Ausgabe 
26.3.1899
 
Einzelbild herunterladen

e nun ) Mk.

ische heit lnter⸗

br

herren

r die

n

ͤ

Nr. 13.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

sich gleichfalls in Dresden ein Mann Namens Röhr ars denselben Gründen, welche die Frau Schröter in den Tod trieb. Der Unglückliche hinterläßt drei kleine Kinder. Im Vorjahre war ihm die Frau gestorben. Ueber die Monarchie

urteilt der preußische Hofhistoriograph v. Treitschke in dem soeben erschienenen zweiten Bande seiner Politik, wie folgt:Friedrich der Große hat ge⸗ sagt: Die Monarchie ist die beste oder schlech⸗ teste aller Staats formen, je nach der Person ihres Trägers... Von Mo⸗ narchien gilt im höchsten Maße, daß die Könige selbst ihre schlimmsten Feinde werden können. Denn darin, daß ein einziger Mann so hoch gestellt ist über alle Sterblichen, liegt eine ganz ungeheure Ver führung zu Hoch⸗ mut aller Artz; es liegt die Gefahr nah, daß die Persönlichkeit des augenblicklichen Königs mit ihren Launen und ihrer menschlichen Beschränkt⸗ heit verwechselt wird mit der Krone selber und daß so eine Selbstvergötterung entsteht, welche entsittlichend wirkt. Wenn alles, was einem solchen Fürsten durch den Sinn geht, sofort Gesetz werden soll, so wird die Monarchie ein Zerrbild und es entsteht eine Erregung unter allen edlen, freien Geistern; und solche Monarchen müssen sich dann auf ihre Feinde stützen, weil ihre Freunde sie verlassen... Selbstlob stinkt immer, wie das uralte Sprichwort bei allen Nationen sagt. Selbstlob aber an der Stelle, von der niemand hoffen kann, noch höher zu steigen, hat etwas Empörendes. Es läßt sich nicht verkennen, daß die Ausstattung eines Mannes mit einer so ungeheuren Macht geeignet ist, das Gefühl zu kitzeln und zu verwirren; wenn das aber geradezu in Mutwillen ausartet, wenn der Nation immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird, daß der eine Mann die Sonne sei und sie ohne ihn im Schatten stünde, so muß das schließlich in einem denkenden Volk zu einem revolutionären Rückschlag führen.

Kleine Mitteilungen.

Ausgekniffen, wie es einem tapferen Antisemiten geziemt, war der Böckelsche Agitator Johannes Wege aus Kirchhain, dem wegen ver⸗ schiedenen Flegeleien vier Wochen Gefängnis zuerkannt

waren. Er kam aber nicht weit. Er wurde steckbrief lich

verfolgt und in der Nähe Stuttgarts verhaftet. Es schwebt noch ein Strafverfahren gegen den judenfressen⸗ den Heldenjüngling.

Eine Liebestragödie. Am Dienstag früh hat in Frankfurt a. M. der Hausbursche des Spezerei⸗ händlers Vesper, Grüneburgweg 86, der 21jährige Paul Keßner, in einer Mansarde dieses Hauses zuerst die Vespersche Dienstmagd Katharina Krämer und dann sich selbst erschossen. Keßner stammte aus Bankau im Kreise Kreuzberg in Preußen, die zwanzig Jahre alte Krämer aus Sprendlingen. Auf dem Tische lagen drei Briefe, zwei an die Eltern der Toten, ein unvollendeter an einen Bruder des Keßner.

In Allendorf a. W. wollte der Bund der Land⸗ wirte eine Versammlung abhalten, in der der bekannte Bundesredner Müller⸗Cassel sprechen sollte. Trotzdem wiederholt und dringend meist persönlich zu der Versammlung eingeladen war, hatte sich niemand zu derselben eingefunden, sodaß Herr Müller unver⸗ richteter Sache wieder abdampfen mußte.

Eine furchtbare Feuersbrunst zerstörte das Windsor Hotel in New-Pork. Mehr als 60 Personen fanden dabei ihren Tod, mehr denn 100 wurden schwer verletzt. Nach neueren Meldungen aus New⸗York mehren sich die Anzeichen, daß der Brand des Windsor Hotels das Werk von Brandstiftern war, die plündern wollten. Augenzeugen berichten, sie hätten im dritten Stock im Augenblick, da das Feuer ausbrach, gutgekleidete Männer von einem Schlaf⸗ zimmer zum anderen gehen sehen, die nicht vom Feuer⸗ lärm beunruhigt wurden. Ein Mann wurde verhaftet, der angab, er sei als Zeitungsreporter in das Hotel gekommen. Derselbe hatte Juwelen und andere Wert⸗ sachen im Werte von 10000 Dollar bei sich. Man schätzt, daß für eine Million Dollar Wertsachen ver⸗ loren gegangen sind. Herr Abner Mac Kinley(der Bruder des Präsidenten) hat Wertsachen, die auf 70000 Dollar geschätzt werden, verloren.

Bessiseher Landtag.

In der Sitzung vom 16. März wurde der Bau einer Eisenbahn von Butzbach nach Lich beschlossen. Ein Antrag, der eine Eisen⸗ bahn⸗Verbindung Lich⸗Grünberg verlangt, wurde abgelehnt.

Zu der Eingabe der Gemeindevorstände von Watzen born, Steinberg, Hausen und

Grüningen die Haltestelle Schiffenberg betreffend, hat der Ausschuß beantragt, Hohe Kammer wolle beschließen, Großherzogliche Re⸗ gierung zu ersuchen, den Ausbau der Haltestelle Schiffenberg nach der in Rede stehenden Eingabe in die Wege zu leiten.

Geh. Oberbaurat Meyer spricht namens der Regierung gegen diesen Antrag. Es kämen weniger die Kosten oder Erbauung des Stations- hauses, als vielmehr die bei einer dort vorhan⸗ denen Stein ung von 1:100, notwendige Um⸗ bauung der ganzen Bahnlinie in Betracht.

Sehr warm trat Genosse Dr. David für das Verlangen der Gemeinden Watzenborn⸗ Steinberg, Hausen und Grüningen ein. Schon heute sei auf dem Schiffenberg eine Haltestelle vorhanden, warum solle man diese nicht ausdehnen können? Ihm sei die Be⸗ hauptung, dies beanspruche einen völligen Um⸗ bau der Linie, nicht verständlich, die Herrichtung vielleicht eines Nebengeleises für den Güterverkehr werde wohl ge⸗ nügen. Größere Gemeinden Oberhessens seien beteiligt, und diesen müsse, wenn irgend mög⸗ lich, selbst mit Auf wand größerer Kosten, hier geholfen werden.

Der Abg. Weidner tritt namens des Aus⸗ schusses ebenfalls für Bewilligung ein. Der Antrag wurde darauf einstimmig angenommen.

Die Frage der Erbauung von Nebenbahnen Büdin gen⸗Ober⸗Seemen, Büdingen⸗Lindheim und Stockheim⸗Frankfurt zeitigte eine längere Dis⸗ kussion. Unser Genosse Dr. David führte u. A. aus: Der Streit, um den es sich handele, sei der: Soll die Bahn Frankfurt⸗Gedern, die zum Teil schon bestehe, zum Teil geplant sei, Anschluß finden an die Strecke Gießen⸗Fulda? Durch das Gesetz von 1890 sei die preußische Regierung verpflichtet, diese Verbindung auszuführen Er sei dafür, daß möglichst viele Bahnen und Verbindungen hergestellt würden. Würde man das Gesetz von 1890 preisgeben, so würde man niemals mehr von Preußen die Herstellung der Linie Grebenhain⸗Gedern ver⸗ langen können. Eine empfindliche, den Verkehr stockende Lücke würde bleiben. Zur Zeit habe man das Mittel noch an der Hand, diese Lücke auszufüllen, weshalb man das alte Projekt nicht aufgeben dürfe. Er stehe auf dem Standpunkt, daß möglichst viel Verkehrsmittel geschaffen werden müßten.

Im Laufe der Diskussion werden eine Anzahl Anträge gestellt.

Angenommen wurde schließlich der Antrag Erk, die bereits durch Gesetz feftgelegte Bahn⸗ linie Ober⸗-Seemen⸗Gedern-Lauter⸗ bach baldthunlichst aus zuführen, ebenso der Antrag Graf Oriola, die Regierung zu ersuchen, eine Seementhal⸗Bahn zu erbauen.

Dienstagssitzung. Zwei Anträge des Abg. Köhler finden in der Kommissionsfassung Annahme. Der eine Antrag lautet: Auf Grund der Art. 79 und 80 der Kreis- und Provinzial⸗ ordnung dürfen Anordnungen nicht erlassen werden, die ein vorheriges Verbot der Ab⸗ haltung von Versammlungen im Sinne des Ge⸗ setzes vom 16. März 1848 betreffend das Petitions⸗ und Versammlungsrecht bezwecken. Der zweite Antrag bezweckt die Aufhebung des Art. 78 des Polizeigesetzbuches vom 30. Oktober 1855 der besagt:Hat die Polizeiverwaltungs⸗ behörde eine bevorstehende Volksversammlung untersagt, so verfallen Diejenigen, denen dieses Verbot bekannt ist und die gleichwohl an der Volksversammlung teilnehmen oder andere zur Teilnahme auffordern, in eine Geldstrafe von 1 bis 20 Gulden. Der Ausschuß beantragte Annahme dieses Antrages. Staatsminister Roth und der Nationalliberale Ofann sind gegen diesen Antrag. Unsere Genossen Cra⸗ mer und Ulrich treten energisch dafür ein. Die Annahme erfolgte mit allen gegen sechs Stimmen.

Leizte Nachrichten.

In Frankfurt befinden sich 300 Brauereiarbeiter im Streik.

In Berlin fand diese Woche ein Bau⸗ arbeiterschutz-Kongreß statt. Die Ver⸗ handlungen nahmen drei Tage in Anspruch und gaben ein ausführliches Bild der Mißstände, unter denen die deutschen Bauhandwerker zu leiden haben.

Partei⸗ Nachrichten.

Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Parteigenossen!-

Es ist wohl am Platze, noch einmal ausdrücklich an die Verhandlungen der letzten Kreis-Konferenz in Hausen zu erinnern.

Wir stehen vor der Landtagswahl im Kreis Giesen⸗Land!

Unsere Organisation soll und muß ausgebant werden!

Unserer Presse müssen noch Hunderte neuer Leser zugeführt werden!

Das waren die drei Hauptpunkte, um die sich die Verhandlungen in Hausen drehten. Die Aussprache war eine erschöpfende und die bezüglichen Beschlüsse wurden einstimmig gefaßt.

Auf Kreiskonferenzen sollen aber nicht nur Reso⸗ lutionen angenommen, sie müssen nachher auch aus⸗ geführt werden.

Und nun: Hand aufs Herz, Parteigenossen. Habt Ihr alle, die Ihr in Hausen gewesen, inzwischen auch im Sinne der dort gefaßten Beschlüsse ge⸗ handelt??

Es wurde in Hausen besonders die Agitation von Mund zu Mund empfohlen.

Es wurde betont, wie notwendig es sei, die schlecht oder gar nicht organisierten Nachbardörfer zu besuchen, dort

Einzelmitglieder für den Kreis⸗Wahl⸗Verein und neue Abonnenten für dieM. S.⸗Ztg. zu werben.

Wieviele Einzelmitglieder, wieviel Abonnenten sind inzwischen gewonnen worden?

Welche Dörfer mit schlechter oder gar keiner Orga⸗ nisation sind von Parteigenossen aus gut organisierten Dörfern besucht worden?

Wahrscheinlich werden die Antworten auf diese Fragen recht unbefriedigend klingen.

Parteigenossen! Treueste Pflichterfüllung ist die höchste Aufgabe für alle diejenigen, die An⸗ spruch auf den Ehrentitel Sozialdemokrat machen. Für uns arbeiten keine Bürgermeister, keine Pastoren, keine Lehrer. Bei uns heißt es: selbst ist der Mann!

Die Osterfeiertage bieten die beste Gelegenheit, für die Partei thätig zu sein. Zur Werbung neuer Wahlvereinsmitglieder laßt Euch Mitgliedskarten bei dem Gen. Bock, Dammstraße, holen; dort könnt Ihr auch Beitragsmarken in Empfang nehmen.

Zur Abounentenwerbung für dieM. S.⸗Ztg. erhaltet Ihr in der Expedition, Sonnenstraße 25(bei Gen. Schneider) Agitatiousnummern in beliebiger Anzahl gratis.

Es ist auch noch genügend Zeit, um in den ein⸗ zelnen Vereinen Beschlüsse zu fassen, nach welchen Orten an einem der Osterfeiertage Ausflüge zu agitatorischen Zwecken gemacht werden sollen.

Seid pflichtbewußt, Parteigenossen! Denkt an Dresden, denkt an die Zuchthaus vorlage!

Nie kämpft es sich schlecht Für Freiheit und Recht! Mit soziald emokratischem Gruß! Gießen, 23. März 1899.

Aug. Bock, Ph. Scheidemann, Kreisvertrauensmann. Vorsitzender des K.⸗W.⸗V.

Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 26. März:

Friedberg. Nachmittags 3 Uhr: Oeffentliche Ver⸗ sammlung bei Kühn. Vortrag von Gen. Busold über: Der März 1848 und 1899.

Sammlung für die Dresdener. 88136 Mark 43 Pfg. sind zur Unterstützung der Familien der hinter Zuchthaus⸗ und Gefängnismauern schmachtenden Bau⸗ arbeiter bei dem Parteivorstand eingegangen, worüber der Kassierer die Schlußquittung mit folgender Er⸗ klärung veröffentlicht:Indem wir hiermit die Samm⸗ lung schließen, sagen wir allen Gebern, vornehmlich aber unseren Parteigenossen, die durch ihre auch bei dieser Gelegenheit wieder glänzend bethätigte Opfer⸗ freudigkeit in erster Linie zu dem überaus günstigen Ergebnis der Sammlung beigetragen haben, Namens der hinter Zuchthaus- und Gefängnismauern schmach⸗ tenden Verurteilten und ihrer unglücklichen Familien besten Dank.

Bei der Redaktion derM. S.⸗Ztg. ist nachträg⸗ lich noch eingegangen Mk. 1, von C. R. in H. Von demselben Spender wurden uns Mk. 5, für die Parteikasse überwiesen. Wir lieferten diese 5 Mk. an den Gießener Vertrauensmann ab, die 1 Mk. nach Berlin an Gen. Gerisch.

Die Expedition derM. S.⸗Ztg. befindet sich von heute ab Sonnenstraße Nr. 25.