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WMitleldeutsche Sonntags⸗Zeitung
Nr. 48.
Politische Rundschau.
Gießen, 24. November.
Die traurigen Hinterbliebenen.
Die trauernden Hinterbliebenen der Zucht⸗ hausvorlage sind wütend. Die offiziöse„Nordd. allg. Ztg.“ erklärt: Mit der Ablehnung ist die Sache nicht erledigt. Im Organ des Zentral⸗ verbandes der Scharfmacher, den„Berl. Pol. Nachr.“ krakehlt der Galizier Schweinburg, der für jährlich 10000 Mark im Nebenamt die Arbeiterbewegung verdächtigen muß. Er meint, „man“ müsse auf den jetzt gescheiterten Plan zurückkommen. Einstweilen müsse die Bevölke rung„planmäßig aufgeklärt“ werden. Direkt „auf's Ganze“, dreht der Stummsche„Post“⸗ Schleifstein. Er will dem Volke das allgemeine gleiche geheime und direkte Wahlrecht abschleifen. Das ist seiner Weisheit letzter Schluß: Fort mit dem Wahlrecht. Die Scharfmacher sollen sich nur hüten, daß sie sich bei ihrem blind⸗ wütigen Scharfmachen nicht in die Finger schneiden.
Sie lachenden Erben.
Die sozialdemokratische Fraktion hatte einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der dem Zucht⸗ hausentwurfe des Scharfmachertums die Forderung eines wirklichen Koali⸗ tionsrecht entgegeunstellt. So lange a ber das Zuchthausgesetz nicht endgültig be⸗ seitigt war, konnte dieser Entwurf nicht einge⸗ bracht werden, denn dem Zuch hausgesetz durfte Unter keinen Umständen die Ehre einer ein⸗ gehenden Beratung mit Verbessexungsvor⸗ schlägen erwiesen werden. Jetzt hat die Frak⸗ tion sich entschlossen, die Bestimmungen ihres Entwurfs als Anträge bei der Beratung der Gewerbe⸗Ordnung einzubringen. Man wird ja dann sehen, was es mit, den Versicherungen derjenigen Abgeordneten, die mit der Zucht⸗ hausvorlage liebäugelten aber angeblich das Koalitionsrecht durchaus sichergestellt wissen wollten, auf sich hatte.
Der Kaiserin Oberhofmeister.
Die Kaiserin hat als Antwort auf die ihr übermittelten Geburtstags⸗Glückwünsche der Berliner Stadtverordneten durch ihren Ober⸗ hofmeister, den Grafen Mirbach, dem Stadt⸗ verordnetenvorsteher Langerhaus ein Dank⸗ schreiben zustellen lassen, in dem über das geringe Entgegenkommen der städtischen Vertretung gegenüber den bestehenden kirch⸗ lichen Schwierigkeiten geklagt wird. Außer⸗ dem wird mitgeteilt, daß sich die Kaiserin ver⸗ letzt gefühlt hat durch einige Aeußerungen des Stadtv. Dr. Preuß, der„heilige, evangelische biblische Trostesworte“ in spöttischer Weise ge⸗ braucht habe, ohne daß das in gebührender Weise gerügt worden sei.
Stadtverordnetenvorsteher Langerhaus verlas das oberhofmeisterliche Schreiben in öffentlicher Sitzung und grenzte dann sofort scharf ab die Befugnisse und Pflichten der Stadt als politische Vertretung gegenüber den Kirchenbehörden. Er stellte außerdem sest, daß jener Universttäts⸗
lehrer— Dr. Preuß— seiner Zeit selbst die
von ihm gebrauchten Worte mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen hat und auch in jener Sitzung sofort auf das Unpassende seiner Worte aufmerksam gemacht worden sei. Das„Verbrechen“ des Privatdozenten Dr. Preuß hatte darin bestanden, daß er sagte:„Befiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kränkt, der allertreuesten Pflege des Magtstrats, der lenkt.“ In einem zweiten Zitat sagte er in Bezug auf den Kultus minister:„Excellenz hat es gegeben, Excellenz hat es genommen, der Name seiner Excellenz sei gelobt.“
Herr von Mirbach, der Kaiserin Oberhof⸗ meister, wird ob seines Schreibens an den Magistrat scharf angegriffen. Die nattonallibe⸗ rale„Nationalzeitung“ schreibt:„Wir glauben, daß in Berlin nur eine Stimme des Be⸗ dauerns über die Absendung des Schreibens des Herrn v. Mirbach an die Stadtverordneten⸗ versammlung sein wird. Nach unserem Dafür⸗ halten mußte Herr v. Mirbach lieber sein Amt als Oberhofmeister niederlegen, als dieses
Schreiben unterzeichnen. Er mußte voraus⸗ sehen, daß es bedauerliche Folgen haben würde.“
Aehnlich spricht sich die„Köln. Ztg.“ aus. Unser Leipziger Bruderblatt meint:
Wie Wilhelm II. so hat nun auch Viktoria Augusta, seine Gewahlin, ohne sich der verant⸗ wortlichen Instanzen zu bedienen, ohne jede Vermittelung an öffentlichen Dingen Kritik geübt und ihr persönliches Urteil über Gemeindepolitik abgegeben.... Es ist abzuwarten, ob die hohe Dame auch bei an⸗ deren Gelegenheiten zu Streitfragen, die sie interessieren, Stellung nehmen wird.
Der Kaiser in England.
Zum großen Leidwesen aller„wahren“ Patrioten ist der Kaiser nach England gefahren, nach demselben England, das jetzt mit den Buren im Krieg liegt. Die„Gutgesinnten“ sind ganz aus dem Häuschen. Vor mehreren Jahren schickte nämlich der Kaisen au den Burenpräsidenten Krüger ein Sympathie⸗ telegramm, weil es ihm resp, seinen Lands leuten gelungen war, einen räuberischen Einfall des Engländers Rhodes abzuschlagen. Daß nun gerade jetzt, wo England wieder mit den tapferen Buren im Krieg liegt, der deutsche Kaiser seine Großmutter besucht, ist unseren „Patrioten“ ganz unfaßbar.
Ein goldenes Buch.
Ein spekulativer Buchhändler hat zum Jahrhundertschluß ein„Goldenes Buch“ erscheinen lassen, in dem viele bekan ate Persön⸗ lichkeiten in kurzen Sätzen ihre Gedanken ein⸗ getragen haben. Kaiser Wilhelm II. spricht seine bekaunten Ansichten über das Königtum von Gottes Gnaden aus. Graf Kliuckowström⸗ Korklak will Gewalt angewendet wissen „gegen die sozialdemokratischen Führer und Verführer“. Graf Micbach wütet gegen das gleiche Wählcecht, das an allem schuld ist, was ihm nicht paßt.—
Schade, daß wir unsere Gedanken nicht in das Buch schreiben dürfen. Ein Unglück ist das zwar schließlich auch nicht, denn die zollfreien Gedanken vieler Millionen Sozial⸗ demokraten in zielbewußtes Handeln, in un— ermüdliche Aufklärungsarbeit umgesetzt, ver⸗ sprechen einen besseren und nachhaltigeren Erfolg, als die Aufzeichnungen auf zwar kostbares, aber dennoch vergängliches Papier. Oui vivra verra! Wer's erlebt, wird's sehen.
Geldbeutel⸗Vatrioten.
Eine hübsche Ergänzung zu unserem heutigen Leitartikel ist folgende Notiz der„Kölnischen Nolksztg.“, einem Zentrumsblatt. Sie beant⸗ wortet die Frage: Was wird an der Lieferung der Panzerplatten für die neuen Kriegsschiffe verdient? folgender— maßen:
„Als zur Panzerung noch einfache Stahl⸗ platten ohne Nickelzusatz verwendet wurden, hat einer unserer Großindustriellen einmal einem Leiter ähnlicher Unternehmungen, den er für seine Werke gewinnen wollte, einen Nutzen von 1 Mark vom Kilo(! an 1 Kilo 1 Mark!!!) an solchen Stahlplatten rechuungsmäßig nachgewiesen. Bei den Nickel⸗ stahlplatten, welche heute zur Verwendung kommen, dürfte, nach den Feststellungen er⸗ fahrener Fachmänner, der Nutzen 1,80 Mk. vom Kilo betragen. Wenn man nun be⸗ denkt, daß das Gewicht der Panzerplatten für ein Kriegsschiff nach Millionen Kilo sich berechnet, so ergiebt sich von selbst, daß es den Lieferanten solcher Platten nicht darauf ankommen kaun, einige Tausend Mark für Agitationskosten in irgend welcher Form zu opfern, wenn solche Be⸗ stellungen durch Bewilligung neuer Schiffe zu erzielen sind. Die Anlagen der Werke, welche für die Herstellung von Nickelstahl⸗ Panzerplatten nötig sind, erfordern an sich ein halbes Dutzend Millionen; daher spielen einige Tausende bei einem solchen Geschäft keine Rolle.“
Bei solchen Profiten kann man sich schon
einige Austrengungen in der Erzeugung vater⸗
ländischer Hochgefühle leisten. Der Aufwand
an patriotischer Begeisterung gehört zu den Geschäftsunkosten.
Unsere Leser werden den Wert von Flug⸗ blättern, die von dem Galizier V. Schwein⸗ burg, dem bezahlten Beauftragten der deutschen Großindustriellen, unterzeichnet sind, richtig einzuschätzen wissen. Wirklich eine famose Komödie: Die deutschen Panzerplatten⸗ und Kanonenlieferanten wollen Geschäfte machen, deshalb führen sie den„Nachweis“, daß wir neue Schiffe bauen müssen. Und um uns Deutsche in die gehörige Michelstimmung zu versetzen, muß der galizische Schornalist Viktor Schweinburg den erforderlichen„patrio⸗ tischen“ Tamtam machen, uns das wahre „Daitschtum“ beizubringen. Das beste wäre, wenn man die Wasserapostel, die dem deutschen Volke zu Nutz und Frommen gerissener Ge⸗ T äftspatrioten das Fell über die Ohren ziehen wollen, vier Wochen in Kaltwasserheilanstalten sperrte. Vielleicht würde sich dann die wasser⸗ patriotische Begeisterung etwas legen.
Vom Ministerium für Unglücksfälle.
Zur Sparpolitik des preußischen Eisenbahn⸗ ministers Thielen bringt unser Zentralorgan mit der Veröffentlichung eines vom 4. Mar dieses Jahres datierten Rundschreibens einen neuen, charakteristischen Beitrag. Minister Thielen giebt in diesem Rundschreiben an die Eisenbahndirektionen gewisse allgemeine Vor⸗ schrifteu über die zweckmäßige und wirtschaft⸗ liche Regelung des Dienstes des Betriebsper⸗ sonals. Er kommt dabei zu den folgenden Anweisungen: Erstens ist in den Fällen, wo der Dienst ohne Ueberanstrengung des Personals in der bisherigen Weise nicht geleistet werden kann, die notwendige Diensterleichterung nicht ohne weiteres durch Herabsetzung der Dauer der Dienstschicht herbeizuführen. Viel⸗ mehr ist an erster Stelle zu prüfen, ob durch Gewährung angemessener Dienstpzusen oder durch Verringerung der den etnzelnen obliegen⸗ den Geschäfte der Dienst auch ohne Abkürz⸗ ung der Dauer hinreichend erleichtert werden kann. Dies läßt sich durch einen„turnus⸗ mäßigen“ Wechsel der Bediensteten auf schwie⸗ rigen und minderschwierigen Posten, durch Mit⸗ beteiligung der Stationsvorsteher des inneren Dienstes am äußeren Dienste, durch Heran⸗ ziehung der Zugführer zu den Geschäften der Packmeister, Schaffner und Bremser, durch zeitweise Schwächung der Rangier- kolonnen und ähnliche den Betriebsverhältnissen der einzelnen Stationen eutsprechende Anord⸗ nungen ohne oder nur mit geringem Mehrauf⸗ wande erreichen. Mit besonderer Vorsicht, meint Herr Thielen, ist bei der Gewährung von Diensterleichterungen für das Rangier⸗ personal zu verfahren. Sodann empfiehlt der Minister, da auf ein und derselben Betriebs⸗ stelle der Dienst doch nicht zu allen Zeiten gleichmäßig stark ist, während der ruhigen Zeiten, zum Beispiel des Nachts, längere Dienst⸗ schichten einzulegen. Hierdurch wird es ermöglicht, den Dienst an den Wechseltagen ohne Einstellung von Ablösern so zu regeln, daß beim Dienstwechsel ein beispiels weise sonst achtstündiger Dienst auf 10—12 Stunden per⸗ längert wird. Dann sollen noch die Hilfs⸗ weichensteller dadurch erspart werden, daß die Stellwerkswärter nach Beendigung oder vor Beginn des eigentlichen Dienstes ein bis zwei Stunden zur Weicheustellung herangezogen werden.—
Staatsbetriebe sollen Musterbe⸗ triebe sein, lautet ein geflügeltes Wort. Die raffgierige Thielensche Sparpolitik, die die menschliche Arbeitskraft schonungslos ausbeutet und die Sicherheit des Lebens der Beamten wie des reisenden Publikums um kargen Ge⸗ winns willen aufs Spiel setzt, thut redlich das ihrige, dieses Wort wie einen grimmen Hohn auf die bestehenden Verhältnisse in den preußischen Staatsbetrieben erscheinen zu lassen.
Zum Verfahren gegen Dr. Arons.
Wie die„Berl. Ztg.“ erfährt, hat unser Genosse Arons am Sonnabend vor dem Dis⸗ ziplinarhofe erklärt, daß er seine Freisprech⸗
ung beantrage; sollte aber das Gericht zu
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