Ausgabe 
26.11.1899
 
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Seite. A.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 48.

Eröffnung einer Wirtschaft versagt wird. Er kann dann Lebens⸗ oder Feuerversicherungs⸗ reisender werden und zusehen, wie ehemalige Handwerker, die oft wenig genug vom Gast⸗ wirtsbetrieb verstehen, die ihm aber die Existenz im erlernten Beruf unmöglich machten, sich als Restaurateure gehaben. Der Erlaß dieses Ortsstatuts zum Schutze der Wirte vor unlieb⸗ samer Konkurrenz ist eine krasse Durchbrechung der Gewerbefreiheit.

Vom Staufenberg zum Windhof.

Der Mittelpunkt des Landtags wahlkreises Gießen⸗Land ist nach der geographischen Lage und auch nach den vorhandenen Bahnverbin⸗ dungen die Stadt Gießen. Diese ist auch der Sitz des Kreisamtes und der Provinzial⸗ direktion. Die Wahlmänner wurden zur Wahl des Abgeordneten aber nicht nach Gießen, sondern in den Burgsaal nach Staufen⸗ berg geladen. Staufenberg ist der nördlichste Punkt des Wahlkreises, von Lollar, der letzten Bahnstation aus, noch eine halbe Stunde ent⸗ fernt und der Weg ziemlich steil. Da nun der erste Wahlakt nicht stattfinden konnte, weil die Sozialdemokraten, denen der Weg zum Staufenberg wahrscheinlich zu beschwer⸗ lich war, fortblieben, so mußte ein zweiter Wahltermin anberaumt werden und nun soll die feierliche Wahl stattfinden auf dem Windhof, einem an der Straße zwischen Gießen und Rodheim gelegenen Restaurant, das wegen seiner abgelegenen Lage von den Stu⸗ denten zur Ausfechtung ihrer Mensuren sehr bevorzugt wird. Wir wären sehr glücklich, wenn uns ein Mensch auf dem weiten Erden⸗ rund eine Erklärung dafür geben könnte, warum die 37 Wahlmänner von Gießen⸗Land zur Aus⸗ übung ihrer wichtigen Aufgabe möglichst weit weg bon Gießen⸗Stadt bestellt werden. Sollen sie durch den Anblick der verrosteten Rüstungen im Staufenberger Burgsaal an diegute alte Zeit erinnert und dadurch in ihrer Abstimm⸗ ung beeinflußt werden? Oder soll ihnen durch das Studentenblut, welches schon schoppenweise auf dem Windhof geflossen ist, vor derblu⸗ tigen Revolution der roten Umstürzler graulich gemacht werden?(Kl. Pr.)

Wer ist das Pumpgenie?

* Der Verleger der konservativenHaller Ztg., Herr Otto Thiele, wurde eines schönen Tages von einem antisemitischen Reichs⸗ tagsabgeordueten aufgesucht und um 100 Mark sowie um einen Pelz angepumpt. Der Pelz wurde deshalb gefordert, weil der Antisemiterich versicherte, damit den Bauern besonders zu imponieren. In einem Prozeß kam die Sache zur Sprache und der Tischlerinnungsmeister Gurth sagte unter Eid aus, Ahlwardt sei jener Abgeordnete gewesen. Herr Thiele giebt daraufhin, wie wir aus Berliner und sächsischen Zeitungen ersehen, in seinem Blatte die Erklärung ab, daß nicht Ahlwardt, sondern ein anderer antisemi⸗ tischer Abgeordneter der Pumper gewesen sei. Ja, wer war denn nun das Pumpgenie, das in dem gepumpten Pelz ein Fuchs im Schafsfell auf den Bauernfang gehen wollte?

Aus Wieseck.

m. Am Sonntag fand hier eine Tabak⸗ arbeiterversammlung statt, in der Gen. Or big über die Notwendigkeit der Organisation sprach und den Anschluß an die Zentralorganisation der deutschen Tabakarbeiter empfahl. In der Diskussion meldete sich ein in Gießen seit mehreren Wochen privatisierender Bürstenmacher Namens Wilhelm Klink zum Wort, der gegen Orbigs Ausführungen polemisierte und für Lokalorganisation eintrat. Das Un⸗ sinnige einer Lokalorganisation gerade bei den Zigarrenarbeitern in Oberhessen liegt so klar auf der Hand, daß uns die gehässige Art, in der Herr Klink über die Zentralorganisationen sprach, in der Annahme bestärkte: der junge Mann muß seine guten Gründe haben, in der Weise aufzutreten. Wir haben uns nicht getäuscht. Klink ist, wie uns mitgeteilt wird,

aus triftigen Gründen in Württemberg aus der Partei ausgeschlossen, hat dann in Anarchismus

gemacht und nimmt wohl

an, in Gießen und Umgegend für seine Quer⸗ treiberei den geeigneten Boden zu finden. Er dürfte sich getäuscht haben.

Aus Wetzlar.

*Unser Reichstagsabgeordneter, der Na⸗ tionalliberale Krämer, hat im vorigen Jahre auf die Anfrage eines Hirsch⸗Dunckerischen Ge⸗ werkschaftlers in öffentlicher Versammlung er⸗ klärt, daß er für das freie Koalitionsrecht eintrete. Das konnte gar nichts anderes be deuten, als die unbedingteste Gegnerschaft gegen⸗ über der Zuchthausvorlage. Trotzdem gehört jetzt Herr Krämer zu den 24 Nationalliberalen, dieVerbesserungsvorschläge zum Zuchthaus⸗ gesetz einbrachten, um nochetwas zu retten von dem Ausnahmegesetz gegen die Arbeiter. Durch die Art und Weise, wie die große Mehr⸗ heit des Reichstags die Zuchthausvorlage ver⸗ scharrte, ist Herr Krämer mit bestraft er saß mit der Regierung auf der Anklagebank.

Alsfeld⸗Lauterbach⸗Schotten. Kreiskonferenz.

S-t. Im Kentzer'schen Saale zu Lauter⸗ bach fand am Sonntag, den 19. November die Parteikonferenz obengenannten Wahlkreises statt. Dieselbe war von Parteigenossen aus 9 Orten besucht. Der Kreisvertrauensmann Dechert⸗- Alsfeld eröffnete um 3 Uhr die Konferenz und hieß die anwesenden Besucher willkommen. Er gab einen kurzen Rückblick auf das verflossene Geschäftsjahr und erstattete den Kassenbericht. Die Einnahmen be⸗ trugen inkl. Kassenbestand des vorigen Jahres Mk. 85,35, die Ausgaben Mk. 56,40, jetziger Kassenbestand 28,05. In der Diskussion, an der sich mehrere Genossen beteiligten, stellte Genosse Schmidt-Preungesheim fest, daß im letzten Jahre in den Bezirken Alsfeld und Lauterbach 10 öffentliche Volksversammlungen und eine Kreiskonferenz, in welcher der Kreis⸗ wahlverein neu gegründet, sowie die Wahl des Kreisvertrauensmannes vorgenommen wurde, stattfanden. Im Bezirk Schotten, seien alle Versuche, die dortigen Genossen für die Agita⸗ tion zu gewinnen, seither vergeblich gewesen. Trotzdem dürfe man nicht nachlassen, denn so wie in den oberen Bezirken endlich einmal ein Vorwärtskommen zu verspüren sei, müßten auch in dem dortigen Bezirk Mittel und Wege gefunden werden.(Beifall.) Zum 2. Punkt der Tagesordnung gab der Vorsitzende einen kurzen Bericht über die Thätigkeit des Kreiswahlvereins. Es sei erfreulich, daß wir jetzt auch in Schlitz eine Anzahl Mitglieder hätten. Der Wahlverein sei das Fundament der Agitation im Wahlkreis; es sei Pflicht aller derjenigen, welche bei der letzten Reichs⸗ tagswahl unserem Genossen Schmidt ihre Stimme gaben, auch dem Wahlberein als Mit⸗ glied anzugehören. Hierauf; gab der Kassierer den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen Mk. 78,30, die Ausgaben Mk 43,31, bleibt Kassenbestand Mk. 34,99. Da die Revisoren Bücher und Kasse für richtig befunden hatten, wurde dem Vertrauensmann und dem Kassierer des Wahlvereins einstimmig Decharge erteilt. Es folgte nun die Wahl des Kreisvertrauens⸗ mannes sowie die Wahl des Vorstandes für den Kreiswahlverein. Der seitherige Vertrauens⸗ mann Dechert⸗Alsfeld wurde trotz seinem innigsten Verlangen, die Wahl auf einen an⸗ deren Genossen zu lenken, einstimmig wieder⸗ gewählt. An Stelle des seitherigen Vorsitzenden des Wahlvereins, Reining-Lauterbach, welcher eine Wahl nicht mehr annahm, wurde Leißler⸗ Blitzenrod, als Kassterer Block-, und als Schriftführer Linn⸗Lauterbach wiedergewählt. Zu Punkt 3 der Tagesordnung machte Gen. Schmidt einige Anregungen in Bezug auf unsere zukünftige Agitation im Wahlkreis. Vor allen Dingen müßten die Genossen suchen, die finanztellen Verhältnisse mehr zu kräftigen, damit die Genossen im Wahlkreis, welche hinaus müßten zur Agitation, ihre not⸗ wendigsten Tagesausgaben vergütet bekämen: unter dem Geldmangel dürfe die Agitation nicht leiden. Ueber den Parteitag in Hannover berichtete sodann Gen. Sch mi dt⸗Preungesheim in anderthalbstündiger Rede. Eine Resolution,

welche sich mit den Ausführungen des Refe⸗ renten, sowie mit den Beschlüssen des Partei⸗ tages einverstanden erklärte, fand einstimmige Annahme. Gen. Wiegand⸗Alsfeld machte die Anregung, daß der Wahlverein in Zukunft überall in den Orten, wo Mitglieder desselben sind, Stellung nehmen soll zu den Gemeinde⸗ und Stadtverordneten⸗Wahlen. Gen. Dechert⸗ Alsfeld bemängelte ein Inserat, welches in der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung Aufnahme fand (Krakau, 144 Gegenstände für 3 Mk.). Auf Antrag der Geuossen von Schlitz findet die Maifeier dortselbst statt, ebenso die nächstjährige Kreiskonferenz. Gen. Schmidt gab noch be⸗ kannt, daß nach Beschluß der Agitations⸗ kommifsfion in Frankfurt in Zukunft populär geschriebene, den ländlichen Verhältnissen an⸗ gepaßte Broschüren im Wahlkreis von Zeit zu Zeit verteilt werden sollen. Nachdem der Vor⸗ sitzende Gen. Dechert noch einige zu beherzigende Worte an die Anwesenden gerichtet, schloß der⸗ selbe die Konferenz um ¼Uhr mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie.

Vom Schlachtfeld der Arbeit.

Aus Beuthen in Oberschlesien wird be⸗ richte: Auf der Ludwigsglückgrube entstand Sonntag abend ein großer Brand. Die General⸗ verwaltung des Borsigwerks entsandte Ober⸗ beamte. Diese versuchten zwölf eingeschlossene Bergleute zu retten, gaben aber bald das Not⸗ signal und mußten aufgezogen werden. Der Bergwerksdirektor und der Obersteiger erlitten Brandwunden und wurden ins Zaborzer La⸗ zarett gebracht. Die eingeschlossenen Bergleute sind verbrannt. Mit den Riesenprofiten, die der Bergbau abwirft, steigt die Lebensgefahr für die Arbeiter.

Kleine Mitteilungen.

** Gießen. Die Strafkammer verurteilte den sehr wohlhabenden Kaufmann J. Mendel⸗ sohn von hier wegen gewerbsmäßiger Hehlerei zu einem Jahr Zuchthaus und drei Jahren Ehr⸗ verlust. Er hatte von einem übelbeleumundeten Dachdeckergesellen etwa neun Zentuer Walzblei gekauft, das dieser sich auf unredliche Weise verschafft hatte. Die mitangeklagte Ehefrau Mendelsohn wurde freigesprochen, der Dieb er⸗ hielt 10 Monate 3 Wochen Gefängnis.

** Gießen. Der Fuhrmann Karl Schmidt, in Diensten der Firma Heyligenstädt u. Co. hier wurde von seinem Fuhrwerk so unglücklich überfahren, daß er nach wenigen Minuten starb. Schmidt war mit Sandfahren beschäftigt; hier⸗ bei gingen die Pferde durch und als Schmidt eines derselben fassen wollte, kam er zu Fall; der schwere Wagen ging ihm über den Kopf.

** Krofdorf. Der aus Böhmen stam mende Küfer Szavazal, der hier verheiratet war, hat sich durch einen Stich in's Herz selbst getötet. Szavazal war mit längerer Zeit dem Trunke ergeben.

* Hessische Millionäre. Nach einem Bericht des Offenbacher Beigeordneten Wolff in der Zeitschrift für Staats⸗ und Gemeinde⸗ verwaltung gibt es z. Zt. in Hessen 305 Mil⸗ lionäre. Auf 1000 Steuerzahler kommen da⸗ her in Hessen 1,2 Millionäre. Von diesen wohnen in den Städten Mainz 80, Darmstadt 54, Offendach 54 und Worms 26.

** Pfiffige Handwerksmeister. Auch die Darmstädter Handwerker sind sehr eifer⸗ süchtig auf ihr Renommee. Sobald öffentliche Arbeiten an auswärtige Firmen vergeben werden, beschweren sie sich bitter. Das hatte sich die städtische Bauverwaltung zu Herzen genommen und beim Vergeben der Handwerkerarbeiten für den Neubau der Viktoriaschule die einheimischen Handwerker in erster Linie berücksichtigt. Dieser Tage nun konstatirte der Stadtverordnete Schädler in der Stadtverordnetenversammlung, daß die Darmstädter Handwerker nichts eiligeres zu thun hatten, als die an sie vergebenen Arbeiten auswärtigen Firmen zu übertragen und ohne 1791 Arbeitsleistung die Differenz von 5 bis 10 pCt. in die Tasche zu stecken. Die Vertreter der Bürgermeisterei mußten zu⸗ geben, daß dergleichen a und ver⸗ sprachen, ihre Lehre daraus zu ziehen.

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