Ausgabe 
25.6.1899
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

Nr. 26.

Neue Steuern für Hessen.

* Ganz ungeheuerliche Stempelabgaben will die Regierung einführen, um den Ausfall für die abgelehnte Weinsteuer zu decken. Die Regierung hat nicht den Mut, die Reichen entsprechend höher zur direkten Steuer heran⸗ zuziehen, wie es unsere Genossen beantragten, aber sie scheut sich nicht, den Vorschlag zu machen, so ziemlich alles, was Namen hat, einer Stempelgebühr zu unterwerfen. Auch eine Fahrradsteuer soll eingeführt werden in der Höhe von 5 Mk. Wie weit die Regierung in ihren Forderungen bezüglich der Stempel⸗Ge⸗ bühren geht, mögen folgende wenige Beispiele zeigen:

Zu öffentlichen Tanzbelustigungen auf Kirchweihen, Jahrmärkten und Hochzeiten für jeden Tag= 20 Mk.

Zu Tanzbelustigungen bei andern öffentlichen Veraͤnstaltungen für jeden Tag:

a. zu Darmstadt, Mainz, Gießen, Offen⸗ bach, Worms und Bingen, sowie in den Orten, welche weniger als eine Stunde von diesen entfernt sind= 20 Mk.

b. in anderen Orten von 2500 Seelen und mehr= 12 Mk.

c. in anderen Orten von 50 bis weniger als 2500 Seelen= 10 Mk.

d. in Orten von weniger als 50 Seelen = 8 Mk.

zu öffentlichen Tänzen auf einen Nachmittag die Hälfte der vorstehenden Sätze.

Als öffentliche Tanzbelustigungen werden auch solche von sogen. geschlossenen Ge⸗ sellschaften gerechnet, sobald die Musik bezahlt wird, also nicht jemand aus dem Kreis der Gesellschaft gratis spielt. Auf die Wirte und solche, die es werden wollen, scheint es ganz besonders abgesehen zu sein, wie folgende Stempelsätze beweisen: Für die Exlaubnis zum Betrieb einer Wirtschast:

in Orten mit weniger als 1000 Einwoh⸗ nern: für eine Gastwirtschaft- 50 Mk., für eine Schankwirtschaft= 35 Mk.

in Orten mit 1000 bis 3000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft 150 Mk., für eine Schankwirtschaft= 100 Mk.

in Orten mit 3000 bis 10000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft= 300 Mk., für eine Schankwirtschaft= 200 Mk.

in Orten mit mehr als 10000 Einwohnern: für eine Gastwirtschaft= 500 Mk., für eine Schankwirtschaft 300 Mk.

Wenn neben der Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft auch die Erlaubnis zum Ausschank von Branntwein nachgesucht und er⸗ teilt wird, erhöht sich die Toxe für die Orte mit weniger als 1000 Einwohnern um 20 Mk. für Orte mit 1000 bis 3000 Einwohnern um 40 Mk., für Orte mit 3000 bis 10000 Ein⸗ wohnern um 60 Mk., für Orte mit mehr als 10000 Einwohnern um 100 Mk. Handelt es sich um den Betrieb einer Wirtschaft von be⸗ sonders bedeutendem Umfang, so kann die Taxe für die Erlaubnis bis zum doppelten Be⸗ trage der vorstehenden Sätze erhöht werden. Wird die Einholung einer neuen Erlaubnis nur infolge Wechsels des seitherigen Wirt⸗ schaftslokals innerhalb des Gemeindebezirks oder infolge wesentlicher Veränderungen des seit⸗ herigen Wirtschaftslokals notwendig, so ist die Hälfte, wird sie aber lediglich infolge pacht⸗ weiser Uebertragung einer bereits bestehenden Wiitschaft auf eine andre Person erforderlich, so sind zwei Zehntel der vorstehenden Sätze zu erheben. Alles, was Namen hat, soll ge⸗ stempelt und der Stempel gut bezahlt werden. Das Verzeichnis der dem Stempel unterliegenden Gegenstände umfaßt in der Regierungsvorlage 32 Quartseiten. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß die Sozialdemokraten gegen derartige Gebühren sind. Unsere Ge⸗ nossen werden auch nicht ermangeln, im Land⸗ tag den Herren von der Regierung, die so außerordentlich glimpflich mit den besitzenden Klassen umgeht, gründlich die Meinung zu sagen.

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2. eee Unterhaltungs⸗Ceil. * Frankfurt in seinen Monumenten.

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Adam und Eva vom Paradiesbrunnen in Sachsenhausen. Von Friedrich Stoltze. So sahen aus die ersten Menschen! Sie waren ohne Strümpf' und Händschen Und nackend nicht blos im Gesicht Und schämeten sich dennoch nicht. Sie waren eben alle Beide Swei junge unverschämte Leute, Und kamen mitten auf dem Feld Gleich ausgewachsen auf die Welt. Doch kriegten sie nichts Warm's zu essen Und mußten rohe Aepfel fressen Und konnten sie nicht einmal schälen, Weil ihnen that das Messer fehlen. Auch kam kein Wein auf ihre Lippen, Sie mußten pures Wasser nippen, Als wie die Mechslein und die Pferde, Und schliefen auf der blanken Erde. Und naheten Gewitterstürme, So war'n sie ohne Regenschirme Und hatten keine Makintösche Und hockten in dem Gras wie Frösche. Und wollten sie einander küssen, Mußt's erst der liebe Berrgott wissen, Es war ein wahres Luderleben: Kein Hemd am Leib, kein Saft der Reben, Kein Muß und auch nichts Rechts zum Beißen, Das hat manParadies geheißen.

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Die Hosentaschen des Erasmus.

5 Von Otto Ernst.. (Aus der Münchener Jugend.)

Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und normal ge⸗ staltet ist. Aber in betleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu Zeit an den Oberschenkeln un⸗ förmliche bedrohlich angewachsene Wulste. Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau sehr vergnügt zu mir herein⸗ zukommen und zu sagen:Du wir müssen mal wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein ganzes Museum darin an⸗ gesammelt!

Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustande eines achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es giebt eigentlich kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen Gegenstand, der nicht Interesse solch eines verschwiegenen kleinen Weltbetrachters auregle. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilse seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegen⸗ sten Hoffnungen knüpft.

Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir manchen Gegen⸗ stand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen. Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der öffentlichen Moral bemerkte ich, daß der Knabe wahrend dessen mit einer anderen Hose bekleidet ist. r

Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich darf ebenfalls als bekannt voraussetzen daß dieser Gegenstand sich bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und alle übrigen Objekte, die

cus solch einer Tasche ans Licht gesordert wer den in einer mehr oder minder interessanten Ver wicklung mit jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens um mich gewählt auszudrücken gelangen wir so⸗ dann zu einem stark verosteten, ovalen Blech⸗ schildchen, das die InschristPatent trägt. Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich

weiß das. Ich kann den Maßstab natürlich

nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben

um Liebhaberwerte. f Was heißt denn das: Patent'? frage

Wenn einer sich so fein angezogen hat. Rrrich tig!!

Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und fördern aus dem Labyrinth ein Notizbuch zu Tage. Das ist nun etwas ganz besonders Her⸗ vorragendes. Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem Wert und Nutzen. Es ist wohl selbstverständlich, daß man sich in er⸗ ster Linie das notiert, woran man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den 9. Oktober zur Apfelernte bei dem Spielkameraden einge⸗ laden ist, oder daß am 25. Dezember Weihnacht gefeiert wird. Auch die 10 Pfennige, die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß als Grundstock eines zu sammelnden Kapitals ge⸗ bucht, leider aber gewöhnlich nicht wieder aus⸗ gestrichen, wenn sie nach zehn Minuten in Scho⸗ kolade umgewandelt wurden. Freilich sind Stift und Papier bei diesem Büchelchen von einer Güte, die sich in Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin noch ratsamer er⸗ scheinen läßt, mit einer spitzen Stahlfeder auf ein Flanellhemd zu schreiben; aber Erasmus ver⸗ folgt es mit sorglich behütenden Blicken.

Woher hast du denn das?

Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.

Weshalb denn?

Och die anderen wollten nicht mit ihm spielen.

Warum nicht?

Weil er der erste geworden ist.

Aha. Aber was bedeutet denn das hier? Ich habe nämlich dasNotizbuch auf⸗ geschlagen und lese auf einer Seite die höchst rätselhaften WorteKäs Käse Käse la.

Das ist Französisch, erklärt er mit einem Anflug von Gelehrtenstolz.

Französisch?? Aaaaaah jetzt geht mir ein Licht auf! Er hat heut seine erste französische Stunde gehabt! Nach der neuen Methode! Der Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. Erasmus aber, seines Nolizbuches stolz sich bewußt, hat sich's notiert. Qu'est-ce que c'est que cela!(Was ist das?)

Voilaà ce que c'est!(Das ist's.)

Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nun⸗ mehr ein kleines Scharnier von einem Deckel⸗ seidel in inniger Verbindung mit einem Stück Schusterpech zu Tage.

Aber Erasmus! Ferkel! ruft meine Frau und betrachtet nasrümpfend ihre Finger.

Er aber starrt sie an mit schuldlos⸗erstauntem Blick, als wollte er sagen:Wieso? Was ist denn los?

Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, ursprünglichsten Pantheismus; aus allem, was die Erde bietet, atmet ihm in der Wärme des Herzens und der Wangen nur erst ahnungs⸗ los gefühlt der unbekannte Schöpfer ent⸗ gegen, und das gewaschenste Kätzchen wie den pfützenbewandertsten Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe an sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. Er steht noch auf dem naiv⸗ genialen Standpunkt der Gleichberechtigung aller chemischen Verbindungen, und die paradiesische Unschuld, die noch nichts weiß, was rein und schmutzig ist, ist noch nicht ganz durch unsere ästhetischen Engherzigkeiten verscheucht. N

Was willst Du denn mit diesem Stück von einem Bierglasdeckel machen?

Och wenn ich den Deckel dazu finde, dann mach' ich das auf mein Milchseidel.

Das s'ne Idee! Famos! Aber sag mir Bescheid, wenn Du den Deckel gefunden hast! Kannst Du denn überhaupt so was machen?

Jaaa das ist man ganz leicht!

Mmmm. a

Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge sämtlichen Handwerkern ihre sämtlichen Künste abgeguckt. Es ging alles so nett und leicht. Ich wäre so gern Tischler, Schlosser⸗ Schmied, Schuster, Maurer, Hutmacher, Maler und alles andere außerdem gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk entworfen hatte, so war's auch schon fertig und ich spielte

ich

damit. Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne

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