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Seite. A.

Mitteldeutsche Sonutags- Zeitung.

Nr. 32.

kennen, beantragen wir zwecks konsequente Durchführung desselben: f

Erhöhung resp. Einführung der Progression der Einkommens⸗, Ver⸗ mögens⸗ und Erbschaftssteuer und demgemäß Aufhebung der Stempel⸗ abgaben und Gebühren.

So, das wäre vorläufig unser Wunschzettel. Er ist bescheiden! Denn das meiste von dem was wir fordern, hätte längst erfüllt sein müssen, und ein großer Teil unserer Anträge ist mit etwas gutem Willen und Gerechtigkeits sinn seitens der herrschenden Kreise leicht durchzuführen. Die verfassungsmäßig verheißene Gleichberechtigung aller Staatsbürger muß endlich zu Wahrheit werden, und in sozial⸗ politischer Beziehung ist Vieles nachzuholen, was seither zum Schaden der handarbeitenden Volksmasse versäumt wurde. Dessen sollten sich die gegnerischen Parteien und die Herren von der Regierung wohl bewußt sein. Je eher sie unsere Anträge acceptieren, um so besser für ste selbst. Jedenfalls wird keine unserer Forderungen wieder von der Tagesordnung der Kammer verschwinden, bevor sie erfüllt ist.

In der Mittwochsitzung wurde der national liberale 2 Haas, zum ersten Prästidenten wiedergewählt. Zweiter Präsident wurde, für den ausgeschiedenen Abg. Metz(Gießen) der Zentrumsabg. Dr. Schmitt⸗Mainz. Am Donnerstag wurden die Ausschüsse gewählt. Dann erläuterte der Finanzminister Küchler die Finanzlage. Darauf vertagte sich die Kammer bis nach Neujahr.

Pon Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗

haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Flottenagitation in Hessen.

* In Gießen hielt kürzlich der nat.⸗soziale Herr v. Gerlach einen Monolog über die Wasser⸗ politik. In Geilshausen machte Lehrer Lentz, in Grünberg Eisenbahn-Sekretär Blum⸗Gießen und in Lauterbach Pfarrer Licht aus Augersbach für die Vermehrung der Kriegsschiffe Propaganda. Die Berichte im Gießener Amtsblatt, die uns Kunde von diesen denkwürdigen Versammlungen geben, sind vom 15. Dezember datiert. Wir bedauern sehr, den Vortrag des Pfarrers Licht versäumt zu haben. Hätten wir seinem Vortrage mit beiwohnen können, so hätten wir auch unter keinen Umständen den von ihm in Angersbach abzuhaltenden Weihnachtsgottesdienst versäumt. Es wäre gewiß recht lehrreich gewesen, einen Verkündiger des Christentums am 15. Dezember überdie Notwendigkeit der Vermehrung der Kriegs flotte sprechen und am 25. Dezember über die BibelworteFriede auf Erden und den Menschen ein Wohl gefallen predigen zu hören.

Küchlers Verteidiger. Eine von dem prozessierten und pensto⸗ nierten Landgerichtsdirektor Küchler verfaßte Rechtfertigungsschrift hat das Organ der hessi⸗ schen Antisemiten veranlaßt, den abgesägten Herrn als bewährten Volksfreund zu feiern, der sie, die Antisemiten, an den Helden des Ibsenschen SchauspielsEin Volksfeind er⸗ innerte. Weil Küchler behauptet, er habe mit seinen merkwürdigen Geldgeschäftenprak⸗ tische Mittelstandspolitik getrieben und den Mittelstand retten wollen und sei deshalb ver⸗ lästert und verurteilt worden, versichern die Antisemiten trotz der Ergebnisse der öffentlichen Gerichtsverhandlung, Küchler istein Mann von echtem Schrot und Korn. Das sieht den Antisemiten ähnlich.

Warum keine Cholerapolitik?,

l einerschwungvollen Abonnements⸗ Einladung schreibt der nationalsoziale Redakteur Erdmannsdörffer in Marburg, dessen jetzige Spezialität die Weltpolitik ist:

... es wird sich um die Frage drehen, ob

in Deutschland Weltpolitik oder

Nachtwächterpolitik getrieben werden soll.

Als dritte Eventualität hätte Herr Erd⸗ mannsdörfer, der Verfasser des berühmten Buches:Die Juden und die Cholera, doch mindestens noch die Cholerapolitik an⸗ führen können. Vielleicht könnte Er unter einem Cholerakurs starker Minister werden.

Neue Rentenquetscherei.

* Folgende Notiz durchläuft die Presse: Zur Frage der Abänderung des Unfall⸗ versicherungsgesetzes für Land⸗ und Forstwirtschaft hat der Ständige Ausschuß des deutschen Landwirtschaftsrats in seiner Sitzung vom 6. und 7. Juni d. J. folgenden wichtigen Beschluß gefaßt: Es soll vorgeschlagen werden, die bisher in großem Maße zur Be⸗ willigung gekommenen Renten in so niederem Betrage, daß sie für den Lebensunterhalt der Verletzten nicht in Frage kommen können und in der Regel entbehrlich(11) sind; in Zukunft nicht mehr zu gewähren und hierfür 20 pCt. oder doch mindestens 15 pCt. der Vollrente als Grenze festzulegen, da Renten unter diesem Betrage, insbesondere die jetzt noch häufig bewilligten Renten von 10 pCt., nur für körperliche Defekte gewährt werden, welche erfahrungsgemäß den Verletzten an der Verrichtung von landwirtschaftlichen Arbeiten in irgend erheblichem Maße nicht behindern und bei so geringfügigem körperlichen Schaden meist ein thatsächlicher Entgang an Verdienst gar nicht vorliegt, die gezahlten geringfügigen Entschädigungen demnach nur wieTrink⸗ gelder wirken.

Dazu macht ein Wetzlarer Blatt folgende pfiffige Bemerkungen:

Eine derartige Abänderung wird man vom Standpunkte der Praxis nur mit Freuden begrüßen können. Auch in hiesiger Gegend lehren die Erfahrungen, welche unsere Verwaltungsbehörden machen, daß die kleinen Entschädigungen oft nur wie Trinkgelder aussehen und gewisser maßen alsPrämien wirken für die Unacht⸗ samkeit und Fahrlässigkeit bei der Arbeit.

Das mögen sich die Arbeiter hübsch merken, die sich selbstverständlich nur durch eigene Unachtsamkeit Unfälle zuziehen; beileibe nicht etwa verunglücken, weil die von den Unter⸗ nehmern getroffenen Vorsichtsmaßregeln oft allen Vorschriften Hohn sprechen. Auch daß das Trinkgeld fallen soll, stimmt das Wetzlarer Blattfreudig. Wir stimmen dem zu, aber aus dem entgegengesetzten Grund wie die Gelehrten des Wetzlarer Organs. Wir stimmen der Beseitigung der Hungerprämien zu, weil wir der Ueberzeugung sind, daß es endlich an der Zeit ist, den unglücklichen Arbeiter, der seine gesunden Knochen im Dienste der Unter⸗ nehmer zu Markte trug, auch menschenwürdig zu entschädigen. Die bisher häufig gezahlten Trinkgelder-Renten beweisen nicht, daß Un⸗ fälle entschädigt werden, die dem Arbeiter nicht dauernd den Verdienst schmälerten, son⸗ dern sie sind ein Beispiel für die unglaubliche Rentenquetscherei und der dabei von den Be⸗ rufsgenossenschaften entwickelten Energie und Konsequenz. Also fort mit den Trinkgelder⸗ Prämien, aber her mit ordentlicher Ent⸗ schädigung der Verunglückten!

Kleine Mitteilungen.

* Verein der Fabrik- und Hilfs⸗ arbeiter in Gießen. In der letzten Ver⸗ sammlung wurde beschlossen, Sonntag, den 7. Januar, eine Weihnachtsfeier mit Konzert und Vorträgen zu arrangieren. Die Angelegen⸗ heit betr. eine Geldsendung für die Lederarbeiter in Wilster klärte sich zu allgemeiner Zufrieden⸗ heit auf und stellte es sich heraus, daß den Vorsitzenden L. keinerlei Verschulden an der Verzögerung trifft. Der Vorsitzende sprach den Wunsch aus, daß die Versammlungen stets recht gut besucht werden möchten.

* Ausländische Landarbeiter. Im Landwirtschaftlichen Verein für die Provinz

worden ist.

Oberhessen wurde kürzlich gelegentlich der

Generalversammlung die Mitteilung gemacht,

daß mit Rücksicht auf den Arbeiternmangel aus⸗ wärtige Arbeiter angeworben werden sollen.

Auswärtige Arbeiter soll natürlich heißen ausländische. Wir empfehlen den Herren Landwirten in genanntem Verein, einmal bei dem Kommerzienrat Gail Erkundigungen ein⸗ zuziehen über seine Erfahrungen mit den Saliziern. Vielleicht ziehen es dann die Graf Solms-Laubach, Oekonomierat Schlenke und ähnlicheLandwirte, die imLandw. V. f. Oberh. das Wort führen, vor, die Löhne zu erhöhen und einheimische Arbeiter bei angemessener Arbeitszeit zu beschäftigen.

* Launsbach. Vor dem Wetzlarer Schwurgericht wurde dieser Tage gegen den Metzgergesellen Heinrich Speier von Wißmar verhandelt. Speier ist beschuldigt, bei Gelegen⸗ heit des letzten Wißmarer Kirchweihfestes den Arbeiter und Aushülfskellner Ludwig Winter von da durch einen Messerstich in den Rücken derart verletzt zu haben, daß dadurch der Tod des Gestochenen herbeigeführt wurde. Das Schwurgericht ahndete die frevelhafte That, die bekanntlich ohne allen Grund begangen worden ist, mit 5 Jahren Zuchthaus und mit dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Dauer.

** Schlechter Gansbraten. Eine Händlerin hatte in Frankfurt einer Frau eine ungenießbare Gans verkauft. Schon beim Kauf erschien der Hausfrau die Gans nicht recht geheuer. Die Händlerin beteuerte, daß die Gans erst am Tage vorher geschlachtet sei. Beim Ausnehmen sah man aber, daß der Vogel innen vollständig angefault war. Der Sach⸗ verständige, Prof. Dr. Leonhard, erklärt, daß Zeichen der Zersetzung vorhanden gewesen seien. Wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel⸗ gesetz wurde die Händlerin zu 20 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt. Es sei daran erinnert, daß auch der Verkauf schlechter Eier schon bestraft Die Gerichte haben angenommen, daß ein Eierverkäufer in der Lage sein müsse, festzustellen, ob die Eier noch genießbar sind oder nicht.

* Mainz. Die von den hiesigen Gewerk⸗ schaften gegründeteSpar⸗, Konsum⸗ und Pro⸗ duktionsgenossenschaft hat ihr Hauptgeschäft eröffnet. Die Innungsmeister sind ganz rabiat; in Versammlungen und Zirkularen haben sie den Geschäftsleuten den Untergang prophezeit, wenn sie das neue Unternehmen unterstützten. Die Bäckerinnung beschloß sogar, den Brot⸗ preis sofort um fünf Pfg. herabzusetzen, wenn auch nur ein Bäckermeister der Genossen⸗ schaft liefere. Das sind ja für die Bevölkerung recht angenehme Aussichten!

* Juristenverein. In Frankfurt a. M. haben am Samstag, den 10. Dez., die hessischen Richter und Beamten der Staatsanwalt⸗ schaften einen Landesverein begründet. Der Verein soll neben anderem auch der Förderung der Standes⸗Interessen dienen, das heißt für bessere Anstellungs⸗ und Besoldungsverhält⸗ nisse eintreten u. s. w.

** Erdbeben am Mittelrhein. Am Dienstag wurde in Mainz und Umgegend ein kleiner Erdstoß verspürt. Irgend welche Un⸗ glücksfälle sind nicht vorgekommen.

* Ein fruchtbares Land. Ueber die Bewegung der Bevölkerung im deutschen Reich teilt derReichsanzeiger die Hauptzahlen für das Jahr 1898 mit. Danach erreichte der Ueberschuß der Geburten über die Sterbe⸗ fälle die Höhe von 846 000 Personen; er übertraf den des Jahres 1897 um 62 000. Die Gesamtzahl aller Geburten in Frankreich war noch nicht so groß, wie bei uns der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle.

Arbeiterbewegung.

* Friede auf Erden! Einen teuflischen Plan der Unternehmer im Baugewerbe hat der Vorwärts enthüllt. Unter Führung einer Anzahl Berliner Großunternehmer sollen im kommenden Jahr überall die Maurer, Stein⸗ träger, Zimmerleute, Weißbinder usw.

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