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Nr. 26.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
geschäftsführenden Ausschusses. Wegen der Beschlüsse des deutschen Aerztetages in Dresden, die gesetzliche Festlegung des Aerztehonorars und der freien Aerztewahl betreffend wurde ein⸗ stimmig eine Resolution gefaßt, welche sich ener⸗ gisch gegen derartige gesetzliche Fixierungen aus⸗ sprach. Als Ork der nächsten Generalver⸗ sammlung wurde Vilbel gewählt. Die Orts⸗ krankenkasse Gießen war in Nierstein vertreten durch die Herren Fabrikant Hanau, den Vor⸗ sitzenden Dahmer und den Geschäftsführer Fourier. Im Joch des Kapitalismus.
X. Diesmal ist die vorstehende Ueberschrift ganz wörtlich zu nehmen, wie uns aus dem Kreis Wetzlar geschrieben wird. Am Don⸗ nerstag Abend sahen zahlreiche Passanten der Straße von Wetzlar nach Herborn, wie 5— 6 Arbeiter einen Pflug im Acker zogen, also eine Arbeit verrichteten, die sonst von Zugtieren verrichtet wird. Es wäre wirklich wüuschens⸗ wert, wenn Aufklärung darüber zu erlangen wäre, wer jene Arbeiter, die in der Aßlarer Drohtzieherei beschästigt sind, zu jener Arbeit bestimmt hat.
Aus Daubringen.
1. Unser Waldfest verlief auf das Beste und gestaltete sich zu einer großen Demonstration gegen die Zuchthausvorlage. Zahlreich hatten sich die Arbeiter und namentlich die A beiterinnen in unserem herrlichen Wald eingefunden. Mögen die Genossen die wenigen aber kernigen Worte unseres Vorsitzenden nicht vergessen und zahl⸗ reicher in den Versammlungen erscheinen, um der Verpflichtung, fleißig zu agitieren und die Organisation mehr auszubreiten, nachkommen.
Aus Marburg.
p. Am Freitag Abend nahm hier eine von nationalsozialer Seite einberufene Volksver⸗ sammlung gegen die Zu hthausvorlage Stellung. Da unserer Partei kein Lokal hier zur Ver⸗ fügung steht, fanden sich unsere Genossen zahl⸗ reich ein. Zu gut der Hälfte bestand die Ver⸗ sammlung aus Studenten. Nach dem Referenten Erdmannsdörfer sprachen zwei Antisemiten, der Bibliothekar Dr. Häberlin und der stud. jur. Harmony. Als letzter kam Genosse Scheidemann-Gießen zum Wort. Er fertigte unter ständig zunehmendem Jubel der Versamm⸗ lung namentlich die Antisemiten gehörig ab. Die national⸗soziale Resolution wurde nach der Rede unseres Genossen zurückgezogen und die⸗ jenige Scheidemanns angenommen. Ein Bäckerdutzend autisemitischer„deutsch⸗nationaler Han dlungsgehilsen“, die der Student Harmony am Faden hatte, und die so zappelten, wie der Herr Studiosus zog, enthielt sich der Abstim⸗ mung. Gegen die Resolution stimmte niemand. Die Versammlung währte von ½9 bis nach 1 Uhr.— Der Verlauf der Versammlung hat klar und deutlich bewiesen, daß hier die Auti⸗ semiten sowohl, wie auch die Nationalsozialen doch recht unbedeutende Rollen spielen. Ge⸗ währte man unserer Partei dieselben Freiheiten, wie den„nationalen“ und„deutschen“ Sozialen, ständen uns vor allen Dingen Säle zur Ver⸗ fügung, so würden wir bald von der schwächsten zur stärksten Partei im Kreise werden.— Der Referent Erdmannsdörffer wurde von dem Autisemiten Harmony arg mitgenommen. Wir hätten nicht in der Haut des Steuermauns der nationalsozialen Marburger„Hess. Landesztg.“ stecken mögen. Man stelle sich nur solgende Scene vor: Herr Erdmannsdörffer wirft den Antisemiten, seinen ehemaligen Parteigenossen, Unfähigkeit und noch viel mehr vor, und zwar mit voller Berechtigung. Aber er mußte sich schließlich sagen lassen, daß er selbst— Er d⸗ mannsdörffer!— auch keine große Befähi⸗ gung an den Tag gelegt habe als Antisemit, denn er habe sogar seiner Zeit eine Broschüre verbrochen:„Die Juden und die Cholera“, in der er zu beweisen suchte, daß neben alle den anderen schauderhaften Dingen die Juden auch fur die Cholera verantwortlich zu machen sind!!! Das muß eine schrecklich bittere Pille für Herrn Erdmannsdörffer gewesen sein. Es war trotz alledem für die Nationalsozialen gut, daß die Antisemiten auf der Bildfläche erschienen
waren, und r als Puffer zwischen den nationalsozialen und sozialdemokratischen Zuchthausgesetzgegnern dienten. Andern⸗ falls hätte wohl Genosse Scheidemann, der sich gezwungenermaßen vornehmlich mit den Anti⸗ semiten beschäftigte, mit den Nationalsozialen abgerechnet. Und ob dann die Herren besser davongekommen wären, ist sehr fraglich. Charak⸗ teristisch ist die Selbsttäuschung der National⸗ sozialen. In der„Hess. Landesztg.“ wird die Diskussion mit ein paar Worten abgethan und gesagt, die Versammlung bedeute einen schönen Erfolg für die nationalsoziale Sache. Das ist ein großer Irrtum. Der Erfolg des Abends gehörte unbestritten den Sozialdemokraten.
Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen.
* In Nieder-Eschbach fand am Sonntag im Gasthaus zur Traube eine gut besuchte Volksversammlung statt, in welcher der Land— tagskandidat dieses Kreises, Stadtv. Krumm aus Gießen über das sozialdemokratische Pro⸗ gramm und die bevorstehenden hessischen Land⸗ tagswahlen das Referat übernommen hatte. In dem 2stündigen Vortrag besprach Redner die einzelnen Punkte unseres Programms, ins⸗ besondere die Stellung der Sozialdemokratie zur Landwirtschaft. Eine gegen die Zucht⸗ hausvorlage gerichtete Protestresolution fand einstimmige Annahme.
Aus dem verrufenen Preußen.
Eine lebhafte Erörterung rief auf dem Deutschen Gastwirttag, der kürzlich in Dresden stattfand, ein Antrag hervor,„dahin zu wirken, daß die Tanzbelustigungen nicht von einer jedesmaligen Genehmigung abhängen.“ Besonders ging der Verbandspräsident Müller⸗ Berlin für diesen Antrag tüchtig ins Zeug. In Preußen gebe es Orte, wo die Wirte nur 14⸗ bis 16 mal Tanzmusik im Jahre bekommen. Was würde der Mann für Augen machen, wenn er in das gelobte Land Hessen käme, wo es Bürgermeister fertig bringen, jahrelang jede Tanzmnsik für Arbeitervereine unmöglich zu machen.
Vergiftung durch die Impfung.
Aus Sulz im Ober⸗Elsaß wir der„Freien Presse“ für Elsaß⸗Lothringen berichtet:„In unserm Städtchen herrscht der reinste Aufruhr infolge der Impfung. Die geimpften Kin⸗ der haben, wohl infolge schlechten Impfstoffes, geschwollene Aermchen, daß es einen schaudert, sie nur anzusehen. Es fallen Löcher in die Arme. Brust, Hüften, Arme, Hals und Ge— sicht sind mit dem Ausfluß des Giftes be⸗ deckt. Die Kinder schreien Tag und Nacht, mehrere schweben in Lebensgefahr. Der Arzt entschuldigt sich damit, daß er sagte, die Schuld liege an dem schlechten Gift, das er erhalten. Es scheint uns unglaublich, daß man so leicht⸗ sinnig mit Menschenleben umgehen kann. Muß da nicht jeder Gegner des Impfzwanges werden? Es wird leider nicht berichtet, ob bereits alles von seiten der Behörde geschieht, um die Ge⸗ sundheit der Kinder wiederherzustellen und die Schuldigen zu bestrafen.
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Arbeiterbewegung.
Buchdrucker. In Mainz wurde am Montag die Generalversammlung des Verbandes der deutschen Buchdrucker eröffnet, in derselben Stadt, wo gerade vor 51 Jahren die erste deutsche Buchdruckerversammlung tagte und den Grundstein zu der heutigen Organisation legte. Der Vorsitzende des Verbandes, Döblin-⸗Berlin, erstattete den Geschäftsbericht. Die Mitglieder⸗ zahl beträgt 26377. Die Gesamtsumme der Unterstützungen beträgt in den letzten vier Jahren M. 3 202 865,14. An Reiseunterstütz⸗ ung wurden von 18951898 verausgabt M. 501 899,55, an Arbeitslosen-Unterstützung M. 449 170,25, an Unterstützung nach§S 2(Lohn ⸗ bewegung, Maßregelung) und Umzugskosten Mark 209 678,05, Kranken⸗Unterstützung Mark 1 374 890,03, Invaliden-Unterstützung Mark 538 172 und Begräbnisgeld M. 79 055,26. Der Vermögensbestand betrug am 31. März 1899 M. 2 106 822, 89. Die Ideen der Buchdrucker
seien bahnbrechend für die ganze deutsche Ar⸗ beiterschaft geworden, die Mißdeutuugen zwischen den Buchdruckern und der Arbeiterschaft auf dem Gewerkschaftskongreß in Frankfurt aus der Welt geschafft. Döblin schlug eine Resolution vor, die sich gegen die Zuchthausvorlage wendet. Sie wurde ein— stimmig angenommen und telegraphisch dem Reichstagsbureau übermittelt.
Bauhandwerker. Zum Maurerstreik resp. zur Bauhandwerkeraussperrung in Berlin be⸗ richtet der„Vorwärts“, daß in einer Versamm⸗ lung von Maurern der zentralen Richtung am Dienstag die Zahl der bis jetzt ab gereisten Maurer auf 1310 angegeben wurde, die von der Kommission der zentralen Richtung Fahr— karten erhalten haben. Die Zahl der Abge— reisten ist aber weit größer und beträgt etwa 2000, da viele der Ausgesperrten abgereist sind, die auf die Reiseunterstützung verzichteten. Es wurde erwartet, daß in kurzer Zeit 3000 Mau⸗ rer Berlin verlassen haben werden und sei für Arbeitsgelegenheit der Abreisenden in den verschiedenen Orten Deutschlands Sorge ge— tragen. Zu den neuen Bedingungen arbeiten von der zentralen Richtung 1100 Maurer, wäh⸗ rend 2600 als ausständig bezw. ausgesperrt bei der Kommission zur Kontrolle gemeldet sind. — Der„Frkf. Ztg.“ wird noch telegraphiert: Die Situation hat sich für die Arbeiter inso⸗ fern günstiger gestaltet, als verschiedene Bau⸗ herren die Arbeit den Maurermeistern, die ihre Gesellen aussperrten, entzogen und sie solchen Arbeitgebern zuwiesen, die den 65 Pfg.⸗Stun⸗ den⸗Lohn bereits bewilligt haben. Dadurch hat sich die Zahl der arheitslosen Maurer wieder um ein Beträchtliches vermindert. Es schwe⸗ ben— so wird unterm 22. Juni gemeldet— Verhandlungen zwischen Unternehmern und Ar⸗ beitern, die auf einen baldigen Ausgleich hoffen lassen.— Der Streik der Steinsetzer hat sein Ende erreicht, indem die Innung sich dem vom Gewerbegericht gestellten Schiedsspruch unterworfen und die Forderungen der Streikenden anerkannt hat.
Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 24. Juni.
Gießener Wahlverein. Abends 9 Uhr bei Orbig. Lauterbach: Volksversammlung bei Schwarz.
Quittung. Für den Agitationsfond bei der Red. der M. S.⸗Z. eingegangen und an den Vertrauensmann abgeliefert 1.— Mk. von C. R. in H.
— Durch die Zeitungen geht die Nachricht, daß Genosse Agster(Reichstags⸗Abgeordneter für Pforzheim) aus der Partei ausgetreten sein soll. Dem Parteivor⸗ stand ist davon nichts bekannt. Zuverlässigen Nachrichten zufolge ist Agster erneut von einem hochgradigen nervösen Leiden befallen, was wohl die Veranlassung gewesen sein mag, daß der Bedauernswerte durch allerlei Aeußerungen dem Gerücht Nahrung ge zeben hat. Agster befindet sich seit Monaten in einer Heilanstalt. Parteilitteratur. Im Auftrage der Reichstags⸗ Fraktion giebt die Buchhandlung Vorwärts den steno⸗ graphischen Bericht der Reichstags⸗Verhandlungen über die Zuchthaus⸗Vorlage als Agitationsbroschüre zu billigstem Preise zwecks Massen verbreitung heraus. Bei der voraussichtlich hohen Auflage bitten wir Be⸗ stellungen auf diese Schrift, die nächste Woche erscheinen wird, nicht an den Parteivorstand, sondern an die „Buchhandlung Vorwärts, Beuthstr. 2, Berlin S W.,“ umgehend gelangen zu lassen; die Bestellungen werden in der Reihenfolge des Einganges expediert werden.
Briefkasten der Expedition.
Quittungen in nächster Nummer. 2—
Grünberg, im Juni. Am Markttage, 17. Juni, wurden auf dem hiesigen Fruchtmarkte folgende Frucht⸗ arten dc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen ve rkauft: 12 Doppel⸗Zentner(à 100 kg) Weizen zu 16,00 M., 3 D.⸗Z. Korn zu 15,50 Mark, 2 D.⸗Z Gerste zu 15,00 Mark, 10 D.⸗Z. Hafer zu 15,08 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00.00 Mark, 58 D.⸗Z. Kartoffeln zu 4,44 Mark.


