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Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 2.— *„Ja, Hermann, es ist ein Edelstein. Und nicht glauben, und die Massen damit in Gärung 7——————— die Kinder haben so viel bei ihr profitiert. Du versetzen. Da wühlt gerade ein solcher jetzt in
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Unterh altungs⸗Teil. 235558
„Wohlgeboren.“
Sie nennen es den Stil der Thoren Und abgeschmackt im höchsten Grad,
Wenn mit dem Worte„Wohlgeboren“ Wird tituliert der Adressat.
Und doch liegt Wahrheit in dem Worte, Liegt ausgesprochen ein System;
Denn schon an uns'res Lebens Pforte Entscheidet sich's, ob wir bequem,
Ob wir mit Kampf durch's Leben müssen Und unsrer Eltern Armut büßen.
Wer ist das Kind dort, das, umgeben
Von reichbetreßter Dienerschar, Hineinlacht in ein gold nes Leben,
So friedenreich, so sorgenbar? Von froher Elternhand geleitet,
Wie ist der Weg ihm glatt und leicht Auf dem, von Tausenden beneidet,
Es zu des Glückes Höhen steigt? Zu Rang und Reichtum auserkoren,
Ist dieses Kind nicht— wohlgeboren?
Dort drückt sich um die Straßenecke Ein Kind in halbzerschliss'nem Kleid, Barfuß durchwandert's seine Strecke, Anrufend die Barmherzigkeit; Der Hunger spricht aus seinen Wangen, Den Worten, die es bettelnd singt, Es endet, wie es angefangen, Denn wie's auch später kämpft und ringt, Ach! all' sein Mühen ist verloren— Das Kind ist ja nicht— wohlgeboren! Ferdinand Heigl.
vom Stamm gevissen.
81 Roman von E. Langer.
Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) f
Am folgenden Vormittag, nachdem Valeska französische Stunde mit Elfriede gehalten, schritt sie wie sonst zur Gesangstunde nach dem Musik⸗ zimmer hinab.
„Ach, das trifft sich ja prächtig, Fräulein Stern“, kam ihr Agnes hier glückselig entgegen. „Papa ist nach dem Walde geritten und kommt vor einer Stunde nicht wieder. Wir können daher ganz ruhig singen.“
„Das würden wir auch ohnedies“, versetzte Valeska gelassen, indem sie den Flügel öffnete und einige Gänge über die Tasten machte.
Es war jedoch noch keine halbe Stunde ver⸗ flossen, als Elfchen mit den Worten ins Zimmer stürmte:
„Papa ist da, hört auf, hört auf!“ Dabei wollte sie das Solfeggienheft vom Notenpulte reißen, um jede Spur des frevelhaften Attentats auf das zarte musikalische Ohr des Hausherrn zu entfernen. Valeska kam ihr jedoch zuvor.
„Sie gehen hinaus, Elfriede; und Sie, Fräulein Agnes, haben die Güte fortzufahren“, sagte sie ruhig, aber bestimmt.„Meine Funk⸗ tionen hier im Hause sind durchaus öffentliche und ich werde sie ausüben, bis Ihr Herr Vater mich derselben zu entheben beliebt.“
„Was ist denn das?“ sagte Herr v. Kries, der, in die Vorhalle tretend, die letzten Worte durch die offen gebliebene Thür des Musik⸗ zimmers hörte, zu seiner ihm entgegeneilenden Gattin, indem er sich seines Reitrockes entledigte und mit der Gerte den Schnee von den Stiefel⸗ spitzen klopfte. Und als gleich darauf die unter⸗ brochene Gesangsübung wieder aufgenommen wurde:„Ah, die neuen Künste, die hier ge⸗ trieben werden!— Wetter, keine üble Stimme!“ setzte er hinzu, als Valeska, um die zitternde Agnes zu ermutigen, mit ihrer Glockenstimme einfiel.„Das ist wohl der Edelstein, den Du erworben, Frauchen?“
schmeichelte sie.
wirst Dir doch von ihnen vorsingen lassen?“ Aber Herr von Kries schlug abwehrend mit der Hand und eilte nach seinem Zimmer, um mit dem Inspektor Rechnungen durchzusehen.
Als sich die Familie zu Tisch versammelte, wurde Valeska dem Hausherrn vorgestellt. Sie hatte von demselben Photographien aus allen Lebensaltern gesehen und war daher auf seine Erscheinung vorbereitet gewesen; dennoch war sie überrascht. Es war eine hohe vornehme Gestalt. Das scharf geschnittene Gesicht glich dem seiner Schwester, nur daß die Härte des ihrigen hier mehr als Selbstbewußtsein erschien, welche an⸗ zogen und zugleich einschüchterten. Die durch Kurzsichtigkeit angenommene Gewohnheit, das Auge zusammenzuziehen, gab seinem Gesichte noch dazu den Ausdruck beständig forschender Beobachtung. Das volle kurzgeschnittene Haupt⸗ haar war schon leicht mit Grau gemischt, wäh⸗ rend der stattliche Vollbart noch sein ursprüng⸗ liches Kastanienbraun bewahrt hatte. Der spitz gedrehte Schnurrbart war viel heller und hatte beinahe einen rötlichen Schein. Alles in allem war er ein schöner Mann; dennoch machte er keinen sympathischen Eindruck auf Valeska, als er sich jetzt steif und mit absichtlicher Flüchtigkeit vor ihr verneigte. Er richtete auch kein Wort an sie, ein guter Beobachter hätte jedoch be⸗ merken können, daß er häufiger als es zum Betrachten der Speisen nötig war, von seinem Pincenez Gebrauch machte und daß sein Blick dann jedesmal wie zufällig Valeska streifte.
Die Unterhaltung am oberen Ende des Tisches war keineswegs sehr lebhaft und hätte ohne das Geplauder des kleinen Hans, der zwischen den Eltern saß, häufig gestockt. Weiter unten ging es lebhafter zu. Der Lieutenant, wie immer zu Neckereien aufgelegt, plänkelte nach allen Seiten, am meisten zu Valeska hinüber, die es heute in ihrem Interesse fand, darauf einzugehen, und seine Streiche mit gewohntem Geschick parierte. Der Gutsherr war zerstreut und unruhig; das muntere Wortgefecht schien ihn zu verdrießen.
„Ich muß gleich nach Tisch hinüber nach Gansau, Frauchen“, sagte er, als man bei Butter und Käse war.„Baron Helldorf erwartet mich; wir wollen zusammen nach Roschenen zum Major. Es muß etwas geschehen gegen die Wühlereien der Sozialdemokraten, die uns hier die Bauern aufsässig machen. Ich habe dieses Treiben schon von Berlin aus im Auge gehabt. Das kann nicht so fortgehen. Wir Grundbesitzer müssen uns über die zu ergreifenden Maßregeln be⸗ sprechen.“
Valeska überlief es bei dieser Rede heiß und kalt, aber sie besaß Selbstbeherrschung genug, um ihr Interesse daran durch nichts zu verraten. Nur das feine Ohr brannte unter den dunkeln Ringeln, die es umspielten, in lebhaftem Inkarnat.
„Muß es denn gleich heute sein?“ nahm Fräulein Adele für die Hausfrau das Wort, welche mit betrübter Miene mit dem Messer auf ihrem Teller spielte.
„Jawohl, noch heute“, erwiderte Herr v. Kries mit kaum unterdrückter Ungeduld.„Es ist die höchste Zeit, daß etwas geschieht. Da lest Ihr nun täglich die Zeitung und wißt nicht, was in Eurer nächsten Nähe vorgeht“, setzte er in jenem verweisenden Tone hinzu, den man Kindern gegenüber aaschlägt. a
„Entschuldige, lieber Bruder“, fiel Fräulein Adele etwas gereizt ein.„Wir lesen die Zei⸗ tungen, das ist richtig, aber doch nur, was für uns von Interesse ist. Wir lesen die parlamen⸗ tarischen Nachrichten, oft auch einen ganzen Sitzungsbericht, wenn Bismarck oder einer der Führer Deiner Partei gesprochen hat. Wir lesen die Hofnachrichten und den Annoncenteil. Aber Du kannst doch nicht verlangen, daß wir uns mit dem Treiben jener rohen Menschen be⸗ schäftigen!“ a
„Rohe Menschen! Ja, wenn es nur solche wären! Aber das ist ja eben das Uebel, daß
Gelehrte, sogenannte Gebildete, die verderblichen Lehren aushecken, an die sie natürlich selbst
unserer Gegend. In Witzin, Friedberg, Gubau, in all den Nestern, wo er Versammlungen ge⸗ halten, hat er einen rasenden Zulauf gehabt. Heute spricht er in Neukirch. Der Mensch soll eine glänzende Beredtsamkeit besitzen. Diese Art ist die gefährlichste.“
„Und der kommt aus Ihrem Königsberg, mein gnädiges Fräulein, aus der Stadt der reinen Vernunft“, neckte der Lieutenant Valeska über den Tisch hinüber. 5
„Vielleicht bewährt sie auch hierin ihren alten Ruf“, gab diese lachend zurück.
„Oho, das klingt ja ganz revolutionär! Wenn Sie eine Russin wären, ich wette, Sie wären vielleicht gar Nihilistin.“
„Da ich aber eine Deutsche bin, so meinen Sie, dürfte ich gar keine, geschweige denn eine politische Meinung haben.“
„Das will ich keineswegs gesagt haben. Allen Respekt vor Ihrer—“
„Gesegnete Mahlzeit, meine Herrschaften“, unterbrach hier Herr von Kries das kleine Scharmützel, indem er aufstehend seinen Stuhl geräuschvoll zurückschob. Wie ein Mann folgte die ganze Gesellschaft seinem Beispiel, während er bereits ein Fenster nach dem Hofe geöffnet hatte und eine schrille Pfeife, als Zeichen zum Anspannen, ertönen ließ. Nach flüchtigen gegen⸗ seitigen Verbeugungen stoben die Tischgenossen auseinander.
Auf ihrem Zimmer angekommen, maß Valeska dasselbe mit erregten Schritten. Was sie eben bei Tisch gehört hatte, zeigte ihr klar, in welcher prekären Lage sie sich befand. Sie durfte es setzt auf keinen Fall wagen, ihren Brief an Oettinger auf dem gewöhnlichen Wege zu be⸗ fördern. Dieses wäre, nachdem was sie heute gehört, gleichbedeutend mit sofortiger Entlassung gewesen, und in welchem Lichte müßte sie der Familie erscheinen, wenn man ihre Korrespondenz mit dem verabscheuten Agitator entdeckte!
Aber sie mußte ein Mittel finden, ihren Brief zu befördern, schon um Oettinger einen Wink inbezug auf das feindliche Vorhaben der Gutsbesitzer zu geben. Dann und wann blieb sie auf ihrer Wanderung stehen und schaute sinnend vor sich hin.
Wiederholt war ihr Herr Thäns eingefallen, der ihr von ihrer damaligen gemeinsamen Fahrt her ein besonderes Wohlwollen bewahrt, und mit dem sie, wo sich die Gelegenheit geboten, ein freundliches Wort gewechselt hatte. Bei den aristokratischen Gewohnheiten der Familie war es jedoch schwer, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Der Gedanke, sich ihm anzuvertrauen, nahm indessen immer bestimmtere Gestalt an, und jetzt blitzte noch ein anderer in ihr auf, der sie mit einem Schlage zum Entschluß brachte.
Ein Tagelöhner aus einem entlegenen Dorfe, der beim Holzfällen in den Kriesschen Waldungen vor einigen Tagen zu Schaden gekommen, war im Inspektorhause untergebracht. Er wurde aus der Herrschaftsküche verpflegt, und Frau v. Kries war schon öfter selbst hinübergegangen, um nach dem Manne zu sehen. Konnte Valeska nun an
diesem Tage, wo die Hausfrau mit anderen
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Amt übernehmen und Herrn Thäns ihren Brief Der 9 anvertrauen? Natürlich mußte sie diesen über N ihr Verhältnis zu Oettinger aufklären. Dies fung 10 widerstand ihr zwar ebenso wie das Heimliche] diz 1 6 des ganzen Verfahrens. Es gab jedoch keinen ing, d anderen Weg, und sie hatte das Vertrauen zu ein 68 0 dem Manne, daß er sie verstehen und ihr Ge⸗ 0 N heimnis ehren würde. Zudem hielt sie ihn für. f einen heimlichen Anhänger der Sozialdemokratie, ö ich unk weshalb sie für ihn eine besondere Sympathie] un 10 ohn empfand. Nun war es zwar keineswegs gewiß. 05— daß sie Herrn Thäns dei ihrem Besuche des se un d Kranken zuhause traf, indessen wollte sie es Glau. darauf ankommen lassen. Sie schloß daher ihren u aun Brief, nachdem sie Oettinger ihren Entschluß, biet en 9 Herrn Thäns Vermittelung in Anspruch zu Si i
nehmen, mitgeteilt hatte, und wartete eine ge⸗ legene Zeit ab, um unbemerkt zum Hause hinaus
und über den Hof schlüpfen zu können.


