Ausgabe 
26.11.1899
 
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Nr. 48.

Gießen, Sonntag, den 26. November 1899.

5. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr

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Auf dem Schindanger.

* Der 1. Juni 1899, ein denkwürdiger Donnerstag war es, an dem die vom deut⸗ schen Kaiser in Oeynhausen angekündigte Zucht- hausvorlage dem Reichstag vorgelegt wurde. Unsere fällige Nummer war bereits hergestellt, als damals der Telegraph den Wortlaut der Zuchthausvorlage meldete. Wir waren ge⸗ wungen, noch in der Nacht eine Sonderbeilage anzustellen.

Wir teilten den Wortlaut der Vorlage mit undwürdigten sie in gebührender Weise. Unter dem unmittelbaren Eindruck der Aus- nahmegesetz⸗Vorlage schrieben wir damals:

Dem Freiherrn von Stumm wird das Herz im Leibe lachen. Aber Millionen Arbeiterherzen werden in Zorn er- glühen. Und Tausende, die seither der Sozialdemokratie feindlich oder gleichgültig gegenüberstanden, werden jetzt einsehen, wo Platz istt.

Die Vorlage ist ein Peitschenhieb in das Gesicht der deutschen Arbeiter- schaft. Wie ein Schrei muß und wird es aus vielen Millionen deutscher Proletarier⸗ kehlen herausklingen: Fort mit diefer Mißgeburt!

Jawohl, fort mit der Mißgeburt, das war

die Losung. Einmütig hat das deutsche Prole⸗ tariat Protest erhoben und die Mißgeburt

ist fort!

Kein ehrliches Begräbnis ist ihr zuteil ge⸗ worden. Auf dem Schindanger hat sie die Mehrheit des deutschen Reichstags am Montag verscharrt. Verscharrt drei Tage nach der letzten Kraftaustrengung der Scharfmacher zu gunsten des Arbeiter⸗Knebelgesetzes!

Es hat nichts mehr genützt, daß die Stümm⸗ linge noch am Freitag der vorigen Woche in Berlin für die gefährdete Vorlage mobil machten. Es hat nichts genützt, daß noch die Hälfte der Nationalliberalen wenigstens das halbe Zuchthaus durch neue Anträge retten wollten. Es hat nichts genützt, daß schließlich die konservativen Kraut⸗Junker, die nationalliberalen Schlotbarone und die antisemitischen Handlanger der Reaktion sich zu gunsten der einzelnen Paragraphen im Reichstag erhoben.

Fort mit der Mißgeburt! das war am Montag auch die Losung der großen Mehr⸗ heit des Reichstags. Der im posante ein⸗ mütige Protest des arbeitenden Volkes hatte auch denen den Rücken gesteift, die bis kurz vor der Entscheidung die Vorlage noch mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachteten. n

Die deutschen Arbeiter dürfen sich von Herzen freuen; ihr Sieg war ein so vollkommener, wie die Niederlage der Regierung eine zer⸗ schmetternde. Graf Posadowsky hat kein Glück mit seinen Gesetzesvorschlägen, er ist ein wirklicher Pech⸗Minister. In Frankreich oder England wäre er längst Minister a. D., bei uns kann er weitere Niederlagen vorbereiten, seine Pechsammlung komplettieren.

Die Zuchthaus vorlage, die Graf Posadowsky verteidigte, wie eine Löwin ihr Junges, der zu Liebe er sogar eine große Patronensammlung

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finden in derM. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33¼% und bei

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angelegt hatte mit der er übrigens auch Pech hatte, denn bet näherer Besichtigung er⸗ wiesen sich die sonst so gefährlichen Geschosse als Platz patronen eben diese Zuchthaus⸗ vorlage ist tot. Ste ist im Reichstag mit dem Knüppel totgeschlagen, weil sie keinen Schuß Pulver wert war. Und auf dem Schindanger ist die Mißgeburt verscharrt.

Als trauernde Hinterbliebene haben dem Scheusal nationalliberale, konservative und antisemitische Rückwärtser dieletzte Ehre er⸗ wiesen. Aber der Geruch des verwesenden Kadavers ist an den trauernden Hinterbliebenen haften geblieben. Und für alle Zeiten mit dem abscheulichen Kadavergestank parfümiert, werden die nationalliberalen, konservativen und antisemitischen Zuchthausfreunde alle ehrlichen Volksfreunde von sich wegekeln.

DerPatriotismus bei unseren Vatrioten.

Der Geschäfts⸗Marinismus wird durch das typische Geschäftsgebahren der Firma Krupp grell beleuchtet. Im Inland wird unter gewaltigen Neklameausgaben für Flotten⸗ verstärkung agitiert, währenddem man das Ausland durch deutsches Kapital, deutsche Tech⸗ nik und deutsche Arbeit gleich in den Stand setzt, seine Flotte der deutschen überlegen zu machen oder zu halten. So ist die Firma Krupp nicht nur mit die Schöpferin der russischen, sondern bis zu einem gewissen Grade auch der nordamerikanischen Zukunftsmarine.

Rußland stößt zwar bei seinen Anstrengungen, seine Kriegs⸗ und Handelsflotte rasch auf einen großen Fuß zu bringen, auf keine finanziellen Schwierigkeiten. Wohl aber steht einer raschen Vergrößerung der Marine die begrenzte Leistungs⸗ fähigkeit der dortigen Staatswerften entgegen. Das russische Marineministerium interesstert sich daher eifrig für die Erweiterung der heimischen Staatswerften, erreicht aber auch hier bald die Grenze des Möglichen, schon wegen Mangels an technischem Arbeitspersonal und aus anderen Gründen. In die Lucke springt nun bei an⸗ ständigen Gewinnchancen die deutsche Industrie, vor Alen auch die Firma Krupp ein. Sie ist um die Vergrößerung der russischen Kriegs- flotte mindestens ebenso sehr besorgt, wie um die der deutschen. Die deutsche Schiffs⸗ bautechnik und Leistungsfähigkeit wird gegen klingende Münze auf russischen Boden verpflanzt. Die russische Regierung hat schon Ende vorigen Jahres mit dem Stettiner Vulkan sowie mit der Firma Krupp Verhandlungen in dieser Richtung angeknüpft, die von den deutschen Firmen keineswegs abgelehnt worden sind. Es sollen in Rußland von den genannten Firmen Privatwerften angelegt werden. Verwirklicht sich das Projekt der russtischen Regierung, so muß ein reicher Zustrom deutscher Ingenieure und technischer Arbeiter nach Rußland stattfinden, die dort die Aufgabe finden werden, aus den Eingeborenen allmählich ein geschicktes Arbeits⸗ personal für den Schiffsbau heranzubilden. Die russische Regierung garantiert den deutschen An⸗ lagenfür die erste Zeit den bescheidenen Reingewinn von 27 Millionen Rubel jährlich. Eine solche Summe zieht!

Während Deutschland Rußland direkt erst in den Stand setzt, seine Flotte in raschem Tempo u vervielfachen, hat es Amerika den besten We e seiner Schiffe verschafft. Vor einiger Zeit lenkten die Carnegie-Stahlwerke als Vertreter der Firma Krupp die Auf⸗ merksamkeit des nordamerikanischen Marine⸗ departements auf das neue Kruppsche Fabrika⸗ tionsverfahren von Panzerplatten und stellten zugleich das Ersuchen, Panzerplatten, die nach demselben hergestellt waren, den schwersten Proben zu unterwerfen, da sie das Benutzungs⸗ recht des betreffenden Verfahrens erworben hätten. Anfänglich verhielten sich die Sachverständigen des Marinedepartements diesem Verlangen gegen⸗ über nicht nur ablehnend, sondern sie erklärten, daß es keine besseren Stahlpanzer geben könne, als die nach dem Harreyschen Verfahren her gestellten, mit denen die Bundesschiffe gepanzert sind. Schließlich gab man aber auch dem Drängen der indirekten Vertreter der deutschen Firma doch nach und veranstaltete Versuche, die allerdings überraschende Resultate ergaben. Das Geschoß traf die Platte beinahe im Zentrum und drang nur Zoll ein, wo es stecken blieb. Nach dem Dafürhalten der Sachverstän⸗ digen hat die zwölfzöllige Kruppsche Platte un⸗ gefähr dieselbe Widerstandsfähigkeit wie jede andere von 12½ Zoll Stärke, was für den Bau der Kriegsschiffe von wesentlicher Bedeutung ist. Die Panzerung mit solchen Platten wird zur Folge haben, daß das Gewicht des Panzers um etwa 300 Tounen pro Schiff vermindert wird. Es können also entweder die Batterien entsprechend verstärkt oder das Kohlenfassungs⸗ vermögen erhöht bezw. die Leistungsfähigkeit der Maschinen gesteigert werden. Natürlich versieht Amerika seine neuen Kriegsschiffe, so augenblicklich drei neue Schlachtschiffe und vier Monitors, dank dem Entgegenkommen Krupps mit diesen deutschen Panzern.

Wenn man erwägt, das auf die genannte Weise gerade diejenigen Kreise, die jetzt am meisten Stimmung für eine deutsche Flotten⸗ vermehrung machen, alles thun, um die Kriegs- flotten des Auslandes der deutschen gegen⸗ über überlegen zu machen oder zu erhalten, dann erscheint die in erster Linie von den Flotteninteressenten inszenierte Flottenreklame als ein anmutiges Bild praktischen Geschäfts⸗ sinnes und ihr Patriotismus erstrahlt heller in der Aureole des Profits.

Wenn es einmal zu einer Verwicklung kommt, dann muß die breite Masse der Be⸗ völkerung ihre Haut zu Markte tragen. Die Herren Ir dustriellen, Rheder und Kapitalisten aber, die so patriotisch thun, liefern dem Auslande die vorzüglichsten Waffen und das beste Material, um die deutschen Mannschaften mit Erfolg bekriegen zu können.

Und für die Nutznießer solcher doch sicher nicht von Patriotismus diktierten Geschäfts⸗ maximen soll das arbeitende Volk noch aus seiner Tasche die ungeheueren Summen für neue Flottenausgaben aufbringen.

Genossen! Agitiert allerorts für die Arbeiterpresse!

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