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Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.
Nr. 39.
nicht nur wegen gänzlich willkürlichen, Gott und Menschen mißgefälligen Verfahrens, die unbedingte und ungesäumte Auslieferung des Kohlhaas, um denselben, falls ihn ein Schuh drücke, nach brandenburgischen Gesetzen auf Klageartikel, die der Dresdener Hof deshalb durch einen Anwalt in Berlin anhängig machen könne, zu richten; sondern er begehre sogar selbst Pässe sür einen Anwalt, den der Kur⸗ fürst nach Dresden zu schicken Willens sei, um dem Kohlhaas wegen der ihm auf sächsischem Grund und Boden abgenommenen Rappen und anderer himmelschreienden Mißhandlungen und Gewaltthaten halber gegen den Junker Wenzel von Tronka Recht zu verschaffen. Der Käm⸗ merer Herr Kunz, der bei der Veränderung der Staatsämter in Sachsen zum Präsidenten der Staatskanzlei ernaunt worden war, und der aus mancherlei Gründen den Berliner Hof in der Bedrängnis, in der er sich befand, nicht verletzen wollte, antwortete im Namen seines über die eingegangene Note sehr niedergeschla⸗ genen Herrn:„daß man sich über die Unfreund⸗ schaftlichkeit und Unbilligkeit wundere, mit welcher man dem Hofe zu Dresden das Recht abspräche den Kohlhaas wegen Verbrechen, die er im Lande begangen, den Gesetzen gemäß zu richten, da doch weltbekannt sei, daß derselbe ein be⸗ trächtliches Grundstück in der Hauptstadt besitze und sich selbst in der Qualität als sächsischen Bürger gar nicht verleugne.
Doch da die Krone Polen bereits zur Aus⸗ fechtung ihrer Ansprüche einen Heerhaufen von fünftausend Mann an der Grenze von Sachsen zusammenzog, und der Erzkanzler Herr Heinrich von Geusau erklärte:„daß Kohlhaasenbrück, der Ort, nach welchem der Roßhändler heiße, im Brandenburgischen liege, und daß man die Voll⸗ streckung des über ihn ausgesprochenen Todes⸗ urteils für eine Verletzung des Völkerrechts halten würde,“ so rief der Kurfürst auf den Rat des Kämmerers Herrn Kunz selbst, der sich aus diesem Handel zurückzuziehen wüunschte, den Prinzen Christiern von Meißen von seinen Gütern herbei, und entschloß sich auf wenige Worte dieses verständigen Herrn den Kohlhaas, der Forderung gemäß, an den Berliner Hof auszuliefern.
Der Prinz, der obschon mit den Unziemlich⸗ keiten, die vorgefallen waren, wenig zufrieden, die Leitung der Kohlhaasischen Sache auf den Wunsch seines bedrängten Herrn übernehmen mußte, fragte ihn, auf welchen Grund er nun⸗ mehr den Roßhändler bei dem Kammergericht zu Berlin verklagt wissen wolle; und da man sich auf den leidigen Brief desselben an den Nagelschmidt wegen der zweideutigen und un⸗ klaren Umstände, unter welchen er geschrieben war, nicht berufen konnte, der früheren Plün⸗ derungen und Einäscherungen aber wegen des Plakals, worin sie ihm vergeben worden waren, nicht erwähnen durfte, so beschloß der Kurförst, der Majestät des Kaisers zu Wien einen Bericht über den bewaffneten Einfall des Kohlhaas in Sachsen vorzulegen, sich über den Bruch des von ihm eingesetzten öffentlichen Landfriedens zu beschweren, und sie, die allerdings durch keine Amnestie gebunden war, anzuliegen, den Kohl⸗ haas bei dem Hofgericht zu Berlin deshalb durch einen Reichsankläger zur Rechenschaft zu ziehen.
Acht Tage darauf ward der Roßkamm durch den Ritter Friedrich von Malzahn, den der Kurfürst von Brandenburg mit sechs Reitern
nach Dresden geschickt hatte, geschlossen wie er war, auf einen Wagen geladen, und mit seinen fünf Kindern, die man auf seine Bitte aus Findel⸗ und Waisenhäusern wieder zusammen⸗ gesucht hatte, nach Berlin transportiert.
Es traf sich, daß der Kurfürst von Sachsen auf die Einladung des Lauddrosts, Grafen Aloysius von Kallheim, der damals an der Grenze von Sachsen beträchtliche Besitzungen hatte, in Gesellschaft des Kämmerers Herrn Kunz und seiner Gemahlin der Dame Heloise, Tochter des Landdrosts und Schwester des Präsidenten, anderer glänzenden Herren und Damen, Jagdjunker und Hofherren, die dabei waren, nicht zu erwähnen, zu einem großen Hirschjagen, das man, um ihn zu erheitern,
angestellt hatte, uach Dahme gereist war; der⸗ gestalt, daß unter dem Dach bewimpelter Zelte, die quer über die Straße auf einem Hügel er⸗ baut waren, die ganze Gesellschaft vom Staub der Jagd noch bedeckt unter dem Schall einer heitern vom Stamm einer Eiche herschallenden Musik, von Pagen bedient und Edelknaben, an der Tafel saß, als der Roßhändler langsam mit seiner Reiterbedeckung die Straße von Dresden daher gezogen kam. Denn die Er⸗ krankung eines der kleinen, zarten Kinder des Kohlhaas hatte den Ritter von Malzahn, der ihn begleitete, genötigt, drei Tage lang in Herzberg zurückzubleiben; von welcher Maßregel er dem Fürsten dem er diente, deshalb allein verantwortlich, nicht nötig befunden hatte, der Regierung zu Dresden weitere Kenntnis zu geben. Der Kurfürst, der mit halboffener Brust, den Federhut nach Art der Jäger mit Tannenzweigen geschmückt, neben der Dame Heloise saß, die in Zeiten früherer Jugend seine erste Liebe gewesen war, sagte von der Anmut des Festes, das ihn umgaukelte, heiter gestimmt: „Lasset uns hingehen, und dem Unglücklichen, wer es auch sei, diesen Becher mit Wein reichen!“ Die Dame Heloise, mit einem herr⸗ lichen Blick auf ihn, stand sogleich auf, und füllte, die ganze Tafel plündernd, ein silbernes Geschirr, das ihr ein Page reichte, mit Früchten, Kuchen und Brod an; und schon hatte mit Erquickungen jeglicher Art die ganze Gesellschaft wimmelnd das Zelt verlassen, als der Land⸗ drost ihnen mit einem verlegenen Gesicht ent⸗ gegen kam, und sie bat zurückzubleiben. Auf die betretene Frage des Kurfürsten, was vor⸗ gefallen wäre, daß er so bestürzt sei? antwortete der Lauddrost stotternd gegen den Kämmerer gewandt, daß der Kohlhaas im Wagen sei; auf welche, jedermann unbegreifliche Nachricht, indem weltbekannt war, daß derselbe bereits vor sechs Tagen abgereist sei, der Kämmerer Herr Kunz seinen Becher mit Wein nahm, und ihn mit einer Rückwendung gegen das Zelt in den Sand schüttete. Der Kurfürst setzte über und über rot den seinigen auf einen Teller, den ihm ein Edelknabe auf den Wink des Käm⸗ merers zu diesem Zweck vorhielt; und während
der Fu) von Malzahn unter ehr⸗
furchtsvoller Begrüßung der Gesellschaft, die
er nicht kannte, langsam durch die Zeltleinen, 5
die über die Straße liefen, nach Dahme weiter zog, begaben sich die Herrschaflen, auf die Ein⸗ ladung zu nehmen, in's Zelt zurück. Der Landdrost, sobald sich der Kurfürst niedergelassen hatte, schickte unter der Hand nach Dahme, um bei dem Magistrat daselbst die unmittelbare Weiter⸗ schaffung des Roßhändlers bewirken zu lassen; doch da der Ritter wegen bereits zu weit vor⸗ gerückter Tageszeit bestimmt in dem Ort über⸗ nachten zu wollen erklärte, so mußte man sich begnügen, ihn f
in einer dem Magistrat zuge⸗ hörigen Meierei, die in Gebüschen versteckt auf der Seite lag, geräuschlos unterzubringen. Run begab es sich, daß gegen Abend, da die Herr⸗ schaften vom Wein und dem Genuß eines üppigen Nachtisches zerstreut, den ganzen Vor⸗ fall wieder vergessen hatten, der Landdrost den Gedanken auf die Bahn brachte, sich noch einmal eines Rudels Hirsche wegen, der sich hatte blicken lassen, auf den Anstand zu stellen; welchen Vorschlag die ganze Gesellschaft mit Freuden ergriff, und paarweise nachdem sie sich mit Büchsen versorgt, über Gräben und Hecken in die nahe Forst eilte; dergestalt, daß der Kurfürst und die Dame Heloise, die sich, um dem Schauspiel beizuwohnen, an seinen Arm hing, von einem Boten, den man ihnen zuge⸗ ordnet hatte, unmittelbar zu ihrem Erstaunen durch den Hof des Hauses geführt wurden, in welchem Kohlhaas mit den brandenburgischen Reitern befindlich war.
(Fortsetzung folgt.)
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Rheinreise.
Vor einigen Wochen saß ich auf dem Hinter⸗ deck eines Rheindampfers und trank einen Wein, der über meine Verhältnisse ging. Dazu neige ich leider überhaupt; am Rhein aber wird diese
Landdrosts, ohne weiter davon Notiz“
Neigung eine schöne Tugend. Der Geier soll den fetten Spießer holen, der von Koblenz bis Mainz bei einer Flasche Selters saß und die Landschaft verunzierte. Er war auf Reisen ge⸗ gangen und hatte seine Kontorseele mitgenom⸗ men. Jeder Kaffeemakler soll meinetwegen an den Rhein geheu, aber er soll nicht mit Kaffee handeln wollen. Ich verlange nicht, daß er Wein trinkt, am wenigsten meine Marke, die er doch nicht verstehen würde. Aber er soll ver⸗ gnügt sein und was springen lassen. Er soll ein Beefsteak essen, wenn er nichts anderes kann. Der weise Restaurateur hat durch die Preise dafür gesorgt, daß auch zum Essen ein bischen Leichtsinn gehört. Niemand aber darf sauer— töpfisch dasitzen und die Freude seiner Mitmenschen durch kohlensaures Wasser verdünnen. Man müßte es mit Strafe belegen, wenn es zum Glück nicht schon mit einer sehr harten belegt wäre. Mein„Spießer begriff in seiner engen Klugheit garnicht, daß ich in diesem Augenblick der bessere Geschäftsmann war. Wer mich kennt, glaubt jetzt, daß ich aufschneide, aber ich rede. 105 nackte Wahrheit. Der Mann lebte viel zu euer. nicht gestatten. Er hatte sein Billet und die Flasche Selters bezahlt und kam garnicht vom Hause fort. Er hätte das Geld ebenso gut im Skat anlegen können. Den geistigen Luftwechsel, der das eigentlich Erfrischende einer Reise aus⸗ macht, fand er nicht. Er stumpfte am Rhein, anstatt in Mecklenburg zu stumpfen: das war Alles. Kennzeichnend für ihn war auch die Art, wie er den Naturgenuß betrieb. Ich sage be⸗ trieb“, weil das Wort einen industriellen Bei⸗ geschmack hat. Unermüdlich, fast gierig, lief er zwischen Steuerbord und Backbord hin und her, um nur ja jede„Sehenswürdigkeit“ zu erwischen. Der Filz mußte sozusagen jeden Pfennig an Schönheit mit haben. Natürlich verrechnete er sich auch hier. Daß am Rhein die größte Sehenswürdigkeit schließlich doch eben der Rhein ist, fiel ihm nicht bei. (Erich Schlaikjer in der„Hilfe“.)
Sprüche zur Lebenswelsheit. Wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug, So rinnt unser Leben dahin im Flug.
Fußlos gute Thaten sind, Schlechte laufen wie der Wind.
Nichts kann im All, nichts kann auf Erden Vernichtet oder geboren werden.
Es kommt alles immer nur zur Entfaltung Wie dieselben Wellen im Meer in Neugestaltung. *
Auf zwei Rädern die Welt rollt, Das eine ist Liebe, das andere Gold.
Es ist des wahren Weisen Art: In Worten weich, in Thaten hart. Cunita, L. Jacoby.
Humoristisches.
Handschriftenbeurteilungen des Grapho logen Pfiffig, welche der Unterlehrer Vaierl im Laufe eines halben Jahres empfing.
Bei einem Honorar von zwei Mark:
„Sparsam, häusliche Natur, ein wenig zum Geiz hinneigend, enger Horizont; Sie sind wohl Aktenschreiber oder etwas ähnliches? Kleinliche Gesinnung!“
und bei einem solchen von zehn Mark:
„Glänzende Veranlagung, weit ausschauender Blick, unternehmender, rastloser Geist. Freigebig bis zur Verschwendung; edler, männlicher Cha⸗ rakter. Erstaunliche Vielseitigkeit auf allen Ge⸗ bieten der Kunst und Technik.“
Nur halb! A: Gestern sah ich deine Schwieger⸗ mutter im Theater; sie schien sich gut zu amüsteren; sie lachte sich halb zu Tode.
B.(seufzend): Das sieht ihr ähnlich. Sie macht immer alles halb.
Spanische Schießfertigkeit. Stammgast A. (die neuesten Depeschen vom Kriegsschauplatz vorlesend): Die Spanier schienen aufs Geradewohl zu feuern
Stammgaft B. leinfallend): Ich mach''ne Wett', sie haben's nicht getroffen!
Ein so kostspieliges Leben kann ich mir
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