Ausgabe 
24.12.1899
 
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Gießen, Sonntag, den 24. Dezember 1899.

6. Jahrg.

Nr. 52. Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Friede auf Erden?

* In Südafrika metzeln sich gutgläubige, fromme Christenmenschen gegenseitig nieder in allen Christenkirchen aber wird die frohe Weihnachtsbotschaft verkündigt: Friede auf Erden!

Millionen leben in der bittersten Not, hungern, frieren, wissen nicht, womit sie sich bekleiden sollen von den Kanzeln herab aber verkündigen geschorene und gescheitelte Diener des christlichen Staates: Den Menschen ein Wohlgefallen!

Wohin sich unser Blick auch wenden mag: überall sehen wir so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Weihnachtsbotschaft verheißt.

Kaum ist das blutige Gemetzel der christ⸗ lichen Amerikaner und der allerchristlichsten Spanier beendet, da wird die Kriegsfurie in Südafrika entfesselt. Das christliche England, beherrscht von einer frommen Königin, zwingt in der brutalsten und ungerechtfertigtsten Weise die stammverwandten Buren, ein gleichfalls streng christliches Volk, das im Rufe besonderer Frömmigkeit steht, zum blutigen Krieg schnöden Mammons wegen.

5 Und in unserem eigenen Vaterland, das in ee hervorragender Weise bei der internationalen wahl Friedenskonferenz, die der christliche Russenkaiser an. einberufen hatte, vertreten war, kündigte der

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ist Kanzler wenige Tage vor dem Feste des Friedens ise. eine ungeheuerliche Flottenvergrößerung an... Kriegsschiffe werden verlangt, die uns in den

f Stand setzen sollen, an derneuen Aufteilung 1 der Welt teilzunehmen, die uns befähigen wahl sollen, Weltpolitik zu treiben, das heißt: unser

en, Vaterland zu vergrößern, indem wir anderen Völkern ihr Vaterland wegpachten..

Der übergroßen Mehrheit unserer Volks⸗ genossen ist das kein Wohlgefallen. Weder

llstr. bon neuen Mordwaffen, noch von neuen Steuer⸗ 3 belastungen will das arbeitende Volk etwas wissen. a Den Kleinen in Stadt und Land ist es ernst mit der Weihnachtsbotschaft. Sie wollen

Frieden haben; sie wollen, daß es allen Men⸗ schen in unserem Vaterlande wohl gefällt.

Aber gerade deshalb werden sie von den Großen, die scheinheilig die Augen verdrehen, gehaßt, geächtet, verfolgt, als Feinde des Christentums hingestellt. 4 Nie ist die Heuchelei und das Pharisäertum üppiger ins Kraut geschossen als in unserer Zeit. Die Großen, die sich über dieBegehr⸗ lichkeit der Kleinen entrüsten, wellen die Ver⸗ wirklichung der Weihnachtsbotschaft nicht. Sie wollen für ewige Zeiten die Großen, die Herren bleiben. Das würde aber nach Erfüllung der Weihnachtsbotschaft aufhören. i ill Denn: Alle Menschen, gleich geboren, Sind ein adelig Geschlecht.

Die Großen wollen keine Gleichberechtigung. Sie wollen herrschen, die große Masse des Volkes soll dienen. Wie kann von Frieden auf Erden unter diesen Umständen die Rede sein? Wie kann vonWohlgefallen der Men⸗ schen gesprochen werden, solange eine verschwin⸗ dende Minderheit des Volkes die ungeheuere Nehrheit beherrscht, ausbeutet, darniederhält?

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Jeder zielbewußte Arbeiter

Wie kann vonWohlgefallen gesprochen werden, solange diejenigen, die jahraus jahrein schwer frohnden müssen, mit Müh und Not sich und die Ihren nur kümmerlich zu ernähren im Stande sind, während diejenigen, die von Vergnügen zu Vergnügen jagen, im Ueberfluß schlemmen? Das ist keinegöttliche Welt⸗ ordnung, wenn die Mehrheit entbehren muß, damit die winzige Minderheit gewaltige Sum⸗ men mit Pferden und Weibern, bei Spiel und Champagner derprassen kannn

.... Unverschämt brutal ist der Versuch Englands, die Buren zu vergewaltigen. Un⸗ vergleichlich brutaler war aber der Versuch des deutschen Unternehmertums, den nach Freiheit und Gleichberechtigung sich sehnenden Arbeitern 15 Zuchthausgesetz auf den Weihnachtstisch zu egen.

Vergewaltigungspolitik dort wie hier. Dort Staat gegen Staat, hier Klasse gegen Klasse.

Wir zweifeln nicht, daß die Gerechtigkeit schließlich den Sieg davontragen wird. Aber wir müssen ihr die Wege bahnen. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, die seit 1900 Jahren verkündigte Weihnachtsbotschaft alljährlich ein⸗ mal vieltausendstimmig an unser Ohr klingen zu lassen, wir müssen die Hände rühren, um ihr auch zum Siege zu verhelfen.

Aber kein Sieg ohne Kampf. Und siegen wird im Kampfe nur der Stärkere. Jetzt sind unsere Gegner noch die Stärkeren, obwohl sie nur ein kleines Häuflein darstellen gegen- über dem Riesenheer der Kleinen, des Proletariats. Das Geheimnis der Stärke unserer Gegner liegt in ihrer Einigkeit.

Nicht, als ob sie ein Herz und eine Seele wären. Nein, es bestehen zwischen ihnen die größten Meinungsverschiedenheiten. Die Schlot⸗ junker halten sich für etwas besseres wie die Krautjunker und umgekehrt. Aber einig sind sie in dem einen Punkt: die Masse des ar⸗ beitenden Volkes darniederzuhalten, auf daß denenvon Bildung und Besitz die Vor⸗ rechte auf allen Gebieten für alle Zu⸗ kunft gewährleistet bleiben.

Deshalb, ihr Kleinen in Dorf und Stadt, beherziget wohl: Ehe wir zumWohlgefallen und zumFrieden auf Erden gelangen können, müssen wir zur Einigkeit kommen, zur Einig⸗ keit, die uns den Sieg verbürgt im Kampfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen Völkerverhetzung und Völkermord.

Ehe die frohe Weihnachtsbotschaft in Er⸗ füllung gehen kann:Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, muß verwirklicht werden die Mahnung unserer großen Vorkämpfer Marx und Engels:

Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!

Folgen des Burenkrieges.

* Bisher haben die Engländer Niederlage auf Niederlage in ihrem Kampfe mit den Buren erlitten. Die besten Heerführer, die England nach Südafrika geschickt hat, sind nacheinander geschlagen worden. Die größten Hoffnungen hatten die englischen Weltmachtspolitiker schließ⸗ lich noch auf General Buller gesetzt und der hat am schlechtesten abgeschnitten.

Für England werden diese Niederlagen in Südafrika von den allerschlimmsten Folgen sein. Wir stimmen da vollkommen mit demVor⸗ wärts überein, der dieser Tage schrieb:

Die moralischen Wirkungen der Nieder- lage Bullers beschränken sich nicht auf Afrika. Der Telegraph hat die Hiobspost in alle Welt getragen und die Feinde Englands sorgen dafür, daß stie in Indien und überall, wo das eng⸗ lische Weltreich schwache Stellen hat, bekannt und ausgebeutet werden. In England selbst sind keine verfügbaren Truppen mehr. Ir⸗ land ist schon mehr von Truppen entlastet, als für die Sicherheit Englands gut ist; der Geist des Aufruhrs greift dort um sich, und irische Blätter fordern die Irländer in der britischen Armee offen auf, zu den Bberen zu desertieren.

Wohl kann England seine Armee in Süd- afrika verstärken, allein nicht ohne sich zu ent⸗ blößen und seinen Feinden Chancen zu bieten, die nicht unbenutzt bleiben würden. Bisher hat Rußland sich nicht gerührt, weil es den Aus⸗ gang in Südafrika abwarten wollte, und weil seine Finanzen zerrüttet sind. Aber fährt Eng⸗ land fort, seine Soldaten nach Südafrika auf die Schlachtbank zu schicken, so wird Rußland sich durch seine Finanzuot nicht abhalten lassen, in Ostasien und andern Punkten vorzurücken auf Kosten Englands. Und ein Auf⸗ stand in Indien, furchtbarer als der Sipoy⸗ Aufstand 1859, würde die kaum vermeidliche Folge sein.

Wir verglichen schon früher die gegen⸗ wärtige Situation in Südafrika mit der Situa⸗ tion in Amerika bei Ausbruch des Unabhängig⸗ keitskrieges vor 126 Jahren. Die Niederlage Bullers hat den Vergleich noch frappanter ge⸗ macht. Sie bringt das Afrikandertum(Afri⸗ kander sind die in Afrika geborenen Söhne von Ausländern, besonders Engländern) und damit die Mehrheit der Bevölkerung in den eng- lischen Kolonien auf Seiten der Boeren. Und wir halten es für sehr unwahrschein lich, daß diese, auch wenn ihnen die englische Regierung den Frieden auf Grundlage des Zustandes vor dem Krieg mit Verzicht auf das angebliche Suzeränitätsrecht Englands an⸗ böte, das Anerbieten annehmen würden.

Die heutige Regierung wird indes ein solches Anerbieten nicht machen. Zum Glück ist aber die Regierung Chamberlains nicht eins mit England. Die verbrecherische Thorheit dieses Mannes und seiner Kollegen ist dem englischen Volk zum Bewußtsein gekommen. Wird das Bewußtsein zur That werden? Das ist die Frage.

Von der liberalen Opposition ist nichts zu erhoffen. Das Schicksal Englands liegt in der Hand des englischen Volkes. Zeigt das englische Volk sich auf der Höhe der Situation, so fegt es durch eine Sturmflut der Empörung das jetzige Ministerium weg und errichtet eine Regierung, die Chamberlain und seine Mit schuldigen in Anklagezustand versetzt und Friedens verhandlungen mit den Boeren ankaüpft.

Und die Verhandlungen können, wie die Dinge stehen, nur noch auf der Basis abso luter Selbstregierung der Kolonien geführt werden. Und Selbstregierung bedeutet

hat die Pflicht, zu Weihnachten seinem Varteiblatte mindestens einen neuen

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