Ausgabe 
26.3.1899
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 13.

2 2 eee ee

Uunterhaltungs⸗CTeil.

2

Aralte Weisheit. (Buddhistisch.) Nicht wer zehnhunderttausend Mann Auf blutigem Feld geschlagen hat: Wer einzig nur sich selbst bezwingt, Der, wahrlich, ist der stärkste Held.

Nicht wer der Freunde größte Zahl Geschrieben auf der Tafel trägt: Wer einem Einzigen trauen kann, Der ist fürwahr ein reicher Mann.

Nicht wer in vieler Frauen Lust Der Liebe heiligen Sinn verbuhlt: Wer Eines Weibes Glück sich fühlt, Der bleibet selig immerdar.

Dem kann kein Bösewicht, kein Gott, Selbst Satan mit dem Brahma nicht Den Sieg entreißen irgendwann, Dem stillbeglückt Verweilenden.

M. G. Conrad in derJugend.

vom Stamm gevissen.

121 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.)

Herr v. Kries hatte die ersten Worte Valeskas mit einer ironischen Verbeugung begleitet und dann die schöne blasse Sprecherin, die ihm in der gemeinen Umgebung der Inspektorstube doppelt reizend erschien, mit einem aus Zorn und Leiden⸗ schaft gemischten Blick betrachtet.

Geben Sie sich keine Mühe, mein sehr ehrenwertes Fräulein, Ihren kupplerischen Kom⸗ plizen der verdienten Strafe zu entziehen, sagte er, absichtlich die verletzendsten Ausdrücke wählend, um der in ihm kochenden Wut Luft zu machen. Und was diesen Herrn, den Sie Ihren Bräu⸗ tigam nennen, betrifft, so kenne ich ihn nur als einen Aufwiegler, als einen gemeingefährlichen Menschen, einen

Genug, mein Herr! fiel ihm Oettinger, der sich bisher nur mit Mühe zurückgehalten hatte, ins Wort.Sie verschmähen den Weg einer vernünftigen Verständigung

Als einen Schurken, den ich das Recht habe, mit Hunden von meinem Grund und Boden hetzen zu lassen, überschrie Herr v. Kries seinen Gegner.

Dafür werden Sie mir Rechenschaft geben, erhob jetzt auch Oettinger, der furchtbar blaß geworden war, die Stimme, während Valeska, alles verloren gebend, auf einen Holzschemel niedersank, das Gesicht an dessen Lehne pressend.

Hier, meine Karte, hörte sie Oettinger sagen.Alle näheren Bestimmungen überlasse ich Ihnen.

Mich schlagen? Mit Ihnen? Wer sind Sie, wer?

Ich bin der Sohn eines Offiziers.

Desto schlimmer. So war Ihr Vater ent⸗ weder ein schlechter Soldat oder Sie sind eine sehr faule Frucht dieses Stammes.

Das letzte Wort war kaum gesprochen, als

Herrn von Kries ein Schlag ins Gesicht traf,

der ihn wie rasend aufbrüllen machte. Einen Spaten, der in der nächsten Ecke lehnte, er⸗ greifend, wollte er sich auf Oettinger stürzen, aber im nämlichen Moment zog dieser einen Revolver aus der Tasche und hielt ihm den blitzenden Lauf entgegen. Was nun folgte, ge⸗ schah so vollkommen gleichzeitig, wie Blitz und Donner. Während der Gutsherr mit der Linken die ihn bedrohende Waffe beiseite zu drücken suchte und mit dem Spaten in der Rechten zum Schlage auf Oettinger ausholte, taumelte er auch schon von dessen Kugel getroffen zurück,

gerade in die Arme des Herrn Thäns, der auf den lauten Wortwechsel herbeigeeilt war.

Valeska wußte nicht, wie es geschehen. Zitternd wie Espenlaub hing sie an Oettingers Halse.

VII. f

Im Herrenhause wurde mittlerweile das Abendessen in heiterster Stimmung eingenommen. Frau von Kries war eine so aufmerksame Wirtin, die Dienerschaft so vorzüglich geschult, daß man die Abwesenheit des Hausherrn gar nicht be⸗ merkte. Jedermann war mit sich selbst beschäf⸗ tigt oder shwelgte noch in dem gehabten musika⸗ lischem Genusse. Es währte sogar eine geraume Zeit, bis die Hausfrau die Abwesenheit ihres Gatten gewahr wurde. Sie suchte ihn überall mit den Augen, allein vergeblich. Anfänglich stieg kein Argwohn in ihr auf. Sie war eine durchaus vertrauensvolle Natur und von der Ehrenhaftigkeit ihres Mannes fest überzeugt. Plötzlich aber fiel es ihr auf, daß auch Valeska fehlte, daß sie auch diese lange nicht gesehen hatte. Wie eine heiße Lohe schlug es ihr ins Gesicht, als sie sich dessen bewußt ward. Es galt jedoch ruhig bleiben, die Gäste keinen Ver⸗ dacht schöpfen zu lassen. Mit äußerster Selbst⸗ beherrschung und lächelnder Miene schritt die erregte Frau durch die Gesellschafts räume, um Georg aufzusuchen, der mit seiner Braut mitten unter den jungen Damen saß.

Ich bitte Dich, Georg, kümmere Dich um die Herren, mache ein wenig den Wirt. Papa ist ganz verschwunden, ich weiß nicht, wo er ist, flüsterte sie ihm zu.

Georg sprang dienstfertig auf.

Papa verschwunden? fragte er. denke, er war doch eben hier?

Ja, was Du davon weißt! Du amüsierst Dich mit den jungen Mädchen. Aber thue mir den Gefallen und hilf mir ein wenig, bis Papa wiederkommt.

Ich will doch lieber nach ihm sehen

Nein, nein, bitte; er kommt schon wieder. Wahrscheinlich eine Wirtschaftsangelegenheit.

Damit schritt sie wieder durch die Reihen der mit schmausenden und plaudernden Gästen besetzten Tische, hier und dort ein heiteres Wort wechselnd oder sich erkundigend, ob für alle Be⸗ dürfnisse gesorgt sei.

Sie war jedoch noch nicht weit gekommen, als vom Hofe her ein Geräusch, ein dumpfes, herzbeklemmendes Geräusch an ihr Ohr schlug. Es klang so unbestim mt und fern, daß sie einen Augenblick glaubte, sie müßte sich geirrt haben. Doch nein, wieder dasselbe Geräusch und diesmal deutlicher, wie wenn sich viele Menschentritte dem Hause näherten. Jetzt hörte sie auch Thüren gehen, sah, wie die Gäste aufmerksam wurden. Es ist Feuer ausgebrochen, war ihr erster Gedanke, und totenblaß suchte sie die nächste Thür nach der Vorhalle zu gewinnen, um welche sich mehrere Herren drängten. Der Kämmerer forderte den Herrn Lieutenant zu sprechen. Er sollte die Gutsherrin vorbereiten. Diese stand schon vor ihm.

Was ist's, Hölting, brennt es? Wo ist mein Mann? stieß sie angstvoll hervor, indem sie den Kämmerer an der Joppe packte.

Ach nei, gnä Frau, stotterte dieser, sich verwirrt in den dichten Haaren krauend,das nich, das nich. Was anders. Der gnä Herr sind sind sind drüben beim Inspektor ver⸗ unglückt ein Schuß

Weiter hörte Frau von Kries nicht. Den Kämmerer beiseite schiebend, eilte sie durch die Halle nach dem Hofe.

Doch schon auf der Thürschwelle sah sie einen unheimlich dunklen Gegenstand dem Hause zutragen, mitten durch die versammelten Hof⸗ leute hindurch, deren vielstimmiges Geräusch beim Erscheinen der Gutsherrin einer lautlosen Stille Platz machte. Ein für den verunglückten Holzknecht nach der Inspektorwohnung hinüber geschafftes Ruhebett diente jetzt dazu, den nieder⸗ gestreckten Gutsherrn in sein Haus zurückzubringen. Frau von Kries hätte bei seinem Anblick auf⸗ schreien, sich über den geliebten Mann werfen mögen; allein gewohnt, vor ihren Leuten jede

Ich

Regung ihres Seelenlebens zu unterdrücken, ge⸗ lang es ihr, eine äußere Fassung zu bewahren. Nur die Worte:Hinauf auf mein Zimmer, undder Doktor, kamen in einem rauhen, hohlen, fremden Ton aus ihrer gepreßten Brust, während sie dem anscheinend Leblosen die Treppen hinauf voran schritt.

Ihr nach drängten sich durch die mit Gästen gefüllte Halle Lieutenant von Kries, Fräulein Adele und die schreckensbleichen Töchter. Herr Thäns hatte sofort einen reitenden Boten und unmittelbar darauf den Wagen nach dem Doktor nach Neukirch geschickt.

Mittlerweile hatten die Herren, von der ersten Bestürzung zu sich gekommen, ihren Kut⸗ schern Befehl gegeben, anzuspannen, und das Haus entleerte sich rasch In Zeit von einer halben Stunde lag Totenstille darüber

Es war tief in der Nacht, als der Doktor kam. Er erklärte die Verwundung nach langer Untersuchung für nicht ungefährlich. Die Kugel hatte edle Teile verletzt. Der Kranke lag be⸗ wußtlos. Frau v. Kries ließ keinen der Ihrigen an das Bett. Sie selbst besorgte die verordneten Eisumschläge. Nachdem sie den Doktor vermocht, sich im Nebenzimmer auf das Sopha zu legen, saß sie, in einen dicken Shawl gehüllt und schaute bald in die beschattete Lampe, bald auf ihren noch immer bewußtlosen Gatten.

Es war Stille im ganzen Hause eingetreten; Frau von Kries selbst befand sich in einer ge⸗ wissen sie lähmenden Starrheit. Sie wollte dem Zusammenhang des Geschehenen nachdenken, allein sie vermochte es nicht.

Leise Schritte im Korridor näherten sich und hielten vor ihrer Thür. War es eine der Töchter, die in Angst um den Vater dort lauschte? Es war ein leichter Schritt. Er entfernte sich wieder. Nach Verlauf einiger Zeit derselbe leichte Schritt. Frau von Kries erhob sich und öffnete sachte, nur einen Spalt breit, die Thür. Da fiel etwas Weißes herein sie bückte sich und hob es auf. Ein Brief! Gott im Himmel, was sollte ihr das zu dieser Stunde? Wer war der Schreiber? Sie schlich in die Nähe der Lampe und schlug das Blatt leise auseinander. Wie von einer Natter gestochen, fuhr sie zurück. Es waren Valeskas Schriftzüge. Der böse Argwohn gegen diese, der kurz vor der Katastrophe in ihr aufgestiegen, ergriff mit erneuter Gewalt ihre Seele. Schon wollte sie das Blatt von sich werfen; aber konnte es ihr nicht vielleicht Aufklärung geben? Sie überwand sich und las bis zu Ende. Die krampfhafte Span⸗ nung ihrer Züge ließ dabei allmählich nach und löste sich zu der gewohnten Milde.

Valeska schilderte ihr, unter möglichster Schonung ihres Gatten, den Hergang, der mit dessen Verwundung geendet hatte, genau so, wie er sich zugetragen. Die einfache Wahrheit war ihre Rechtfertigung. Ihr Verhältnis zu Oettinger setzte sie kurz auseinander. Da es kein offizielles sei, hätte sie sich nicht verpflichtet gefühlt, die Familie Kries damit bekannt zu machen. Ihr Unrecht bestünde darin, daß sie aus begreiflicher Delikatesse gegen das Kriessche Haus ihren Ver⸗ lobten an einem dritten Ort hätte wiedersehen wollen. Niemand könnte die unheilvollen Folgen tiefer und schmerzlicher beklagen als sie selbst. Schließlich bat sie um ihre Entlassung. Sie fühlte, daß ihre fernere Anwesenheit im Hause unmöglich sei und ihre Pflicht riefe sie zu ihrem Verlobten, der den traurigen Vorfall in Neukirch selbst zur Anzeige hätte bringen wollen. Sie wünschte, die Fahrgelegenheit, die sich durch den Doktor bot, benützen zu dürfen.

(Fortsetzung folgt.) Neu eingelaufene Schriften.

Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor.

In freien Stunden, illustrierte Romonbiblio⸗ thek(in Wochenheften à 10 Pf.), begann soeben den dritten Jahrgang mit dem spannenden Roman:Die Töchter des Südens. Jedes Heft bringt 24 Seiten Romantext mit Illustrationen und 2 Seiten Kleines Feuilleton, sowie kulturhistorische und humoristische Notizen unter der RubrikDies und Jenes undWitz und Scherz. Wir machen unsere Leser auf diese billige und gute und von der Parteipresse bestens empfohlene Romanbibliothek aufmerksam. Das Abonnement kann jederzeit begonnen werden.

ä 2 K ͤ K

13

2

3 DD S

S .

S 2.

2