⸗ vativen cinfach beschlossen: alle von dem Herrn von der Recke eingebrachten Gesetz⸗ entwürfe nicht mehr zur Beratung kommen zu lassen! Sie haben damit bereits angefangen. Der arme von der Recke!

Die Intentionen des Kaisers.

Die Berl. Neuest. Nachr. schreiben: Wir geben nach⸗ stehende, uns von einer Stelle, die über die Intentionen des Kaisers bezüglich der Kanalfrage gut unterrichtet ist, zugehende Mitteilung wieder:

In dem Verhalten der konservativen Partei zur Kanalvorlage erblickt der König eine persön liche Herausforderung und eine völlige Verschiebung des Grundverhältnisses zwischen der Krone und der konser⸗ vativen Partei. Der König ist entschlossen, den hin⸗ geworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen und deu Kampf rücksichtslos durchzuführen.

Wer wird fliegen?

Zu den nach der Ablehnung der Kanalvor⸗ lage lucanusreifen Ministern werden von der Kölnischen Volkszeitung gezählt: 1 Polizei⸗ minister v. d. Recke, das ewige lächelnde

S aatsmannsgenie, der nur in die Beine schießen

läßt, 2 Thielen, der Eisenbahnminister, und 4. derLicht ⸗sreund Bosse. Wenn ihnen Miquel, Brefeld, Schönstedt und Hammerstein⸗ Loxten folgten, würde es wirklich nicht schaden. Im Gegenteil, immer fort mit Schaden!

Ehrung der 48er Freiheitskämpfer.

Die badische Regierung hatte alle geplanten Veranstaltungen zur Ehrung der vor 50 Jahren niederkartätschten Freiheitskämpfer untersagt. Es wurde deshalb am Sonntag eine Gedenk⸗ feier in Ludwigshafen bei imposanter Beteili⸗ gung abgehalten. Die Gedächtnisxede hielt Liebknecht, der in zweistündiger Rede über die Entwickelung der freiheitlichen Bewegung und die Ereignisse von 1849 sprach. Er be⸗ zeichnete die Sozialdemokratie als wahre Erbin der Ideale von 1848. Er schloß mit dem Ge⸗ löbnis, die Sozialdemokratie werde vollbringen, was damals erstrebt wurde. Außer ihm sprachen Ehrhardt(Ludwigshafen), Drees bach (Mannheim). Lutz(Baden-Baden) berichtete über die Thätigkeit des Komitees des Rastatter Denkmals.

Für die Zuchthausvorlage legen sich jetzt auch die Handels kammern in Rheinland⸗Westfalen ins Zeug. Die Handelskam⸗ mer in Lennep hat eine Resolution angenommen, in der sie einenwirksamen Schutz für Ar⸗ beitswillige verlangt, weil§ 153 der G.⸗O. einen solchen Schutz weder nach seiner Anwend⸗ barkeit, noch nach der Höhe der Strafe gewähre.

Auch die Handelskammer in Bochum hat ein Gutachten für die Zuchthausvorlage abge⸗ geben, worüber sich selbst bürgerliche Blätter der Gegend ent rüsten. Sie weisen mit Recht auf die schweren Strafen hin, die das Landge⸗ richt in Bochum jetzt schon in so vielen Fällen wegen der Unruhen in Herne verhängt hat.

Neue Mordwaffen.

Aus Berlin kommt folgendeerfreuliche Meldung: Mit vier Schnellfeuerkanonen oder Maschinengewehren ist jetzt das Garde⸗ Jägerbataillon zu Potsdam ausgerüstet. Die

Jäger sind seit Mai d. J. von Mannschaften

des zweiten Garde-Feld-Artillerie-Regiments in der Bedienung und Handhabung der neuen Waffe ausgebildet worden. Die Geschütze, die von zwei Pferden gezogen werden und fünfzig Schüsse in der Minute abgeben, wurden in der

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vergangenen Woche bei einer siebentägigen Uebung

in der Gegend von Belzig zum ersten Mal verwendet.

Das Ideal der evangelischen Männer. DerWestfälische Familienbote, Organ des Verbandes der evangelischen Männer- und Ar⸗ beitervereine im Kreise Iserlohn, singt folgen⸗ des Loblied auf den chinesischen Kuli: Der Chinese ist fleißig, nicht ausschweifend, sparsam und zufrieden mit höchst geringem Lohn, steht damit also in rühmlichen Gegen⸗ satz zu vielen unser er Arbeiter. 500 Organisieren die Evangelischen die Arbeiter deshalb, um sie auf das rühmliche Ideal des bedürfnißlosen Kuli zu präparien? Entlarvter Spitzel. Aus dem sozialdemokratischen Wahlverein für den 1. Berliner Wahlkreis ansgeschlossen wurde auf Antrag des Vorstandes der Heizer L., nachdem festgestellt war, daß er schon seit

Jahren der politischen Polizei Dienste geleistet

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