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Ar. 5
Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 52.
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Unser Weihnachten!
Nun ist sie wiederum gekommen Die sagenreiche Weihnachtszeit,
Das Fest der Liebe und Erlösung, Der Hoffnung und der Kinderfreud'.
Und wir, die wir im Kampf um's Leben Uns müh'n das gaftize lange Jahr,
Wir fragen, ob das„Fest der Liebe“ Uns je ein Fest der Liebe war
Ob's wahr, daß es ein Tag für Alle, Der Noffnung auf Erlösung bringt, Und der die schmerzerfüllten Herzen Mit neuer Lebenskraft durchdringt
Ob's wahr, daß es den Frieden spendet, Daß es den Harm der Armut heilt, Und daß sein Geist der reinen Freude In Hütten und Palästen weilt p
Daß unter ihm der Naß verstummet Und daß der CThränenstrom versiegt, Daß Alles, was da Mensch sich nennet, Sich nur im reinsten Glücke wiegt p
„Nein!“ tönt's uns überall entgegen, Wohin sich wenden Aug' und Ohr, „Nein!“ schallt aus allen Völkern wieder Die Antwort rings umher im Chor.
Noch kam kein Heiland, der die Völker Befreien konnt' aus Qual und Vot,
Noch war vergeblich ihr Bestreben
Nach Menschlichkeit, nach Recht und Brot.
Noch wandeln Millionen Menschen
In Mnechtschaft und in Vot einher, Noch pflückt der Naß die besten Früchte, Noch ist die Welt ganz liebeleer.
Die Arbeit ist der Habsucht Beute
Und Knechtung ist ihr einz'ger Lohn, Und der die Nächstenliebe predigt,
Der wird verfolgt mit Spott und Hohn.
D'rum können wir nicht freudig werden, Wenn man so laut die Ciebe preist,
Die Liebe, die man straft und ächtet, Die man von jeder Schwelle weist.
Der Heiland wird nur dann erscheinen, Wenn überall, in Stadt und Land, Die Armen sich zu gleichem Streben Einst reichen ihre Bruderhand.
Wenn sich die Völker rings auf Erden Von Knechtschaft und von Vot befrei'n, Dann wird das Weihnachtsfest uns Allen Sin Fest des Wohlgefallens sein!
Robert Preußler.
Die Verzeihung. Eine Weihnachtsgeschichte nach dem Französischen des Frangçois Coppce.
Im ganzen Hause— einer großen Arbeiter⸗ kaserne der Straße Delambre, wo Toni Robec seit zwei Vierteljahren ein Zimmer bewohnte — hielt ihn Jedermann für einen Witwer. Und noch für einen ganz jungen, da sein kleiner Knabe, mit dem er allein lebte— dieser wie durch die Sorgfalt einer Mutter immer so wohlgepflegte Kleine—, kaum sechs Jahre alt war. Gleichwohl hatten weder Vater noch Sohn einen Trauerflor auf dem Hute noch am Aermel.
Alle Tage frühmorgens brach Toni Robec, welcher als Schriftsetzer in einer Druckerei des Lateinischen Viertels arbeitete, mit seinem kleinen Andrien auf und trug den noch ganz Schlaf— trunkenen auf seiner Schulter in eine benach⸗ barte Schule. Nach gethaner Arbeit holte er ihn von dort wieder ab, trat, den Kleinen bei der Hand führend, beim Fleischhauer und der Gemüsehändlerin ein, trug in der Tasche des Kindes, wie es eine Hausfrau gemacht hätte, was er zum Mittagessen brauchte, nach Hause und schloß sich bis zum kommenden Morgen ein.
Die mitleidigen Gevatterinnen beklagten den armen Vater— den höchstens vierzig Jahre alten noch hübschen Mann mit seiner traurigen Miene, dem blassen Gesicht, seinem schwarzen, silbergestreiften Bart und den verschleierten Augen eines schlafenden Löwen—, und sie sagten hinter seinem Rücken:„Dieser Mensch sollte wieder heiraten... Ein guter Kerl, niemals betrunken... Sicherlich würde er ein braves Mädchen finden, das sich um ihn und seinen Jungen annehmen würde. Haben Sie bemerkt, wie wohl der Kleine ge⸗ halten ist?... Kein Loch, kein Fleckchen... Ein ordnungsliebender Mensch, das läßt sich schon sehen... Und es scheint, daß er seine zehn Franks im Tag verdient.“
Man hätte gern seine Bekanntschaft gewollt. Gewöhnlich ist es nicht schwer, in solchen Massen⸗ quartieren, wo man bei offener Thür lebt, sich mit Nachbarn zu befreunden. Aber Toni hatte ein reserviertes Auftreten, eine höfliche Art, die Leute auf der Stiege zu grüßen, welche beunruhigte.
Jeden Sonntag gingen Vater und Sohn, nett und blank wie ein neues Soustück, spazieren. Man hatte sie in den Museen, im Gewächs⸗ garten getroffen. Man hatte sie auch vor der Mittagsstunde in einem kleinen Café des Viertels gesehen, wo Toni sich den einzigen Genuß in der Woche gestattete und langsam, in kleinen Zügen einen Absynth trank, während Andrien, auf der Lederbank neben ihm sitzend, die illu⸗ strierten Zeitungen betrachtete.
„Nein, meine Damen“, sagte die Haus⸗ meisterin, die sentimental angehaucht war, „dieser Witwer wird sich nicht wieder ver⸗ heiraten. Letzten Sonntag gingen wir auf dem Friedhof Montparnaß aneinander vorüber... Ohne Zweifel liegt dort seine Frau begraben... Es war peinlich, ihn mit seiner Waise dort zu sehen... Er muß seine Selige angebetet haben... Das ist wahr, aber es giebt solche Leute Pin tnc;
Ach ja! Toni hatte sein Weib zärtlich ge⸗ liebt und tröstete sich nicht über ihren Verlust. Nur war er nicht Witwer.
O! Sein Leben war sehr einfach und nicht glücklich! Als gewissenhafter, aber für das Handwerk nur mittelmäßig bezahlter Arbeiter war es ihm erst spät gelungen, ein tüchtiger Schriftsetzer zu werden, sein Brot anständig zu gewinnen, und aus diesem Grunde dachte er erst ans Heiraten, nachdem er schon mehr als dreißig Jahre alt war. Er hätte ein ver⸗ nünftiges Mädchen gebraucht, das, wie er, mit dem Unglück schon Bekanntschaft gemacht hätte. Aber die Liebe achtet nicht auf Konvenienz, Toni verlor den Kopf vor dem hübschen Lärv⸗ chen einer neunzehnjährigen Blumenmacherin, die ohne Zweifel recht klug, aber sehr frivol war, nur an ihren Putz dachte und weiter nichts verstand, als sich mit etlichen Lumpen wie eine Prinzessin zu kleiden. Er besaß einige Erspar— nisse, um sich anständig einzurichten, mit einem Spiegelkasten— um 80 Franks im Faubourg Saint⸗Antoine—, wo seine Fran sich vom Kopf bis zu den Füßen besehen könnte. Er heiratete seine Clementine, und in der ersten Zeit war es köstlich. Wie man sich gern hatte! Man hatte zwei Zimmer im fünften Stock, Boule⸗ vard Royal, mit einem Stück Balkon und der Aussicht über ganz Paris. Alle Abende, wenn Toni aus seiner Druckerei ging, die am linken Seine⸗Ufer lag, hatte er das Aussehen eines
Herrn, da der Mantel seinen Arbeitsrock ver⸗
barg, und er wartete in einer Ecke der Brücke Saint⸗Frères auf sein Weiblein, das von der Straße Saint⸗Honoré kam, wo ihr Atelier lag. Arm in Arm, eng aneinandergeschlossen, trat man recht schnell den Rückweg in die entfernte Wohnung an, um dort fröhlich das bescheidene Abendessen einzunehmen. Die Sonntage waren ganz besonders herrlich. So war es. Man fühlte sich zu wohl zu Hause, man ging nicht aus. O! Das gute Frühstück im Sommer bei offenem Fenster vor der großen Stadt, und der heitere freie Himmel. Während er seinen Kaffee schlürfte und seine Zigarette rauchte, begoß sie die Blumentöpfe auf dem Balkon. Nein! Sie war zu niedlich! Er stand auf
und überraschte sie mit einem Kuß auf den Hals.„Gib doch Ruh'].. Wie Du nur ungeschickt bist!“ Aber nun! Zuletzt ein Kind, ihr kleiner Felix, den man alle vierzehn Tage bei seiner Amme zu Margency besuchte. Er starb nach einem Jahre an Krämpfen. Sie waren bald getröstet durch die Geburt Andrien's, den die Mutter nähren wollte. Sie verließ die Werkstatt, nahm Arbeit zu sich, verdiente die Hälfte weniger, machte gleichwohl ein wenig Toilette, spielte die Dame, indem sie im Luxem⸗ bourg in einem weidengeflochtenen Wägelchen ihr Baby vor sich herschob. Und Toni mochte sich rackern für viere, an einem Nachtblatte arbeiten. Der Haushalt litt darunter, ver- schuldete sich. Als dann das Kind entwöhnt war und heranwuchs, ging es ins Asyl, und die Mutter, oft ohne Arbeit, immer kokett, langweilte sich zu Hause und gewöhnte sich an das gefährliche Herumflanieren. Seht ihr diesen armen Mann, gealtert vor der Zeit, von Sorgen und Arbeit erschöpft, und diesen dreiundzwanzig⸗ jährigen Tollkopf. Als eines Abends Toni Robec mit seinem Jungen, den er unterwegs vom Asyl abholte, zurückkehrte, fand er auf dem Kamin einen Brief, aus dem der Ehering Clementinens fiel, als er das Kouvert öffnete. In diesem Briefe sagte ihnen, ihm und seinem Sohn, das schlechte Weib mit der Bitte um Verzeihung Lebewohl.
O, ihr romantischen Bürger der Jury, die ihr immer unter der Entschuldigung eines im Affekt begangenen Verbrechens die erzürnten Ehemänner, die rot sehen und die Frau und den Geliebten töten, freisprechet, ihr müßt den armen Toni recht lächerlich und auch nicht wenig feig finden. Aber er empfand mehr Schmerz als Zorn. Er weinte viel, und als sein Andrien ihn fragte:„Wo ist Mama? Wird Mama bald kommen?“ da umarmte er leidenschaftlich den Kleinen und erwiderte:„Ich weiß es nicht!“
Clementine war in den ersten Tagen des Mai durchgegangen.— O! Wie unangenehm ist bisweilen der Duft des Flieders!— Toni verkaufte Ende Juli alle Möbel, um sich seiner Schulden zu entledigen, und wohnte nun, da er diesen Ort verlassen wollte, in der Straße Delambre. Und hier lebte er so zurückgezogen, so anständig mit seinem kleinen Jungen, daß man ihn für einen Witwer hielt.
Gegen Ende Dezember erhielt der Arbeiter einen Brief von seiner Frau, vier unzusammen⸗ hängende Seiten, voll Verzweiflung, auf denen die Tinte durch Thränen verwischt war. Sie war im Stiche gelassen, die Verräterin selbst verraten. Und sie bereute, flehte und jammerte um Gnade. Dies that dem armen Toni sehr leid. Aber beruhigt euch, trotzige Geschworene, die ihr alle die Seele des Mohren von Venedig habt, und versaget nicht wenigstens für einen Augenblick dem armen Mann eure Achtung.
Er war stolz und antwortete seiner schul⸗ digen Gemahlin nichts.
Er erhielt keine Nachricht mehr von Clemen⸗ tine bis zum Weinachtsabend.
Nun aber hatte er seit mehreren Jahren die rührende Gewohnheit, an diesem Tage ein be⸗ scheidenes Bouquet— einige gefrorene Veilchen mit einer frostigen Rose in der Mitte— mit seiner Frau auf das Grab ihres kleinen Felix, ihres Erstgeborenen, zu tragen, der bei der Amme gestorben, und den sie auf dem Mont⸗ parnaß in einer fünfjährigen bereits erneuten Konzession einst neben sich haben wollten.
Zum erstenmale mußte Toni allein mit seinem kleinen Andrien diese Pilgerfahrt voll⸗ bringen, und selbst als er unter dem düsteren Winterhimmel durch die Friedhofsthür schritt — verachtet von Neuem, fürchterliche Othellos der Jury, dieses mutlose Herz— litt er mehr denn je bei der Erinnerung an die Abwesende, Entflohene. f
120„Was ist
„Wo ist sie jetzt?“ dachte er. aus ihr geworden?“
Aber als er vor dem Grabe Felix', welches er kaum gefunden hatte, ankam, blieb er ganz überrascht stehen.
Es lagen auf dem Stein drei oder vier Spielsachen, wie man sie den ärmsten Kindern
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