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Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung
thatsächlich die Unabhängigkeit der Kolo⸗ nien, mit republikanischer Verfassung entweder sofort oder nach kurzem Aeber ee edu,
Diese Lösung liegt jetzt im Interesse des englischen Volkes, das schließlich jedem Wider⸗ stand zum Trotz, seinem Willen Geltung ver⸗ schaffen wird. Wir treiben daher keine uferlose Zukunftspolitik, wenn wir aus der gegenwär⸗ tigen Lage in Südafrika eine neue Republik erstehen sehen: die„Vereinigten Staaten von Südafrika“, denen die„Vereinigten Staaten von Australien“ bald nachfolgen werden. Denn das mögen unsere Kolonialpolitiker sich merken, alle Kolonien, die etwas wert sind, wachsen zu Republiken heran, und die das nicht thun, sind nichts wert.
Noch eine andere Frage von großer Trag⸗ weite werden die Siege der Boeren haben: die Erkenntnis der Völker, daß der Militaris-⸗ mus ein„überwundener Standpunkt“ ist, und daß unsere stehenden Heere, sofern sie nicht geg en die eigenen Völker bestimmt sind, keine Existenzberechtigung mehr haben. Was die Boeren geleistet haben, das hätten die besten militaristisch gedrillten Soldaten der Welt nicht fertig gebracht.
Und was sagt nun der große Staatsmann Herr von Bülow, da der englische Hammer, vor dessen Schlägen er politische Kinder zu ängstigen dachte, zum Ambos geworden ist?
Was hat den Engländern ihre kolossale Flotte genützt?
Begreifen unsere Marinisten nicht, daß in der Weltgeschichte höhere und stärkere Kräfte euische dend sind, als Panzerschiffe und Ka⸗ nonen?“
Politische Rundschau.
Gießen, 22. Dezember.
Zweierlei Wahrheit.
* In den Volksschulen werden Tag für Tag bekanntlich ein bis zwei Stunden auf den Religionsunterricht verwendet. Gesangbuchverse von bekanntem geistvollen Inhalt, Katechismus und biblische Geschichte nehmen im Lehrplan einen so großen Raum ein, daß 14 jährige Knaben und Mädchen, wenn sie die Schule verlassen, zwar ziemlich bibelfest, aber meist nicht im Stande sind, einen ordentlichen Brief schreiben zu können; ganz abgesehen davon, daß ihre Kenntnisse auch in allen anderen Fächern recht mangelhaft sind. Die Hauptsache war eben, daß man sie zu echter Gläubigkeit erziehen wollte. Auf die Rechtgläubigkeit kommt es besonders an. Daß nur die mo⸗ saische Schöpfungssage den Kindern als bombensichere Wahrhaftigkeit gepredigt werde — daß nur kein Lichtstrahl neuerer Natur⸗ erkenntnis die jungen Köpfe zum Zweifel animiere!
Etwas anderes ist es um die höheren Schulen. Nicht allein, daß sich dort der Religionsunterricht auf zwei Stunden in der Woche beschränkt, man hegt auch eine ge⸗ wisse Scheu vor der Denkthätigkeit, der Kritik der Schüler; mag der Lehrstoff an sich auch noch mit vielem zopfigen Bombaß beschwert sein.
Wie wenig die absolute Bibelfestigkeit, die dem Volksschüler als höchstes Ziel des Strebens zugemutet wird, beim Gymnasiasten als Voraussetzung gilt, lehrt ein Blick in den neuesten„Mentor“, den an höheren Schulen Deutschlands viel verwendeten Notizkalender für Schüler. In dem Büchlein ist neben an⸗ deren Aufsätzen auch ein Artikel enthalten, der vom Alter der Erde Kunde giebt. Darin heißt es keck und frisch:
„Die Frömmigkeit unserer Vorfahren setzte die Schöpfung der Erde auf einige tausend Jahre vor den Beginn unserer Zeitrechnung. Wenn das erste Menschenpaar am ersten Schöpfungstage geschaffen wurde, dann war es an der Hand der Geschlechtsregister, welche die Bibel sehr genau darlegt, ntcht schwer, sogar an— nähernd das Alter des großen Schöpfungsaktes zu be— stimmen. Natürlich giebt es dafür, selbst wenn man der Bibel unbedingte Beweiskraft beilegt, keinerlei bündige Beweise; denn auch die auf die Angaben der Bibel begründeten Rech— nungen sind nicht frei von Willkür. Immerhin
wären nach diesen Angaben, wenn man sie gelten ließe, gewisse Wahrscheinlichkeitsgrenzen zu ziehen, innerhalb deren sich das große Ereignis der Erdschöpfung ab⸗ gespielt haben müßte, und die äußersten Grenzen er⸗ strecken sich höchstens auf 5000 bis 8000 Jahre von der Geburt Christi zurückgerechnet. Das war und blieb und ist zum Teil noch jetzt die Ueberzeugung vieler vom Alter der Erde. Daß dem Weltkörper, auf dem wir wohnen, aber ein viel, viel größeres Alter zuzuschreiben ist, dafür liegen tausend unanfecht⸗ bare Thatsachen vor, die bei Beurteilung der Frage nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, wenn man nicht auf den höchsten Vorzug des Menschen, das Denken, Verzicht leisten will.“
Dies kleine Pröbchen wird unsern Lesern recht interessant gewesen sein. Im Zeitalter Darwins gelte dem höheren Schüler die naturgeschichtliche Erkenntnis als Wahr⸗ heit. Dem Volksschüler aber möge die Sage, daß Gott der Herr vor 6000 Jahren die Welt in sechs Tagen erschaffen, als Wahrheit eingebläut werden. Wie es zweierlei Recht giebt, so giebt es auch zweierlei Wahr⸗ heit: die eine für die Reichen, die andere für die Armen. Für die Reichen das Wissen und der Genuß, für die Armen der Glaube und die Arbeit.
Milde Richter.
Aus Halle wird berichtet: Milde Richter fand der stud. jur. Graf Ranzau. Er hatte in der Nacht vom 15. zum 16. Juni mit dem Bahnarbeiter Koch eine Händelei begonnen und ihn dann, als K. ihn zugerufen:„Gehen Sie mir drei Schritte vom Leibe“, Feigling und Lump a geschimpft. Als auf den Lärm des Grafen der Polizeisergeant Sommerfeld hinzu⸗ kam und dieser Ranzau nach seinem Namen fragte, verweigerte letzterer die Legitimation und entgegnete dem Beamten:„Polyp“ Wo geht es denn hier nach dem Schlamm?“(Der Schlamm ist eine bekannte Straße, wo die Freudenmädchen wohnen.) Der Beamte mahnte den jungen Grafen wiederholt zur Ruhe und faßte ihn schließlich, um ihn nach der Wache zu nehmen. Darauf verlangte lärmend der Graf, daß die Nummer des Sergeanten fest⸗ gestellt werde, und schrie seinen Begleiter, den Freiherrn v. Erfa, mit den Worten an:„Was nur der dr.... e Kerl(der Beamte) von mir will?!“ Auf der Wache stülpte Ranzau seinen Hut über das Tintenfaß des Beamten. Der Graf, der betrunken gewesen war, wurde vom Schöffengericht wegen Widerstandes, Be⸗ leidigung des Sergeanten und des Arbeiters Koch, sowie wegen Lärmens zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt.
Gelöste Fessel. Der„Reichsanzeiger“ hat folgendes„Gesetz“ betreffend das Vereinswesen, veröffentlicht: „Einziger Artikel. Inländische Vereine jeder Art dürfen mit einander in Verbindung treten. Ent⸗ gegenstehende landesgesetzliche Bestimmungen sind aufgehoben.“
Dieses Gesetz ermöglicht auch unserer Partei, namentlich in Preußen, eine straffere Organt⸗ sation. Wahrscheinlich wird sich auch der nächste Parteitag deshalb mit einer neuen Organi⸗ sationsform zu befassen haben.
Junker⸗Moral.
Die konservativen Junker und ihre anti⸗ semitischen Handlanger hetzen weiter gegen Fürst Hohenlohe. Die früher von dem Frei⸗ herrn von und zu Hammerstein geleitete„Kreuz⸗ Zeitung“ giebt den Ton an und das oberste Organ der Judenfresser richtet sich danach. Die „Staatsb.⸗Ztg.“ schrieb kürzlich:
„Die Art, wie der Kanzler die Angelegenheit der Aufhebung des Verbindungsverbots zum Abschluß ge⸗ bracht hat, wie er im letzten Augenblick schließlich die Einlösung seines Versprechens gewissermaßen der Umsturzpartei als ein Geschenk auf dem Präsentter⸗ teller unmittelbar nach dem Verscharren der Um-⸗ sturzvorlage darbrachte, war ein großer politischer Fehler, der ein gedeihliches Wirken dieses Staatsmannes fernerhin ausschließt.“
„Daß sich die Junker und Antisemiten ge⸗ ärgert haben, weil aus der Zuchthausvorlage nichts wurde, ist bekannt; daß sie als echt „teutsche“ Männer es nicht für erforderlich
glauben wir ihnen auch. Aber daß sie so dumm⸗dreist wären, ihre erbärmlichen An⸗ schauungen über Recht und Moral in ihren Zeitungen auszukramen, das hatten wir nicht erwartet. Wir haben die bereinigten Brot⸗ wucherer eben immer noch zu hoch eingeschätzt. Konflikt in Preußen.
Nach zuverlässigen Meldungen ist die Ein⸗ bringung der erweiterten Kanalvorlage im preußischen Abgeordnetenhause nicht vor Ende Februar zu erwarten. Es werde mit Auf⸗ gebot aller Kräfte an der Ausarbeitung der Erweiterungen gearbeitet, jedoch selen die not⸗ wendigen Vorbereitungen so weitläufig, daß sie nicht vor Ende Februar beendet sein könnten.
Wenn die Kanalrebellen nochmals die Vor⸗ lage ablehnen, dürfte es zu einer Auflösung kommen. Dabei würde die Regierung aller⸗ dings nichts gewinnen. Aber ste ist ja auf Niederlagen gut trainiert und würde auch die schlimmste Abfertigung bei der Neuwahl einstecken, ohne— das„elendeste aller Wahl⸗ systeme“, wie Bismarck das preußische Wahl⸗ verfahren genannt hat, abzuändern.
Antisemitische Volkssreunde.
Der Vorsitzende der deutsch-sozialen Reform⸗ partei, Abg. Liebermann von Sonnenberg, hat in der Reichstagssitzung vom 14. Dezember erklärt:„Seine Partei habe nicht gegen die Zuchthausvorlage gestimmt, sondern sür Kom⸗ missionsberatung, weil der Entwurf ihr nicht ganz genügte.“ Im übrigen sprach Herr von Sonnenberg für die Flottenvermehrung.— Das genügt!
Dumm— aber stark.
Wie ein neuer Reichskanzler nach dem Herzen der Konservativen sein muß, hat der Abg. v. Kröcher im Reichstag verraten. Es komme, sagte er, nicht auf die Intelligenz eines Bismarck an, sondern auf den Willen, zu kämpfen, und auf starke— Nerven. Dar⸗ nach, so meint der„Vorwärts“, müsse man als Reichskanzler suchen einen brutalen, stumpf⸗ sinnigen Kerl mit eisernen Nerven, der, ohne durch die zarten Bedenken der Moral, des Gesetzes und des Gewissens oder die Weisungen einer aufgeklärten Vernunft geschwächt zu wer⸗ den, in blinder Wut losgeht.“ Wir zweifeln nicht daran, daß es unter den Konservativen eine ganze Anzahl Leute giebt, auf die die Devise paßt: Dumm— aber stark; wenn stark vielleicht auch nur im Essen und Trinken.
Vom Flottenrummel.
Der Flottenspektakel soll volkstümlich gemacht werden, nachdem man durch Beseitigung des Schweinburg den großindustriellen Ursprung verwischt zu haben glaubt. Flottenverein und Flotten vereinigung sollen sich verschmelzen. Die wasserbegeisterten Nationalsozialen sollen vorgeschickt werden, um den Arbeiter⸗ 1 zu betreiben; denn auf die Arbeiter ist es besonders abgesehen, denen vorgerechnet werden wird, wie viel sie an den unproduktiven Ausgaben für Panzerschiffe verdienen, die sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Die Herren haben eine sehr geringe Meinung von der poli⸗ tischen Reife und Bildung der Arbeiterschaft; sie geht nicht auf den Leim.
Lichtbilder empfiehlt der Flotten⸗ und Umsturzapostel Pastor a. D. Hülle:„Die deutsche Flotte“. In dem Reklamewaschzettel, den Hülle verschickt, liest man:„Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser haben von unserem Lichtbilderciklus mit Befriedigung Kenntnis zu nehmen geruht.“ l
In den Vorstand des Flottenvereins sollen, so will die„Tägliche Rundschau“, Rickert oder Barth von der Freisinnigen Vereinigung und der Nationalsoziale Naumann kommen. Dahin gehören diese Flottenpatrioten auch.
Schlechte Geschäfte machen die Marine⸗ Professoren. Zu dem Vortrage des Heidel⸗ berger Professors Schäfer, zu dem Professor Schmoller auch noch 100 Freibillets unter seine Hörer verteilt hatte, waren im ganzen 400 Zuhörer erschienen. 400 Zuhörer in Berlin mit seinen zwei Millionen Einwohnern!
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