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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Nr. 32. giebt— eine Trompete, ein Bajazzo, ein Pudel auf seinem Blasebalg— welche man soeben
niedergelegt haben mußte, den sie waren ganz neu und offenbar denselben Tag im Sechs⸗ Kreuzer⸗Bazar gekauft.
„Ah! Spielereien?“ rief fröhlich Andrien vor dem wertlosen Fund.
Aber der Vater, welcher ein Stück Papier auf das Spielzeug geheftet sah, neigte sich, er⸗ griff es und las folgende Worte, deren Schrift er wohl kannte:„Für Andrien, von seinem Bruder Felix, der jetzt bei dem Christkindlein ist.“
Plötzlich fühlte er, wie sein Sohn sich an ihn schmiegte, er hörte ihn mit erschrockener Stimme murmeln:„Mama!“ und wenige Schritte daneben sah er bei einer Cypressen⸗ gruppe kniend sein Weib, gegleidet in ärmlichen Rock und Shawl, o, so blaß! Mit matten Augen streckte sie ihre gefalteten Hände ihm flehend entgegen.
* 5*
Unter uns, meine blutdürstigen Herren Ge⸗ schworenen, ich glaube nicht, daß Toni Robec damals an den dachte, der an diesem Weih⸗ nachtstage geboren wurde, der durch Wort und Beispiel die Verzeihung des Unrechts lehrte. Aber sein Plebjerherz kannte nicht Eigenliebe und Groll. Nach einem Zittern, verursacht weniger durch den Aerger über das alte Unrecht als durch das Mitleid, seine Frau, die er so eliebt hatte, in einem so elenden Zustande zu schen, schob er sanft seinen kleinen Jungen gegen sie.
„Andrien,“„küss' doch deine Mutter!“
Sie ergriff ihr Kind in heftiger Umarmung, gab ihm zwei Küsse auf sein Haar mit einem Röcheln von Gluͤckseligkeit, dann, sich erhebend und einen bittenden Blick auf ihren Gatten werfend, murmelte sie:„Wie gütig bist du doch!“
Aber er stand schon neben ihr und ant⸗ wortete ihr in kurzen Worten, fast hart:
„Sprich nicht... und gieb mir den Arm!“
sagte er,
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Vom Friedhof ist es nicht weit zur Straße Delambre. Mit großen Schritten legten sie den Weg zurück. Toni fühlte Clementinens Arm in dem seinen zittern. Das Kind marschierte neben ihnen. Es hatte seinen Geist schon wo anders, es bewunderte sein Spielzeug.
Die Hausmeisterin des Hauses, wo Toni wohnte, befand sich auf der Thürschwelle.
„Madame“, sagte er ier,„das ist meine Frau, die seit sechs Monaten auf dem Lande war bei ihrer kranken Mutter, und jetzt wird sie wieder bei mir wohnen!“
Und als ste die Stiege hinaufgingen, mußte er die Unglückliche, die vor Erregung und Freude in Schluchzen ausbrach und alle Kräfte verlor, stützen, beinahe tragen.
**
In dem armen Zimmer angekommen, ließ Toni seine Frau auf dem einzigen Fauteuil sich setzen und drängte ihr von neuem ihren Sohn in die Arme. Dann öffnete er eine Schublade der Kommode, nahm daraus eine schlechte Kartonschachtel, zog den Ehering Clementinens hervor und steckte ihr ihn an den Finger. Und dann, ohne ein Wort des Tadels, ohne ein bitteres Wort über das Vergangene, stillschweigend und ernst, mit der erhabenen Großmut einfacher Seelen, küßte er sie blos auf die Stirne, damit sie überzeugt sei, daß er ihr verzeihe.
Sprüche zur Tebensweisheit.
Die alles geltenlassende Zahmheit
Bezeuget nur des Herzens Lahmheit;
Die wahre Liebe tritt schonungslos
In den Staub, was schön nicht ist, noch groß. *
Der Wein nur, der gegohren wild,
Wird, wenn er alt ist, klar und mild.
Nur, wer in Jugendfülle getobt,
Sich als ehrwürdiger Greis erprobt. d
Das ist Pietät, ich sag' es frei, Die mit Liebe forscht, was zu ehren sei.
Sich selbst als niederen Wurm erkennen, Heißt das nicht Gott einen Stümper nennen? Sallet.
Humoristisches.
Kleines Mißverständnis. Frau(zur wei⸗ nenden Köchin): Sagen Sie, Nanni, wo liegt denn eigentlich die Ursache Ihres Krams?— Nanni: Bei der 14. Kompagnie!—
*
Schwieriges Deutsch. Bureauchef(zum faulen Schreiber): Thun, S'do net allewei so, als ob S was thun thäten— Sie thun ja do nix!—
*
Auch ein Arrangement. Vater: Ich habe ja nichts gegen Deine Verbindung mit dem Assessor, nur möchte er sich erst mit seinen Gläubigern arran⸗ gieren! Tochter: Ist bereits geschehen, Papa, er hat sie alle an dich gewiesen!—
*
Weitgehendste Umsicht. Weißt Du nicht, Frieda, daß es höchst unpassend ist, sich auf der Straße umzusehen, und zumal nach einem jungen Mann?— Aber Mama, ich wollte mich doch bloß mal umsehen, um zu sehen, ob er sich umsieht, um zu sehen, ob ich mich umsehe!—
Neu eingelaufene Schriften.
Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor.
Das„Handbuch für Vereins⸗ und Ver⸗ sammlungsleiter“ ist soeben umgearbeitet in 5. Auflage im Verlage der Buchhandlung Vorwärts er⸗ schienen.— In gemeinverständlicher Sprache verfaßt, soll das Büchlein den im Vereins⸗ und Versammlungs⸗ leben noch nicht bewanderten Genossen mit Ratschlägen an die Hand gehen. Zugleich soll es ein Wegweiser für die Vorstände der Gewerkschaften und politischen Vereine sein, denen die Kenntnis der Strafbestimmungen der hauptsächlich in Frage kommenden Strafgesetze von Nutzen sein wird. Der Preis ist der alte(30 Pf.) ge⸗ blieben.
Deutscher Schneider-Verband Giessen. Am 1. Weihnachtsfeiertag, abends 8 Uhr,
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nachmittags 2 Uhr,
Filiale Gießen.
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Schützer feste Mittwoch, den 27. Dezember, 20 Per„„
Hch. Lynler, Schuhmach, Lind
Neujahrs-
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bei Gastwirt Orbig, Rittergasse, wozu ergebenst einladet Der Vorstand.
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Metallarbeiter- Verband. Zahlstelle Gießen. Dienstag, den 26. Dezember, abends 8 Uhr, bei C. Orbig, Rittergasse:
Weihnachts⸗Feier
mit Tanz. n Zu reger Teilnahme ladet alle Arbeiter und Ar⸗ beiterinnen freundlichst ein
Der Vorstand.
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