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reden wollte, beizuwohnen.

Nr. 9.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

IV. In dem Städtchen Neukirch ging es an dem Abend des nämlichen Tages sehr lebhaft zu.

Von allen Seiten kamen Landarbeiter und Be⸗

sitzer kleiner Bauernhöfe herbeigeströmt, um der für heute von Oettinger einberufenen Versamm⸗ lung, in der er über den bäuerlichen Grundbesitz Auf dem Markte vor demBlauen Engel, der seine Gäste kaum fassen konnte, und dessen Saal bereits vollgestopft war, standen die Leute, die nicht mehr hinein⸗ konnten, gruppenweise in lebhaftem Gespräche beisammen. Oettinger selbst saß mittlerweile mit einem am Orte ansässigen Parteigenossen und einigen der intelligenteren Bauernwirte in der Gaststube, über Prinzipienfragen diskutierend und den Leuten, die ihn schon an anderen Orten sprechen gehört, über dies und jenes, was ihnen nicht ganz klar geworden, Auskunft gebend. Eben hatte er einen Blick auf seine Uhr ge⸗ worfen und war im Begriff sich zu erheben, da es Zeit zur Eröffnung der Versammlung war, als sich die Thür geräuschvoll aufthat und drei Herren hereinschritten, gefolgt von dem Wirt, der vor Aufregung hin⸗ und hertänzelte und die Herren wegen des Tumultes im Hause tausendmal um Entschuldigung bat. Sobald der Herr Redner dort seinen Vortrag im Saale be⸗ gonnen hätte, würde die Gaststube ganz leer werden, und er wolle sein bestes thun, um die gnädigen Herren zufrieden zu stellen.

Die Herren stutzten und musterten die An⸗ wesenden. Sie waren nicht recht gewiß, wen der Wirt als Redner bezeichnet hatte. Sobald sie aber Oettinger ins Auge faßten, blieben die Blicke aller auf ihm haften. Es war kein Zweifel, dies mußte der Agitator sein, obgleich sein Aeußeres der Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht hatten, durchaus nicht entsprach

Herr von Kries denn er war es mit einen Freunden, dem Baron Helldorf und dem, den er kurzweg den Major genannt hatte erholte sich zuerst von seiner Betroffenheit.

Oho, mein Lieber, wandte er sich an den Wirt, der den nobeln Gästen mittlerweile be⸗ hülflich war, sich ihrer Pelze zu entledigen,wir kommen heute nicht Ihrer zweifelhaften Küche und Ihres noch zweifelhafteren Weines wegen. Wir kommen, um uns auch belehren zu lassen. Der Mensch kann nie genug lernen, he Major?

Dieser, eine massive, untersetzte Gestalt mit einem dunkelroten Gesicht, in dem die Augen so hervorquollen, als ob die enge militärische Hals⸗ binde ihm die Kehle zuschnürte, hatte eine ganz hohe dünne Stimme, die einen lächerlichen Kon⸗ trast zu seiner Erscheinung bildete.

Nie genug, nie genug, krähte er, indem er sich auf einen Stuhl warf, die Füße weit von sich streckte und seine Zigarre an dem Zünd⸗ hölzchen in Brand setzte, welches ihm der Wirt dienstfertig entgegenhielt.

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Bulturgeschichte unserer

Bauernschaft.

Von Karl Kautsky.

Der Bauer wird ein Hungerleider.

Man gestatte uns, hier eine kleine Abschwei⸗ fung zu machen, um ein Thema zu besprechen, das nur lose mit dem Gesamtthema zusammen⸗ hängt, das uns aber geeignet erscheint, doch einiges Licht auf dieses zu werfen.

Eine heute weit verbreitete Schule, die auf

Comte und Spencer basiert, liebt es, die Natur⸗

gesetze ohne weiteres auf die Gesellschaft zu über⸗ tragen. Die Erfolge der Naturforschung in

unserem Jahrhundert waren so glänzende, daß sie den Naturforscher nur zu leicht zu dem

Glauben verleiteten, er besitze nun den Schlüssel

zu allen Rätseln in der Tasche, auch auf Ge⸗

bieten, die ihm ganz fern lagen. Auf der anderen

Seeite war es für manchen Soziologen sehr bequem,

einfach die feststehenden Gesetze der Natur auf * Siehe Nr 6, 7 und 8 derM. S.⸗Ztg.

sein Gebiet zu übertragen, statt die besonderen Gesetze des letzteren durch komplizierte Forschungen zu ermitteln.

Zu den Axiomen dieser naturwissenschaftlichen Soziologie gehört auch der enge Zusammenhang zwischen Klima und Nahrung.Selbst wenn wir dem Gewicht nach gleiche Quantitäten Speise in kalten und warmen Gegenden genießen, sagt Liebig,so hat eine unendliche Weisheit die Einrichtung getroffen, daß diese Speisen höchst ungleich in ihrem Kohlenstoffgehalt sind. Die Früchte, welche der Südländer genießt, enthalten in frischem Zustande nicht über 12 Prozent Kohlenstoff, während der Speck und Thran des Polarländers 66 bis 80 Prozent Kohlenstoff enthalten.(Chemische Briefe, S. 246.)

Buckle schloß daraus, daß die Sklaverei der Hindus dernatürliche Zustand des Volkes sei, zu dem esdurch die unwiderstehlichen Gesetze der Natur verdammt sei.(Geschichte der Zivili⸗ sation, deutsch von Ruge, I, S. 171.) Denn das Klima macht sie zu Vegetariern, die Pflanzen wachsen aber reichlich unter den Tropen, dadurch wird die Volksvermehrung erleichtert und der Arbeitsmarkt überfüllt.

Nun fällt es uns nicht ein, den allgemein anerkannten physiologischen Satz leugnen zu wollen, daß der Mensch in einem kälteren Klima ein größeres Bedürfnis nach Kohlenstoff, resp. Fleischnahrung hat, als in einem warmen.

Aber dieser Unterschied ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt. Auch unter dem Polarkreis sucht der Mensch nach vegetabilischer Nahrung.Außer Fisch und Fleisch, erzählt Nortenskjöld,verzehren die Tschuktschen eine ungeheure Masse von Gemüsen und anderen Nahrungsmitteln aus dem Pflanzen reich. Die Schriftsteller, welche auf die Tschuktschen als ein Volk hinweisen, welches nur von dem Tier⸗ reich entnommenen Stoffen lebt, begehen daher einen großen Irrtum. Die Tschuktschen scheinen mir im Gegenteil zu gewissen Zeiten des Jahres mehrPflanzenesser zu sein, als irgend ein anderes, mir bekanntes Volk.(Die Umseglung Asiens und Europas auf der Vega, II, 108 ff.) Anderseits besteht auch unter den Tropen nicht diegewöhnliche Nahrung fast gänzlich aus Obst, Reis und anderen Pflanzen, wie Buckle meint (S. 54), sondern der ausschließliche Vegetarianis⸗ mus ist eine Ausnahme.Daß man in Afrika weniger Fleischbedürfnis hat, ist eine Fabel, sagt Buchner(Kamerun, S. 153. Vgl. auch S. 116), und die Thatsachen bestätigen seine Wahr⸗ nehmung. In ganz Afrika ist die Fleischnahrung sehr gesucht. Besonders appetitlich muß die Kost der Bongoneger sein, von denen Schweinfurth erzählt, daß sie, Hund und Mensch ausgenommen, kein tierisches Nahrungsmittel verschmähen, auch nicht Ratten, Schlangen, Aasgeier, Hyänen, Skorpione, Ameisen und Raupen. Aehnlich heißt es von den Indianern Britisch⸗Guvyanas, die unter dem Aequator leben:Wild und Fische bilden ihre Hauptnahrung, doch verschmähen sie auch Ratten, Affen, Alligatoren, Frösche, Würmer, Raupen, Ameisen, Larven und Käfer nicht. (Appun bei Peschel, S. 163.)

Weit entfernt, bloß von Früchten zu leben, haben sogar viele unter den Tropen lebende Völkerschaften das Menschenfleisch ihrer Nah⸗ rung einverleibt. Ja, es scheint, als sei der Kannibalismus den Tropen vorzugsweise eigen⸗ tümlich.

Erst auf einer sehr hohen Kulturstufe erlangt der Mensch eine solche Herrschaft über die Natur, daß er sich seine Nahrung seinen Bedürfnissen entsprechend frei wählen kann. Je tiefer er steht, desto mehr muß er mit dem vorlieb nehmen, was er findet; desto mehr muß er, statt sich die Nahrung anzupassen, sich der Nahrung anpassen, die für ihn verfügbar ist. Wenn der Eskimo vorzugsweise von Fleisch und Thran lebt, so weniger deswegen, weil das Klima ihm diese Nahrungsmittel vorschreibt, als deswegen, weil er andere nicht findet. Er könnte nicht von Früchten leben aus dem einfachen Grunde, weil in Grönland nicht genug wachsen. Daß die aus⸗ schließliche Fleischnahrung von ihm nicht aus physiologischen Rücksichten gewählt worden, zeigt der Wert, den er auf die spärlichen

. Vegetabilien legt, die ihm zugänglich sind. Die südlichen Eskimos sammeln im Sommer ein paar Beeren; die im Norden wohnenden kennen kaum irgend welche Vegetabilien, die aus⸗ genommen, welche sie in einem halbverdauten Zustande in dem Rentiermagen finden, und diese betrachten sie als eine große Delikatesse.

Das ist allerdings ein extremer Fall; der weitaus größte Teil der Erdoberfläche trägt eine reiche Fülle der verschiedenartigsten tierischen wie pflanzlichen Nahrungsmittel; nicht überall ist der Mensch in der Wahl derselben so beschränkt, wie in der Nähe der Pole. Aber nirgends steht es ihm frei nach Willkür zu wählen, welche Nahrung er will. Die weitaus meisten Nahrungsmittel findet der Mensch nur in beschränktem Maße, nicht ohne weiteres und nicht zu jeder Zeit. Welche Nahrungsquellen im Stande sind, ihm einen ausreichenden und ständigen Lebensunterhalt zu gewähren, das hängt weder von ihrem Gehalt an Kohlenstoff, noch von seinem Bedürfnis darnach ab, sondern in erster Linie von der Art und Höhe seines technischen Wissens, seiner Kunst, die Natur zu meistern, mit einem Worte: von seiner Pro⸗ duktionsweise. Gegenüber deren Einfluß wird der des Klimas, der Bodenkonfiguration und anderer physischen Verhältnisse geradezu ein ver⸗ schwindender. Man nehme die verschiedenen wilden Indianerstämme Amerikas, die auf der gleichen Kulturstufe stehen, und man wird finden, daß sie in den Pampas wie in den Rocky Moun⸗ tains, am Amazonenstrom wie am Missouri Fisch, Wild und Vegetabilien im Ganzen und Großen ungefähr in den gleichen Verhältnissen zu sich nehmen, die nur durch lokale Bedingungen, etwa größeren Fischreichtum eines Flusses und dergleichen, nicht durch klimatische Einflüsse merk⸗ liche Abänderungen erfahren.

Aendert sich die Produktionsweise eines Volkes, so ändert sich auch seine Nahrung, ohne daß das Klima sich ändert. Wenn der heutige Lazzaroni Neapels sich mit Makkaroni, Sardellen und Knoblauch begnügt, so dankt er dies nicht dem herrlichen Klima, unter dem er lebt. Unter demselben Klima haben die Menschen des griechi⸗ schen Heldenzeitalters, wie wir aus der Ilias und Odyssee wissen, ein Vergnügen daran ge⸗ funden, große Mengen nicht nur von Fleisch, sondern auch vonblühendem Fett zu verzehren, eine Nahrung, die auch einen Eskimo befriedigen könnte.

Auch die Hindus sind nicht immer Vege⸗ tarianer gewesen. Ehe sie in das Gangesthal einbrachen und dort seßhaft wurden, waren sie nomadische Hirten, deren Nahrung hauptsächlich aus der Milch und dem Fleisch der Herdentiere bestand. Erst als ihre Produktions weise sich geändert hatte, der Ackerbau die Viehzucht zurück⸗ drängte, da das Gangesgebiet wohl für jenen, nicht aber für eine ausgedehnte Weidewirtschaft günstige Bedingungen bot, da wurde das Schlachten eines Rindes, des Pflügers und Milchspenders, allmählich zu einer sündhaften Verschwendung.(Fortsetzung folgt.)

Humoristisches.

Unüberlegtes Kompliment. Aeltliche Dame Gu ihrem Tischnachbar):Herr Rechtsanwalt, wenn ich ein Mann geworden wäre, ich wär' auch Rechtsanwalt geworden! Rechtsanwalt:Ach, gnädiges Fräulein wären gewiß schon lange Justizrat!

*

Papa, wem gehört dieser Park? Uns, mein Sohn, antwortete der Vater.Uns, dem Volke. Als ein Teil des Volkes, Fritz, haben wir das Recht, uns als Eigentümer zu betrachten. Die Souveränität des Volkes He, Sie da! unterbrach ihn eine barsche, rauhe Stimme,machen Sie, daß Sie sofort von dem Gras'runterkommen, oder ich arretiere Sie. Die Stimme gehörte einem Schutz mann. Zu seinem Leidwesen mußte Fritz konsta⸗ tieren, daß Papa wieder einmal gelogen hatte.

**

Alles in Ordnung.Auch in berüchtigten Häusern soll Ihr Herr Sohn, der Lieutenant, oft ge⸗ sehen worden sein.In Uniform?Nein, in Zivil.Na, was wollen Sie da noch?

*

Fürst(zum Finanzminister):Donnerwetter, wo bringst Du denn bei den schlechten Zeiten den Haufen Geld her?Ganz einfach, Hoheit, ich habe für Majestätsbeleidigung die Geldstrafe eingeführt.