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Seite 4.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 9.
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Präsidenten beschuldigt, die Panamisten 1892 als Ministerpräsident gerettet zu haben. Indes ist das Panamagespenst längst kein Schreckmittel mehr. Die große Mehrheit Loubets in der Nationalversammlung beweist aber auch, daß die generalstäblerische Verleumdungskampagne doch nicht allmächtig ist.
Kurz zusammengefaßt: Loubets Wahl läßt in Bezug auf den Hauptpunkt der Dreyfus⸗Krise die Lage mindestens unverändert. Das ist schon ein Gewinn für die Republik in den gegebenen Umständen.
Der neue Präsident Loubet, der einer ein⸗ fachen Bauernfamilie entstammt, wird im Organ des mit Hilfe von christlichen und jüdischen„Liberalen“ gewählten Abgeordneten Köhler folgendermaßen geschildert:
„Männiglich ist es bekannt, daß von einer Räuberbande derjenige zum Hauptmann auser⸗ koren wird, der am meisten gestohlen, am wil⸗ desten geraubt, und am gräßlichsten gemordet hat. Das ist so die Ordnung; es ist deshalb auch ganz folgerichtig, wenn die Judenrepublik in Frankreich und ihre verdorbenen Vertreter, sich zum Präsidenten einen Mann gewählt haben, der in allen Künsten der Spitzbüberei die Meister⸗ schaft erlangt hat: Emil Loubet ist am Samstag zum Präsidenten der französischen Republik ge⸗ wählt worden
Es wird niemand etwas anders erwartet haben vom Organ des Herrn Köhler. Aber es geschieht den„gebildeten“ Herren Liberalen recht.
Van Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen
Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit
dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Drr ck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Miliz oder stehendes Heer?
n. Die Parteiversammlung, welche am Sams⸗ tag Abend in Gießen abgehalten wurde, war sehr gut besucht. Genosse Scheidemann sprach über das Thema:„Miliz oder stehendes Heer?“ Er beleuchtete die von Schippel veröffentlichten Ansichten über den Wert eines stehenden Heeres und eines wahr⸗ haften Volksheeres. Man hätte glauben sollen, daß hierüber innerhalb der Partei kein Zweifel mehr bestehen könnte. Schippel habe uns eines anderen belehrt. Redner machte dann auch die Versammlung mit den Zitaten aus Engelsschen Schriften bekannt, die Schippel zu seinen Gunsten anführt. Nachdem der Referent auch die Ab⸗ fertigung Isegrim⸗Schippels durch Kautsky ge⸗ schildert, kam er zu dem Schluß, daß eine demokratische Partei niemals für ein stehendes Heer, sondern nur für ein echtes, un⸗ verfälschtes Volksheer eintreten könne. Das stehende Heer würde stets ein Werkzeug in der Hand der herrschenden Klasse sein. Ein Volk in Waffen aber— und ein Volks⸗ heer, eine Miliz, sei nichts anderes— wäre die beste Bürgschaft dafür, daß der Wille des Volkes höchstes Gesetz sei. Was die Stellungnahme Schippels anlange, so sei er (Redner) der Ansicht, daß es selbstverständlich jedem Genossen un benommen bleiben müsse, seine Ansichten frei und offen zu bekennen. Eine Millionenpartei, wie die sozialdemokratische, müsse auch Raum haben für Leute, die in einzel⸗ nen Punkten anderer Meinung sind als die große Masse unserer Anhänger. Es handelt sich bei der ganzen Frage in der Hauptsache um theoretische Auseinandersetzungen. Die Art und Weise, wie Schippel mit seinen Ansichten her⸗ vorgetreten, sei entschieden zu verur⸗ teilen.— Der Korreferent, Genosse Krumm, ist in faft allen Punkten mit Scheidemann ein⸗ verstanden. Er geht jedoch mit Schippel weit strenger ins Gericht wie der Referent. Schippel habe mit einer geradezu bewundernswerten Fertig⸗ keit aus Engels Schrift gerade diejenigen Zitate herausgefunden, welche zu seinen Gunsten zu sprechen schienen. Die übrigen Aeußerungen Engels, die gegen Schippel sprechen, scheine letzterer merkwürdigerweise alle übersehen zu haben. Krumm hat nichts einzuwenden gegen die Kritik des eigenen Parteigrogramms, obwohl er es
für weit besser hielt, wenn die Herren Akademiker lieber ihr Können nach der Richtung hin im Dienste der Partei bethätigten, daß sie den Gegnern zu Leibe gingen, anstatt eifrig bemüht zu sein, irgendwo ein Häkelchen in der eigenen Partei zu finden, wo sie anhaken könnten. An die beiden Referate knüpfte sich eine lebhafte und interessante Diskussion, an der sich die Genossen Amend, Bock, Volz, Krieger und Diehl beteiligten. Kein einziger Redner teilte die Ansichten Schippels. Wenn auch nicht immer direkt ausgesprochen, so tönte es doch aus allen Aeußerungen immer deutlich genug hervor: Nieder mit dem Militarismus!
* Im Gießener Reptilchen stellte am vorigen Freitag der tapfere St. Georg selbst fest, daß Bismarck am 26. November 1884 im Reichstag erklärt hat:
„Wenn es keine Sozialdemokratie gäbe, und wenn nicht eine Menge Leute sich vor ihr fürchteten, würden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in der Sozialreform bisher gemacht haben, auch noch nicht existieren (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten), und insofern ist die Furcht vor der Sozialdemo⸗ kratie in Bezug auf denjenigen, der sonst kein Herz für seine armen Mitbürger hat, ein ganz nützliches Element.“
Das genügt uns. Die sonstigen Klopf⸗ fechtereien des tapfern Ritters lassen uns kalt. Wir sind an diese Mätzchen seit vielen Jahren gewöhnt.
— Ein Freund unseres Blattes sendet uns noch folgende Zeilen:
Der„hl. Georg“ im„Gießener Anzeiger“ hat sichs einmal in den Kopf gesetzt zu beweisen, daß die Nationalliberalen Arbeiterfreunde und Förderer einer gründlichen Sozialpolitik seien. Die„Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.“ hatte anläßlich einer Rede des Freiherrn von Heyl im Reichstag ihren Zweifeln Ausdruck gegeben, ob die von diesem Herrn zur Schau getragene„Liebe“ zu den Ar⸗ beitern ächt sei; sie war zu diesen Zweifeln umsomehr berechtigt, als gerade die Partei des Herrn v. Heyl bei allen Bedrückungen und Knebelungen der Arbeiter in vor⸗ derster Reihe stand.... Nach langem Hin und Her giebt nun Herr—g im„Gieß Anz.“ zu, daß Bismarck gesagt hat:
Wenn es keine Sozialdemokraten gäbe. (siehe obiges Zitat)... nützliches Element“.
Dann fügt—g noch hinzu, daß Bismarck auch zu den Sozialdemokraten gesagt hat:„Sie können nichts!“ Dieses Wort ist ebenso falsch und ungerecht, wie das andere Zitat Bismarcks zutreffend. Es dürfte auch dem tapferen Herrn —g nicht ganz unbekannt sein, daß beinahe alles von der Sozialdemokratie Geforderte von seiner Partei— der nationalliberalen— in Ver⸗ bindung mit Konservativen, Zentrum usw. aus Klasseninteresse niedergestimmt wurde. Nicht uns trifft der Vorwurf, daß so wenig für die Arbeiter geleistet wurde, sondern dieser Vor⸗ wurf gebührt den Vertretern einer engher⸗ zigen, egoistischen Bourgeoisie, die nur ihre eigenen Interessen vertritt, unbe⸗ kümmert darum, daß diese meist im Wider⸗ spruch mit den Interessen der großen Masse des Volkes stehen. Wir sind gerne bereit, Herrn—g ein Programm unserer Partei zur Verfügung zu stellen, damit auch er erfährt, was wir wollen. Ist seine Partei wirklich ehrlich arbeiterfreundlich, so mag sie uns den zweiten Teil unseres Programms verwirklichen helfen; solange die nationalliberale Partei ihrer „Arbeiterfreundlichkeit“ nur durch Verleumdungen und Schimpfereien auf die Sozialdemokratie Ausdruck giebt, werden wir diese brandmarken als das, was sie in Wirklichkeit ist: erbärmliche Heuchelei.
Was Einigkeit vermag.
K.„Was einer nicht zu Stande bringt— vereinter Kraft gar oft gelingt.“ Dieses von dem werkthätigen Volke besonders zu beachtende Sprichwort findet eine geradezu glänzende Be⸗ stätigung in einem uns vorliegenden Geschäfts⸗ bericht des Vorschuß vereins Emmerichen⸗ heim(Westerwald). Dieser Verein welcher
den Kredit für seine Mitglieder vermittelt, erzielte
einen Reingewinn von 7803 30 Mk.(bei nur 526146 Mk. Verwaltungskosten)G. An Stamm⸗
antheil haben die Mitglieder ein Guthaben von
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in 1898 einen Gesamtumsatz von 6 590 499 Ml.,
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97 150,74 Mt., an Reservefond 66 391,34 Mk. Zieht man in Betracht, daß genannter Verein
in einer wirtschaftlich armen Gegend seinen Sitz
hat, daß die ganze Bevölkerung hervorragend
aus kleinen Bauern, Handwerkern und
Arbeiter besteht, so muß rühmend anerkannt
werden, daß das Solidaritätsgefühl bei diesen
kleinen Leuten geradezu glänzend entwickelt ist. Im Solde des Kapitals.
*Die„Wetzl. Nachr.“ drucken dem„Dresd. Journ.“ die Anklageschrift gegen die Verurteilten nach,
thun, als ob es sich um den objektiven That⸗
bestand, also um die gerichtlich ermittelten Thatsachen
handelt und leisten sich dann folgende Zeilen, die
natürlich aus irgend einem Amts- oder Kapitalisten⸗ blatt herausgeschnitten sind: a
„Zu vorstehender Schilderung bemerkt das offizielle
Organ der Sozialdemokratie, der„Vorwärts“:„Was
in Löbtau geschehen, ist nicht mehr und nicht wenigen
als eine trunkene Prügelei, wie sie alle Tage vor⸗ kommen.“ Daß es den Wünschen des genannten
Hetzblattes und seiner Hintermänner entsprechen würde,
wenn dergleichen Scheußlichkeiten in Deutschland zu den alltäglichen Vorkommnissen gehörten, darf man dem„Vorwärts“ unbesehen glauben, denn sein Zu⸗ kunftsideal ist nicht die Herrschaft von Recht und
Gesetz, sondern die Diktatur des Proletariats. Die
maßlose Wut, womit es über das Dresdener
Urteil herfällt, entspringt einesteils dem
Bedürfnis der Hetzer, den Massen, auf
deren Kosten sie ein behagliches Leben führen,„etwas zu bieten“, andernteils der Spekulation auf eine etwaige Milderung des Urteils im Gnadenwege.“
Wenn man nicht wüßte, wie Blätter vom Schlage dieser sogenannten Wetzlarer Nachrichten zusammen⸗ gestoppelt werden, könnte man sich ob der Unverschämt⸗ heiten entrüsten. Natürlich wissen die Macher der W. N. ganz genau, daß die Sozialdemokratie die aller⸗ entschiedenste Gegnerin jedweder Rohheiten ist; sie wissen auch, daß der„Vorwärts“ ebenso wie alle übrigen sozialdemokratischen Blätter das Verhalten jener Arbeiter in Löbtau entschieden verurteilt hat; die Gelehrten der W. N. müssen auch wissen, daß der„Vorwärts“, wie alle übrigen sozialdemokratischen⸗ Zeitungen lediglich die Verweigerung mildernder Um⸗ stände und das furchtbare Strafmaß bekrittelte, welch letzteres gar keinen Vergleich mit anderen Strafen. aushält, die über Landfriedensbrecher verhängt wurden, die gegen Sozialdemokraten Gewaltthaten. schlimmster Art verübten. Es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß die Macher der W. N. auch die von sozialdemokratischen Blättern in Erinnerung gerufenen und von vielen anständigen, weder von Behörden noch Unternehmern abhängigen bürgerlichen Blättern nachgedruckten Vorgänge jenes Eislebener Krawalles gelesen haben. Aber die Wetzlarer Nachr. haben nicht den Mut, jenes Eislebener Urteil mit dem Dresdenex in Vergleich zu stellen. Die übrigen Ver⸗ dächtigungen des Wurstblattes, betreffend die„Hetzer, die ein behagliches Dasein führen“, gehören zum eisernen Bestand aller Blätter, die ihre Aufgabe darin erblicken, der herrschenden Klasse Lakeiendienste zu verrichten. Den Arbeitern, die jenes Blatt noch lesen, sollte die Schamröte ins Gesicht steigen.
Aus Marburg.
b. In der Strafkammerverhandlung am Dienstag wurden drei Zeugen und ein An⸗ geklagter wegen Meineids und Verleitung dazu verhaftet. Der Briefträger W. Schneider aus Eimelrod bei Vöhl war von einem dortigen Ortsbewohner in flagranti dabei ertappt worden, wie er mit dessen Ehefrau sträflichen Umgang pflog. Dabei hatte Schneider den Ehemann noch, mit dem Messer bedroht, weshalb er wegen Bedrohung angeklagt war. In der Schöffen⸗ gerichtsverhandlung und in der späteren Straf⸗ kammerverhandlung sollen dann zu Gunsten des Angeklagten die Meineide begangen worden sein, die obige Verhaftungen herbeiführten.
Fette Posten. * Als Vakanzen im Bereiche des elften
Armeekorps werden unter anderem ausgeschrieben:
In Frankenau, Bürgermeisteramt, Po lizei⸗ sergeant undo Stadtdiener, 270 Mk. jähr⸗ liche Remuneration, sowie alle drei Jahre ein neuer Dienstanzug. In Groß- Auheim, Ge⸗
meinde⸗Behörde, Nachtwächter, 200 Mk. jährlich und 6 Raummeter Stockholz für Heizung des Wachtlokals.— Auf nach Frankenau und Groß- Auheim! Lügnern zum Opfer gefallen. g Wegen Beleidigung eines Amtssekretärs hatte sich vor der Strafkammer in Vochum der Redakteur
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