Ausgabe 
24.9.1899
 
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Nr. 39.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 8.

Ein vorzüglicher Vergleich! Er wird die Scheußlichkeit der Brodwucher-Be⸗ strebungen selbst dem vernageltsten Menschen verständlich machen. Und der Mann, der mit diesem Vergleich die Kanitzsche Brodwucher⸗ politik verteidigen will, war Reichstags⸗ abgeordneter und will jetzt Landtagsabgeordneter werden: Herr Hirschel, die große Leuchte. Eine Frage an denverdienstvollen Ex-Volks⸗ vertreter: Was machen denn diejenigen Leute, die des geringen Einkommens wegen unter keinen Umständen Eier kaufen können, wenn diese mehr als 5 Pfg. kosten und des⸗ halb während der Wintermonate auch thatsäch⸗ lich auf den Eiergenuß verzichten müssen? Sie müßten sich, wenn die Hirschelsche Quack⸗ salberei Gesetz würde, das Eieressen auch im Sommer abgewöhnen. Das wäre die Sicherheit, von der der vom Bunde der Junker gefeierte Architekt schwafelt. Welche Arbeiterfamilie könnte sich denn noch Eier leisten, wenn frei nach Hirschel der Preis auch im Sommer auf Pfennige pro Stück festgesetzt würde? Man käme in Verlegenheit, wenn verlangt würde, mit wenigen Worten die Kanitz⸗Hirschelsche Politik zu kennzeichnen. Ist's höherer Blödsinn, ists niederer Wahn⸗ sinn? Eins steht fest: Wer sich das Eieressen abgewöhnen und das Brod zu Gunsten der Junker künstlich verteuern lassen will, braucht nur den ehemaligen Architekten Hirschel zu wählen, der wird den geringen Leuten mit seiner Brodwucher⸗ und faulen Eierpolitik den Brodkorb schon höher hängen helfen.

Partei⸗ Nachrichten.

Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 24. September:

Friedberg. Wahlverein. Morgens 10 Uhr Versammlung bei Gaftwirt Kühnzur Stadt Newyork.

Wahlverein Lauterbach. Nachm.3 Uhrbei Gast⸗ wirt Kaut. Tages⸗ Ordnung: Berichterstattung über die hessische Landeskonferenz. Verschiedenes. Vollzähliges Er⸗ scheinen erwünscht.

Schlitz Arbeiter⸗ Verein. Nachm. 4 Uhr in der Wirtschaft von Heinrich Trier. Zahlreiches Er⸗ scheinen erforderlich.

Zur Landtagswahl in Gießen ⸗Land.

5 Sobald die Wählerlisten ausgelegt werden,

müssen sich die Genossen überzeugen, ob die von ihnen aufgestellten Wahlmänner auch in die Liste derjenigen Wahlberechtigten ein getragen sind, die als Wahlmänner aufge⸗ All stellt werden können.

Es werden nämlich zwei Listen ausgelegt. In der einen sind alle Urwähler verzeichnet, in der zweiten Liste und nur diejenigen Ur⸗ wähler noch einmal angegeben, die Wahl männer werden können, weil sie alle e⸗ forderlichen, wiederholt angegebenen Bedingungen Alter, Steuersatz ꝛc.) erfüllen.

Welchen Wahls aux wählst du?

Unter allen Umständen nur denjenigen, von dem du bestimmt weißt, daß er seine Stimme abgeben wird für den Arbeiter kandidaten.

Nehmen wir zum Beispiel an, du hättest dich uit deinem alten Kameraden Karl, der wie du, Sozialdemokrat ist, in letzter Zeit veruneinigt. Dagegen hättest du in neuerer Zeit viel verkehrt mit deinem Nachbar August, von dem du aber weißt, daß er Antisemit ist. Nehmen wir nun an, Carl würde von den Sozialdemokraten, August von den Antisemiten zum Wahlmann bestimmt. Würdest du dann auch nur eine Minute im Zweifel sein, wen du zu wählen hast? Gewiß nicht! Du würdest sofort fühlen, daß bei einer Wahl nicht persön⸗ liche Zuneigung oder Abneigung, sondern lediglich die Uebereinstimaung der politischen lleberzeugung ausschlag⸗ gebend sein muß. Du würdest deine Stimme für Carl abgeben, obwohl du mit ihm auf

dem Kriegsfuß lebst. Du würdest ihn wählen, weil du bestimmt weißt, daß er dem Mann eures Vertrauens, dem Genossen Philipp Scheidemann zum Siege bei der Landtagswahl verhelfen würde, damit dieser nachher im Landtag für euch eintreten und denen auf die Finger klopfen kann, die die Arbeiter Schlammbeißer nennen.

Also wählt nur Wahlmänner, von denen ihr wißt, daß sie für euern Kandidaten Scheidemann stimmen wollen, einerlei ob nun der betreffende Wahlmann Müller oder Schulze heißt, Gemeinderat oder Tagelöhner, Bauer oder Händler ist.

Briefkasten der Redaktion.

Oberhessen. Derartige persönliche Angelegen⸗ heiten nützen wir nicht aus. Sie berichteten uns übrigens nichts neues. Wir kannten die 2400 M.⸗Lumpumperei längst.

Reif für die Gummizelle. Zu unseren unan⸗ genehmsten Aufgaben gehört die, ab und zu das volks⸗ feindliche Treiben der sich Antisemiten nennenden Junker⸗ trabanten zu schildern. Das bringt die antisemitischen Ehrenmänner dann jedesmal in furchtbare Wut. In seiner Nummer vom vorigen Samstag ist der Hirschel glücklich so weit, daß er in einem fünf Spalten langen Artikel seines Arizona⸗Kickers unserem verantwortlichen Redakteur Liebenswürdigkeiten an den Kopf wirft, wie: Bravo,Hund,Lump u. s. w. Zur Abkühlung haben wir dem Zweiprozentsmann in unserer heutigen Nummer einige kalte Douchen appliziert. Wenn sich der Gesundheitszustand des bedauernswerten Herrn trotz⸗ dem nicht bessert, werden wir den Antrag stellen, daß er nach Heppenheim kommt.

Briefkasten der Expedition.

Quittungen wegen Raummangels in nachster Nummer.

Letzte Nachrichten.

Ein Wahlsieg unserer Badenser Ge⸗ nossen. Bei der Stadtverordnetenwahl in Mann⸗ heim erhielten: Sozialdemokraten 4026, National⸗ liberale 1184 und Freisinnige 356 Stimmen.

Gewerbegerichtswahl. Oeffentliche Arbeiter⸗Versammlung Montag., den 25. September, Abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Orbig, Rittergasse. Tagesordnung:

1) Die Bedeutung der Gewerbe⸗ gerichte. Referent Ph. Scheidemann.

2) Aufstellung der Kandidaten.

Mit Rücksicht auf die auswärtigen Arbeiter beginnt die Versammlung Punkt 8 Uhr.

Das G. Kartell.

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Eintracht.

Samstag, den 30. September, Abends 8 Uhr: im Saale des Café Leib:

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Theater u. Tanzunterhaltung. Eintritt 30 Pfg. Bier im Glas. Es ladet freundlichst ein Der Jon stund.

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Unterhaltungs⸗CTeil. Herbstlied.

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!

Die Luft ist still, als atmete man kaum,

Und dennoch fallen raschelnd fern und nah Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!

Dies ist die Lese, die sie selber hält,

Denn heute löst sich von den Sweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Fr. Hebbel.

Michael Kohlhaas.

Historische Erzählung von H. von Kleist. (10. Fortsetzung.)

Seine Absicht war, mit seinen fünf Kindern nach Hamburg zu gehen, um sich von dort nach der Levante oder nach Ostindien, oder so weit der Himmel über andere Menschen, als die er kannte, blau war, einschiffen; denn die Dick⸗ 1 der Rappen hatte seine von Gram ehr gebeugte Seele, auch unabhängig von dem Widerwillen mit dem Nagelschmidt deshalb ge⸗ meinschaftliche Sache zu machen, aufgegeben.

Kaum hatte der Kerl diese Antwort dem Schloßhauptmann überbracht, als der Groß⸗ kanzler abgesetzt, der Präsident Graf Kallheim an dessen Stelle zum Chef des Tribunals er⸗ nannt, und Kohlhaas durch einen Kabinets⸗ befehl des Kurfürsten arretiert, und schwer mit Ketten beladen in die Stadttürme gebracht ward. Man machte ihm auf den Grund dieses Briefes, der an alle Ecken der Stadt angeschlagen ward, den Prozeß, und da er vor den Schranken des Tribunals auf die Frage, ob er die Hand⸗ schrift anerkenne, dem Rat, der sie ihm vorhielt, antwortete:ja! zur Antwort, aber auf die Frage, ob er zu seiner Verteidigung etwas vor⸗ zubringen wisse, indem er den Blick zur Erde schlug, erwidertenein! so ward er verurteilt mit glühenden Zangen von Schinderknechten gekniffen, gevierteilt, und sein Körper zwischen Rad und Galgen verbrannt zu werden.

So standen die Sachen für den armen Kohlhaas in Dresden, als der Kurfürst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Händen der Uebermacht und Willkür auftrat, und ihn in einer bei der kurfürstlichen Staatskanzlei daselbst eingereichten Note als brandenburgischen Untertan reklamierte. Denn der wackere Stadt⸗ hauptmann, Herr Heinrich von Geusau, hatte ihn auf einem Spaziergange an den Ufern der Spree von der Geschichte dieses sonderbaren und nicht verwerflichen Mannes unterrichtet, bei welcher Gelegenheit er, von den Fragen des erstaunten Herrn gedrängt, nicht umhin konnte, der Schuld zu erwähnen, die durch die Un ziemlichkeit seines Erzkanzlers des Grafen Sieg⸗ fried von Kallheim seine eigne Person drückte; worüber der Kurfürst schwer entrüstet, den Erz⸗ kanzler, nachdem er ihn zur Rede gestellt und befunden, daß die Verwandtschaft desselben mit dem Hause derer von Tronka an allem Schuld sei, ohne Weiteres mit mehreren Zeichen seiner Ungnade entsetzte, und den Herrn Heinrich von Geusau zum Erzkanzler ernannte.

Es traf sich aber, daß die Krone Polen ge⸗ rade damals, indem sie mit dem Hause Sachsen, um welches Gegenstandes willen wissen wir nicht, im Streit lag, den Kurfürsten von Branden⸗ burg in wiederholten und dringenden Vorstel⸗ lungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, daß der Erzkanzler Herr Geusau, der in solchen Dingen nicht ungeschickt war, wohl hoffen durfte den Wunsch seines Herrn, dem Kohlhaas, es koste was es wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen, zu erfüllen, ohne die Ruhe des Ganzen auf eine mißlichere Art, als die Rück sicht auf einen Einzelnen erlaubt, auf's Spiel zu setzen. Demnach forderte der Erzkanzler